Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 614 (26.1.1937)
- Date
- 1937-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9k ISiimme Nr. 614 JÜDISCHE ZEITUNG Wim, Dienstag, 16. JSnner 1937 14* Schwat 5697 io. Jahrgang Die Lage im Zionismus Referat, gehalten von Dr. Oskar Grttnbanm bei der Landeskonferenz des Zionistischen Landesverbandes für Österreich am 23. Jänner 1937« Im Rahmen dieses Referates ist eine erschöpfende Analyse der Situation nicht möglich. Es soll daher nur zu einigen wichtigen Problemen der zionistischen Außen- und Innenpolitik kurz Stellung genommen werden. Am meisten werden derzeit die Gemüter durch die Tätigkeit der KSniglichen Kommission bewegt. Vorweg muß festgestellt werden, daß sie nicht das Recht hat, eine neue Interpretation des Mandate rechtewirkeam zu beschließen. Sie hat nur das Recht, der englischen »Regierung Vorschläge zu machen. Aber. auch die englische Regierung wird wissen, daß wir einer Verwässerung des Mandats Vertrages nicht unsere Zustimmung geben werden. Wir haben nach den Unruhen des Jahres 1929 das Pas6field- Weißbuch vor der Mandatskommission des Völkerbundes angefoohten und nicht ohne Erfolg. Das Recht ist auch diesmal so klar auf unserer Seite, daß wir gerne hoffen wollen, daß uns ein© neue Beschwerde an den Völkerbund erspart bleiben wird. Wir müssen uns aber darüber Rechenschaft ablegen, daß die zionistische Bewegung in den Stromkreis der internationalen Ereignisse eingeschaltet ist. Sie war es im Jahre 1917, als wir die Balfour-Deklaration bekamen. Sie war es im Jahre 1922, als der Völkerbund den Mandats vertrag beschloß und ist es seither geblieben. Die Königliche Kommission tagt in einer Zeit internationaler Hochspannung. Seit dem itaüenisohabessinischeo Krieg kommt die Welt nicht zur Ruhe. Eingespannt in den Kreis der sich jagenden Ereignisse konnte Erez Israel nicht unberührt bleiben. Es liegt aber für uns kein Anlaß zu Pessimismus vor. Unser materielles und moralisches Recht, das Weizmann in glänzender Weise vor der Kommission verteidigt hat, ist auf unserer Seite. Wir werden siegen, wenn wir getreu den Ideengängen Herzls unsere Position verteidigen und für ein ungeteiltes Erez Israel kämpfen. Wir vertrauen darauf, daß die großen Geister aller Nationen uns in unserem gerechten Kampf unterstützen werden, wie es der Präsident der Vereinigten Staaten und andere führende Männer getan haben. Wir vertrauen darauf, daß das englische Volk den Bruch eines feierlichen Versprechens an ein unglückliches Volk nicht zulassen wird, und daß auch die Vereinigten Staaten von Nordamerika als Garant der Baifour-Deklaration für unser ewiges Recht auf Erez Israel eintreten werden. Was von uns aus geschehen muß, ist Disziplin, Opferfreu de und innere Geschlossenheit. Das jüdische ►. Volk muß bereit seih, Wehn eis aufgerilferi wird,, und wie ein Mann an das Gewissen der Welt appellieren. Einstweilen aber sollten Endzieldebatten unterbleiben. Es muß begrüßt werden, daß das kleine A. C. in Jerusalem keinen Beschluß über die sogenannte ' verankerte Balfour-Deklaration ausdrücklich verfügt, daß durch die Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk nichts geschehen darf, was dieRechte und die politische Stellung der Juden in irgend einem Lande beeinträchtigen hönnte. Wir müssen uns entschieden gegen den Versuch wehren, den Zionismus als Ausrede für oine antisemitische Politik zu mißbrauchen. Die niohtjüdische Umwelt und auch die jüdische Welt muß durch eine großzügige und systematische Propaganda über unsere Ziele aufgeklärt werden. Es ILFEÄf.; %kn Uvfkpimfw Neuheit „Ute 0.06 mm» Führer** Stahlwarenfabrik, Wien IV. sollte eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit sein, einen gut funktionierenden und entsprechend dotierten zionistischen Propagandaapparat zu schaffen. Aufgabe dieser Propaganda wird es unter anderem sein, die Lügen zu zerstreuen, die bezüglich der heiligen Stätten systematisch verbreitet werden, für deren Integrität sich schon Thoodor Herz) verbürgte.' Seither wurden analoge Erklärungen durch die Zionistische Exekutive wiederholt dem Vatikan abgegeben. Gerade jetzt mehren sich in Palästina und im übrigen Nahen Orient die Zeichen einer antichristlichen, panislamitischen Bewegung. Ich erinnere hier an das Massaker der christlichen Assyrier im Irak, an die blutigen Unruhen in Beyruth und an die Boykottbewegung starker mohammedanischarabischer Kreise gegen die 107.000 christlichen Araber in Palästina und die Ermordung eines christlichen Araberführere. Die 107.000 Christen in Palästina können davon überzeugt sein, daß die 410.000 Juden in Palästina ihnen mit Sympathie gegenüberstehen und sie unterstützen werden, wenn man ihnen wegen ihres Glaubens Unrecht zufügen will. Ich komme nun zu den inneren zionistischen Problemen „Politische Parität** gefaßt hat. Politische Parität bedeutet das Begräbnis der zweitausendjährigen Sehnsucht des jüdischen Volkes, bedeutet die Verewigung der Schaukelpolitik Englands. Wir wollen mit den Arabern in Frieden und Freundschaft leben, wir wollen sie nicht verdrängen, aber wir wollen Herren im eigenen Hause sein, niemandem zu Leide, uns und der Menschheit zum Segen. Wir'lehnen daher die politische Parität ebenso ab, wie wir nach den Unruhen des Jahres 1929 den uns zugemuteton Verzicht auf die Erlangung der Majorität in Erez Israel ablebnten. Anderseits muß unsere arabische Politik auf eine konstruktive Basis gestellt werden. Im Vorderen Oriont ist Palästina das einzige A-Mandat. Irak ist selbständig, Syrien wird es demnächst. Die arabischen Fürston haben zugunsten der Araber in Palästina interveniert. In Palästina ßelbst wächst eine nationalistische arabische Jugend Ijeran und die Türkei entfaltet, wie der Streit um Alexandretto beweist, oine aktive Orientpolitik. Trotz aller dleseT sehr beachtenswerten Umstände haben aber, die panarabisohen Bestrebungen aus Gründen, die darzulegen hier zu weit führen würde, keine Aktualität. Wir müssen aber mit der panarabischenund der panislamitischen Bewegung rechnen. Die diplomatische Kunst unserer Exekutive wird darin bestehen, sich zwischen England und den arabischen Staaten Bewegungsfreiheit für die Zeit zu sichern, ln der das arabische Problem zur Entscheidung reif sein wird. Unser Ziel ist und bleibt das Ziel, das uns Theodor Herzl gestellt hat. Eine Kooperation mit den Arabern ist aber schon jetzt ohne Preisgabe zionistischer Interessen beharrlich zu versuchen, damit wir dann, wonn die arabischen Blütenträume einmal mehr oder minder reifen sollten, als wichtiger Nachbar und vollwertiger Partner bei der Neugestaltung des Nahen Oriente unser Wort in die Waagschale werfen können. Aue diesem Grunde darf kein Fait accompli geschaffen werden, die ebenfalls nur skizziert werden können. Der erfreuliche Umstand, daß die Unruhen in Palästina ein Erez Israel gefunden haben, das die vielen Streitäxte begrub und sich dem Feind tapfer gegenüberstellte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß lebenswichtige Probleme der Lösung harren. Man muß nur wünschen, daß das Gefühl der gemeinsamen äußeren Gefahr und der Verantwortlichkeit vör ’dem 'jüdfechen Volk eine loyale Bereinigung dieser Probleme fördern wird. Dazu gehört in enster Linie die Frage der Arbeitsbeziehungen, kein Gesetzgebender Rat und kein Kantonalsy stem Wir müssen unsere Hände freihalten. Dann wird der Tag kommen, wo unsero zweitausondjährigo Sehnsucht sich erfüllen und ein f r e i o s jüdisches V o 1 k i m freion jüdischen Staate glücklich leben wird. Das ißt das, was wir erreichen wollen und nur durch beharrliche praktische Arbeit und nicht durch große Worte, wie die Revisionisten und unbeirrt um die Flaumacher im eigenen Lager« Eine wesentliche Voraussetzung für die Erreichung unseres Zieles ist eine großzügige Propaganda in der ganzen Welt Immer mehr zeigt es eich, daß die Umwelt über die zionistischen Bestrebungen nur mangelhaft oder gar nicht informiert ist. Insbesondere wird manchmal, so auch in die seit Jahren die Gemüter bewegt. Unausgesetzt mehren si.ch die Besoh werden allgemein-zionistischer und auch misraoblstischer Arbeiter über den von der Histad r u t h ausgeü.bten Druck und Gesinnungszwang und über die Benachteiligung bei der Zuteilung von Arbeiten, insbesondere beim Hafenbau in Tel-Aviv. Beim letzten Kongreß hat die Bereinigung der Frage der Arbeitsbeziehungen eine Bedingung für den Eintritt des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten gebildet. Bis zur Sitzung des A. C. sollte die Angelegenheit erledigt werden, aber bis heute warten wir vergeblich. Es ist auf die Dauer unerträglich, daß die Histadruth einerseits — speziell in gewissen allgemein-zionistischen Kreisen erklärt — sie sei unpolitisch, auf der anderen Seite aber faktisch durch ihre Führer der einzige willensbildende politische Faktor im Lande ist. Aufschlußreich ist hier das 1936 in einer neuen Auflage erschienene, mit einem Vorwort von Ben Gurion versehene Buch von Walter Preuß: „Die jüdische Arbeiterbewegung in Palästina“. Einige Sätze aus diesem Buch sollen für sich allein sprechen: „Die jüdische Arbeiterschaft des Landes ist sozialistisch und sich der Mission ihrer Klasse bewußt. — — Als gemeinsame Kampffront ergibt sich die kolonisatorische,[aller Chaluzim erfolgt, desto eheT Marxismus eine unerwünschte Assimilationserscheinung im Judentum ebenso ist wie Kommunismus oder Faschismus. Bei aller aufrichtigen Bewunderung der Leistungen der Arbeiterschaft in Palästina, lehnen wir aber eine marxistische Wirtschaftsordnung in Palästina ab und wir verlangen Lebensraum, Boden und Förderung auf allen Gebieten nicht nur am Papier, sondern faktisch — für die allgemein-zionistische Arbeiterschaft, deren Ideal es ist, abseits von allen Galuthschablonen und als Gegner jeden Klassenkampfes von links oder rechts, von der Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerseifce Erez Israel nach den in ein zeitgemäßes Gewand zu kleidenden Lehren der Thora und Propheten im jüdischen Geiste aufzubauen. Der Widerstreit der Weltanschauungen, der sich hier offenbart, muß auf dem Wege der Evolution zu einer Lösung kommen. Geschieht das nicht, dann könnten einmal Gefahren heraufbeschworen werden, die mit Rücksicht auf die besondere soziale, nationale und politische Struktur Palästinas zu schweren Befürchtungen für die Zukunft Erez Israels Anlaß geben. Wer an diesen Tatsachen blind vorübergeht, macht sich mitschuldig, auch wenn er es aus Gedankenlosigkeit tut, wie viele Allgemeine Zionisten. Aber auch hier dämmert es. Beim letzten Kongreß offenbarte sich schon die vollständige palästinozentrische Einstellung aller Allgemeinen Zionisten und die Übereinstimmung in don Auffassungen bei vielen Delegierten der Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten und de6 Weltverbandes der Allgemeinen Zionustcn. Jo eher die von mir und meinen Freunden gewünschte loyale Bereinigung der Frage der Arbeitsbeziehungen und der faktischen Gleichstellung gewerkschaftliche, kulturelle und teilweise auch politische Arbeit, die ein Zusammengehen in einer gemeinsamen großen gewerkschaftlichen Organisation, der ,H is t a d r u t h‘, ermöglicht.-Freilich hat den entscheidenden Einfluß nur die große ,Jüdische Arbeiterpartei*.“ Iu diesem letzten Satz steckt des Pudels Kern. Es liegt uns Allgemeinen Zionisten fern, mit den marxistischen, klassonkämpferisohen Arbeitern in Palästina einen Kampf zu führen, wie es die Revisionisten taten. Es möge jeder nach seiner Fasson zionistischen Frieehrlich herboi- Epiea übereefcen, daß die im Mjandatsvertrag selig werden. Wir halten aber dafür, daß werden wir zum inneren den kommen, den auch wir sehnen. Im Zusammenhang mit diesem Palästinaproblean steht unsere Forderung nach eineT gerechten Änderung der Bestimmungen für Hachscharah und Alijah, wofür wir seit Jahren kämpfen. Diese Bestimmungen müssen geändert werdon. Der Allgemeine Zionist von heute ist palästinozeutrisoh und verlangt für sich nicht nur das Recht auch weiterhin der größte Spender für die Fonds zu sein, sondern &\\p seinen