Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 599 (24.11.1936)
- Date
- 1936-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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QU ^Stimme y. s.«. 20 g Nr. 599 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Dienstag, 24* November 1936 10. Rielew 5697 10« Jahrgang Schweiz — Palästina In einer Rede, die Präsident Weizmann am 15. November in Basel hielt, sagte er: „Wir haben wiederholt erklärt, daß wir in Palästina niemanden beherrschen, aber auch von niemandem beherrscht werden wollen. . Wir erstreben eine politische Parität der beiden Bevölkerungsteile. Nach dem Beispiel der Schweiz soll Palästina beiden Völkern ein Vaterland sein.“ Weizmann hat damit seine Meinung über eine lebenswichtige zionistische Frage geäußert, die Gegenstand einer ernsten internen Diskussion ist. Da nun aber die Frage der Parität durch die Äußerungen . Weizmanns in Basel ein Thema der öffentlichen Diskussion geworden ist, soll hier zu diesem Thema Stellung genommen werden. Was bedeutet nach der Auffassung Weizmanns . die Paritätsklausel?'. Sie bedeutet zunächst nicht, daß sich die Juden auf die numerische Parität festlegen. Es wird daher n i c h t a u f die Erringung der jüdischen Majorität in Palästina verzichtet. Weizmann ist jedoch für die politische Parität eöngetreten, die er in die Formel kleidet, „daß wir in Palästina niemanden beherrschen, aber auchvon niemandem beherrscht werden wollen.“- Weizmann setzte hinzu, daß er das Beispiel der Schweiz vor Augen habe. Palästina solle Juden und. Arabern Vaterland sein. Wie liegen nun die nationalen Verhältnisse in der Schweiz? Deutsche, Franzosen und Italiener bilden die Schweizer Eidgenossenschaft. Es gibt deutsche, französische und italienische Kantone, aber es gibt keine Gesamtvertretung der Deutschen, Franzosen oder Italiener. Das würde geradezu dem tieferen Sinn der Schweizer Bundesverfassung widersprechen. In Palästina liegen die Ver hältnisöe ganz anders. Die Araber wohnen überall im Lande, wenn man von Tel-Aviv und dem Emek Jesroel absieht. Sie haben keine historischen, keine kulturellen und nur verhältnismäßig wenige wirtschaftliche Bindungen an die jüdische Bevölkerung, und sie lehnen da« Grundgesetz Palästinas, die Balf our-Deklaration,. ab. Lebensstandard und Kultur der Araber stehen tief unter dem Niveau der jüdischen Bevölkerung. Die Beziehungen der Araber Palästinas zu den Juden sind schließlich verhältnismäßig jungen Datums. Ganz anders liegen die analogen Verhältnisse in der Schweiz, deren Völker jahrhundertelang nebeneinander wohnen. Weiters: In der Schweiz ging die Staatswerdung organisch durch den freiwilligen Zusammenschluß der Kantone nach Absohüttelung der Fremdherrschaft vor sich. Deutsche, Franzosen und Italiener haben sich freiwillig zur Eidgenossenschaft zusajmmengesohlossen. Die Bejahung des Staates durch alle Schweizer Bürger,, welcher Nation sie immer angehörem, ist eine bedingungslose. . In Palästina aber liegen die Verhältnisse grundlegend verschieden. Zwei Völker nehmen das Land für sich in Anspruch. IX© Araber, weil sie seit Jahrhunderten im Lande sitzen. Die Juden, weil es ihr Land ist, das einzige Land der Welt, in dem sie ihre nationale Existenz wieder äufriohten und die Judenfrage, die eine Weibfrage ist, lösen können; dieses Land ißt ihnen für die Errichtung ihrer nationalen Heimstätte zugesichert worden. Für die Araber aber bedeutet Palästina nichts als einen Splitter in dem großen arabischen Territorium, das eine Reihe selbständiger arabischer Staaten aufweist — und die Plattform für den politischen Tätigkeitsdrang einer dünnen Oberschiohbe. Da«« kommt aber noch, daß weder bei den.Arabern,,noch bei den Juden Palästinas derzeit eine Neigung herrscht, Palästina zu einer Art Schweiz zu machen. Am Anfangder Formel von der politischen Parität steht also nicht der freie Wille der Nation nen, sondern Zwang durch einen Dritten, durch England. Lassen sich Staatengründungen erzwingen? Die Geschichte lehrt, daß dem nicht so ist, oder daß zumindest der Tag der Auseinandersetzung zwischen den durch Zwang aneinander geketteten Nationen nur hmausgeschoben ist. Wir meinen also, daß die Sch we iz un d Palästina unvergleichbare Begriffe darstellen. Professor Weizmanns Formel von der politischen Parität soll hier noch von einem anderen Gesichtspunkt aus geprüft werden: Welohe Gründe sprechen dafür, daß sie der Öffentlichkeit, nicht nur der jüdische®, sondern auch der arabischen und der englischen gerade jetzt präsentiert wird, bevor noch die Königliche Kommission gesprochen und England sein Urteil gefällt hat? Weizmann beantwortet diese Frage nicht. Er sagt nur, daß seine Formel die „Extremisten“ nicht befriedigen, dafür aber „bei der öffentlichen Meinung der Welt Verständnis Wdhnatht »io ndcf fahrt nach und Czemitz Abfahrt: 22. Doxamber 1936 mit der nCzernowiizer Allgemeinen Zeitung“ Anmeldungen ausschließlich: Ueiaeburo „Marienbrtlcke" L., Rotenturmstraße 28 Telephon R 24-2-86/87 finde®“ wird. Wer ist nun ein „Extremist“? Das läßt sich nicht allgemein und damernid gültig festlegen. Die Extremisten von heute sind oft die Konservativen von morgen. Nach den Unruhen des Jahres 1929 wurde Weizmann von namhafte® Engländer® als „Extremist“ bezeichnet. 1931 waren „Extremisten“ jene Zionisten beim 17. Kongreß in Basel, die eine jüdische Mehrheit in Palästina verlangten. Es ist das heute eine Forderung, die mit Ausnahme weniger Brith- Söhalomißten von der ganzen Organisation vertreten wird. Und die öffentliche Meinung der Welt.? Ist das eine feststehende Größe? Ändert säe sich nicht? Ist die öffentliche Meinung, auch wenn sie sich festgelegt hat, unabänderlich? Nun sagte Weizmann in Basel, er bringe seinen Vorschlag als „Diskussionsbas i s“. Nun erheben sich u. a. folgende Fragen: T. Welohe zwingenden Gründe liegen dafür vor, schon jetzt, wo die Königliche Kom- Keine Sorge um Palästinas Zukunft! Einwanderungskommissär Mills vor der Königlichen Kommission Jerusalem, 20. November. (JTA.) Vor der Kgl. Kommission erschien am Mittwoch der Leiter des Regierungsdepartements für Einwanderung und Statistik, Eric Mills. Er gab an, daß die Zahl-der gegenwärtig in Palästina lebenden Araber 940.0ÖÖ, die der Juden 370.000 betrage. Ate der Vorsitzende der Kommission, Lord Peel, bemerkte, die Bevölkerung Palästinas habe sich in den letzte n vier zehn Jah r en -ve r dopp el t, wurde dies von dem Emwanderungskammissar bestätigt. Lord Peel richtete Fragen an den Einwanderungskommi-^ar über arabische Einwanderung, und befaßte sich hiebei hauptsächlich gut« der saisonmäßigen; Einwanderung aus Transjordanien und. dem H a u r an.' Eihwanderungskommissär Mills antwortete, ■ es gebe ' k e i n e. g e r e g e 11 e arabische Einwanderung,. Die Mitglieder der Kommission forderten den Einwanderungskommißsar auf, ihnen Einzelheiten über den Hergang bei der Zulassungjüdischer Einwanderer aus verschiedenen Ländern mitzuteilen. Mr. Mills erklärte, daß jüdische Einwanderer auch aus größter Ferne, z. B. aus New York oder aus Schanghai, kämen. Auf de® Grundsatz der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit ging der Einwanderungskommiesar nicht näher ein, vielmehr erklärte er, daß die jüdische Einwanderung nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein politisches Problem sei. die Regierung wisse jedoch, daß Hauranier in das Land kommen. Genaue Zahlen könne er nicht angeben, es sei jedoch zu bemerken, daß Palästina eine Anziehungskraft auf Einwanderer aus den Nachbarländern ausübt, und daß manche von diesen Neueinwanderem dauernd im Lande blei/ben, während andere zu ihren Familien zurückkehren. Palästina braucht Arbeiter Als Gründe für die Illegale Einwanderung von Arabern gab Einwanderungskommissär Mills dein Mangel an Arbeitsgelegen« beiten in den Nachbarländern« den Mangel an Arbeitskräften in Palästina, und die hier gezahlten hoben Lohne an. Die Behauptung« daß unter den Arabern Palästinas Arbeitslosigkeit herrsche, sei ein Märchen. Würde es wirklich Arbeitslosigkeit unter den Arabern geben, dann würden nicht Araber aus dem Hauran und aus Trans* Jordanien nach Palästina ein wandern. Palästina, erklärte der Ein* Wanderungskommissar, mache in seiner wirtschaftlichen Entwicklung große Fortschritte und man brauche um die Zukunft nicht besorgt zu sein. Einwanderer aus aller Welt [ Diese Bemerkung des Einwanderungskommfesars wurdbvon den Mitgliedern der Kommission mit Zustimmung aufgenomme®. Lord Peel bemerkte,. der Bericht der Palästina-Regierung stelle fest, daß die jüdische Einwanderung aus Polen angehalten,. die jüdische Einwanderung aus Deutschland sich erhöht, diejenige aus Rußland aufgehört habe. Einwanderungßkommissär Milte: Jawohl. Lord Peel: Dies ist eine Illustration zu der allgemeinen Geschichte der europäischen Staaten. Auf eine Frage bestätigte Mills, daß sich nur wenig Kapitalisten auf dem Lande angesiedelt habe®, und erklärte auf ©ine weitere Frage von Sir Harold, daß die jüdische Bevölkerung in den Städtengrößersei als in de® Kolonien. Interesse für Gaiuth-Judentum Die Kgl. Kommission bekundete — wie aus der Fragestellung bervorging — großes Interesse für die Lage der Juden in der Diaspora, insbesondere in Polen. Einer Meldung der „Ohadaschot Achronot“ zufolge werde® deshalb von jüdischer Seite besondere Denkschriften über diese Probleme der Kgl. Kommission unterbreitet werden. des Zionistischen Landesverbandes fllr Österreich, der WIZO und der Zionistischen Beiirkssektionen am 8. Dezember Englands Dilemma ö London,; 22. November. (JTA.) Die Zeitschrift „Great Brjtain and the E a s t“, die dem Kolonialamt nahesteht, erhebt die Forderung, daß bei der Lösung des palästinensischen. Problems.in erster Reihe die britischen Reichsinteressen ««d ganz besonders die strategischen Interessen Englands, im Auge behalten werden. Die besondere Lage des Heiligen Landes, insbesondere seine Lage zum Suez- Kanal, kann nie vergessen werden, während man von arabischem Nationalismus oder von jüdischem Nationalismus oder von mohemmedaniseben Riten, von christlichen oder jüdischen Riten spricht. Das Britische Reich sendet nicht aus gefühlsmäßigen Gründen Tausende Mann nach Palästina. Es . gibt zwei augenscheinlich entgegengesetzte ideologische Richtungen. Die eine nagt, daß wir zwar alles tun sollen, um die Freundschaft der längs der Reichsstraße nach dem Osten lebenden : nichtjüdischen Völker zu gewinnen und zu erhalten, daß es aber eine gebieterische Notwendigkeit für uns ist, in Palästina eine Bevölkerung zu haben, die in ihrer Existenz und Sicherheit dauernd vom Britischen Reich abhängt. Eine solche Bevölkerung kann diesen Argumenten gemäß nur von den Juden gestellt werden. Die andere Richtung stellt eine doppelte Behauptung auf: erstens, daß ^arabische Freundschaft und Kooperation mit England eine Bedingung eine qua non für die Aufrechterhaltung des Einflusses und des Prestiges Englands im Osten, und zweitens, daß es zwecklos sei, von den Juden in Palär stina, die aus allen Teilen der Welt zusammengokommon sind, und hauptsächlich aus solchen .Teilen, die England keine Treue schuldig sind, eine solche Freundschaft zu erwarten. Das ist, unverhüllt dargestellt, das Dij 1 e m ra a. Dem Bericht der Kgl. Kommission i sieht fast die ganze Welt mit Spannung entgegen. Wenige Beobachter zweifeln daran, daß im nächsten Jahr die Unruhen wieder ausbrechen werden, wenn nicht treffende Vorschläge gemacht werden. Das englische Volk wird kein unehrliches Spiel dulden. Der Schutz der Ölleitung Jerusalem, 22. November (JTA.). Das transjordanische Parlament hat den Vorschlag auf Bereitstellung von Mitteln zur Verteidigung der Ölleitung der irakischen Petroleum-Gesellschaft abgelehnt. Die Ablehnung wurde damit begründet, daß der transjordao’sche Staat keinerlei Nutzen davon habe, daß ein Teil der Ölleitung durch transjordanteebes Gebiet geh*