Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 588 (20.10.1936)
- Date
- 1936-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 0» STIMMI Nr, 588 — Wien, Dienstag, 20. Oktober 1986 Wollt Ihr ewigen Zank und Streit, Denunziationen und Verleumdungen — dann wählt „Union“! Wollt Ihr aber Frieden, Einigkeit und Arbeit — dann wählt die „Zionistische Liste“! Das Kleine Aktionskomitee Alltag in Erez Israel Von Dr. Egon M. Zweig (Jerusalem). Erbfeindschaft. Als ich honte im Talpiother Bus mit meiner Frau stadt.wärts fuhr, sitzt da nicht amf der Nebenbank ein Araberpaar? Er, den Fez am Kopf, und sie — schon über die Dreißig — nächst, dem Fenster in Fellachen tracht. „Schau!“ stieß ich meine Fra/u an, „das Madonnengeeicht, die strahlenden (Augen!“ Man blickt hinüber, herüber und (lächelt einander, unwillkürlich ah. Da zieht die Schöne den Vorhang über das gegen (Bombenwurf vergitterte Fenster und gibt «ns auf arabisch zu verstehen: „Sonst «schlagen sie uns.“ (sie — die Terroristen.) Meine Frau hakt ein: „Nun, jetzt ist bald «Schluß.“ „Imschallahl“ (Gott gebe es!) ruft «ns die Fellachin noch zu, während wir (anssteigen. Achtung, rotes Quartier! Frühmorgens kommt mein Buib, der Soniderpolizist, vom Patrouillengang heim. Die Nacht hat er in Makor Ohajim verbracht, (dem orthdoxen Vorort Jerusalems nahe am Kwisch nach Bethlehem zu. Ehe er »ich aufs Bett wirft, um nachzuschlafen, plauscht er mit Muttern: „Was Kurioses äst; mir da passiert! Plötzlich stieß ich auf awei Tommies von den Scofcs Guards, die mit aufgepflanztem Bajonett durchs Dunkle .tappen. Mißtrauisch zücken wir unsere Taschenlampen. ,Wo hinaus?* sprach ich sie englisch an. Da tauen auch sie auf. ,Kamen erst vorgestern ins Land und kennen uns nicht aus. Sind war vielleicht schon im Rotem, wo es gefährlich wird?* Dabei entfalten sie einen Sfeadtplan von Jerusalem, wo ich alle arabischen Quartiere rot schnaffiert fand. ,Woher habt Ihr das?* ,Vom .unserem Lager!* ,Nein, da könnt Ihr ruhig sein; das ist jüdisches Quartier!* Sichtlich erleichtert bitten sie noch um ein Streichholz. Gern. Und schon glimmen ihre Friedenspfeifen. ,Good byel* ,Sohaiom!“‘ Gabriel^ der Kochlemann. ■Endlich bat ihn meine Frau wiedergefun- 4en: Gabriel, den Meister im Verkochein. Was das ist? Jeder Palästinenser weiß es. Bevor die Regenzeit anbricht, gilt es an der Westfassade des Hauses die Fugen zwischen den Steinen zu verschmieren, eben mit der wundersamen Köchle. Und Gabriel ist nicht nur Meister darin, sondern ein Ehrenmann zugleich. Hat er mal die Wand mit all ihren Sprüngen und Tücken gemustert und den Preis in Kablanuth, daß heißt per Pausoh als „Unternehmer“ angesagt, nimmt getrost Gift drauf! Denn da dringt kein Joresch und kein Malkosch mehr, nicht Frühnoch Spätregen durch. Zum Aheohiedegruß frag ich das braune Kerlchen nach seinem Wer und Woher. Da sprudel er voll Höflichkeit los: „Ich heiße Gabriel und bin auß Jemen. Vater starb, als ich — ein Siebenmonatkind — zur Welt kam. Großvater nahm mich nach Kairo mit Von dort wanderte ich als junger Bursch nach Erez. Dann versuchte ich mich in New York, aber doch zog es mich ins Heilige Land zurüok. Viel habe ich gelitten, doch hier bleibe ioht Früher sorgte Großvater für mich und nun kann ich es ihm danken. 104 Jahre ist er alt und gottlob gesund, lohe gebe ihm Eier und Milch. Er wieder betet und segnet mich täglich, wenn ich zur Arbeit gehe. Bald hole ich auch die Mutter aus Jemen herüber. Noch lobt der Hüter Israels.“ Stolz sah ich ihm nach. Oh, du unsres Volkes eisenfeste Koohle! Präsident Jabotinsky, der Schöpfer der neuzionistischen Bewegung, wird in seinem Wiener Vortrag sein Programm entwickeln. Es wird gebeten, Karten für diesen Vortrag sich rechtzeitig zu besorgen. Aktion „Rettet die Jugend" Herr Dr. Wolf Sommer eröffnet eine Spendenkette und lädt zu Spenden ein: Hugo Miko las oh; Dr. Alfred Kutten; Josef Karniol; J. Brill; Joeef Tillinger; Alfred Kellner. Dfe „Talmud Thora“, Sprach- und Bibelscbule, HI., Erdbergstraße 15, hat die Kurse für Knaben und Mädchen wieder eröffnet. Beitrag 4 Schilling im Monat. Für Minderbemittelte Ermäßigung oder gänzliche Befreiung vom Schulgelde. Einschreibung täglich von a bla 4 Uhr, Jerusalem, 15. Oktober. Wie schon berichtet, ist am 13. d. das Kleine Aktionskomitee zueammeugetreten. An der Sitzung nahmen 20 von den in Zürich gewählten 29 Mitgliedern teil, Det „De# ReuUosäH0o>" mit David Seidermann und Chana Lerner in den Künstlerspielen Die Praterstraße, gefährlich verwöhnt durch Sevilla Pastor, hat ihre neuen Lieblinge. Die Premiere der Jüdischen Künatlerspiele vom Freitag hat David Seidermann und seinem Ensemble den großen Erfolg gebracht. Es ist nicht leicht, dieses Publikum zu erobern. Es ist skeptisch und gibt keine Vorsohußlorbeeren. Man kann einen Weltnamen haben und gilt in Wien doch erst dann, wenn man in Wien, vor den Wiener Jude©, etwas geleistet hat (das bat sogar Morris Schwarz feststellen müssen). Mit dem zweiten Stück ln Wien arrivieren: Seidermann weiß gar nioht, was für Sensation das ist.., * „Der Radiosänger“ ist aber auch ein Stück, das ebenso für Seidermann wie für Al Jolson geschrieben sein könnte. Der jüdische Künstler hat hier den breitesten Raum, um die ganze große Skala seiner Begabung effektvoll spielen zu LaeBen. Die berrliobsten Lieder stehen ihm für seine einzigartige Gesangskunst zur Verfügung und da« Schauspielerische der Rolle gibt ihm Gelegenheit, auch seine hervorragende dramatische Kunst auszuleben. Seidermann arbeitet mit den einfachsten Mitteln und darum wirkt nt *o eoht, Vorsitzende M. Ussischkin eröffnete die Beratung mit einem Nachruf für Bürgermeister Dizengoff und für die jüdischen Todesopfer der Unruhen. Hierauf referierte der Vorsitzende der Exekutive David Ben Gurion über die politische Lage. auf Initiative der Führer in Palästina; dor Streik sei abgebrochen worden, ohne daß Großbritannien irgend welche Versprechungen gemacht hätte; allerdings sei die Tatsache der Intervention arabischer Herrscher in die Angelegenheiten Palästinas geeignet, einen gefährlichen Präzedenzfall zu schaffen. Ala dringendste der jüdischen Forderungen bezeichnete Ben-Gurion die folgenden: t. Die Entwaffnung der Araber, was ja klare Pflicht der Regierung sei, wenn eine Wiederholung der Unruhen zu einem späteren Zeitpunkt vermieden werden soll; 2. die uneingeschränkte Fortsetzung der Einwanderung. Bin Jcsohlwahbuoher (Seidermann) steht vor der Hochzeit mit der Tochter des Nachbarhauses. Da tauchen in dem ostjüdisohen Idyll Gäste aus Amerika auf. Verwandte der Braut, Onkel und Tante, Cousin und Cousine. Der Cousin verliebt eioh in die Braut. Seine Schwester, ein wenig leichtfertig, leistet ihm Helferdienste, indem eie dem Jesohlwahbuoher den Kopf verdreht. Das Brautpaar wird auseinandergerissen, aber die reiche Amerikanerin hat mit dem armen Buoher nur gespielt, sie denkt nicht an Liebe, sondern an Geld... Zwei Jahre vergehen: aus dem Jesobiwahbuober ist ein berühmter Radiosänger geworden, die reichen Amerikaner hören ihn durch Zufall bei einer Radioübertragumg. Er wird ine Haus geladen. Jetzt kann er Rache nehmen, denn er weist die Liebe der leichtfertigen Amerikanerin zurüok und geht in sein Heimatstädtoheo. Hier kommt es zum Happy end. Die Amerikanerin folgt dem Sänger und jetzt wird sie erhört. (Inzwischen hat es Börsenkrach gegeben und die reichgewordenen amerikanischen Juden sind erledigt.) # Es Ist eine hübsche, abwechslungsreiche Operette. Es kommen die Kunstgenießer, aber es kommen ebenso auch die Lachlustigen auf ihre Kosten. Diese werden namentlich von Frau Lerner vorzüglich bedient, die als amerikanischer Cousin eine Männerrolle spielt. Bei ihr «itzt jede Point« prompt, eie ist aber auoh eine ausgezeichnete Tänzerin und eine Meisterin des Couplets. Seldermanns Partnerin ist die elegante, stimmlich und darstellerisch begabte Frau G o r 1 i t z k a. Frau Lore Glücksmann holt wieder aus einer an und für sich kleinen Rolle Großes heraus. Verdienten Beifall ernten auch Wolf R e i n g 1 a s, B. S i g a 11, Sonja R a h e 1, Bell, Frau Deutsch und S c b o r r. —ei— (mimimmmiitiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiimmiitmiiiiimimiiiiiiimininiiiiiiiimimmiimmmmiiittmii In memoriam Arthur Schnitzler (zum fünften Todestage: 21. X. 1936) Du gingst den Weg, den alle einsam geh'n, Der heim dich holte, schien dir längst ver* hundert, Du sahst, wie keiner, ihn in Taumelstunden Inmitten Spiel und Trug und Lustgestöhn..« Der Masken Urgrund hast du tief durchschaut, Wie keiner, ab ge streift der Dinge Hülle, Und dennoch schworst du zu des Daseins Fülle, Und warst mit seinem Köstlichsten vertraut. In deines Wesens stetig stummer Kraft, Unabgelenkt von Menschen Wahn und Wehe, Stiegst du empor zu Glanz und Meisterhöhe, Im Schaffen, wie Genießen beispielhaft. Der Knabe schon war ganz des Gottes voll, Dein Blondgelock, das unsren frühen Bühnen Voran einst flatterte, gleich Siegesfahnen, Wie könnten wir’s vergessen, Anatolf Zeitlebens hielt die Heimat dich im Bann, Sie wußte dir nicht immer Dank zu sagen, Der ihren Zauber durch die Welt getragen, Vieltreuer Dichter, Weisester und Mannt Nichts hat dein hohes Gleichmaß je geschwächt, Dein brüderliches Herz stand jedem offen, Noch, als dich schwerstes, Bitterstes betroffen, Bliebst du erschlossen, gütig und gerecht. Wo sollen wir nun hin mit unsrer Not? Nie wird dein mildes Lächeln uns mehr grüßen, Dein reiner Sinn das Sein uns nicht mehr süßen, Uns allen ist, als war* ein Vater tot... luiiuiiititiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiimiimmiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiuuiiiiiuunnm Gedächtnisfeier für Oberrabbiner Chajes Anläßlich des 60. Geburtstages des im Jahre 1927 verstorbenen Oberrabbiners Dr. Z. P< Chajes fand unter massenhafter Beteiligung der Wiener Judenschaft eine Gedächtnisfeier statt, bei der Repräsentanten des Präsidiums der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde sowie Vertreter vieler Organisationen erschienen. Der Präsident des Zionistischen Landesverbandes Dr. Grünbaum wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, daß Chajes nach Wien kam, nicht um ein Amt auszuüben, sondern um eine Mission zu erfüllen. Als Politiker, ■war er Verfechter der Völkerbundidee und der Minoritätenrechte, als Kultuxzionist sah er in der Religiosität der Juden verbunden mit dem nationalen Gedanken die einzige Synthese eines neuen Judentums. Oberbaurat Stricker führte aus, Chajes machte den Tempel zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens und begründete die jüdisohe Erziehung der jüdischen Jugend Wiens durch Schaffung eines weiten Netzes jüdischer Schulen und Anstalten. Schließlich erwähnte •Stricker ein bemerkenswertes Detail, das sich auf die Beinerzeitige Audienz Chajes bei Kaiser Karl bezog und bisher unbekannt war. Laut Mitteilung des damaligen Kabinettchefs Kaiser Karls, des Ministerpräsidenten Sei dl er, habe Kaiser Karl naob der Audienz gesagt, er habe zum erstenmal einen solchen Juden gesehen; er hätte gar nicht gewußt, daß es solche Juden gebe. Beh korra Realbüro Ing. M.Mühlbauer Kaul und Verkaul von Realitäten. Hypotheken II. und III. Sätze, Bau- und ZwiKhenkredlte Gebäudeverwaltung Ar Büro i Franz-Josefs-Kal 11 Tel. R-25-0-44 Wohnung i Ik, Vorgartemtr. 150. Ul, R-41-8-88 England hat den Arabern nichts versprochen Der Referent wies darauf hin, daß die ernsten Gefahren, die daß jüdische Volk zu dem Zeitpunkt der Tagung bedrohten, erfolgreich Überstunden worden sind. Die Liquidierung des arabischen Streiks sei vier Ursachen zuzusohreiben, und zwar: 1. der Furcht der Araberführer vor der großen Militärmacht im Lande, 2. der Streiikmüdigkeit der arabischen Massen, 3. dem Druck seitens der arabischen Pflanzer, unter denen sich Mitglieder des Obersten Komitees befanden, 4. der Furcht der Führer vor den Terroristen, die nicht vor der Ermordung dee arabischen Bürgermeisters von Hebron und des Vorsitzenden dos Eaifaer Streikkomitees zurückgeschreckt sind. Die Intervention der arabischen Herrscher erfolgte Weder herrschen noch beherrscht werden Sodann behandelte Ben Gurion die Frage der Königlichen Untersuctoungskomimseion und erklärte, daß der Zionismus nunmehr eine wichtige Rolle im Bewußtsein der britischen Öffentlichkeit spiele; daß britische Publikum nehme an den Angelegenheiten Palästinas rege« Interesse, was als entscheidender Faktor in der britischen Palästinapolifcik gelten müsse. Die Juden müs- Wirtschaftliche Unabhängigkeit Der Redner unterstrich die Notwendigkeit, die vom Jischuw mitten in den Unruhen gewonnenen neuen Positionen und seine wirtechaftliche Unabhängigkeit von den Arabern, deren Sinnbild der Hafen in Tel-Aviv ist, zu währen. Die Araber «eien im Begriff, einen antijüdischen Boykott zu proklamieren; die Juden würden aber nicht mit Gegeniboykott antworten, so wie sie es auch während der Unruhen vermieden hatten, Blutrache zu nehmen. Die Juden verfolgen eine Politik der wirtschaftlichen U n a b h ä n g i gk e i t und der Kooperation mit den Arabern, begründet auf gleichen Rechten; keine Macht ßei jedoch imstande, eie zu zwingen, in die Mördergrube von Jaffa und dem Jaffaer Hafen zurüokzukehren. Der Hafen in Tel-Aviv sei der kostbarste Besitz, 40.000 DEUTSCHE JUDEN haben in Palästina ein neues Heim, neues Leben gefunden Oppenheim ist gegen Palästina sen Mittel und Wege finden, um ihre grundsätzliche Stellung, die von den Kongressen durch die allgemeine Formol „W eder herrschen noch beherrscht werden“ ausgedrückt worden ist, der Welt auseinanderzusetzen. Die Welt und die britische Öffentlichkeit würden diesen Standpunkt begreifen und die gerechten Forderungen der Juden anerkennen. den die Juden gewonnen haben und den sie nicht wieder aufgeben werden. So lange die Araber nicht einem gemeinsamen Hafen fÜT Jaffa und Tel-Aviv zusammen, in dem beide gleiche Rechte genießen sollen, würden die Juden auf einen Sonderhafen für sich bestehen. Die Tagung wunde nach einem Schlußwort des Vorsitzenden der Exekutive der Jewish Agency, David Ben Gurion, der den Rednern antwortete, die in der Debatte gesprochen hatten, vom Vorsitzenden M. M. Ussischkin geschlossen. .Es wurden zwei Kommissäonen eingesetzt, die bis zu der nächsten Tagung des Kleinen Aktionskomitees, die in acht bis zehn Tagen stattflnden soll, den Wortlaut der zu fassenden Resolution ausarbeiten werden.