Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 566 (24.7.1936)
- Date
- 1936-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr« 566 Wien, Freitag, 24. Juli 1936 5* Aw 5696 9* Jahrgang!Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Wettkampf gegen Weltterror Der Danziger Senat tat die Verfassumg suspendiert und Ausnahms Verfügungen erlassen, die den Zustand der Totalität schaffen. Unter diesen Anordnungen befindet sich aiucih ein Schlicht verbot. Die Verfassung ißt vom Völkerbund garantiert, und an ihrer Befolgung ißt seinerzeit der Oberkommissär eingesetzt worden. Die Danziger Regierung verkehrt nidit mit ihm. Sie brüskiert dien Völkerbund und seinen Vertreter. Der Gauleiter Förster hat in einer Vonsamimjking niitgeteilt, daß der Reichskanzler allen Sohlütten ansthnme. Dais soll besagen, daß es sieh um eine im Zug des nationalsozialistischen Programms liegende Aktion Jia.nde.lt, die sich gemäß der intcrniationailen Lage entwickelt. Der Völkerbund, der trotz seiner nach dem Abessihieokonfliikt eingietretenen Lähmung noch immer Kraift genug zum Schutze seiner Bürgschaft besäße, trifft keine Anstalten. Es ist eine bequeme Formel ausgeklügelt worden: Das Danziger Statut ist im Interesse Polens erlassen worden, also hätte Polen die Sorge, über die Einhaltung der Verfassung zu wachen. Polen nun, das trotz der so oft betonten Selbständigkeit am Berliner Gängelband hängt., wird lediglich sein wirtschaftliches Interesse wahrnehmen und äm übrigen den Senat schalten und walten lassen: Der Völkerbund hat es hiiugeinommen, daß Polen die Bestimmungen zum Schutz der Minderheiten offiziell negiert hat, und so muß er ihm auch jetzt freie Hand lassen. Damit.finden sich der Völkerbund, . der Völkerbundrat und der Ratspräaiident Eden ab. Die französische Regierung kann ihre Bedenken nicht unterdrücken. Aber sie kann über den platonischen Ausdruck ihres Mißvergnügens nicht, äniniaius; England verhindert dies, und Polen äst ja der Verbündete Frankreichs. Und so ist ans einem dicht verflochtenen System von Egoismen und Heucheleien wieder die Grundlage für ein nationalsozialistisches Attentat auf eine jüdische Gemeinschaft entstanden. Die paar Juden im Danzig, die politisch überhaupt nicht in die Waagschale fallen, dürfen ihr Fleisch nicht so essen, wie ihnen das ihre Religion gebietet. Und das ist doch nur ein Anfang. Sie werden so wie im Saarland der GleichschaLtungsmaisohine und dem nationalsozialistischem Terror preiisgegeben, und er beginnt — dies äst das Charaktemiistikum der neudeutschen Zivilisation —, mit einem Akt gegen die Gewissensfreiheit und das persönlichste Recht, das in keiner Weise mit deutscher Art und Sitte kollidiert. Es bedeutet uns wenig, daß der Danziger Senat damit auch ein Präjudiz für irgend eine deutsche Minderheit gesetzt hat. Er geht gegen eine jüdische Institution vor, er glaubt, dies bei der Zerrissenheit Europas wagen zu können und er zieht nicht in Betracht, daß sich einmal die Haltung Polens ändern könnte. Vielleicht marschieren morgen polnische Truppen in Danzig ein — Deutschland wird sie im gegebenem Moment nicht hindern — und dann raiag alles, was die jetzigen Maehthaiber gegen die Opposition vonschreiben, gegen sie angewendet werden. Einstweilen freilich tobt sich diese Art Kultur gegen die Juden aus. Der Antisemitismus exzediert, weil er bei dem Kampf gegen die Juden, die in verschwindender Minderheit sind und keino Waffen führen, nichts riskiert, ln Polen sind dio Mörder von Przytyk freigesprochen worden. In Deutschland kommt ein Jndenmörder nicht einmal vor ein Gericht. Ändern würde sich das Verhältnis, wenn es ein autonomes Land mit jüdischer Mehrheit und jüdischer Macht gäbe. Aber das ist eine Frage von langer Sicht. Sie könnte kürzer worden, wenn das jüdische Volk in dieser Grundan schaumig einig wäre und all sein Hab' und Gutj seine ORBIS billige Reisen nach POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „O R B I S“ I Oesterreich. Verkehrs - Büro I., Kärntnerstraße 41, R-21-5-78 | I., Frledrlchstr. 7, B-27-600, I., Graben 20, u-29-0-35 Geschlossene jüdische Front für Palästina London, 21. Juli. (JTA.) Im Board of Deputies hielt der Vorsitzende der Palästina-Kommission, Dr. Israel Feldman, eine Ansprache, in der er erklärte, die englische Judenheit, die stolz sei über die vom Jischuw bewiesene Selbstbeherrschung und Disziplin, solle den Juden Palästinas eine Botschaft der Ermutigung senden. Die Judenheit bilde heute eine geschlossene Front für Palästina, indem sie an dem wesentlichsten Punkt festhält, daß die Juden nach Palästina kraft eines Re c h t s kommen. Die Judenheit, die in den letzten fünfzehn Jahren das Äußerste beim Aufbau eines Jüdischen Nationalheims geleistet hat, beabsichtige, ihren Teil an dem Völkerbundmandat auch weiterhin in vollem Umfange durchzuführen und vertraue darauf, daß die englische Regierung, die das Mandat dem Wortlaut und dem Geiste nach akzeptierte, den Juden der Welt wie bisher helfen werde, Palästina dem Wortlaut und Geist des Mandats entsprechend zu entwickeln. „Wir glauben“, erklärte Dr. Feldman, „daß freie ungehinderte Einwanderung von Juden nach Palästina, begrenzt nur durch die wirtschaftliche Aufnahmefähigkeit des Landes, dem Wortlaut und Geist des Mandats entspricht. Wir hoffen zuversichtlich, daß die englische Regierung sich ebensowenig wie die Juden und der Jischuw von Terrorismus, Raub und Mord »schrecken lassen wird.“ AN SONNTAGEN »FRANCOPOL«- SONDERFAHRTEN nach Poln. Verkehrsbüro »Francopol«, III., Schwarzenberzplatz 7 Tel. U 16-4-90 IMfal««!* am i..it »CedOk«,!., Kämtnerstraße 32, Tel. R 23-4-88 fluCnSIß ADiUflltt Z6* JUII Gerngroß, VII., Mariahilferstraße 42, Tel. B 38-2-68 Die Vorgänge in Danzig Danzig, 20. Juli. (JTA.) Der Danziger Senat hat am 18. Juli eine Entscheidung getroffen, durch die die Opposition für vogelfrei erklärt wird. Verfassungsmäßige Garantien für die Opposition wurden aufgehoben, die Tätigkeit von Vereinen und Organisationen wurde eingeschränkt, die Kompetenzen der Geheimen Polizei wurden erweitert. Punkt 4 der Verordnung lautet: Die rituelle Schlachtung wird verboten. Durch diese neue Wendung hat sich auch die Lage der Juden in Danzig noch tragischer gestaltet. Es hat ganz den Anschein, daß sich der Senatspräsident Greiser hinsichtlich der Behandlung der Juden des Freistaates keine Rücksichten mehr aufzuerlegen gesonnen sei, jedenfalls bedeutet das Schächtverbot mehr ais die anderen neuesten Maßnahmen des Senats einen Bruch der in der Danziger Verfassung garantierten religiösen und Gewissensfreiheit. Die vor einigen Tagen erfolgte Verhaftung des Redakteurs der einzigen Danziger jüdischen Zeitung „Danziger Echo“, Walter HORAUF, MEIN KIND, UND DEINE MUTTER WIRD DICH SEGNEN! DIE HEILUNG VON DER HASARD- LEIDENSCHAFT DURCH EIN BUCH PREIS S 2'9 2 IN ALLEN BUCHHANDLUNGEN VERLAG ZUR WAHRUNG DER MENSCHEN¬ WÜRDE, WIEN, OBERE DONAUSTR. 79/7 Kaufmann, gibt Grund zu weiteren Besorgnissen hinsichtlich der Intentionen des Senats gegenüber den Juden. Das „Danziger Echo“ hat sich mit der allgemeinen Politik des Senats nicht befaßt, sondern nahm lediglich die Interessen der Juden auf Grund der Verfassung wahr. Jeden Sonntag billige Ferien-Sonderfahrten mit der Czernowitzer Allgemeinen Zeitung nach PolenCzernowltz Abfahrten: 26. Juli, 2. August Anmeldungen ausschließlich Reisebüro „Marienbracke**, 1. RotenturmstraBe 26 Telephon R 24-2-86/87 Die Auffassung in Genf Genf, 20. Juli (JTA.). In Völkerbundkreisen hält man die Verfügungen des Danziger Senats tür eine gewaltsame Aufhebung der Verfassung der Freden Stadt Danzig und für eine Verletzung der Artikel 100 bis 108 des Versailler Friede ns v er träges, durch die das Danziger Regime untor die Garantie des Völkerbundes gestellt wird. (Art. 103 lautet: Die Verfassung der Freien Stadt Danzig wird im Einvernehmen mit dem Hohen Kommissar des Völkerbundes durch die gehörig eingesetzten Vertreter der Freien Stadt Danzig ausgearbeitot und vom Völkerbund garantiert werden.) Man hält es für den Zweck der Maßnahme des Senats, das Recht der Petition an den Völkerbund zu unterdrücken und die Aufgabe des Hohen Kommissars vollständig zunichte zu machen. Das Goneralsekretariat des Völkerbundes erwartet den Bericht des Hohen Kommissars L emateriello und moralische Kraft an dieses Ziel setzen wunde. Einstweilen ist es zersplittert und von innen heraus durch die altororbtio bürgerliche Assimilation und durch den kommunistischen Hochverrat daran gehindert, sich zur Durchsetzung der Rechte auf Palästina zusammenzusohließen. Dieser Zustand wirkt, auf unsere ganze Lage zurück. Einerseits ermutigt er den antisemitischen Pöbel aller Länder, anderseits gilbt er den Faktoren dies Völkerbundes den Vorwand, sieh um ihre Pflicht zu drücken. Der kommende jiidischo Weltkongreß wird seine Hauptaufgabe in diesem Problem erkennen müssen. Es kommt weniger auf die Darstellung der Verhältnisse im einzelnen an, als auf die Errichtung einer tatkräftigen und entschlossenen Führung, die, auf den Willen des Volkes gestützt, das handelnde und fordernde Organ der Nation ist und als solches sich Gehör und Respekt schafft. Perlen-! reisen «ach POLEN billigst und bequem: nächste Abfahrt 26. Juli. Rückfahrt 1. September usw. Auskünfte erteilt Dr. S. T o e k c r I Anmeld, im Reisebüro „In die Well“ (W. N. Renner), 1IX., Llechtensteinstr. 2 (beim Schottcnring), Tel. A14-604 Ster, turn dann mit dem britischen Außenminister Eden, als dem Vorsitzenden des Völkerbundrates, in Verbindung zu treten'*, eventuell soll der Rat zur Erwägung der Lage in Danzig einberufen werden. In Paris und in Warschau begegnen die Maßnahmen des Danziger Senats, scharfer Kritik und Ablöhnung. Das Comite des Delegations Juives interveniert Paris, 20. Juli (JTA.). Das Präsidium des Comite des Delegations Juives (Dr. Stephen S. Wise und Dr. Nahrum Goldmann) hat sich telegraphisch an den britischen Außenminister Anthony Eden als Vorsitzenden des Völkerbundrates gewandt und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß durch die in Danzig erfolgt© Verfassungsänderung die Rechte der Juden verletzt wurden. Der Völkerbundrat wird ferner auf die den Danziger Juden auch weiterhin drohenden Gefahren aufmerksam gemacht. A.-C.-Sitzung am 25. August Das Zionistische Landeskomitee für Österreich wurde heute telegraphisch verständigt, daß die Sitzung des Aktionskomitees nun endgültig für den 25* August einberufen ist. Sie findet in Zürich statt. Die österreichischen Delegierten zum Weltkongreß Das vorbereitende Komitee für den jüdischen Weltkongreß, das von den nachfolgenden Gruppen beschickt wurde: Binjan Haarez, Bund Jüdischer Frontsoldaten Österreichs, Jüdischer Hochschulausschuß, Misraohi, Landesverband für Österreich, Verband der Judenstaafcszionisten Österreichs, Verband radikaler Zionisten, Zionistischer Landesverband für Österreich, hat einstimmig beschlossen, von Wahlen Abstandzu nehmen und einigte sich auf eine, gemeinsame Liste.; Die österreichische Delegation zum jüdischen Weltkongreß in Genf setzt sich zusammen aus den Delegierten: Josef Frankel (Jüdischer Hochschulausschuß), Dr. Moritz Harnik (Zionistischer Landesverband), Doktor Josef Rosner (Misrachi), Dr. Saul Sokal (Binjan Haarez), Diplom. Kaufmann Ernst Stiaßny (B. J. F.), Oberbanrat Ing. Robert Stricker (Verband der Judenstaatszionisten Österreichs), Dr. Israel Waldmann (Verband radikaler Zionisten), und den Ersatzdelegierten: Oskar Buria (B. J. F.), Dr. Rudolf Glanz (Binjan Haarez), Theodor Grubner (Verband der Jndenstaatszionisten Österreichs), Dr. Otto Lifczis (Zionistischer Landesverband), Jakob Landau (Jüdischer Hochsohulausschuß), Dr. Schalom Lilienfeld (Misrachi), Dr. Julius Mannheim (Verband radikaler Zionisten), Dr. Sral Osterer (Verband radikaler Zionisten), Dr. Ing. F. Pickholz (Zionistischer Landesverband), Alexander Teich (Jüdischer Hochschulausschuß), Dr. Arthur Weitzmann (B. J. F.). Internationale Sozialkonferenz gegen Deutschland London, 20. Juli. (JTA.) In der Dritten Internationalen Konferenz für Sozialanbeifc wurde wiederholt betont, daß soziale Arbeit nicht vereinbart werden könne mit unterschiedlicher Behandlung auf Grund von Rasse und Religion, Der Vorsitzende der Kommission für das Arbeitslosigkeitsprohleni, Dr. Max Lazard- Frankreioh, kündigte gelegentlich einer Zusammenfassung der erstatteten Berichte an, daß ihm ein Dokument über die Grundsätze sozialer Arbeit zur Einfügung in den Kommissionsbericht übergeben wurde, in dem die heilige Unantastbarkeit der Einzelpersönliohkeit und die Verantwortung der Allgemeinheit für das Wohl des einzelnen neuerlich bekräftigt wird. ln diasem in den Bericht eingeschlossenen Dokument wird weiter ausgeführt: „Entsprechend diesem Grundsatz bejahen wir die Pflicht der organisierten sozialen Arbeit, Not zu lindern, wo immer sie angetroffen wird, ohne Diskriminierung auf Grund von Rasse, Glaube oder Farbe... Wir glauben, daß jedermann der Hüter seines Binders in dem Sinne ist, daß jeder von uns die Verantwortung dafür trägt, daß das organisierte gesellschaftliche Leben im Inte resse der obenerwähnten elementaren menschlichen Rechte und Werte angemessen funktioniert.“