Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 603 (10.12.1936)
- Date
- 1936-12-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 603. — Wien, Donnerstag, 10. Dez. 1036 Dil STIMMI Sette I m Chanukkalampe Von Jixehak Leib Perex Da heute Chanukka ist, will ich euch erzählen, wiie einst ei® Mann, der — nicht auf euch gedachtl — verarmt war, durch eine Chanukkalampe gerettet wurde... Und meint ilhr vielleicht durch eine goldene? Oder eine silberne? Nein, es war just eine aus Messing, und eine zerbrochene dazu. Bin altes Erbstück aus uralten Zeiten. Krumm, verbogen, mit einem abgebrochenen Röhrchen ... Er war vorher ein kleiner Mann gewesen... Wenn ein Jude reich wird, so stellt er sein ganzes Haus auf den Kopf. Er zieht neue Kleider an: er selbst verwandelt sich an einen Deutschen; seine Frau wird Französin und legt den Scheitel ab. Die beiden Söhne, die er hatte, nahm er sofort aus dem Gheder und tat sie ins Gymnasium. Die ganze Ausstattung wird verändert... Ei® Bücherschrank stand da: wer braucht noch die Bücher? Also stiftet er sie dem Beth Hamidrasch. Den alten Schrank selbst läßt er zersägen und zu Spänen für die Küche kleinmachen... An seine Stelle kommt ein mächtiger Spiegel. Die Frau bat sich selbst plötzlich liebgewonnen und will sich in ihrer ganzen Figur , sehen. Man läßt einen Trödler kommen, verkauft ihm halb umsonst die ganzen alten Möbel und kauft sich dafür Ludwig den Vierzehnten: kleine, aber gepolsterte Stücke, mit krummen, aber vergoldete® Beinen. Auf Rädern stehen sie, — es ist ein wahres Vergnügen! — Man hat aber Angst, eich daraufzusetzen. Sie hatten ein wenig altes Silber im Hause: Ethrogkörbchen, Gewürzbüchsen — sie verkauften einen Teil zum Einschmelzen und gaben das übrige armen Verwandten als Hochzeitsgeschenke. Statt dessen schafften sie sich Glas und Kristall an... Blumentöpfe, Vasen, lauter moderne Sachen. Doch das-Glück wendete sich, das Brot fiel eines Tages mit der Butterseite nach unten. Man konnte den Söhnen, die schon im Auslände studierten, nichts mehr schicken... Mit Mühe und Not prolongierte man die Wechsel ... Ein Gefälligkeitsdarlehen konnte man von keinem Menschen mehr kriegen... Und von Tag zu Tag wird es schlimmer. Sie suchen schon, was sie noch versetzen könnten. Ludwig der Vierzehnte ist schon längst in die Brüche gegangen ... Glas und Kristall sind zerschlagen... Nur einige zusammengekittete Geschirnstüoke sind ihnen geblieben... Sie leben schon in recht kümmerlichen Verhältnissen ... Und wenn man in kümmerlichen Verhältnissen lebt, erinnert man sich wieder an die Jüdischkeit... Die Fra® boigt sich manchmal von einer Nachbarin ein „Zeöno-Ureöno“ und liest darin. Pa® Salomon verwandelt sich wieder in Scbloime-Salmen und betet manchmal in Talles und Tfillin. Und wie Chanukka kommt, haben sie plötzlich Lust, Lichte zu bentsohen... Lichte haben sie irgendwo aufgetrieben. Es fehlt noch ein Scheit Holz, um sie damifzuldeben. In der Küche ist aber kein Span mehr zu Anden. Erinnert sich Schloime-Salmen, daß er einmal in den Tagen, der Erneuerung eine alte Ohanukkalampe auf den Ofen geworfen hatte. „Scbloime-Salmen*', bittet ihn ,die Frau, „hol1 sie. herunter!“... Stellt ma® einen Stuhl auf einen Tisch, rückt ihn zum Ofen; es zittert umd wackelt, Ludwig der Vierzehnte stöhnt, Schloime- Salmen steigt mit Lebensgefahr hinauf und holt die Lampo herunter. Man wäscht den Staub und Schmutz mit Mühe ab und bentsoht die Lichte... Am ersten, am zweiten Abend und so biß zum achten Abend. Man geht aber jedesmal ohne Abendessen zu Bett. Schloime-Salmen sitzt traurig am Tisch, seine Frau — ihm gegenüber, und beide grübeln: was sollen sie anstellen, um nicht vor Hunger zu sterben? Läutet jemand. Beide springen auf uud laufen zur Tür. Es ißt ei® bekannter junger Mann, ein Mäkler. Was gibt’s Der Mäkler kann sich vor Lachen kaum halten. Nach Warsohau ist ei® verrückter Engländer gekommen; ein glattrasierter, vielleicht gar ein verkleidetes Frauenzimmer... Und er kauft alles mögliche alto Zeug zusammen Er wartet draußen vor dem Hause, g&gj & öue wagtet raty filr < ihn etwas haben... In einem so alten Haushalt wird es sicher etwas für ihn geben...“ Die Eheleute schauen einander an. Was haben aie für Altertümer im Hause? Der Engländer kommt indessen herein; es dauerte ihm zu lange, und die Türe stand offen. Er tritt ein, zieht den Hut, sieht die Chanukkaiampe, stürzt über sie her, nimmt sie in die Hand, die Hand zittert, die Augen brennen... „Ich häb1 ja gewußt, daß er verrückt ist!“ sagt der Mäkler. „Wieviel? Wieviel?“ fragt der Engländer in einem gebrochenen Deutsch. Kurz und gut, man verkaufte ihm die Chanukkaiampe. Man verließ sich auf seine Anständigkeit und nahm den Preis, den er zahlte. Engländer und Mäkler ab. Das Ehepaar bleibt allein. „Wirklich verrückt!“ sagt Schloime-Salmen. „Und vielleicht war es der Prophet Elias?“ sagt die Frau: „Zum Lohn für die Chanukkalichte?“ Jedenfalls hatten sie nun fÜT ein Abendessen, auch für ein Frühstück und für neue Kleider... Das Geld war irgendwie glückbringend... Das Glücksrad wendete sich wieder. Sohloime-Salmen heißt schon wieder Pan Salomon... Und wenn man einmal Glück hat, so hat man es in allen Dingen. Kommen plötzlich zufriedene Briefe von den Söhnen im Auslande. Sie haben selbst ihren Weg gemacht. Der eine ist in London Ingenieur und hat geheiratet. Bittet die Eltern, ihn zu besuchen, damit sie seine Frau kennenlernen... Reisen sie hin... Die ersten Tage sitzen sie bei ihrem Sohn und freuen sich über sein Familienglück. Dann sehe® sie eich London an: die Häuser, Fabriken, Theater, Ausstellungen. Führt man sie einmal in ein Museum... Nun stellt euch vor, wie das alto Ehepaar erstaunt war, als es in einem Saal unter einer Glasglocke die alte Chanukkaiampe wiedersah ... Sie erkannten sofort die alten lachenden Löwen... die Bäumchen mit den Vögeln ... das verbogene Füßchen und das abgebrochene Röhrchen. „Soll man da nicht verrückt werden?“ sagt Schloime-Salmen, der nun Mister Salomon heißt. „Es war also doch nicht der Prophet Elias!“ meinte die Mistreß. Sie schämen sich vor der jungen Schwiegertochter, laut zu reden oder zu fragen. Werden sie nachdenklich ... Werdet ihr vielleicht auch nachdenklich werden? MakkaMer einst und freute Von Arie Frankel Das Chanukkahfest, das zuletzt eingeführte Fest des jüdischen Kalenders, stellt einen Abschluß des jahrhundertelangen Reifungsprozesses des spezifischen jüdischen Geistes dar: Die Wirklichkeit nach der inneren Wahrheit, nach dem verborgenen göttlichen Geheiß zu formen und nicht umgekehrt! Anfangs konnten nur wenige diese Höhe erklimmen. Es waren dies die vereinzelten Führer und Propheten, die kraft ihres Genies die Wahrheit in ihrem Inneren erlebt hatten und, von einem unwiderstehlichem Drang getrieben, zu ihrem Volk, zu ihren Brüdern gingen, um — oft unter Erduldung von Erniedrigungen und Qualen — gegen das Götzentum, gegen die Sucht nach irdischen Werten und nach äußerem Prunk zu kämpfen. Die Unerschrockenheit, Unermüdlichkeit und Selbstlosigkeit der Propheten und ihr pädagogischer Einfluß bewirkten, daß es allmählich im Reiche Juda zu dämmern begann und immer größere Scharen sich zum Licht emporschwangen. Ebbe und Flut, Aufschwung und Rückfall wechselten während der ganzen Zeit des ersten Tempels. Spät, aber nicht zu spät, erst im babylonischen Exil, reifte der von den Propheten gestreute Samen. In stetig aufsteigender Linie machte die kulturelle Konsolidierung Fortschritte, das Volk reifte nach dem tausendjährigen Läuterungsprozeß in die jüdische Ethik hinein und schließlich gewann es zur Zeit des zweiten Tempels als ausgeprägter national-kultureller Typus eine feste Form. Die Feuerprobe jedoch hatte dieses in seiner Geistigkeit verankerte Volkstum erst zur Zeit der Makkabäer zu bestehen! Zwei krasse Gegensätze in sittlicher und religiöser Beziehung — Judäa und Hellas — prallen aufeinander. Hier die Pflege des Inneren, der unsichtbare, in, um und über jedem lebende Gott, dort die Pflege des Äußeren, eine Unmenge Götzen beiderlei Geschlechts, die ganz in der Natur aufgehen; hier die unerbittliche, sittliche Pflicht, stete geistige Vervollkommnung als Sinn und Gehalt des Lebens, dort, bei den Griechen, das Leben um des Lebens willen, Prunk, Glanz — ein Kultus der Schönheit! Bei den Griechen überwiegt das. ästhetische Prinzip gegenüber dem ethischen, bei den Juden wird die Ästhetik zugunsten der Ethik vernachlässigt. Aber nicht nur gegen die griechische Kultur, gegen ihre heidnische Religion, die Antiochus ihnen aufdrängen wollte, kämpften die Makkabäer, sondern auch gegen den inneren, vielleicht noch gefährlicheren Feind, gegen diejenigen aus der eigenen Mitte, die sich vom verführerischen Glanz haben blenden lassen — gegen die Hellenisten! Einen erbitterten Kampf gegen zwei Fronten führten die Makkabäer, und ihren Sieg} den Sieg des Ideellen über das Materielle feiern wir heute! Viele glänzende Kämpfe, rauschende Siege hat das jüdische Altertum gesehen, doch lag es in dem übergeordneten Charakter der jüdischen Ethik, das Andenken eines Sieges, bei dem Blut vergossen wurde, nicht zu verewigen und es nicht, zu einem Nationalfest zu stempeln. Der Sieg der Makkabäer aber ist nicht als ein Sieg im üblichen Sinne aufzufassen, es ist ein Sieg der Kultur, der sich bis zum heutigen Tag auswirkt! Einmal die Feuerprobe siegreich bestanden, einmal durch Kampf geläutert, zeigte sich das jüdische Wesen widerstandsfähig auch gegen die Angriffe der späteren Tage! Der Sieg der Makkabäer machte erst das jüdische Volk fähig, für seinen Glauben nicht nur zu leben, sondern seinetwillen auch den Märtyrertod auf sich zu nehmen! Als dann die zwei geistigen Gegensätze von unvergleichlicher Schärfe, Rom und Jerusalem, hervortraten, ließ sich das üdische Volk in einen Kampf auf Leben und Tod mit den Herrschern des mächtigsten Weltreiches ein, während alle übrigen Völker sich stumpf unter das Römerjoch beugten und ihnen Weihrauch auf den Altären vor den Kaiserstatuen opferten. Als es in diesem Kampfe politisch unterlegen war, war das in den Makkabäferkämpfen erstarkte jüdische Wesen so widerstandsfähig, daß weder der Brand des Tempels es mitverzehren, noch die rauchenden Trümmer es ersticken konnten;, das zerschmetterte, aus tausend Wunden blutende Volk warf die jüdische Eigenart nicht ab, sondern vergrub sich noch tiefer;n sie. Als es aber auch viel später in der Galuth zum Amboß wurde, auf den die Schläge im Getriebe des Völkerlebens niedersausten, konnte das jüdische Volk seine Eigenart im äußeren und inneren Leben bewahren, was bei keinem Volke, das solch ein Schicksal, wie das jüdische erlitten hatte, der Fall war. Das jüdische Volk, innerlich gestählt, vergeht nicht in der Knechtschaft, die anderen Völker können es weder ausrotten noch auf saugen, es entwickelt sich in eigener Sondergestalt, es macht sich geltend, es beeinflußt die Welt ficht durch Taten äußerer Macht und Gewalt, die ihm versagt sind* aber vm «fl Von Alfred Werner Entrollt die Schrift: „ln jenen Tagen stand das Volk wie eine’Mauer wider die Bedrücker aufT Das Volk? Lest recht: erst war's nur eine kleine Schar, ein greiser Vater und fünf Söhne; Wahnsinn fast, sich zu erheben wider Götzendienst und Schmach, in kahler Wüste fordernd: Freiheit — oder Tod!, indes die Menge ängstlich in den Städten harrt und mancher Griechling vor dem Feindgott beugt das Knie — entweiht der Tempel, Brand und Mord und Schändung rings: weh, Gottes Zorn liegt bleiernschwer auf Israel! Entrollt die Schrift: „Es sprach der Hasmonäer: Nein! Gott will es anders! Gott wird helfen! Folgt dem Herrn!(t Und Juda legt den Harnisch an, ein junger Held, und sammelt die Versprengten, täglich wächst die Schar, Durst, Hunger, Glut, des Schwertes Schärfe gelten nichts, und einer steht und fällt für hundert — Fußbreit Lands bezahlt mit Tränen, Seufzern, Schweiß, mit. heiligem Blut, und nicht an einem Tag entrissen wird dem Feind der Raub: so manches schwarze Jahr entkeucht, bis neu im Tempel Flöte, Harfe, Zymbel lobt den Herrn! Entrollt die Schrift! Wer Ohren hat, der hör* das Lied, das gestern ward gesungen — für die Ewigkeit! Verwüstet ächzt des Volkes Rest im Abendland, und dreimal furchtbar, Wehe!: Not und Not und Not zerwühlt den Leih, das Haupt ist matt, die Seele krank —• doch hämisch in die Wunden streu’n die Feinde Salz und manches Griechlings feiles Knie verrät das Volk — — „O Gott!“, so schreit’s aus Nord und West und Süd und Ost: „Den Hämmerer schick uns, schlag die müde Form entzwei und schaff uns neu, Dein heilig Volk, nach Deinem Bild!“ Entrollt die Schrift: „Und einer kam und sprach: Mein Volk!“, trotz manches Griechlings Höhnen: Volk? Ein leeres Wort! Er aber: „Dorre meine Hand, vergeß ich Dein, Jeruschalajim!“-„Unser König!“ jauchzt es ihm/ Haß, Mißgunst, Neid, Verrat, Verleumdung gelten nichts und einer steht und fällt für hundert — Fußbreit Lands erkämpft mit Tränen, Seufzern, Schweiß, mit heiligem Blut! Er gab uns eine Fahne, gab uns Pflug und Schwert, uns neuen Hasmonäern, daß dereinst, befreit, im eignen Land der Enkel zünde an das Licht!