Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 574 (21.8.1936)
- Date
- 1936-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 Oll ItlMMI Nr, 674 «— Wien, Freitag, 21. August 1036 Nach dem Genfer Kongreß Der erste jüdische Weltkongreß hat seine Beratungen beendet. Trotz des Zusammenwirken« verschiedentlicher Gegenströmungen, die sich aus Eifersüchtelei der bisherigen patentierten „Notabein“, aus der Angst der Assimilationsriohtungen und gewolltem Mißverstehen der Agridahkreise zusammensetzten, ist er zustande gekommen. Schon dies war eine wichtige Errungenschaft. Der Kongreß war die erste Veranstaltung dieser Art, und ©r hat die Eierschalen seiner Entstehung npoh zu deutlich an sich getragen. Es gab Mängel in der Anlage und in der Durchführung, Unzulänglichkeiten, die gewiß schon bei der nächsten Tagung werden berücksichtigt werden müssen. Aber im ganzen kann gesagt werden, daß er seine erste Aufgabe, ein volles und übersichtliches Bild der Lage des jüdischen Volkes zu bieten, erfüllt hat, Es mag sein, daß die Referate und die Reden eintönig wirkten — aber es ist nicht die Schuld des Kongresses, daß eben die Verhältnisse so und nicht anders liegen, daß das Leben der jüdischen Volksteile in den einzelnen Ländern heute überall unter einem Druck sich vollzieht, der stärker oder schwächer je nach dem Grad der politischen Opportunität ach auswirkt, in der Absicht aber überall auf das gleiche Ziel gerichtet ist: das Judentum geistig abzuschnüren, wirtschaftlich zu ruinieren und politisch rechtlos zu machen. Dieser Stand der Dinge mußte in den Äußerungen des Kongresses zum Ausdruck kommen und gerade die Eintönigkeit der Darstellungen entsprach der Situation. Wir leben inmitten fast grenzenloser Feindschaft. Der Kongreß hat dies festgestellt. Nicht für uns, denen doch die tägliche Erfahrung das „nichts neues“ kündet; wohl aber für die nichtjüdische Welt. Ihr -wurde der Spiegel vorgehalteu, ihr wurde gesagt, daß jede Volksmehrheit und jedes Mehrheitsvolk seine stärkste Energie nicht in der Erhöhung seiner Arbeitsmöglichkeit, in der organischen, positiv geführten Erweiterung der Wirtschaft entwickelt, sondern in dem Kampf gegen die jüdische Minderheit. Was die große Weltkrise verschuldet hat, deren Ursprung in der durch vier Jahre Krieg begangenen Verschleuderung von unersetzlichen Werten an Menschenleben und Arbeit liegt, was das Mißtrauen der Völker an Unheil stiftet, das ist nach einem starren Gesetz der Gewohnheit einfach „den Juden“ zugeschrieben worden, einem Kliceheebegriff, der in nichts der wahren Lage auch nur im entferntesten entspricht. „Die Juden“ sind bei den nationalistischen, kapitalistisch gerichteten Systemen durch die Bank Bolschewiken, Umstürzler, Räuber und Untermenschen; im sozialistischen Rußland sind die Kapitalisten, Saboteure, Imperialisten. In Wahrheit ist das jüdische Volk genau so konstruiert wie jedes andere, hat Schichten, soziale und wirtschaftliche Unfcergliederungen, religiöse, freisinnige, reaktionäre und progressive Elemente. „Die Juden“ als ganze, einheitlich fühlende oder wirkende Gemeinschaft gibt es nicht. Denkfaulheit, im Verein mit der antijüdischen Suggestion, haben zusammengewirkt, um ein Phantom zu schaffen, das allen Parteien und Systemen als wehrloser Sündenbock zu dienen hat. Und das böse Gewissen des militanten Hasses treibt ihn zu immer neuen Erfindungen und Lügen, die sich so tief in die Phantasie der Massen eingraben, daß schließlich auch die verantwortliche Gesetzgebung vor der Hypnose kapituliert. Man macht den Juden immer wieder ihre durch die historische Entwicklung bedingte soziale Gliederung zum Vorwurf und hält ihnen das Fehlen eines Bauernstandes vor. Da steht auf einem Armenhaus in einer spanischen Stadt; „Dieses Haus hat Jose de Rios gestiftet, nachdem ©t gesorgt hatte, daß es recht viel Arm« in dieser Stadt gibt.“ Man hat den Juden durch lange Jahrhunderte den Besitz von Ackerboden verboten, hat sie der Landwirtschaft entfremdet — und dreht ihnen daraus den Strick, Aber da ist am Ende des 19. Jahrhunderte dte.vzjoniftisohe Organisation entstanden, al© die .unglücklich© Schichtung beseitigen und in gesunder Form durch di© Landwirtschaft ersetzen will. Geschiebe, Tradition und der Wille des jüdischen Volkes weisen uns zur Erreichung dieser Wiedergeburt auf Palästina hin, und was jüdische Arbeit dort geleistet hat, ist in keinem anderen Land seit dem Krieg übertroffen worden. In dieser Tätigkeit ist die jüdische Bevölkerung durch die arabische Erneut© gestört worden. Über 70 Juden sind getötet, Millionenwert© vernichtet worden. Die arabischen Angreifer aber erfreuen sich des hellen Beifalls Europas und di© englischen Verwaltungsbeamten machen aus ihren antijüdischen Instinkten kein Hehl. Sie sind in erster Linie verantwortlich für die Mordbrennereien, sie, die englische Regierung, die ihre Ehre für politische Interessen verkauft, der Völkerbund, der schweigt, und diese ganze verseuchte und verlotterte europäische Öffentlichkeit. Der Weltkongreß hat gegen diese Praxis in den ländern der Diaspora und in Palästina Stellung genommen. Er hat im Namen der ihm angeschlossenen 7 Millionen Menschen erklärt, daß das jüdische Volk diese Behandlung, die eine Schändung der Zivilisation bedeutet, zurückwedst und sie bekämpfen wird. In diesem Entschluß sind alle Juden einig. Wir wissen, daß uns der Tod an den Hals gewünscht wird, und wir werden uns wehren. Das darf niemanden überraschen. Aber der Kongreß hat dies ausgesprochen und das ist gut so. Der Kongreß hat sich eine Leitung gegeben und wenn sie auch nicht vom ganzen jüdischen Volk gewählt ist, so vertritt sie doch die Nation und wird in ihrem Namen sprechen. Ihre Aktion muß sofort und auf allen Punkten beginnen. Wenn sie energisch vorgeht, dann wird in zwei Jahren, beim nächsten Kongreß, das ganze Judentum hinter der Repräsentanz des Kongresses stehen. Die Lügen, die von nationalsozialistischer Seite verbreitet werden, interessieren uns nicht. Sind ©s nicht diese Lügen, so sind es andere. Wir geben unseren Weg. s c h e j o w, wurden erheblich verletzt. Eine Abteilung des Roten Magen David eilte aus Jerusalem der Kolonie m Hilfe. Mit Hilfe des Militärs konnten die jüdischen Hilfspolizisten die Angreifer vertreiben. Die 'drei verletzten Juden wurden in das Hadassa- Hospital in Jerusalem eingeliefert. Der arabische Terror in Liberias dauert unvermindert an. Arabische Trupp® bewarfen die jüdischen Wohnungen in der Altstadt mit Steinen, wobei vier Juden schwer verletzt wurden. In der Nähe der jüdischen Siedlung Beit Wegan bei Jaffa wurde ein Araber erstochen aufgefunden. Der Ausnahmezustand wurde über Liberia« und die benachbarte Allenby-Brücke verhängt. Bei Tiberias wurde ein jüdischer Polizist angeschossen* Ein Araber, der dabei war, in der Tel- Aviver Vorstadt Sohecbumat Brenner eine Bombe zu werfen, wurde vor Ausführung des Attentats durch einen Polizisten erschossen. Jüdische Wächter wehrten in der Nacht einen heftigen Angriff auf die Kolonie Ajelet Haschachar ab. Die Urlaube sistiert Jerusalem, 18. August. Im Hinblick auf die Lage hat die Regierung beschlossen, die bisher an Regierungsbeamte erteilten U rlaubsbewllligungen zurückzuziehen. Beamte, die ihren Urlaub bereits angetreten haben, dürfen das Land nicht verlassen. Die Kommission bereits in Tätigkeit Jeruslaem, 17. August. (JTA.) „Falastin“ meldet, daß die Königliche Kommission bereits arbeitet und telegrphische Anfragen betreffend Palästinaverhältnisse an die Jerusalemer Regierung gerichtet hat. Alle Departements seien mit der Vorbereitung angeforderten Materials beschäftigt. Die Frauen Safeds an Königin Mary Jerusalem, 18. August (JTA.). Die jüdischen Frauen von S a f e d haben unter dem Eindruck des Bombenattentats auf die Familie des Thoraschreibers Unger an Königin Mary von England und an den Kolonienminlster Ormsby Gore Telegramme gerichtet, in denen sie Schutz vor Angriffen auf Kinder verlangen. Pas Begräbnis der Opfer vom i Freitag Haifa, 17. August (Palcor.). Eine nach Zehntausenden zählende Menschenmenge beteiligte sich heute an dem Begräbnis der Opfer des Mordüberfailes am Karmel. Die Särge waren in die zionistischen Farben gehüllt; an der Spitze des Zuges marschierte die jüdische Polizei mit den Hilfspolizisten. In den Grabreden von Rabbi K a n i e 1 und Gemeindevertretern sowie Vertretern der Arbeiterschaft wurden schwere Vorwürfe gegen die Politik der Regierung erhoben, die eine Fortdauer der Ausschreitungen zulasse. Auf ein Sirenensignal sämtlicher im Hafen Hegenden Schiffe legten die jüdischen Hafenarbeiter die Arbeit auf eine halbe Stunde nieder, wodurch auch die arabischen Lastträger gezwungen waren, die Arbeitspause einzubalten. Während des Begräbnisses ruhte in ganz Haifa die Arbeit in jüdischen Betrieben. iiiiiiiitiiiiiiiiniiiiiiiiiifimmmitiiiiiiiiiiiiimiiiiiimmiiiiiitimiiiimmiiiiiimiiimiimiimmiiimiiiii Feiertagsgottesdienst der Sektion Prater. Die zionistische Sektion Prater teilt mit: Wie alljährlich veranstalten wir auoh heuer im Lokale „Zum Marokkaner“ anläßlich der hohen Feiertage ein Minjan. Es ist uns gelungen, den berühmten Chasan David Teig als Vorbeter zu gewinnen, —- Der Beginn des Kartenverkaufes wird noch bekanntgegeben werden. Minjan 4er zionistischen Bezirks* Sektion Leopoldstadt Wie alljährlich veranstaltet die zionistische Bezirks-Sektion Leapeldstadt auoh In diesem Jahre in den Räumen des Hotel Central, II., Taborstraße 8a, anläßlich der hohen Feiertage einen feierlichen Gottesdienst mit Predigt. — Kartenverkauf ab Sonntag, den 80. August 1986, täglich von 10 Uhr vormittags bis 8 Uhr abends. Minjan der hebräischen Schul«« II., Fraterstraße l) Die hebräische Schul* der zionistischen Bezirks-Sektion Leopoldetadt veranstaltet auoh in diesem Jahre anläßlich der hohen Feiertage ein Minjan. — Kartenverkauf beginnt Sonntag, den 30. August 1036, täglich von 4 Uhr nachmittags hi« 10 Uhr abend«. Neuassentierte sollen nicht vergessen, Extrauniformen bei der 70 Jahre bestehenden, ln der ganzen Welt bekannten Unlforraierungeanstalt Rudolf Goldetein, Hteu, 11, Taborstraße 54, au bestellen. 1 Bomben, Meuchelmord, Dumdum i « Jerusalem, 17. August. (JTA.) In Tel-Aviv spielte «Ich am 16. August ein entsetzlicher Vorfall ab. Aus dem Zuge Jaffa—Tel-Aviv —Lydia, der eine der belebtesten Hauptstraßen von Tel-Aviv kreuzt, wurde am Bonntag vormittags, während der Zug die Straße passierte, eine Bombe auf die am Bahnübergang wartende Menge geworfen, die explodierte und eine große Verwüstung anrichtete. Ein jüdisebee Kind wurde getötet, 20 jüdische Einwohner wurden verletzt, 11 von ihnen so schwer, daß sie ins Hadassa-Krankenhaus gebracht werden mußten. Der Täter, der ein Zugspassagier oder ein Eisenbahnangestellter sein muß, wurde bis jetzt nicht ermittelt. Das getötete Kind ist ein achtjähriger Knabe namens David Albaieh. Von den 22 Verwundeten wurden die folgenden neun Schwerverletzten in das Radasea-Hospital gebracht: Jecheskiel Mierachi, 41 Jahre alt, William Fettzweig (42), Jizchak Alton (48), der 19jährige sephardische Jude Jizchak J a m i 1, Meir S o h a m a i (35), Jizchak Katz (23'), Bruno Karkson (33), Sami Russo (22) und WUli Schwarz, 25 Jahre alt. Zum erstenmal nach vier Monaten bluti-j gen arabischen Terrors kam es zu einem i Vergeltungsakt jüdiacherseits. Al«' nach dem Bombenattentat wieder ein Zug durch Tel-Aviv naoh Jaffa fuhr und Araber der Gewohnheit gemäß Steine aus dem Zug auf jüdische Paesanten schleuderten, be warfen Juden den Zug ebenfall« mit Steinen, wodurch zwei arabische Passagiere verletzt wurden. Arabische Agitatoren in Jaffa nützten diesen Umstand aus, um das Gerücht zu verbreitern, es seien in Tei-Aviv Dutzende Araber getötet worden. Ein großer arabischer Mob sammelte sich an, wurde aber von der Polizei mit Knüppeln zerstreut, wobei einige Araber verletzt wurden. Auf dem Markt zwischen Jaffa und Tel-Aviv kam es zu einer Schlägerei zwischen Arabern und Juden, wobei der 40jährige jüdische Arbeiter Schimon Zarafllo verletzt wurde.. Die Führer des Jischuw gaben in einem Telegramm an den High Commiesioner Sir Artur Wauohope ihrer tiefsten Entrüstung darüber Ausdruck, daß die britische Administration nicht durobgreift, um Mördern ihr Handwerk zu legen- Die Regierung wird aufgefordert, endlich der Anarchie im Lande ein Emde zu machen. An der AttentatssteUe in der Herzlstraße versammelte sich eine große jüdische Menge, die erbitterten Protest gegen die Palästina-Regierung erhob, die es unterläßt, gegen Banditen und Kindermörder durohzugredfen. Englische Polizisten zerstreuten die Demonstranten. Vierundsiebzig jüdische Tote London, 18. August. Reuter meldet, daß in »inem Dorfe der Scharon-Ebene ein Jude fon arabischen Plünderern erwürgt vurde. Die palästinensische Presse stellt fest, laß allein in den letzten zwei Tagen zwölf luden durch arabische Anschläge aus dem Hinterhalt geltet wurden, und daß die Zahl der jtt« liscben Todesopfer seit Beginn der Unruhen >ereits 70 beträgt. Der aus Deutschland ringewanderte!5jäbrlge jüdische Elektrotechniker Julius Vagscbal wurde auf dem Wege von rel-Aviv naoh Sarafend, wohin er zur Ausührung einer Reparatur an der elektrischen Anlage der MlUtärgarnlson gerufen wurde, ,us dem Hinterhalt von Arabern i r s c h o 8 8 e n. Er ist der 70. jüdische Tote ler Unruhen. Das aus einem fahrenden Zug auf einen belebten Punkt von Tel-Aviv verübte Bombenattentat bat unter der Judenheit ungeheure Erregung ausgelöst. In der Nähe von Jaffa wurde auf einen Autobus ein FeuerttberfaU verübt, wobei rin englischer Soldat verletzt und der Jüdische Chauffeur getötet wurde, Er ist der 71. jüdische Tote. Restaurant Billet vn Bestrcnommlerte Küche uw Reichhaltige Menüs 4 S V90 u.ft'60 ll.,Hammerpurgstallgasse 3 (nächst SaiztorbrQtke) Drei Mldchen erschossen Jerusalem, 18. August. (JTA.) Der 7. August war wiederum ein Tag der 'rauer für die Palästina-Judenbeit: drei unge jüdische Mädchen wurden on Arabern aus dem Hinterhalt erchossen, womit die Zahl der jüdischen Toten eit Beginn der Unruhen auf 74 gestiegen Ist. Die beiden jungen jüdischen Kranken* flegerinnen N a tiaF ink und N e ohama , e a e k, dl© im Regierungskrankenhau« von affa Dienst zu tun pflegten, wurden am [ontag abend«, als eie sich zum Nachtdienst ©gaben, unmittelbar vor dem Eingang zum Krankenhaus aus dem Hinterhalt angegossen. Natia Fink war sofort tot, während Neohama Zedek kurz nach dem Liischlag starb. Die Erbitterung in jüdischen Kreisen über diesen Doppelmeuchelmord ist m so tiefer, als die beiden jungen Kranenpflegeriwnen sich freiwillig zu dem sehr ohweren Pflegerinnendienst am Kranken* au« in Jaffa, wonurAraberundfaet eine Juden gepflegt werden, emeldet hatten. Bei der dritten jüdischen Toten des Tages handelt es «loh um die 28jäbrige Ohaja Freund, die bei einem arabischen Feuerüberfall auf die jüdische Kolonie Hakowesch getötet wurde. Ci9in dl« Kranken Die arabische Presse hatte in der letzten Zelt vielfach gegen das jüdische Personal im Regierungsspital in Jaffa gehetzt. Die Regierung war erst kürzlioh vom Maad Leumi gebeten worden, die Verantwortlichkeit für die Sicherheit der jüdischen Patienten und Schwestern in diesem Spital zu übernehmen. Auoh hatte der amtierende Bürgermeister von Tel- Aviv, Rokaoh, der Regierung die Überführung des jüdischen Personals naoh dem Tel-Ariver Spital nahegelegt. Einen stundenlangen schweren Feuerüberfall verübte ein arabischer Twpp auf die Kolonie Kirjat Anawim bei Jerusalem: drei Juden, nämlich Jizchak Landsberg, Nahum Genschowitz und Gerecbon Ma-