Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 611 (15.1.1936)
- Date
- 1936-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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<Dk 5Stimme V. b. b. 20 8 Nr. 611 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Freitag, 15. Jänner 1937 » 3. Schwat 5697 10* Jahrgang ORBIS bllllae Reisen nadi POLEN Abfahrt I jada 14 Tage Anmeldungen: Polnische* Reisebüro „ORBIS“ l„ KSrntnsrstriBa 41, R 21-5-78 Oesterreich. Verkehrs-Büro », FrledriohstraBe 7, B 27-500 Qraben 20, U 29-0-63 Der Staatsfeind Verschiedene Vorgänge unter der Oberfläche des politischen Lebens in Österreich haben in den letzten Tagen die Aufmerksamkeit des In- und Auslandes stark beschäftigt. In einem Interview in dem Salzburger Blatt „Neue Zeit“ hatte Bundesminister Neustädter-Stürmer die Heranziehung der „Betont-Nationalen“ zu den verantwortlichen Stellen des Staates gefordert; dann war in Steiermark der Rücktritt der zwei Heimwehrmitglieder der Landesregierung erfolgt, der dann am nächsten Tag nach einem Eingreifen des Bundeskanzlers wieder rückgängig gemacht wurde. Diese Vorkommnisse stehen in einem gewissen Zusammenhang miteinander. Die Äußerung des Buridesministers Neustädter- Stürmer hatte Anlaß geboten für eine sehr lebhafte Pressediskussion, und die in dem Wiener großdeutschen Organ veröffentlichten Zuschriften heben deutlich den Kern der Frage hervor, das Werben um die Nationalsozialisten und das Bestreben, dieser Geheimbewegüng zur offiziellen Anerkennung uhd Beteiligung an der Regierung .zu verhelfen. Dieses Ziel soll nach lind nach durch gewisse Personalbesetzungen erreicht werden. Die „Betont-Nationalen“ sind nur ein Aushängschild des Nationalsozialismus,' der für das Abkommen vom 11. Juli seine eigene Auslegung hat, die ja bekannt ist, und der hiebei von allen Kreisen unterstützt wird, denen die bedingungslose und vonaussetzungslose Unabhängigkeit Österreichs ein Dorn im Auge ist. Es kann sich hiebei nicht etwa darum handeln, daß sieb Österreich einem größeren homogenen Wirtschaftsgebiet ansohließt; die österreichische Wirtschaft ist doch noch gesünder als die deutsche, die zwischen Autarkie und Kompensation hin- und hergerisson und außerdem durch die Rüstungen gehemmt ist. Der Schilling steht fest lind die Mark ist die Mark. Das ist auch den führenden wirtschaftlichen Kreisen Österreichs bekannt und es wird auch nicht übersehen, daß irgend eine vorteilhafte Auswirkung des Juli-Abkommens im Fremdenverkehr bisher nicht wahrgenommen werden konnte. Bei den gegenwärtigen österreichisch-deutschen Wirtschaf tsverhandlungen ist auch in der gesamten Presse ein starker Skeptizismus zutage getreten. Deutschland hat keine Devisen und es könnte nur Waren liefern, die Österreich nicht brauchen kann. Auch ist festzustellon, daß die Aufhebung der 1000-Mark-Sperre für deutsche österreichreisende, die auf Grund eines gegenseitigen Abkommens erfolgt ist, nicht für deutscho Nichtarier gilt; Juden, die aus Deutschland nach Österreich reisen wollen, müsson nach wie vor die „Strafe“ von 1000 Mark leisten. Das zweiseitige Abkommen wird sonach von Deutschland nur so eingohalten, wio es dio Rassentheorie vorschreibt. Bei der sich in Österreich vollziehenden unterirdischem Bewegung geht es nicht um wirtschaftliche, sondern um politische Dingo, um die Unterstellung der österreichischen Entwicklungslinien unter reichsdeutschen Einfluß, um die Gleichschaltung via facti. Zunächst ist es ein Postonkrieg, nämlich ein Krieg um Posten, und dann eine Fundierung der Rassonthoorie, die durch die Festsetzung ihrer Träger in den wichtigsten Stellen der politischen Verwaltung erreicht werden soll. Das führt wieder zu einer energischen Gegenaktion der alten chrißtüoh- •f sozialen Partei, die zwar aufgelöst ist, aber doch im Bauernbund und in der Katholischen Aktion fortbesteht und die durch das hakenkreuzlerische Neuheidentum und durch die auffallende Vermehrung der Eintritte in die protestantische Kirche sehr nachdenklich geworden ist. Es sind tiefgehende Differenzen zwischen den beiden Lagern, die hin und wieder in solchen Personalfragen sichtbar werden, aber in einem besteht Übereinstimmung: im Judenpunkt. Wo sich nur immer Gelegenheit bietet, wünschen die Nichtnationalen zu beweisen, daß sie genau so gut antisemitisch sind wie die Betonten — und eie beweisen es auch, wie die immer mehr ansteigende Zahl der jüdischen Arbeitslosen zeigt, die aus allen Wirtschaftszweigen ausgesohaltet werden. An ihre Stelle treten — und das ist der Humor davon — nicht etwa christlich gerichtete junge Leute, sondern Nationale, meist 60gar offen nationalsozialistisch sich gebende Nachfolger. So wird der Staat unterhöhlt und geschwächt. Was wollen die Araber? Der Mufti vor der Kommission Jerusalem, 12. Jänner 1937. (Palcor.) Zu der heutigen öffentlichen Sitzung der Königlichen Kommission, in der der Mufti aussagen sollte, erschienen sämtliche Mitglieder des Arabischen Obersten Komitees. Zum erstenmal seit Beginn der Arbeiten der Kommission befanden sich zahlreiche Araber, die an ihrer Kopfbedeckung erkenntlich waren, sowohl unter den Pressevertretern als auch unter dem Publikum. Lord Peels erste Frage an den Mufti bezog sich auf den Zweck und die Zusammensetzung des Arabischen Obersten Komitees. Der Mufti, dessen arabisch gegebene Antworten von einem vereidigten Übersetzer ins Englische übertragen wurden, erwiderte, daß das Komitee aus Vertretern sämtlicher arabischen Parteien bestehe. Nach dem Zeitpunkt seiner Gründung gefragt, sagte der Mufti, daß das Komitee vor neun Monaten ins Lebenl gerufen worden sei. Lord Peel fragte, ob der Mufti in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Obersten mohammedanischen Rates sich am Komitee beteilige, was vom Mufti verneint wurde. „Vollständige nationale Unabhängigkeit" Fortfahrend, erklärte der Mufti, daß er erschienen sei, um die in dem der Kommission unterbreiteten Memorandum enthaltenen Angaben zu ergänzen. Die Araber erstreben vollständige nationale Unabhängigkeit — eine Bestrebung, die bereits vor dem Weltkriege bestanden habe. Unter ottomanisoher Herrschaft, erklärte der Mufti weiter, genossen die Araber dieselben bürgerlichen und militärischen Rechte wie die Türken. Araber hätten sogar häufig hohe Regierungsposten innegehabt, ja, sie hätten das Amt von Ministerpräsidenten und Gesandten bekleidet. Nachdem Lord Peel eine Reihe eindringlicher Fragen au ihn gestellt hatte, mußte der Mufti zugeben, daß kein palästinensischer Araber je einen ähnlichen Posten bekleidet habe. Völkerbundpakt und Balfour-Deklaratlon Der Zeuge führte aus, daß die palästinensischen Araber sich während des Weltkrieges dem arabischen Aufstand angeschlossen hätten, in der Hoffnung, auf diese Weise ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen, wio in dem Vertrag Englands mit König Hussein vorgesehen war. Ferner versuchte er den Beweis zu erbringen, daß laut Art. 20 und 22 des Völkerbund-Vertrages betreffend das Selbstbestimmungsrecht der Völker sämtliche früher getroffenen Vereinbarungen, einschließlich der Balfour-Deklar a t i o n, widerrufen worden seien. Sir Horace R u m b o 1 d forderte den Zeugen auf, zu erklären, wieso die Balfour- Doklaration mit dem Völkerbund-Vor trag unvereinbar sei. Darauf wußte der Mufti nur zu antworten, daß die Deklaration die Interessen der Araber schädige. Sowohl Lord Peel wie auch Sir Horace Rumbold stellten zahlreiche eindringliche Fragen an den Mufti, erhielten jedoch keine Antworten, die gewisse seiner Behauptungen auf befriedigende Weise bekräftigt hätten. Beweise — später! Im weiteren Verlauf seiner Aussagen erwähnte der Mufti die wiederholten Versuche der Araber, die Erfüllung ihrer Forderungen durchzusetzen, was ihnen jedoch nicht gelungen sei. Sie hätten fünf Delegationen nach London und an den Völkerbund geschickt, doch sei deren Aufgabe an dem Einfluß der Juden1 gescheitert, die starken Druck ausgeübt I hätten. Lord Peel und Sir Horace Rumbold | erkundigten sich, welcher Art dieser Druck | •gewesen sei, worauf der Mufti keine b e-1 stimmte Antwort gab. Dagegen legte er starken Nachdruck auf die Behauptung, daß die Juden Absichten auf die heiligen Stätten der Mohammedaner hätten. Lord Peel, Sir Laurie Hammond und Professor C o u p 1 a n d verlangten Beweise, die der Mufti später zu liefern versprach. Lo>rd Peel fragte den Mufti, ob er denn glaube, daß die Mandatsregierung den Ju- E&/AKAAA ... den erlauben würde, die Omar-Moschee zu vernichten und einen Tempel zu errichten, was der Mufti bejahte mit der Begründung, daß es den Juden gestattet sei, alles in Palästina zu tun, was ihnen beliebt. Zum Schluß stellte der Mufti die Behauptung auf, daß die Palästina-Verwaltung unter dem Einfluß der Juden stehe, die sich außerdem die Naturschätze des Landes zunutze machten; als Beispiel führte er die Rutenberg-Konzession an. Auni Abdul Hadis Aussage Jerusalem, 13. Jänner. Vor der Königlichen Kommission erklärte der als Zeuge vernommene arabische Politiker A u u i Abdul H a d i, der Organisator des Streiks: „Die Araber werden nicht zustimmen, daß noch ein weiterer Jude nach Palästina zugelassen werde.“ Nachdem der Präsident der Kommission dann allgemeine Verhandlungen angeregt hatte, erwiderte Auni Abdul Hadi; „Die Araber können über Palästina nicht mit den Juden reden.“ * In den nächsten Sitzungen der Kommission wird sich Yakub Hussein mit Landwirtschaft und Alfred Rock, ehemaliger Bürgermeister von Jaffa, mit der Frage des Hafens befassen, während die Fragen von Einwanderung und Boden das Thema der Aussagen von Dschamal Hussein! bilden werden. Abdul L a t i f S a 1 ah wird über das Gerichtswesen, Aza Darwaza über offizielle Dokumente und Versprechungen aussagen. „Alliwa“ meldet, daß die Kommission bei der Regierung eine Liste der für verschiedene Vergehen während der Unruhen von 1921, 1929, 1933 und 1936 verurteilten Personen nebst fordert hat. genauen Angaben ange- 5S LEO WAHRHAFTIG 5$ Prima Kohle, Koks, Anthrazit, Holz Telephon: A 52-0-37 Büro: XIII., Wenzgässe 19 Telephon: A 52-0-37 Prompte Zustellung nach allen Bezirken Nashashibi zieht sich zuiück Es verlautet, daß Ragheb Bey Nashashibi sein Amt als Führer der arabischen Verteidigungspartei niedergelegt hat und sich auf eine längere Europa-Reise begibt. Dieser Schritt erfolgt als Ergebnis des Mißlingens seiner Bemühungen, die Stellung des Mufti innerhalb des Obersten Komitees zu schwächen, sowie infolge des Beschlusses des Komitees, sämtliche arabische Zeugen in öffentlichen Sitzungen der Königlichen Kommission aussagen zu lassen; auf diese Weise ist jede Möglichkeit, den Mufti gegenüber der Kommission anzugreifen, unterbunden worden. Es verlautet, daß die Verteidigungspartei aufgelöst und von den Führern der Nabluser Partei in dieser Stadt, wo die Mufti-gegnerischen Elemente am stärksten sind, reorganisiert wird. Emir Abdullah droht Jerusalem, 9, Jänner. (Palcor.) Lord Peel, Sir Horace Rumbold, und Professor Coupland besuchten heute Amman, wo sie vom Emir Abdullah und den Stammesführern empfangen wurden. Als der Boykott der Kommission noch in Kraft war, bat die Kommission von einem Besuch Transjordaniens abgesehen, um den Emir nicht in Verlegenheit zu bringen. London, 11. Jänner. (JTA.) „Daily Telegraph“ veröffentlicht eine . Unterredung seines Jerusalemer Berichterstatters mit CaK Weghuber (Hinter dem Deutschen Volkstheater) Jeden Samstag und Sonntag Konzert, Tanz und Stimmungsmusik Kapelle ISY GEIGER Beginn 8 Uhr abends. Bürgerl. Preise Emir Abdullah von Transjordanien, in der auch Bemerkungen des Emirs über die Lage in Palästina enthalten sind. Abdullah habe seiner besonderen Genugtuung darüber Ausdruck gegeben, daß der Oberste Arabische Ausschuß beschlossen hat, die Boykottierung der Königlichen Kommission aufzugeben. Gleichzeitig habe aber der Emir betont, England dürfe es nicht zulassen, daß die Kommission die Araber e nt täusche. Es ist absolut sicher — so soll sich dor Emir angeblich geäußert haben —, daß im n ä c h s t o n Sommer wieder Unruhen;n Palästina ausbrechen werden, falls die Kommission in ihren Empfehlungen den Forderungen der arabischen Bevölkerung Palästinas nicht Rechnung tragen sollte. Insbesondere werdo die Kommission die Hauptforderung der Araber, die jüdische Einwanderung nach Palästina au stoppen, berücksichtigen müssen,