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Die Stimme · 1936-09-16 · Heft 581 (16.9.1936) · page 12

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 581 (16.9.1936)
Date
1936-09-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Ml STIMM! Nr. 681 — Wien, Mittwoch, 16. September l&W Jüdische Ethik und Ethik in der Welt Eine Neujahrsbetrachtung von Dr. Alfred Werner Unsere Festtage sind unsere Kumtwerke. Sie sind unsere Dame und Kathedralen, in ihnen offenbart sich am reinsten, von fremden Einschüben völlig frei, der Geist des Judentums. Alles andere, das niedere Leben nicht mehr als die Flüge des Denkers und des Dichters, ist den Gesetzen der Körperlichkeit untertan: dem Gesetz der Schwerkraft, dem Gesetz der Anziehung und Abstoßung, dem Gesetz der Trägheit.. Alles andere, selbst im Dasein des legalsten Juden, ist unwillkürlich durchdrungen oder 'd<Vüh benetzt vom Geiste des Heidentums, vom Geiste der Welt, die allüberall — Umwelt ist. Es hat einen tieferen Sinn, einen tiefsten Sinn sogar, daß der Jude den Fremden, dem er einen Blick ins Wesentliche des Judentums gewähren soll, zu einem Feiertagsgottesdienst in die Synagoge führt. Vielleicht ist er selbst ein säkularisierter Jude, gar nicht mehr imstande, den Dienst, des Ewigen im Einzelnen zu erfassen — doch die Ahnung sagt ihm, daß sich hier und nirgends sonst auf der Welt Judentum als■ Gegensatz zum Heidentum, Judentum als religiöses Urprinzip aufgespeichert hat. An der Schwelle unseres Festtages — nicht an der Pforte des Gotteshauses — vollzieht sich die scharfe Scheidung zwischen Judentum und Heidentum, in einem weiteren, weitesten Sinne sogar zwischen vNazarenern und HellenenSind nicht viele, wenn nicht die meisten der christlichen .Feiertage aus jüdischen Festen entstanden wie Christentum aus Judentum, christliches -Gebet aus jüdischem Gebet? Noch Augustinus war sich dieser Zusammenhänge bewußt, als er in einer Neujahrspredigt die Abkehr der Kirche von den heidnischen Neujahrsiuetbarkeiten entschieden anssprach. Schon im fünften Jahrhundert seines Bestehens hatte also das Christentum derart viel von seinem jüdir | sehen Erbgut eingebüßt, war es derart paganisiert, heidnisch geworden, daß es der energischen Grenzziehung zwischen Christentum und Heidentum bedurfte. Die Synagoge Ist sich treu, ist sich gleich geblieben. Wie anders ist das jüdische Neujahrsfest, dieser Weltgerichtstag als das heidnische Taumelfest, womit für hunderte von Millionen Erdenbewohnern das neue Jahr beginnt! Der jüdische Mensch, sündig geworden in einem langen Jahr, wird gegen Jahresende und zu Beginn des neuen Jahres umgeknetet, umgeformt, von den Schlacken gereinigt. Es heißt, Mosche rabbenu, unser Lehrer Moses, sei nach seiner Empörung und Verzweiflung über das Goldene Kalb am ersten Tage des letzten Monats wieder auf den Sinai gegangen und erst am Versöhnungstag mit den neuen Tafeln zurückgekehrt. Vierzig Tage war er auf dem Berg, vierzig Tage tat unten das sündige Volk Buße — diese vierzig Tage sind für ewig die Zeit der Einkehr, der Umkehr, der Heimkehr der jüdischen Seele. Das Goldene Kalb! Es ist das Symbol des echten Heidentums, des trotzigen Nicht- Judentums, unter welcher Maske immer es sich verbergen mag. Wer ihm huldigt, darf sich nicht Jude nennen. Wer unter den Heiden sich von ihm abkehrt, ist nicht länger Heide. Und wenn auch nur ein Einziger auf der weiten Erde sich diesem Götzen nicht beugt, dann ist. Judentum in der Welt, dann ist zu hoffen, daß diesereine die Saat der wahren Erkenntnis Gottes dem werdenden Gesohleohte einpflanze. Heidentumist Mammon-Dienst, . Seheinwelt-Dienst. Aber was ist Judentum? Judentum ist Gesetztafel-Dienst. In unserer Neujahrsliturgie scheint mir eine Gebetsstelle den Sinn des Judentums am reinsten wiederzugeben, den Kiern, den unser Judesein umkreist. Im Gebet sprechen wir die Worte: „Gib Ehrfurcht vor Dir, Ewiger, unser Gott, auf all Deine Geschöpfe und Schrekken vor Dir auf alles, was Du geschaffen hast, damit alles Werk Dich fürchte und alles Erschaffene sich vor deinem Angesicht beuge, damit sie alle ein Bund werden, Deinen Willen zu tun von ganzem Herzen, sowie zu erkennen, Ewiger, unser Gott, daß Dein ist die Herrschaft, die Macht in Deiner Hand, die Kraft in Deiner Rechten und Dein Name erhaben über alles, was Du geschaffen... Dann jauchzen die Gerechten, dann schließt das Unrecht seinen Mund und alles Übel muß wie Rauch vergehen; Du tilgst die Herrschaft der Willkür. Was in den unzulänglichen Begriffen Theokratie, UniversaliSmus, Sozialistnus und dergleichen mehr, den Kern vergröbernd und verfälschend, enthalten ist, wird uns erhaben rein aus dieser Gebetstelle kund. Nicht zu einem barmherzigen Gotte — zu Gott dem Gerechten rufen wir. Vor seinen Augen sind alle gleich: arm und reich, einfach und gelehrt, töricht und klug. Jüdisch ist der feste Begriff von der Gerechtigkeit Gottes, einer väterlichen Gerechtigkeit — als „unser Vaterif wird er zuerst im Gebete aügerufen, dann erst als „unser König“, als allmächtiger Herrscher der Welt. Diese tröstliche Verbundenheit mit Gott, die keines Mittlers bedarf, die dem ehrlich Bereuenden Vergebung gewährt — das wt jüdische Ethik und, soweit sie sich anderswo vorfindet, aus dem Jüdischen rezipiert. Aber ein „Dies irae“ (Tag des Zornes) ist unserer Vorstellung fremd, nicht zum jüngsten Gericht ertönen bei uns die Posaunen, alljährlich wird Schofar geblasen, denn — am Roseh-Haschanah wurde die Welt erschaffen: die Sohofartöne sollen jeden erinnern, daß an diesem. Tage Gottes Herrschaft über die Welt begann und daß wir Gottes Knechte sind; der Schofar soll uns „aus dem Schlaf des Jahres wecken“ und uns sagen: Ihr sündigen Menschen, die ihr so tief in die Unlauterkeiten der Welt ver-» strickt seid, besinnt euch endlich/ Im Himmel wird ja schon geprüft, was ihr dies Jahr hindurch getan habt — es ist Zeit zur Umkehr! Der Schofar soll uns die Torah, Gottes Lehre, wieder in den Sinn rufen. Als die Thorah uns einet am Berge'Sinai zuteil wurde, geschah es unter mächtigen Schofarstoßen, und wie unsere Ahnen damals riefen: Wir tun’s, wir hören’sl, so sollen auch wir nun Thora hören und Thora tun. Der Schofar ertönte vor Zeiten als Warnruf im Kampf: so soll er uns nun auch in unseren Kämpfen die Warnrufe unserer Propheten wieder ins Ohr schreien, denn der Feind ist vor der Tür. Der Schofarsehall soll uns das Trompetengesohmetter wieder ins Ohr rufen, mit dem einst Jerusalem erstürmt und unser Heiligtum vernichtet wurde: das Jahrtausendelend unseres Volkes steht in diesen Tönen wieder vor uns auf. An Stelle seines Einzigen, Isaaks, den zu opfern Abraham bereit war, sollte er einen Widder darbringen, das Horn eines Widders ist unser Schofar, und an Abrahams Bereitschalt, sein Liebstes Gott hinzugeben, soll er uns mahnen. Der Schreck vor Gott soll uns mit diesen Tönen in die Glieder fahren und das Herz zerpressen wie im Krieg der furchtbare Trompetenschrei der plötzlichen Attacke. Daß nun das Gericht anhebt über uns, soll uns der Schofar sagen, und daß wir des Messias gewärtig seien, zu dessen Kommen einst der Schofar, „die große Posaune“, ertönen wird. Dann werden die Gräber sich auftun und die Toten auferstehen; an die Auferstehung der Toten mahnt uns der Schofar. (Gaon Saadja, zitiert von L. Hirsch). Ahnt ihr, Völker, nun, was „Teschuwa“ bedeutet, daß nicht leichtfertig. di© verzeih-» liehen Sünden uns vergeben werden? Ein1 neues Jahr — ein neuer jüdischer Mensch wird geboren! Ein neues Jahr — aus gewalktem Teig unseres Wesens entweichen die heidnischen Schlacken. Ein neues Jahr — ein Jahr des Kampfes unserer Tafeln. mit dem goldenen Kalb der Welt! Arbeitender, kümpfender Jiscßnw jTl ' u N«4w vt*. der SveJLuw^ Tauber Arbeit - nadfits auf Watta, Unaufhaltsam 'i- '/& ms

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