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Die Stimme · 1936-09-01 · Heft 577 (1.9.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 577 (1.9.1936)
Date
1936-09-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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*Dt& ^Stimme 20 g X--. Wir meldent Proteste der Juden Europas und Amerikas gegen die Einwanderungssperre Berichte über A.-C.-Sitzung: Palästinas Wirtschaft widerstandsfähig Die Wizo-Tagung in Zürich * Nr. 577 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Dienstag, X« September 1936 14. Elul $696 9. Jahrgang Aus der österreichischen Provinzpresse * Selbständigkeit der jüdischen Jugendorganisationen bleibt gewahrt Vor der Einstellung der Einwanderung Es kann leider kaum mehr einen Zweifel geben: Wir müssen uns auf die Einstellung der jüdischen Einwanderung nach Palästina gefaßt machen. Um diesen Preis stellen die Araber den Terror ein. England zahlt den Preis und es sucht anscheinend nur noch nach jener gewissen Formel, die man immer haben muß, wenn man eindeutige moralische Verpflichtungen geopfert hat und vor der Welt doch als der traditionelle Wahrer der Moral weiter bestehen möchte. Die englische Regierung kündigt ihre Entscheidung für die Mitte der nächsten Woche an. Übereinstimmende Meldungen aus London und Jerusalem besagen jedoch, daß tatsächlich schon alles erledigt ist und die sogenannte Vermittlungsaktion des irakischen Außenministers Nuri Pascha „erfolgreich“ abgeschlossen wurde. Es ist wirklich kühn, hier von einerVermi 111 u ng zu sprechen. Um die Juden hat man sich überhaupt nicht gekümmert, sie hat man beiseite gelassen, als ob sie die Dinge gar nichts angingen. Die Vermittlung zwischen den Arabern und Engländern bestand aber einfach darin,, daß Nuri Pascha sich die Forderungen des Obersten arabischen Komitees von Palästina zu eigen machte und sie durchsetzte. Diese Vermittlung hätte man sich schenken können, man hätte dem Terror, wie es ja schon längst beschlossen war, auch ohne diesen komplizierten Umweg nachgeben können. Welzmann Interveniert in London; Zürich, 31.August. Die Sitzungen des Aktionskomitees, dessen Tagung gerade mit der entscheidenden Zuspitzung der Situation in Palästina zusammenflel, waren selbstverständlich ganz von der Sorge um die Einwanderungsfrage beherrscht. Hier liefen andauernd Informationen über die Entwicklung der Dinge ein. Prädisent Weizmann teilte schon vor Tagen dem Aktionskomitee mit, _ er habe konkrete Mitteilungen aus arabischer Quelle erhalten, wonach der High Gommissioner Wauchope den Arabern ein direktes Versprechen hinsichtlich der Einstellung der jüdischen Einwanderung gegeben habe. Das Aktionskomitee wandte sich darauf direkt mit einer Anfrage nach London. Die Antwort, die umgehend eintra.f, lautete ausweichend. Die gestellte Frage wurde weder bejaht noch verneint. Es wird nur erklärt, daß, falls eine offizielle Ankündigung über die Einstellung der Einwanderung nach Palästina erfolgen sollte, dies nicht vor Mittwoch geschehen werde Weizmann hat das Ende der Tagung des Aktionskomitees nicht abgewartet, sondern ist noch Freitag nach London gereist, um eine letzte Intervention zu versuchen. Das Aktionskomitee hat ohne ihn seine Beratungen fortgesetzt, deren Schwerpunkt unter den gegebenen Umständen auf die politische Kommission verlegt wurde. Inzwischen treffen aber nacheinander aus den verschiedensten Quellen Nachrichten ein, die das drohende Unheil bestätigen. So hat die große englische Nachrichtenagentur „Exch.ange Telegraf“ am Freitag eine Meldung veröffentlicht, wonach Nuri Pascha den arabischen Führern ausdrücklich und offiziell mitgeteilt habe, die Regierung werde die jüdische Einwanderung ein stellen, sobald die Gewalttätigkeiten auf hören. Daraufhin hätten die arabischen Führer beschlossen, eine Proklamation über die Beendigung des Streiks in den nächsten Tagen zu erlassen. „News C h r o n i c 1 e“ wußte gleichfalls zu melden, daß die Einstellung des Streiks bereits am 28. August proklamiert werden solle. Der Oberste arabische Ausschuß habe am Mittwoch nach heftiger Debatte das A ngebot Nuri Paschas angenommen. Die Suspendierung der Einwanderung werde, so fügt das Blatt hinzu, erst nach einer Anstandspause erfolgen, damit eine direkte Vorbindung zwischen dem Aufhören der arabischen Gewalttätigkeiten und der Einstellung der Einwanderung ver-, mieden worde. Reuter meldet Es liegt auch eine Note des offiziösen Reuter-Büros vor, die die jüdischen Befürchtungen bestätigt. Diese Note hat folgenden Wortlaut: „Jerusalem, 28. August. Man erwartet, daß die Araber bis zu Ende dieser Woche i den Streik beenden werden. Diese Nach-! rieht hat in ganz Palästina Erleichterung j hervorgerufen. Die jüdische Presse richtet nichtsdestoweniger an die Adresse der britischen Regierung bittere Vorwürfe, daß sie, wie sie bekanntgibt, wahrscheinlich zur Einstellung der jüdischen Einwanderung auf einige Zeit übergehen wird. Die jüdische Presse sagt, daß Großbritannien in dieser Kampagne vor den arabischen Gewalttätigkeiten kapituliere, obwohl die ursprünglichen britischen Versicherungen in dem Sinne lauteten, daß die jüdischen Interessen keinerlei Verletzung erfahren Die letzte Information, die aus privater Quelle aus Jerusalem eingelangt ist, zeigt, daß die Araber absolut Herren der Situation sind. Diese Information lautet: Jerusalem, 30. August. Nuri Pascha es Said ist aus Transjordanien nach Jerusalem zurückgekehrt. . Nach einem Dinner beim High Gommissioner Sir Arthur W a uc h o p e hat Nuri Pascha am Donnerstag abends in der Wohnung des soeben aus dem Konzentrationslager entlassenen Generalsekretärs des Streikkomitees, Auni Bey Abdul Hadi, eine vertrauliche Unterredung mit dem Großmufti Haj Emin el Husseini, dem Führer der Arabischen Verteidigungspartei, Ragheb Bey Nashashibi, und dem Leiter der Arabischen Bank in Jerusalem. Achmed Hilmi Pascha, abgehalten. Der werden. Die Repräsentanten der Araber haben noch keine Erklärung über die Beendigung des Streiks abgegeben.“ „Erleichterung in Palästina“ — und die bösen Juden richten doch Vorwürfe an die britische Regierung! Man setzt sie durch vier Monate dem ärgsten Terror aus und dann „befreit“ man sio von diesem Terror, indem man ihnen Palästina nimmt:' Die Engländer verstehen nicht, warum die Juden sich dafür nicht noch bedanken. irakische Außenminister soll hierbei den arabischen Führern die vom High Commission er angebotenen letzten und äußersten Zugeständnisse vorgelegt haben. Danach müßten Streik und Gewalttateil vierzehn Tage bevor die j ü d is ch e Einwanderung su spendiert wi-rd, aufhören. Auch individuelle Amnestie für die in den Konzentrationslagern gefangen gehaltenen Agitatoren wird zugesagt. . Demgegenüber bestehen die arabischen Führer Palästinas fest auf Erlassung einer allgemeinen Amnestie und der unter schriftlicher Garantie der arabischen Herrscher gegebenen Zusage, daß die jüdische Einwanderung eingestellt werden wird. Der Jischuw fordert jüdische Einheitsfront Jerusalem, 30. August. Die palästinensischen Juden haben ihre Protestaktion gegen die englischen Maßnahmen mit einem Telegramm an das in Zürich tagende Aktionskomitee eingeleitet, worin die Schaffung einer Einheitsfront aller jüdischen Gruppe n zum Schutze der jüdischen Rechte in Palästina und die kompromißlose Verteidigung des Vollzionismus gefordert wird. Das Telegramm ist unterzeichnet von den Vertretern des Verbandes der Allgemeinen Zionisten Palästinas, des Misrachi, der Judenstaatspartei, des Verbandes in Palästina geborener Kolonistensöhne „Bne Benjamin“, des Handwerkerverbandes, der Vereinigung der Landwirte und des Verbandes der jemenitischen Juden. Es wird verlangt, daß die Revisionisten eingeladen werden, in die Zionistische Organisation zurückzukehren, schließlich soll auch die Agudas Jisroel in die politische Einheitsfront einbezogen werden. Die Judenheit der gesamten Welt soll zur Rettung des Nationalheims mobilisiert werden. Jedes Konipromis wird abgelehnt, denn es müßte sich in der Zukunft katastrophal auswirken. Und nach den Juden die Engländer Jerusalem, 30. August. In der arabischen Presse herrscht großes Frohlocken über die Annahme der Vermittlungsvorschläge von Nuri Said, der jetzt allgemein neben Ihn Saud und Imam Yihia als Autorität anerkannt wird. „Falästin“ bezeichnet die erfolgreiche Vermittlung der arabischen Könige als einen großen Schritt vorwärts zur Errichtung eines einheitlichen arabischen Reiches, von dem Palästina von nun an ein ergänzender Teil sein werde. Nur die Zeitung „A1 - L i w a“ äußert sich zurückhaltend und mahnt zur Vorsicht. Die Araber werden davor gewarnt, den in Umlauf befindlichen Gerüchten allzu viel Glauben zu schenken; man solle vielmehr keine Änderung in der bisherigen Taktik eintreten lassen, um die restlose Erfüllung Sämtlicher arabischen nationalen Forderungen zu erlangen. Die „Palestine Post“ veröffentlicht einen Leitartikel, dessen Verfasser sich mit den Vorschlägen von Nuri Said und den daraus erwachsenden ernsten Folgen beschäftigt. Wenn auch erwartet wird, daß die Araber den ersten Schritt tun, so würde doch die darauf folgende Konzession in Form einer Suspendierung der Einwanderung darauf hinweisen, daß d 1 e Regieru n g d em D ru ck von Banditen und Terroristen völlig nachgibt. Wie der triumphierende Ton der arabischen Presse beweise, glauben die Araber, daß sie nunmehr sowohl die Regierung, als auch die Juden auf die Knie gezwungen haben und daß nach der Suspendierung der Einwanderung das Ende der M an da ts herr schalt kommen wird, so daß sie daun völlig Herren des Landes sind. Die Araber sind noch nicht zufrieden | Jüdisches Volk sieh auf! * Aus Zürich sendet, der Präsident des Zionistischen Landesverbandes, Pr. Oskar Grünfiaum, den folgenden Artikel, der die Galuth in eindringlichen Worten an ihre Pflichten dem dischuw gegenüber mahnt. Dieser Artikel ist gleichzeitig ein beredter Ausdruck der .Stimmung, die unter den Mitgliedern des Akitonskomitees herrscht, denn er ist unmittelbar unter dem Eindruck der. Berichte, entstanden, die über die Lage in-Palästina, in den Sitzungen des Aktionskomitees erstattet worden sind. ' Seit dem 19. 'April toben sich Brandstiftung und organisierter Mord gegen den Jischuw aiis. Vierhunderttausend jüdische Männer und Frauen, Kinder und Greise stehen seit mehr als vier Monaten unter dem konzentrischen arabischen Angriff, der genährt und. gefördert wird durch das Verhalten einer antisemitischen und antizionistischen englischen Bürokratie, und dem ausländische Agitatoren, die mit Geldmitteln nicht sparen, immer neuen Auftrieb geben. Jüdische Männer und Flauen, Kinder und Greise führen einen heroischen Kampf. In den Schützengräben am. Rapde. der Siedlungen, die eingeschlossen sind von 'feindlichen arabischen Dörfern, liegen Nacht für Nacht Männer und halbe Kinder mit dem Gewehr" in Anschlag. Mutige jüdische Frauen stehen auf den Wassertürmen,'Beobachtungsdienst ' leistend wie richtige Soldaten im Krieg. Sie halten in der Nacht Wache und arbeiten bei Tag in der glühenden Sonnenhitze auf den Feldern, die Juden im Jischuw. Das geht so Tag um Tag und Nacht um Nacht, seit mehr als vier Monaten. Es fallen Männer, Frauen und Kinder in diesem Kampf. Schweigend, mit erschütternder Selbstverständlichkeit, treten andere an die Stelle der Gefallenen. Wie benehmen wir, die Juden der Galuth, uns angesichts des. unerhörten Heroismus unserer Brüder in Erez Israel? Jede normale Nation müßte von solchem Heroismus zu höchster Bewunderung und größten Opferleistungen emporgerissen werden, Aber bei uns hat man manchmal den Eindruck, als ob wir nur noch ein Volk von Zeitüngslesem wären, das die Nachrichten aus Erez Israel mit ebenso viel oder ebenso wenig Interesse zur Kenntnis nimmt wie etwa die Nachrichten aus dem spanischen Bürgerkrieg. Es wird schon eintönig und langweilig: wieder ein Toter und wieder einer, wieder soundso viele Verwundete, ©ine Brandstiftung, ein Baumfrevel. Man legt die Zeitung angeödet weg, löscht das Licht aus .und schläft. Schläft ruhig, träumt nicht einmal... Juden' können ruhig schlafen! Sie schämen sich dessen nicht. Sie schämen sich nicht und'sie haben keine Ahnung, was wirklich ist. Sie wissen nicht-, daß dort im Lande große jüdische Geschichte gemacht wird. Sie sehen nicht, daß dort ein neues jüdisches Geschlecht heranwächst, daß die Makkabäer wiedererstanden sind. Warum fühlein wir nicht die heilige Begeisterung, die vierhunderttausend Menschen, gestern noch zerrissen in Parteien, zu eitlem Körper und zu einer Seele gemacht hat? Kann der Jude in der Galuth wirklich nicht mitwachsen an der Größe des Jischuw? Man debattiert und kritisiert mit bitteren Worten die englische Verwaltung. Man kritisiert mit Recht, es ist wahr, denn die Mandata rinn <'kt plant Unrecht-gegen uns. Aber glaubt jemand, daß damit das jüdische Leben im

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