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Die Stimme · 1936-12-31 · Heft 607 (31.12.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 607 (31.12.1936)
Date
1936-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 607 Wien, Donnerstag, 31. Dezember 1936 17« Teweth 5697 10. Jahrgang “Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Palästina: Moslims gegen Christen Jerusalem, 28. Dezember, (Privat.) Die Situation im Mandatsgebiet ißt noch durchaus keine friedliche. Sie ist zu allem noch dadurch verschärft, daß die mohammedanische Propaganda gegen die Christen bereite sehr aggressive Formen anzunehmen beginnt. Die Tatsache, daß von muslimischer Seite Aufrufe verbreitet, werden, die zum Boykott der christlichen Geschäfte auf rufen, läßt darauf schließen, da ß die pan islamische Strömung, die während des Aufstandes von der pan arabischen in den Hintergrund gedrängt worden war, nun wieder — aus unbekannten Quellen gespeist — »n neuerlicher Tätigkeit bereit ißt. Die Geschäfte der Untersuchungskonimission — deren Boykott manche arabische Kreise übrigens bereite bedauern — laufen neben all dem weiter, aber es scheint so, als gäbe es heute kaum mehr einen Zusammenhang zwischen den Bewegungen im arabischen Lager und dem Gedanken, die Frage Palästinas durch eine Untersuchungskommißßion zu lößen. Solange es der englischen Politik nicht gelingt, jene Stellen im arabischen wie auch im europäischen Ausland stille z3u legen, die hinter den Aktionen der panißlamiischen und der panarabischen und auch jener Kräfte in Palästina stehen, die eine reine arabisch-palästinensische, also lokale Familienpolitik treiben, wie es letzten Endes die des Muftis von Jerusalem ist, wird die Tätigkeit der Königlichen Kommission eine mehr als platonische bleiben. Schüsse In Bethlehem Jerusalem, 25. Dezember. (Palcor.) Auf die Geburtßkirohe in Bethlehem wurden um Mitternacht, als die Kirohenglooken läuteten, Schüsse aus den Hügeln abgegeben. Polizei und Militär, die herbeieilten, konnten keine Spur von den Tätern entdecken. Die Kirche war dieses Jahr nicht so stark besucht wie in früheren Jahren. Überfall auf christlichen Araberführer Alfred Rock, der christliche Araberführer und Mitglied des Obersten Komitees, wurde gestern in einem Kaffeehaus in Jaffa von Arabern überfallen und mißhandelt. Die Täter flüchteten. Feisals Erklärungen bestätigt Jerusalem, 29. Dezember (JTA.). Wie die arabische Presse berichtet, hat Dr. Achmed Kadrie, ein jetzt im Irak lebendes Mitglied der arabischen Delegation, die unter der Führung des damaligen Emirs und späteren Königs des Irak, F e i s a 1, zu den Friedensverhandlungen nach Paris entsandt worden war, der Königlichen Kommission eine Denkschrift zugesandt, die sich mit der Haltung Feisals zur Frage der Schaffung eines Jüdischen NationaLhehns in Palästina befaßt. Dr. Kadrio bestätigt die von Doktor Weizmann in den „Times“ veröffentlichte und dann in seiner Rede von der Königlichen Kommission wiederholte Mitteilung, daß König Feisal sich mit der Errichtung eines Jüdischen Nationalheims in Palästina einverstanden erklärt hat. Diese Zustimmung sei jedoch an die Voraussetzung gebunden gewesen, daß das Jüdische Nationalheiin in Palästina eingeschloseou werden soll in ein g r o ß a r a b i s c h e s Reich. Da ein solches Reich nicht geschaffen wurde, so soi — mein Dr. Achmed Kadrie — schon damit allein die Dr. Weizmann von dem verstorbenen König erteilte Zustimmung hinfällig geworden. Sittlichkeitsattentat des Schwagers des Muftis Jerusalem, 25. Dezember. (Palcor.) Die I ganze jüdische Bevölkerung steht unter dem Eindruck einer schweren Bluttat, die sich gestern ereignet hat. Auf der Straße von Jericho nach Jerusalem wurde ein jüdisches Mädchen aus Syrien, Rina S c h w i k i, auf einer Autofahrt mit einem Freunde, Shimshi Hussein!, Beamter der Jerusalemer Stadtverwaltung und Schwager des Mufti, von Ihrem Begleiter angeschossen und schwer verwundet, nachdem dieser versucht hatte, sie zu vergewaltigen. ln dem Glauben, daß sein Opfer tot sei, kehrte Husseini nach Jerusalem zurück, wo er angab, von Banditen überfallen worden zu sein. Das Mädchen machte im Krankenhaus Angaben, auf Grund deren Husseini verhaft tet wurde. Der Zustand der Kranken ist sehr ernst. Das englisch-italienische Mittelmeer Abkommen Rom, 29. Dezember. (JTA.) Das italienische Judentum begrüßt mit Wärme den Abschluß der englisch-italienischen Verhandlungen über ein Mittelmeer-Abkommen. Der erste indirekte Erfolg der Verhandlungen ist eine merkbare Abnahme der von Deutschland inspirierten antisemitischen Propaganda in der italienischen Presse. Palästina kommt dieses Abkommen direkt zugute, da nunmehr ein italienisch-englischer Konflikt, der Palästina in eine Kriegszone hätte umwandeln können, nicht mehr droht; ferner ist anzunehmen, daß der Wettlauf Italiens und Englands um die Gunst der Araber und die Bereitschaft zu Konzessionen an die Araber auf Kosten der Juden jetzt aufhören werden; schließlich wird eine Wiederbelebung der palästinensisch-italienischen Handelsbeziehungen, die seit dem Abessinien-Konflikt lahmgelegt waren, bestimmt erwartet. Die Königliche Kommission Jerusalem, 28. Dezember. (Paleor.) In der heutigen öffentlichen Sitzung der Königlichen Kommission erschienen die Herren Ben Z wi, E 1 m a I i e h, die Rabbiner Oßtrowsky, Frank und Levy, sowie Dr. Elia sh als Rechtsberater, als Vertreter des Waad Lemma. Raw Levy verlaß namens des Oberrabbiners ein in hebräischer Sprache abgefaßtes Begrüßungsschreiben an die Kommission, in der der sehnliche Wunsch zum Ausdruck gebracht wird, daß innerhalb der Bevölkerung Palästinas Frieden herrschen möge. Lord Peel bemerkte lächelnd, daß Königliche Kommissionen gewiß nur selten willkommen geheißen werden. Der Waad Leumi — ein Parlament Raw Frank erklärte, daß die jüdische Religion sämtliche jüdischen Gruppen vereinige; was die Agudath Israel vom Waad Leumi unterscheide, seien die Grenzen ihrer Toleranz. Das Nationale Heim sei ein einheitlicher Begriff. Er bat um Sabbath-Besthnmungen. Ben Z w i setzte auseinander, daß der Waad Leumi 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung einsohließe, daß aber auch den übrigen 10 Prozent die vom Waad Leumi eingerichteten Dienste zugute kämen. Er erklärte die Organisation der Knesseth Israel. Auf die Frage Lord Peels, ob es sich dabei um eine Art von Parlament mit allen seinen Kennzeichen, einschließlich des Frauen-Wahlrechts, handle, antwortete der Zeuge, daß dies tatsächlich der Fall sei. Von Professor Coupland befragt, erklärte Ben Zwi, daß die leitende Körperschaft des Waad Leumi eine Koalition sämtlicher Parteien mit Ausnahme der Revisionisten, die dauernd Opposition machen, bilde. Doppelbesteuerung der Juden Dr. Eliash brachte den Wunsch des Waad Leumi vor, daß die rabbinischen Gerichte von der Regierung auf dieselbe Weise flnanziell unterstützt worden mögen, wie die mohammedanischen religiösen, sogenannto Sbärif8PGericlite. Die Juden entrichten doppelte Steuern, und zwar an die Regierung — wodurch sie zur Unterstützung der moslemischen Gerichte beitragen — und an den Waad Leumi zwecks Aufreohterhaltiuig ihrer eigenen Gerichte. Die Sephardim geschlossen zionistisch E1 m a 1 i e h erklärte namens der sephardisehen Gemeinde, die über 100.000 Mitglieder zählt, daß sich dieser Teil der jüdischen Bevölkerung als integralen Teil der Knesseth Israel betrachte und sich mit der Stellungnahme der Jewish Agency und des Waad Leumi vorbehaltlos identisch erkläre. Auf Grund der Erfahrung, die sie im Laufe ihrer auf Generationen zurückgehenden Kenntnis Palästinas gesammelt hätten, seien die Sephardim zur Überzeugung gelangt, daß die einzige Lösung der Judenfrageim Zionismus liege. Die Herren Berligne und L u r i a, die ebenfalls als Zeugen erschienen waren, unterbreitete die jüdische Forderung nach einem größeren Anteil am Erziehungsbudget der Regierung; gegenwärtig betrage der jüdische Anteil bloß 5 Prozent des Gesamtbudgets der Regierung für Erziehungszwecke. Sir Laurie Hanunond wies darauf hin, daß sehr große Beträge für öffentliche Sicherheit ausgegoben werden müssen; die Unruhen von 1929 haben nach seiner Schätzung 750.000 Pfund gekostet; die von 1936 etwa 2,250.000 Pfund. Die nächsten Zeugen waren Miß Henrietta S z o 1 d, Dr. Katznelson und Doktor K1 i e g 1 e r, deren Aussagen sich auf den Gesundheit^- und Wohlfahrtsdienst bezogen. Miß S z o 1 d gab einen Überblick über die Arbeit, die mit Hilfe von jüdischen aus dem Ausland kommenden Geldern geleistet wurde. Sie forderte eine Änderung in der Haltung der Regierung bezüglich des jüdischen Erziehung«wesens und Gesundheitsdienstes, die von der Regierung als öffentliche Dienste anerkannt werden müßten. CAFE WEGHUBER (Hinter dem Deutschen Volkstheater) Erstklassiges Programm GROSSE SILVESTER FEIER Kapelle ISY GEIGER Bürgerliche Preise Beginn 9 Uhr abends FrnncopolciPolen und RumBnlnn Nächste Abfahrt: 5.1,1937. Rückfahrt: 7.1.1937 Sonderzug BERLIN 7.1.1937 S 80*— tour-retour Poln. VorkohrgbUro „Francopol« _ III., Sohwarzenbergplatz 7, Tel. U 16*4-90 „Codok“. I., Kärntnerstraße 32, Tel. R 23-4-88 QerngroBf VII., Marlahllferstr. 42, Tel. B 38-2-68 Wille und Wehr Das Jahr geht zu Ende unter den übj Hohen Lobpreisungen des Friedens und der Versöhnlichkeit. Alle, die sich durch Reden und Schreiben hervortun, sind lyrisch gestammt, und die Kinder, die hören es so gerne. Das ist so der Brauch. Das ganze Jahr über geht die Hetze gegen Schwächere, gegen Minderheiten, gegn Waffenlose. In einem sieh fast überstürzenden Tempo wurde gerade in diesem sterbenden Jahr die Vergiftungbetrieben, wurde gerade in diesem Jahr der organisierte Massenmord, der sich Krieg nennt, in Spanien betrieben, an anderen Punkten des Erdballs vorbereitet und das Werk mit einer Intensität gefördert, die dem friedlichen Werk der Wissenschaft und Aufklärung niemals noch zuteil geworden ist. Aber während im Süden Europas und im Femen Osten Asiens und weiß Gott wo noch Menschen im Namens irgend eines Sehlagwortes verröcheln, überfließen am Ende des Jahres die Politiker und Führer von Humanität und besinnlicher Betrachtung. Die Extremen1 vereinigen sich zu einer Kakophonie des Betruges, in dem sich alle zusammenflnden, denen das Ohr der Menge gehört, der fleißigen und ehrlichen Masse, die urteilslos und vergeßlich ist und bleibt und darum stets aufs neue ausgebeuüet' werden kann. Was verlangen alle 'diese Sprebheiy die sich am Jahresende vernehmen lassen? Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, gleichen Anteil an den Reichtümem und Safeätzen, die der Hebe Gott' in die Eide gelegt hat, Hilfe füll die Bedürftigen. Nach vielt&usendjähnb ger schmerzvoller Entwicklung steht die Kulturmenschheit immer wieder und noch immer vor den gleichen Forderungen, sie sieht die Mängel, aber in der Suche nach den Fehlerquellen läßt sie sich immer wieder auf die falsche Spur lenken. Das vergrößert das Übel, aber es schafft Raum für die Instinkte des Hasses, die sich heute ebenso mächtig ausleben wie nur eh und je. Vor allem wenden sie sich gegen die Juden, gegen alle Juden, die reichen und armen, die wissenden’ und die unwissenden, die des Westens und des Ostens. Und dieses jetzt scheidende Jahr hat weitere Fortschritte auf diesem Gebiet der ewigen Lüge gebracht, hat den politischen und wirtschaftlichen Verfall des Judentums weitergetrieben, bis zu einem Grad, der für den Eintritt der Katastrophe nur noch wenig Raum läßt. Das Judentum im Dritten Reich, in Polen, in Rumänien wird durch Gesetzesakte, für die eine Volksstimmung künstlich präpariert worden ist, in Hunger und Verzweiflung getrieben; in anderen Ländern, in denen, die Stuatsführung korrekt bleibt, ist ein schleichender geschäftlicher und sogar gesellschaftlicher Boykott am Werk, der die letzte Kraft der jüdischen Bevölkerung untergräbt. Was der jüdische Ärzt, der jüdische Anwalt, der jüdische Kaufmann und Handwerker zu leiden haben, das läßt sich kaum darstellen, und es drückt sich einigermaßen in den Selbstmord Ziffern — auch in Ostereich — aus. Das ganze jüdische Volk, wo immer es lebt, zehrt heute an der letzten Substanz, steht unter seelischer Depression und starrt in Verzweiflung in die Zukunft, die für die jüdische Jugend hoffnungslos geworden ist. Ein ganzes Volk wird gemordet, im Namen einer leer und brüchig gewordenen Moral, die sich untersteht, von hochwertigen und minderwertigen Rassen zu reden, die es wagt, alles was die Kultur von den Juden erhalten und annektiert hat, zu verleugnen und mnzufäischen. Der Plan der Vernichtung ist in Europa entstanden. Er greift aber überall hin, wo Juden leben, und er tritf auch m Xpidera^ie« hiervor, &o sich die

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