Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 604 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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•4 * % ’iß ■/ V. ö. b 20 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr» 604 Wien, Dienstag, 15» Dezember 1936 1. Teweth 5697 10» Jahrgang Der Fall Frankfurter ^Stimme Die Vorgeschichte | Am 4. Februar 1936 wurde Wilhelm Gustloff, der in der Schweiz als Statthalter Hitlers auftrat, ähnlich wie seinerzeit Habicht in Österreich, in Davos von dem Studenten David Frankfurter ermordet. Sofort nach der Tat telephonierte Frankfurter an die Polizei und begab sich dann selbst in das Polizeigebäude. Gleich bei der ersten Vernehmung erklärte er, daß er die volle Verantwortung für seine Tat übernehme, daß er Gustloff zuvor nicht gekannt habe, daß er in ihm den Nationalsozialismus habe treffen wollen, den Nationalsozialismus, der die Juden den schändlichsten Verfolgungen ausgesetzt habe. Frankfurter hat von der ersten Stunde an erklärt, daß er von niemandem zu seiner Tat gedungen worden sei, vielmehr aus eigener Verantwortung, ohne Haß gegen sein Opfer, gehandelt habe, einzig und allein, um die Aufmerksamkeit des Weltgewiesens darauf zu lenken, daß der Nationalsozialismus die deutschen Juden der Vernichtung überantwortet habe. In Deutschland aber begann eine wüste Hetze gegen die Schweiz, insbesondere als diese am 18. Februar die nationalsozialistischen Gauleitungen in der Schweiz verbot und zum Ausdruck brachte, daß künftighin ausländische politische Vereinigungen in der Schweiz nicht mehr gestattet sein sollten. Die Schweiz blieb allen Einschiichterungsversuchen gegenüber bei ihrem Beschluß. Die Schweizer Presse erklärte, daß es unerwünscht sei, neben dem offiziellen Gesandten Deutschlands auch noch einen „Parteigesandten“ zu dulden. Ein Feind, dem wir nichts getan haben . . . Die Leiche Gustloffs wurde nach Schwerin überführt. Die Eisenbahn fahrt wurde zu einer triumphalen Agitation benutzt. Am 12. Februar hielt Hitler die Leichenrede und sagte wörtlich: „Ich muß feierlich feststellen: Auf dein Wege unserer Bewegung liegt nicht ein einziger von uns ermordeter Gegner, nicht ein Attentat. Lang aber ist die Reihe der ermordeten Nationalsozialisten. Hinter jedem dieser Morde steht dieselbe Macht, die haßerfüllte Macht unseres jüdischen Feindes, eines Feindes, dem wir nichts zuleid getan hatten, der aber versuchte, unser deutsches Volk zu unterjochen und zu einem Sklaven zu machen, der verantwortlich ißt für all das Unglück, das uns im November 1918 getroffen hat, verantwortlich für das Unglück, das in den Jahren darauf Deutschland heimsuchte. So ist unser Parteigenosse von der Macht gefällt worden, die einen fanatischen Kampf nicht nur gegen unser deutsches Volk, sondern gegen jedes freie, selbständige und unabhängige Volk führt. Wir begreifen die Kampfansage und nehmen sie auf.“ 354 Morde Die gesamte Weltpresse, clurch Hitlers Rede ziun Widerspruch hcrausgefordert, brachte in Erinnerung, wie systematisch der Nationalsozialismus den Haß gegen das Judentum geschürt, die Ermordung von Juden gerechtfertigt und veranlaßt hatte. So wurdo daran erinnert, daß Adolf Hitler im August 1922 bereits öffentlich erklärt hat: „Der Vorwurf, Rathenau ermordet zu haben, wird die S. A. nur noch fester an Loutnant Klintzsoh (der der Mittäterschaft beschuldigt wurde) binden.“ Erinnert wurde an ein bei den nationalsozialistischen Kampfvorbänden besonders beliebtes Marschlied: „Haut immer feste auf den Wirth! Haut seinen Schädel, daß es klirrt! Knallt ab den Walter Rathenau, die gottverfluchte Judensau!“ Erinnert wurde auch daran, daß in den Jahren 1919 bis 1923 in Deutschland durch nationale und nationalsozialistische Täter 354 Morde vollbracht worden sind. Erinnert wurde schließlich an die Judengesetzgebung des Dritten Reiches, die Himdorttausendo jun ihre bürgerliche Existen« gebracht hat, viele Tausende grundlos in Zuchthäuser und Konzentrationslager schickte oder zum Selbstmord trieb. All das hinderte aber Goebbels nicht, eine von Wolfgang Dierwege verfaßte Broschüre veröffentlichen zu lassen, „D e r F a 11 Gu s 11 o f f“, in der die Schweiz der geistigen Mittäterschaft an der Tat von Davos bezichtigt wurde. Der Fememord-Verteidiger Das Graubündener Gericht hat dem Antrag des deutschen Rechtsanwaltes, Prof. Dr. Grimm, ihn als Vertreter der Witwe des Ermordeten neben dem schweizerischen Anwalt, Ursprung, zuzulassen, entsprochen. Grimm ist bekannt geworden durch die Rolle, die er als Verteidiger der Fememörder Reim und Schulz in den Jahren 1927 und 1928 spielte. Damals vertrat er die Reohtsmeinung, daß jeder Staatsbürger, der einen Notstand des Staates oder Volkes London, 13. Dezember. (JTA.) „Great Britain and the East“ schreibt: Die bisherige Weigerung der palästinensischen Araber, vor der Kommission auszusagen, ist von vielen Arabern außerhalb Palästinas tief bedauert worden. Es ist jedoch nicht anzunehmeu, daß Lord Peel und seine Kollegen über die Sache der Araber nicht umfassend Kenntnis erhalten werden. Der Kommission ist es bitter ernst; sie wird sich von ihrem Entschluß, jedes Pro und Kontra abzuwägen, nicht abbringen lassen, bloß weil gewisse prestigerettende Formeln nicht gefunden wurden. Der Ausbruch erneuter Unruhe in Palästina, wenn auch in geringerem Umfang, ist höchst bedauerlich. Zweifellos hat die Revolte dieses Jahres gewisse Elemente der palästinensischen Bevölkerung entfesselt, die sich aus gefühlsmäßigen oder materiellen Erwägungen heraus mit dem Gedanken eines auch nur zeitweiligen Friedens nicht leicht Haifa, 13. Dezember. (JTA.) Die englische Gesellschaft „Iraq Petroleum Company“, dio die Konzession für die Petroleumquellen in Mossul besitzt, beschloß, eine neue Röhrenleitung zu errichten, die mit der bereits bestehenden Petroleumleitung von Mossul nach dem Hafen von Haifa parallel laufen würde. Die Gesellschaft will einerseits die Menge des von den Petroleumquellen in Mossul nach dem Hafen von Haifa beförderten Petroleums verdoppeln, anderseits durch die Errichtung einer zweiten Leitung die Sicherheit ihres Unternehmens erhöhen und allfälligen Verlusten yioiflbeugen* Pae Röhrenleitung wird, 2500 als gegeben eraehte, berechtigt sei, Menschenleben zu vernichten, die er in diesem Zusammenhang als schädlich ansieht, d. h. Morde im strafrechtlichen Sinne zu begehen. Grimm ist übrigens seit 1933 der offizielle Rechtsvertreter des Dritten Reiches im Ausland. Er trat als solcher zum erstenmal in Kairo im Jahre 1934 in dem sogenannten Kairoer Judenprozeß gegen die Juden auf. Seine Schriftsätze strotzten vor Antisemitismus. Der Prozeß in Chur Die Voruntersuchung hatte einwandfrei festgestellt, daß Frankfurter keine Komplicen gehabt hat. Zur gleichen .Feststellung gelangte das Gericht in Chur. Die deutsche Presse tobte und beschimpfte die schweizerischen ärztlichen Sachverständigen und das schweizerische Gericht. Wer glaubt, daß die nationalsozialistische Presse durch den versöhnen lassen. Es ist nicht notwendig, Einflüsse von außen anzunehmen, um zu verstehen, warum dies so ist. Die Tatsache bleibt bestehen, daß ein unglücklicher Eindruck geschaffen werden Avird, falls, diese kleineren Zwischenfälle fortdauern. Man kann ruhig darauf vertrauen, daß das englische Volk sich aufgeschlossen zeigen wird für das Rechte und Falsche des Palästina-Problems, aber man kann nicht erwarten, durch gewalttätige Unversöhnlichkeit irgend einen Handel machen zu können, ganz besonders nicht, wenn eine unparteiische Kommission gerade das Problem untersucht. Je eher die arabische öffentliche Meinung auf gewissenhafter Einhaltung des Waffenstillstandes bestehen wird, um so besser wird es für ihre Sache sein. Je länger diese sporadischen Unruhen fortdauern, aus welch unverantwortlicher Quelle sie immer entspringen mögen, um so schlimmer für diese Sache. Kilometer lang sein und führt zum größten Teil durch dio Wüste. Mit einer einzigen Röhrenleitung ist es möglich, von Mossul nach Haifa etwa 3 Millionen Tonnen Petroleum jährlich zu befördern. Ein neuer Plan Abdullahs Jerusalem, 13. Dezember. Der Emir Abdullah von Transjordanien unterbreitete der Kommission einen neuen Vorschlag betreffend die Regelung der palästinensischen Frage. Der Inhalt dieses Antrages, der angeblich die Araber voll befriedigen soll, wird, geheim gehalten, Unsere bekannt blllgen | Winterreiten P0I6I1 Abreisen 22. Dezember und 5. Jänner. Auskünfte: Df. S. Toker. Verlangen Sie Prospekte über unsere Ski- und sonstigen Gesellschaftsreisen |U l\|C WCI T nach dem In- und Ausland U* TTtS.1 W. M. Renner, IX. Liechtensteinstraßc 2, Tel. A 14-5-04. Prozeß von ihrer vorgefaßten Meinung über ein jüdisches Komplott abgekornmeu ist, wird'bald eines anderen belehrt werden. So wie im nationalsozialistischen Recht der Grundsatz gilt: „Recht ist, was dem deutschen Volk nützt, und Unrecht ist, was dem deutschen Volke schade t“, so gilt es auch in der nationalsozialistischen Propaganda: „W a h r ist, was der Propaganda nützt.“ Deswegen wird noch heute die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“ behauptet, obwohl es sich nach den Feststellungen des Gerichtes in Bern um eine plumpe Fälschung handelt. Aus dem gleichen Grunde wird weiter behauptet werden, Gustloff sei FrnncopolS“. Polen und Rumänien Nächste Abf.: 22. XII. 1936,5.1.1937. Rückf.: 7.1.1937 Sonderzug BERLIN 22. XII.—7.1. S 80' — tour-retour Poln. Verke&irsbüro „Francopol“ III., Schwarzenbergplatz 7, Tel. U 16-4-90 „ledok“, I., Kärntnerstraße 32, Tel. R 23-4-88 Gerngroß, VII., Mariahilferstr. 42, Tel. B 38-2-68 einem jüdischen Mordkomplott zum Opfer gefallen, und nicht der Tat eines einzelnen, eines todkranken, durch das Wüten des Nationalsozialismus aus dem Geleise geworfenen jungen Menschen. Der Angeklagte und die Schuldigen Der Nationalsozialismus ist in Chur — soweit es sich um das Urteil der Kulturwelt handelt — nicht auf seine Rechnung gekommen. Frankfurter wird verurteilt werden. Er hat einen Menschen getötet, und Mord bleibt Mord, ob er nun in Geldgier, Haß oder politischer Gegnerschaft seine Ursache liat. Als der Mord an Gustloff bekannt wurde, schrieb „Die Stimme“: „Das Judentum leimt jeden Akt der Gewalt ab und es nimmt zu den Schüssen von Davos auch keine andere Stellung ein.“ Dieser Ansicht aber verschlägt es nicht, wenn .auch diejenigen verantwortlich gemacht werden, die dadurch einen unbedeutenden, friedlichen Menschen zum Mörder B Sueme Weihnachtssonderfahrt JoleiLCzermitz Abf.-. 22. XII: 1936 und 5.1. 1937, Rückf.: 7.1.1937 mit der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung“ Anmeldungen ausschließlich: Reisebüro „Marien* brücke“, I., Rotenturmstr. 26, Telephon R 24-2-86/8V machen, daß sie ihrerseits eine Minderheit grausam verfolgen, diffamieren und aus dem Lande jagen. Frankfurter hat vor dem Gericht in Chur geschildert, wie ihn die Judenverfolgungen in Deutschland zur Verzweiflung brachten: „Ich las eine Zeitung“, sagte er, „die vielleicht den entscheidendsten und schwerwiegendsten Eindruck auf mich gemacht hat, nämlich den ,Stürmer*. Diese Zeitung ist in Deutschland an jeder Straßenecke zu kaufen und zu lesen. In dieser Zeitung sind Sachen geschrieben und abgebildet, die ein Mensch nicht ertragen kann.“ Nach dieser Aussage legte der Verteidiger Curti dem Gericht Ausschnitte aus dem „Stürmer“ vor. In Chur stand so Streicher, der Herausgeber des „Stürmer“, und mit ihm der Nationalsozialismus vor Gericht. Frankfurter wird verurteilt werden. Aber er ist trotz der allgemeinen Verurteilung seiner Tat das Bedauerns und des Mitgefühls von Millionen Menschen, Juden und Christen, sichen', weil ihm die schändliche Verfolgung der Juden und die Mißachtung der Menschenwürde, die der „Stürmer“ bis zum würgenden Ekel treibt, die Vernunft geraubt und die Waffe in die Hand gedrückt hat. In Chur aber saß auch der Nationalsozialismus auf der Anklagebank. Er war der Hauptschuldige, er ißt es, der Haß sät, 500.000 Juden rechtlos macht, Europa in ewige Unruhe versetzt und Europa einem neuen Weltkrieg entgegentreibt. Das Urteil von Ohur wird nach dem geschriebenen Gesetz gefällt. Vor dem Gerichte der öffentlichen Moral ist der Nationalsozialismus schuldig erkannt und verurteilt worden.. Kantone in Palästina unmöglich Aus Tel-Aviv wird dem Tschechoslowakischen Preß-Büro gemeldet: Die königliche Kommission, die gegenwärtig in Palästina die Ursachen der im laufenden Jahre stattgefundenen Unruhen untersucht, hat den Vorschlag auf Schaffung arabischer und jüdischer Kantone definitiv abgelehnt. Eine gründliche Prüfung des Antrages ergab, daß die Kantonisierung Palästinas sowohl in administrativer als auch in wirtschaftlicher Beziehung undurchführbar ist. Englische Warnung an die Araber FÜR DIE SICHERHEIT UND FESTIGUNG DES JÜDISCHEN AUFBAUWERKES IN PALÄSTINA ERBET FÜR MIFAL BIZZARON! Neue Petroleum-Röhrenleitung Mossul-—Haifa f t ji ß it I s;