Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-08-04 · Heft 569 (4.8.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 569 (4.8.1936)
Date
1936-08-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054325--6059-3061866
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Nr. 569 — Wien, Dienstag, 4. August 1936 DIB STIMM! Sette 3 Die Olympia-Demonstration Der schöne Gedanke, das olympische Feuer von Griechenland durch junge Menschen üibor Borge, Täler und Grenzen tragen zu lassen als Symbol der Zusammengehörigkeit aller Menschen und der Verbrüderung der Nationen — dieser Gedanke ißt von den Wiener Nationalsozialisten zu einer häßlichen Kundgebung gegen Österreich mißbraucht worden. Sie haben zu erkennen gegeben, wie sie das Juli-Abkommen zwischen Deutschland und Österreich verstehen. Man kann nicht sagen, daß sie aus dem Rahmen ihrer Parfccicrziohung und ihrer — nennen wir das so — Grundsätze herausgetreten sind. Selbstverständlich hat, die Beziehung auf die Juden den vornehmsten Platz eingenommen, und es war nicht wenig, was ma.n da zu hören bekam. Von „Juda verrecke!“ bis zu eingeschilagenen Fensterscheiben und frechen Beleidigungen der im Festzug marschierenden jüdischen Sportlerinnen war alles geboten, was so zur nationalsozialistischen Taktik gehört, was ihren einzigen Inhalt bedeutet, und was den denkbar stärksten Gegensatz darsfcellt zu der Idee des olympischen Lichtes. Die Szenen, die sich an diesem Mittwochabend hier ereignet haben, sind, von Tausenden von Zeugen mitangesehen und mitangehört worden. Die Sioherheitsbehörde nahm Verhaftungen vor und noch in der Nacht ließ die Regierung amtlich erklären, daß sie die administrative Amnestie eingestellt bat. Trotzdem wurde durch die offizielle deutsche Nachrichtenstelle und durch den deutschen Rundfunk das folgende verlautbart: „Während der Feierlichkeiten anläßlich des Eintreffens des olympischen Feuers in Wien und nach der Feier kam es in verschiedenen Gegenden Wiens zu Demonstrationen, die schließlich in einigen Fällen die Polizei zum Einschreiben zwangen. Die Demonstrationen trugen typisch marxistischen Charakter. Zur Tarnung wurden von den Anführern der Demonstration, die schon nach ihrem Aussehen jüdisch-marxistischen Kreisen angehören dürften, auch nationalsozialistische Kampfrufe ausgestoßen.“ In dieser Darstellung erblickten manche Kreiße das Bestreben der offiziellen Stellen, von den Demonstrationen abzurücken. Das mag zutreffen, jedenfalls aber bedeutet die Verbreitung dieser Meldung den Versuch, die „jüdisch-marxistischen Kreise“ zur Zeit der olympischen Weltspiele vor aller Öffentlichkeit zu belasten, obzwar kein vernünftiger Mensch verstehen könnte, welchen Sinn eine jüdische Demonstration gegen ein Werk der internationalen Solidarität haben könnte. Tatsächlich folgte denn auch der falschen Nachricht die amtliche Wiener Verlautbarung von der Verhaftung des Nationalsozialisten Sohattenfroh und 40 seiner Kompatrioten. Und es folgte weiter der imposante Appell der Vaterländischen Front, bei welchem der Staatssekretär Zamatto die Sctbulidfrage in der eindeutigsten Form beantwortete. Lucie Goldners tapferer Brief Lucie G o 1 d n e r, die dritte Hakoah- Schwiimmariin, die wegen ihrer Weigerung, in Berlin zu starten, für zwei Jahre disqualifiziert wunde, hiatto ihre Ablehnung mit folgendem Schreiben begründet: „Ich erfahre soeben von Seiten des Schwimmklubs Hakoah, daß ich in die 4XJ00-Meter-Kraulstaffel zur Olympiade 1936 nach Berlin delegiert wurde. Der besonderen Ehre dieser Delegierung mir bewußt, würde ich mich glücklich schätzen, für mein heißgeliebtes österreichisches Vaterland auf der Olympiade antreten zu dürfen. Nach reiflicher Überlegung und Beratung mit meinen Eltern ist es mir jedoch aus rein ideellen und seelischen Gründen unmöglich, dermalen nach Deutschland, zu gehen, ich muß Sie daher bitten, von meiner Teilnahme an dieser Olympiade abzuschen. Ich möchte noch meine unbedingte Bereitschaft, jederzeit für Österreich anzutreten, betonen; das entspricht nicht nur meiner Auffassung, sondern auch der Erziehung durch meine n K lu b. Ich glaube nur, daß man gerade dadurch dem Namen ,Österreicher' Ehre macht, wenn man aufrecht und furchtlos für seine Überzeugung zum Guten eintritt. indem ich Sic bitte, meinen Beweggründen Würdigung und, Verständnis entgegenzubringen, empfehle ich mich mit sportlicher Hoc har: h ti in <j.“ Dieses Schreibe» wurde mit der Dis qualif4«s4^irijuiig tH&amtw out eit, Sie wissen, was EJ&re ist üm Die jüdischen Schwimmerinnen Judith Deutsch, Ruth Langer und Lucie G oldner, die sich geweigert haben, in Berlin zu starten und darum für zwei Jahre gesperrt wurden. <?<&. V*' / < </(• : . V* -<•* ' mm mm Slightly killed Von M. Y. Ben Gavriel Jerusalem, Ende Juli. Es dürfte heute wohl kaum eine Stadt in der Welt geben, in der nicht alltäglich Filme aufgeführt werden, ausgenommen Jerusalem, „die Mitte der Welt“. Diese Tatsache — seit rund drei Monaten sind die Cinemas in Jerusalem geschlossen, da der Ausnahmszustand das Betreten der Straßen nach 7 Uhr abends verbietet —, diese Tatsache ist das typische Symtom für den Kriegszustand, an dem man sich nun schon so gewöhnt hat, daß er eigentlich nur den wenigen Fremden auffällt, die es wagen, die Reise von Ael-Aviv oder von Haifa nach der Metropole zu unternehmen. * Das Leben Jerusalems drängt sich in den paar Stunden von 8 Uhr früh bis 7 Uhr abends zusammen. Täglich geschieht in diesen Stunden dasselbe: man stürzt des Morgens auf die Zeitungen, man stürzt um 2 Uhr zum Radio, um den offiziellen Kriegsbericht zu hören, schnappt da und dort Gerüchte auf und nimmt es als selbstverständlich hin, daß jeden Augenblick militärische BeobaehtungsfUoger über der. Stadt kreisen. Seihst die Abfahrt der Autobusse nach Tel-Aviv und nach Haifa hat an Interesse verloren, wiewohl sie nicht weniger kriegerisch von sich geht als etwa die Züge der ersten Pioniere im Westen Amerikas. Man fährt die kurze Strecke nach Tel-Aviv, die man in den legendären „normalen Zeiten“ etwa so fuhr, wie man in irgend einer Stadt der Welt in der Trambahn fährt, heute mit mehr als gemischten Gefühlen. Man weiß, daß man in diesen anderthalb Stunden mit allem, im wahrsten Sinne des Wortos mit allem rechnen muß. Das primitive und in allen zivilisierten Ländern selbstverständliche Gefühl der Sicherheit ist restlos verschwunden. Es ist sonderbar: gerade dio umfangreichen ßdcherheitsvorkehrungen, die die Regierung für jeden der aus drei, vier Autobussen bestehenden Konvois trifft, erhöhen das Gefühl der Unsicherheit, weil sie drastisch vor Augen führen, daß wir uns mitten im Krieg, und zwar in einem den Spielregeln geordneter Kriege nicht unterliegenden Bürgerkrieg befinden. Vorn ein Auto mit Militär und einem „Lewiis-Gun“, in der Mitte eines mit Maschinengewehr und hinten, auf einem Lastauto aufmontiert, ein kleines Schnollfouergeschütz und oft auch noch ein Tank und der Radiowagen, nicht zu vergessen, sehr häufig auch der Rote-Kreuz-Wageu der Bedeckungstruppe. Das sind Dinge, die im allgemeinen das Gefühl der Unsicherheit nehmen müßten, wenn, nun wenn die Komitatechis nicht in unsichtbaren Höhlen säßen. Man sagt sich nicht mit Unrecht: Was helfen alle Kanonen der Welt und alle Maschinengewehre, wenn vom Augenblick, da dio ersten Schüsse auf don Konvoi abgegeben worden, bis zu dem Augenblick, da man aus dein Auto gekrochon und sich im Straßengraben plafcfcgolegt hat und dio Maschinengewehre zu spielen beginnen, man hundertmal erschossen worden kann. Schließlich ist es auch nicht jedermanns Sache, stundenlang im Straßengraben zu liegen, wenn ununterbrochen die Geschosse von zwei Seiten über einen hinwegpfeifen. Daß bei all dieser Schießerei auf den Landstraßen Palästinas in den letzten Monaten relativ so wenig geschehen ist, ist eines der großen Wunder, deren dieses Land noch heute voll ist. Das in den Berichten über die großen Kämpfe zwischen Militär und Banden im Norden des Landes beinahe täglich mit monotoner UngJaubwürdigkeit berichtete „One soldier was slightly woundet“ (ein Soldat wurde leicht verwundet) hat der trotz der Schwere der Tage ungemein aktive Volkswitz in ein „One soldier was slightly killed“ (ein Soldat wurde leicht getötet) umgewandelt. Es ist dies eine tragische Parodie auf die Geschehnisse dieser Tage, die infolge des aus diesen und jenen Gründen bestehenden Unvermögens des Militärs, den blutigen Spuk endlich zu beenden, ins Endlose sich hinzuziehen scheinen. Die Banden, die die Autos und die Siedlungen überfallen, die allabendlichen Beschießungen der Vororte von Jerusalem, die Bomben und die Unmöglichkeit, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen oder ohne Hinterlassung eines Testaments in die Alte Stadt zu gehen — dies alles ist uns alltäglich geworden, wie ntir irgend etwas, das seit altersher zum täglichen Leben gehört. Wenn man heute den Ausnahmezustand aufhebt, ein großer Teil der Menschen von Jerusalem wüßte mit der plötzlichen Freiheit im ersten Augenblick nichts anzufangen. Man hat sieh eben, wie es bei uns heißt, restlos „zigewehnt“. Und noch eines iisfc auffallend in Jerusalem: nichts kann mehr, was immer in der Stadt oder im Land geschieht, Verwunderung erregen. Es geschah in den letzten Monaten zu viel Erstaunliches. Im Quartier Keren Avraham wird am bedichten Tag ein Mann angeschossen, 130 Menschen melden sich an einem Tag mit Vergiftungen, die Banden rekrutieren in aller Öffentlichkeit in den Dörfern oder legen auf die reichen Araber von Haifa eine Kontribution von 2000 Pfund — all dies hat an Sensationswert verloren. Man nimmt es zur Kenntnis und sagt sich, das dies alles eben zu unserem täglichen Leben gehört. Wenn es aber eines Tages im offiziellen Bericht hieße: Der Mörder wurde verhaftet, wahrlich, das würde Verwunderung erregen und Gesprächsstoff geben für Tage. Die Kinos in Jerusalem sind geschlossen, im Cafe Europa und im Vienna werden um halb sieben dio Stühle auf die Tische gestellt und die Gäste beginnen nach Hause zu traben, um die Nacht nicht auf dem Polizoiquartior verbringen zu müssen. Militär- und Polizeiautos sausen in die Außenbezirko — und anderthalb Stunden von hier liegt Tel-Aviv, wo um diese Zelt erst das richtige Loben des Tages beginnt. Aber zwischen hier und dort liegt das Gcbirgo Judali mit seinen Bandennosteru, zwischen hier und dort liegt eine ganze Welt eines heimtückisch goführten Krieges, und wer wieder einmal ins Kino gehen will, muß die Möglichkeit auf sich nehmen, passiver Teilnehmer eines Feuergefechtes zu sein. Das aber ist nicht jedermanns Sache. Zur Olympiade gezwungen Warschau, 31. Juli. (JTA.) Mit der polnischen Olympiade-Mannschaft reiste _ aus Warschau nach Berlin auch der jüdische Boxmeister Szepsel R o t h o 1 z, Mitglied des jüdischen Arb eite rsporbkltubs „Stern“. Der Klub hat seinen Mitgliedern verboten, nach Berlin zu gehen, allein Rotholz, der jetzt seinen Militärdienst absolviert, mußte sich dem Befehl, nach Berlin zu gelien, unterwerfen. Bei der Verabschiedung von seinen Freunden hatte er Tränen in den Augen. Auch während der Olympiade... Berlin, 31. Juli. (JTA.) Nach Meldung der ^Thüringer Tageszeitung“ in Hildburghausen führte Julius Streicher in einer Kundgebung in Arnstadt u. a. aus: „Für viele Volksgenossen und auch Parteigenossen ist das Chaos der anderen Nationen noch immer ein ungelöstes Rätsel. Wer die Rassenfrage kennt, kennt auch den Schlüssel' zur Weltgeschichte, und der weiß, daß in Spanien und Frankreich ebenso wie in Sowjetrußland Alljuda seine Hand im Spiele hat. Der Jude lebt vom Unglück der anderen, und das Unglück unter den Völkern wird nicht eher aus der Welt kommen, bis der Jude in der ganzen Welt zu Boden geschlagen ist. Seine feste Überzeugung sei, so führte Julius Streicher mit Nachdruck aus, daß die Völker sich bald zusammenfinden werden in einem Bund der Nationen, um das jüdische Volk vor ein Hochgericht zu bringen.“ Der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, I., Kohlmessergasse 4, Telephon Nr. U 27-0-65, übermittelt uns nachstehenden Aufeuf In der notbedrängten und stürmischen Zeit ist die jüdische schulentlassene Jugend der rauhen Wirklichkeit der Stellensuche nicht gewachsen. Allzubald muß sie erfahren, daß die Schule des Lebens ernster als das Leben der Schule ist. Die jüdische Jugend will nicht mehr in Fehlberufe hineingedrängt werden und sucht handwerkliche Lehrstellen bei Mechanikern, Elektrotechnikern, Schneidern, Buchdruckern, Bäckern, Friseuren, Gärtnern usw. Dieses Bestreben entspricht den eigenen Interessen und auch denen der Allgemeinheit. Leider müssen die jüdischen Kinder derzeit die überall für sie bestehende Aussperrung wahrnehmen... Und doch muß es vermieden werden, daß die jüdischen Jugendlichen ohne Berufsbildung heranwaohsen, denn Arbeitslosigkeit bedeutet für die Jugend Ausfall der Erziehung durch Arbeit und führt zu sozialer Verwahrlosung und sittlicher Gefährdung. Müssen jüdische Kinder auf der gefährlichen Asphaltstraße für immer Zaungäste des Lebens bleiben? Verantwortungsbewußte jüdische Unter-* nohmer, bleibet nicht hart und gleichgültig, vergesset nicht der schulentlassenen jüdischen Kinder, helfet uns, unsere Jugendlichen beruflich umzuschichten und ihre Kräfte und Fähigkeiten auszubilden! Fordert daher handwerkliche Lehrlinge beim obangeführten Verein an!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.