Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 586 (13.10.1936)
- Date
- 1936-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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9ta!“Stimme V. fi. b. 20 g Nr. 586 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Dienetag, 13. Oktober 1936 « z% Tieehri §697 lo. Jahrgang Die Dolchstoß-Union Mit normalem Verstand und normalem menschlichem Empfinden ist es schwer, zu begreifen, wie es noch immer Juden geben kann, die sich nicht mit Begeisterung und mit dem Einsatz aller ihrer Kräfte fiir das jüdische Palästina einsetzen. Die letzten Jahre hätten doch wirklich jedem Juden endgültig die Augen öffnen müssen, hätten jedem Juden beweisen. können, daß es keinen anderen Weg in die Zukunft gilbt als den, der nach Palästina weist. Aber denen gegenüber, die nur passiv abseits stehen, könnte man immerhin noch die Überlegung geltend machen, daß es schließlich Menschen gibt, denen die Umstellung schwer fällt und die von liebgewordenen Illusionen nicht lassen können, auch wenn sie von Tatsachen längst zerfetzt sind. Ihnen kann man auch Bewährungsfrist zugestehen, an sie muß man immer wieder herantreten, man muß ihnen helfen, daß sie die notwendige innere Umstellung finden. Der Zionismus kämpft um sie und er kämpft mit Erfolg, wie das ständige .Wachsen der Bewegung zeigt. Völlig fassungslos aber steht man den Juden gegenüber, die Palästina, die die Idee der Errichtung eines jüdischen Lahdes aktiv bekämpfen. Josef Kastein hat in einem Wiener Vortrag einmal gesagt, daß die Juden, die nicht aktiv mitmachen wollen, nur . eine Verpflichtung hätten, nämlich respektvoll zu schweigen.! * Die Wiener. Naumann-Juden wollen das nicht verstehen. Sie sollten zumindest einsehen, daß sie die Sache nichts angeht. Sie könnten weiter die Methode der Menschen befolgen, die sagen, daß es regne, wenn man ihnen ins Gesicht spuckt. Das brauchte uns nicht zu kümmern, für uns könnte der enge Klüngel, der das Präsidium der Union deutschösterreichischer Juden darstellt, uninteressant sein. Aber die verlogene und hämische Art, in der sie ihren Kampf gegen die heilige Sache des jüdischen Volkes führen, die Denunziationen, die sie täglich lind stündlich gegen die ausstreuen, die für die jüdische Sache kein Opfer scheuen, zwingen uns doch immer wieder zur Stellungnahme. Was sie tun, kann man nur unter Heranziehung des nach dem Krieg in Deutschland erfundenen Vergleichs vom Dolchstoß richtig charakterisieren. Das Judentum führt in Palästina und um Palästina einen Lebenskampf und sie freuen sich über alle Schwierigkeiten, über alle Rückschläge, die wir zu bekämpfen haben. Und weil sie selbst fühlen, daß Schwierigkeiten und Rückschläge schließlich nur die Wirkung haben können, daß sie unsere Kraft verhundertfachen, müssen sie Lüge auf Lüge häufen. Es würde den Rahmen dieser Zeitung sprengen, wollte man auch nur oberflächlich alles anführen, was sie sich auf diesem Gebiet schon geleistet haben und was sie sich Tag für Tag weiter leisten. Es seien darum nur einige Beispiele für die Methode angeführt, mit der die Leute von der Union kaltblütig einfach Tatsachen umbiegen und verkehren, nur um Palästina und alles, was dort geschieht, herabsetzen zu können. Da hat sieh die „Wahrheit“ einmal von einem Palästinareisenden erzählen lassen, er habe mit einem jüdischen Arbeiter in einer Siedlung gesprochen und der habe ihm gesagt, seine Religion sei die Arbeit. Es läßt sich natürlich überhaupt nicht feststeilen, %b ein jüdischer Arbeiter wirklich so etwas gesagt hat, aber in der Redaktion des Unionblattes hat man natürlich ganz gut gewußt, daß ein solcher Ausspruch eines Arbeiters höchstens dessen eigene Auffassung wiedergeben könnte. Tatsächlich hat man in einem langen Artikel ausoinandergesetzt, dieser Ausspruch beweise, daß der Jischuw eine Gesellschaft unverbesserlicher Gottloser sei. heiligen dürfe, sie führt ihren Lesern nicht das Wesentliche des Eingreifens des Bürgermeisters vor Augen, Sendern sie multipliziert den einen Lümmel einfach mit vierinalhunderttausend und sagt, in Palästina werde der Sabbath entheiligt. Das ist ungefähr so, wie wenn man aus der Bestrafung eines Verbrechers in irgend einem Land nicht die Schlußfolgerung zöge, daß in diesem Land Recht und Gesetz herrsche, sondern umgekehrt dieses Land zu einem Asyl von Mördern und Dieben stempelte.' Und noch ein drittes Beispiel ganz der gleichen Art: Es wurden in Palästina Maßnahmen ergriffen zur Betreuung verlassener Kinder. Die „Wahrheit“ sieht nun nicht, daß man in Palästina — wie doch in allen andern zivilisierten Ländern - — sich . um Kinder kümmert, die kein Heim haben, sondern sie sieht nur das Negative der Angelegenheit, daß es nämlich auch im Palästina — wie in jedem anderen Land — verwahrloste Kinder gibt, und sie tut so, als ob nun Palästina ein ähnliches Problem der verwahrlosten Kinder hätte, wie es seinerzeit etwa in Rußland bestanden hat. Das sind so die „kleinen“ Fälle, mit deren Aufzählung das Blatt den Zweck verfolgt, nach dem Prinzip des steten Tropfens, der den Stein höhlt, den Menschen langsam das Bild eines Sündenbabels vorzulügen, das die Zionisten in Palästina errichtet hätten. * Den Araberaufstand haben sie zu einer Generaloffensive auszunützein versucht. Angesichts der heroischen Haltung der Juden Palästinas haben auch Nichtjuden in der ganzen Welt — diesmal nicht respektvoll geschwiegen, sondern respektvoll gesprochen, sehr laut gesprochen. Der Jischuw hat größten physischen und moralischen Mut bewiesen. Nicht ein einziger Einbruch in eine jüdische Siedlung ist den Banden gelungen. Die Juden in Palästina haben eine grauenvolle. Nervenprobe zu bestehen gehabt. Sie haben sie glänzend bestanden und als die Frage an sie herantrat, ob sie nicht ihren Nerven endlich Ruhe verschaffen und ihr Leben sichern möchten, indem, sie in die Einstellung oder wenigstens in die Ein-1 wortein. Schränkung der Einwanderung willigten', da rief der Jischuw wie aus einem Mund: Nein! Nie! Diese vierhunderttausend Manschen haben nicht einen Augenblick aufgehört, an die sechzehn Millionen zu denken, fiir die Palästina die einzige Hoffnung geworden ist. ■ > Sie, die Herren von der Union, haben sich über jeden Schuß gefreut, der aus einer arabischen Flinte gegen Juden abgegeben wurde, und über jede Bombe, die jüdische Frauen und jüdische Kinder zerriß. „Seht ihr, es geht doch nicht, Palästina ist ein Bluff, die vierhundertbausend Menschen unten sind verloren, es lebe die Assimilation I“ Das war das Echo, das die Schüsse und die Bombenexplosionen in der „Wahrheit“ gefunden haben. * Vierhunderttausend Juden opfern: Auch den Preis hätte man gern gezahlt, nur um Illusionen nicht aufgehen zu müssen. Das ist ungefähr so, wie wenn wir uns gefreut hätten, daß die Assimilation in Deutschland vom Nationalsozialismus eine so fürchterliche und blutige Antwort bekommen hat. Wir sind wie ein Mann abgestanden, um die deutschen Juden aufzunehmen, wir hatten keime andere Sorge, als ihr Lehen und ihre Existenz, wir haben alle Opfer gebracht, um die deutschen Juden vor den Konsequenzen ihrer vergamgenen Irrtiimer zu retten. Aber die Union mißgönnt auch ihnen den einzigen Rettungsweg, der für säe möglich ist. Vier hunderttausend Juden in Palästina und fünf hunderttausend Juden in Deutschland: Der Union ist nichts zu viel. Und wenn die polnischen, die rumänischem und die Juden anderer Länder auch dazu kommen — die Illusion muß bleiben. Das ist kraß, und wenn man will, brutal gesagt. Aber es ist so. Es gibt heute nur die Alternative: Das Judentum’ opfern oder das jüdische Land aufbauem. Die Ereignisse sind brutal und däe Angriffe der Naumännjuden sind brutal. Darum muß man brutal amt- Hutt dec 2ieni&mäs bittet die (jeunMagt fiic eine Samntlung cMee indischen ücafte! Denkt daean an* fS. Hauetnfoec! li/ählt die stianisiiseUe Liste! Zusammenbruch des Araber-Streiks Das deutsche Nachrichtenbüro meldet: j Frieden in Palästina für die Dauer sichern Auni B ey Abdul Ha di, Mitglied, 4^könne, erhob sich Nuri Pascha zu einer Er- Oder: Es fährt irgend ein Lümmel auf seinem Motorrad am Sabbath durch die Straßen von Tel-Aviv. Der Bürgermeister von Tel-Aviv nimmt sofort dagegen Stellung und schafft Abhilfe. Was tut die „Wahrheit“? Sie sagt nicht, daß man in Tel-Aviv nicht ungestraft den Sabbath entarabfechen Streikkomitees und Führer der größten arabischen Palästina-Partei, der großarabischen Unabhängigkeitspartei, hat an den britischen Hohen Kommissar ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: Die palästinensischen Araber bekämpfen nicht die Juden als Juden, sondern den zionistischen Anspruch auf Palästina. Die Araber brechen den Generalstreik betrübten Herzens aus Gehorsam gegen ihre Könige ab. Auni Bey gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die jüdische Einwanderung schnell eingestellt und eine allgeme ine Amnestie erlassen wird. Eiklämngen Nuri Paschas in Genf Genf, 11. Oktober. (JTA.) Im Verlauf der großen Palästina-Debatte in der Sechsten (politischen) Kommission des Völkerbundes gab auch der Vertreter des Völkerbundstaates Irak, der Außenminister Nuri Pascha — bekannt aus Seiner im Namen des Irak-Königs Ghazi unternommenen Vermittlungsaktion in Palästina —, eine Erklärung ab, die von den Mitgliedern der Kommission als sehr gemäßigt und friedlich empfunden wurde. Nachdem der türkische Außenminister Ruschi Aras im Namen der Türkei zum Ausdruck gebracht hatte, daß ein striktes Festhalten der englischen Mandatarmacht an der Balfour-Deklaration den klärung, die fer als die Ansicht nicht nur deö Irak, Sondern auch der übrigen arabischen Staaten deklarierte. Als Vertreter eines Landes, das in Rasse, Sprache und Religion eng an Palästina gebunden ist, sö führte Nuri -Pascha aus, beklage ich tief die jüngsten Unruhen in Palästina und spreche den Glauben aus, daß die vom englischen Kronrat ernannte königliche Kommission, die sich zur Untersuchung der Klagen und Wünsche der verschiedenen Bevölkerungsteile Palästinas in dieses Land begibt, die richtige Lösung finden wird. Wo die jüdische Einwanderung nach den Ländern des Nahen Ostens erwogen wird, müssen gleichzeitig die Rechte der bisherigen Einwohner des Landes wahrgenommen werden. Zum Schluß erklärte Nuri Pascha, er habe Verständnis für den Vorschlag Polens, eine Lösung für das Auswanderungsproblem der polnischen Judenheit zu suchen, und billige diesen Vorschlag. In der Zweiten Kommission des Völkerbundes, in der wirtschaftliche und finanzielle Probleme behandelt werden, schlug die polnische Delegation die Einberufung einer internationalen Emigrations-Konferenz unter der Führung des Internationalen Arbeitsamtes vor. Die Konferenz soll im November zusammentreten.' Die polnische Vertretung glaubt, daß insbesondere die jüdische Endgrationsfrage auf dieser Konferenz auf breiter Basis erörtert werden wird. def Abreise der Kommission in eine nahe Ferne gerückt ißt. r . ..... Araber für Aussprache Weizmann-Nuri Pascha Jerusalem, 11. Oktober. (JTA.) Der Jerusalemer Korrespondent der. „Times“ meldet, daß sich bereits alle arabischen Führer zu der K o n f er e n z am runden Tisch mit den Juden und Engländern geäußert haben. Die Extremisten verlangen, daß die Juden den weiteren Ausbau. ihrer Nätionalheinmt aufgeben und in Palästina eine Minderheit ohne alle Rechte bleiben. Die Mehrheit der arabischen Führer hat jedoch die Ansicht ausgesprochen, daß es vorteilhaft wäre, wenn der Präsident der Jewish Agency, Prof. Chaim W eizmann, mit führenden arabischen Persönlichkeiten aus den arabischen Ländern, wie zum Beispiel mit dem Außenminister des Irak, General Nuri Pascha, verhandeln würde. Sitzung der Königlichen Kommission London, 11. Oktober. (J. T. A.) . Offiziell wird mitgeteilt, daß die zur Untersuchung der Lage in Palästina ernannte königliche Kommission soeben im Hause des Colonial Office ihre erste Sitzung abhielt. Die Sitzung war geheim, ein Communiquö über ihren Verlauf wird nicht ausgegeben werden, , Privat verlautet, daß sich die Mitglieder der, Kommission zunächst mit den Fragen der Prozedur bei der Führung der Untersuchung sowie mit anderen vorbereitenden Maßnahmen befaßt haben; dies im Hinblick darauf, daß im Zusammenhang mit dem erwarteten Abbruch von Streik und Terror in Palästina der Termin Besorgnisse um die Einwanderung Tel-Aviv, 11. Oktober. (J. T. A.) Nach der üblichen Prozedur sollte die Palästina-Regierung schon in wenigen Tagen den Schedule für das Halbjahr Oktober 1936 — März 1937 der Jewish Agency zur Verfügung stellen. Die Exekutive hat bereits ein begründetes Ansuchen unterbreitet, in .welchem darauf hingewiesen wird, daß . es in Palästina, heute kaum 4000 arbeitslose Juden gibt und daß bereits in den letzten Wochen ein Mangel an Arbeitern, besonders in den Kolonien, besteht. Wie die Tageszeitung „Davar“ ausführt, rechnet man in jüdischen Kreisen damit, daß die Regierung wenn auch nicht offiziell, s o doch faktisch die Ausgabe des Sehedule zurückh alten wird. „Davar“ fordert die jüdische Öffentlichkeit auf, mit aller Kraft für die Kontinuität der jüdischen Einwanderung zu kämpfen; Kämpfe am Karmel Jerusalem, 11. Oktober, (JTA.). Auf den Abhängen des Berges Karmel kam es zu einem scharfen Gefecht zwischen englischen Truppen und etwa 200 arabischen Rebellen, die in drei Gruppen geteilt waren. Die Truppen wurden von Aeroplanen unterstützt und bedienten sich auch, schwerer Geschütze. Der Geschützdonner war . deutlich in Haifa hörbar. Die Araber wurden zersprengt. Über die Zahl ihrer Toten liegt noch kein Bericht vor. . Die Röhrenleitung der Irak Petroleum Company wurde in der Nähe von Ganigar erneut beschädigt, das ausströmende öl wurde angozündet. Unter der Beschuldigung der Beschädigung der Röhrenleitung wurden 36 Araber verhaftet, 15 von ihnen wurden unter Anklage gestellt. In den redn arabischen Städten Nazareth im Norden und Gaza im ’ Süden wurden von Terroristen Bomben geschleudert, die aber nur geringen Schaden anrichteten. In der Altstadt von Jerusalem wurden ein Araber und sein Sohn. von Terroristen aus dem Hinterhalt beschossen. Der Sohn wurde getötet, der Vater leicht verletzt. Vor etwa zehn Wochen wurde der Großvater des getöteten Knaben, weil er Boden an Juden angeblich verkauft hat, von Terroristen erschossen. Die jüdische Siedlung N e w e j Jaacob im Jerusalemer Distrikt, sowie die jüdischen