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Die Stimme · 1936-07-17 · Heft 564 (17.7.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 564 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr« 564 Wien, Freitag, 17« Juli 1936 37« Tamipe 5696 9. Jahrgang * ■ \Stimme JÜDISCHE ZEITUNG ORBIS POLEN Abfahrt: Jeden Sonntag Anmeldungen: Poln. Reisebüro „O R B I S“ I Oesterreich. Verkehrs - Büro l.f Kärntnerstraße 41, R-21-5-78 | I., Frledrlchstr. 7, B-27-500, I., Graben 20, 0-29-0-35 Einheit und Entschlossenheit In der Rundfunkrede, mit welcher der Österreichische Bundeskanzler am 11. Juli das neue Abkommen mit Deutschland bekanntgab, hat er dessen innenpolitische Auswirkung deutlich abgegrenzt. Er sagte: „An den Voraussetzungen für die Teilnahme an der politischen Willemsbildung hat sich nichts geändert. Die Grundlage ist und bleibt die Maiverfassung 1934, somit, das Bekenntnis zum freien Österreich. Das alleinige'- und ausschließliche politische Tätigkeitsfeld für alle Österreicher bleibt die Vaterländische Front, die ohne Rücksicht auf rechts oder links für alle Österreicher, geschaffen wurde, die bereit sind, sich zu Österreich zu bekennen.“ Diese Worbe sind an die Adresse der bisher abseits stehenden Bevölkerimgsteile gerichtet gewesen, die zu einer positiven Stellungnahme veranlaßt werden sollen. Sie sollen aber auch die Besorgnisse jener zerstreuen, die ihr Bekenntnis zu Österreich als. eine naturgegebene Verpflichtung aufgefaßit haben, für die sie keine .Belohnung verlangen, anderseits aber auch nicht, zurückgesetzt zu werden wünschen! Es besteht die Besorgnis, daß die neuen Abmachungen durch ihre psychologische Wirkung eine Entwicklung einleiten, in der die ■— wie sich Oberst Adam ausdrückte — anders gerichteten Theorien und Meinungen die Dominante werden. Es ist gerade, kein Geheimnis, daß diese Anschauungen — abgesehen vo.n gewissen katholischen Kreisen — vor allem innerhalb der Judenschaft bestehen und es ist für jedermann ohne weiteres verständlich, daß die Judenschaft diesen Theorien und Meinungen keine Sympathien entgegenbringen kann. Sie hat das volle Recht dazu und sie muß ihre Abneigung aussprechen. Es ist unnötig, sowohl für das jüdische Wie auch für das nichtjüdische Publikum nochmals darzustellen, welche Erfahrungen das Judentum Deutschlands mit den anders gerichteten Theorien und Meinungen gemacht hat. Es muß es jedermann verstehen und billigen, mit welchen Empfindungen wir das Schicksal dieser halben Million Gepeitschter ansehen, die unter einem System stehen, das nicht mir die Juden, sondern auch die übergroße Mehrheit der Katholiken und sogar der Protestanten ablehnen, wenngleich sie nicht die Möglichkeit haben, ihre Meinung in politischer Form zu äußern. Es ist auch bekannt, daß dieses System seinen Judenhaß und seine Methoden über die Grenzen Deutschlands hinauszutragen trachtet und daß es damit überall, wo die Wirtschaftskrise Unzufriedene erzeugt hat, gewisse Erfolge erzielt hat, die sich in einer verstärkten Feindschaft gegen die Juden äußern. Es ist weiters bekannt, daß die Influenz dieser neuen Geistigkeit in besonderer Intensität auf das angrenzende Österreich erstreckt hat und auch hier dieselben Geleise hat vorzeichpen wollen, wie sie im Dritten Reich seit dem Jänner 1933 befahren werden. Wenn es nun dazugekommen ist, daß Österreich, dieser Zentralpunkt feiner geistiger Kultur, mit dem Dritten Reich ein Freundschaftsabkommen absohläeßan mußte, so zwingt uns dies zur schärfsten Aufmerksamkeit und zur öffentlichen Betonung unseres Standpunktes. Der Bundeskanzler hat die Verfassung als die Grundlage der politischen Willensbildung bezeichnet und er hat weiter das Festhalten an der Völkerbundidee betont Die Verfassung appelliert an jeden Bürger und fordert von ihm die Arbeit am Ganzen. Die Völkerbundidee wendet sich an die in Staaten zusammengefaßte Gesamtheit der Bürger und will ihre Arbeit an der Menschheit. In keiner Hinsicht entziehen sich die Juden diesen Pflichten; sie sind — und ihre Geschichte lehrt es auf jedem Blatt — das Volk der Treue, die sie in Krieg und Frieden bewährt haben. Nicht nur für Deutschland sind sic gefallen, „wie das Gesetz es befahl“, nicht nur an Deutschlands Gedeihen haben sie mitgearbeitet. In der hohen und selbstlosen Auffassung von Bürgertum und Weltbürgertum haben sich die Juden von niemandem übertreffen lassen und ihre Leistung auf dem Gebiete des Welt- und Völkerverbindens ist feststehend. Sie verlangen dafür nichts, als daß sie ungestört an ihrer inneren Umschichtung arbeiten können, die durch nie •großen Verschiebungen der Nachkriegszeit zu einer immer dringlicheren Not- Pfrten- POIFN reisen nach billigst and bequem-, nächste Abfahrt 26. Juli. Rückfahrt 1. September usw. Auskünfte erteilt Dr. S. Toeker Anmeld, im Reisebüro „In die Welt“ (W. N. Renner), IX., Llschtensteinttr. 2 (beim Schottenring), Tel. A14-504 wendigkeit» geworden ist. Diese Umschichtung, deren politisches und kulturelles Instrument die zionistische Bewegung ist, muß in der Galuth und in Palästina geschehen und sic erfordert unsere ganze politische Kraft. Daneben aber haben wir unsere innere Organisation, unser Gemeinde wesen, unsere Armenpflege, Kiuderfürsorge, unsere religiösen Institutionen zu erhalten. Wir sind gewillt, die Judenfrage, so wie wii-r sie sehen, von uns aus zu lösen, ohne hiebei auf jene Autonomie und staatliche Förderung zu verzichten, auf die wir als anerkannte Religionsgemeinschaft gemäß den Bestimmungen der Verfassung ebenso Anspruch haben wie auf den aus unserer verfassungsgemäßigen Gleichberchtigung fließenden Anspruch auf faktische Gleichstellung auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Aber wir müssen darauf bestehen, daß wir gleichberechtigte Bürger bleiben, wir müssen auf dem Boden unseres Rechtes stehen, gemäß der Verfassung und der Völkerbundidee. Es sind neue Momente aufgetaucht, die wir nicht übersehen dürfen. Wir brauchen jeden. Die innere Einheit und Geschlossenheit muß erzielt werden, alle, die das jüdische Volkstum bejahen und in dem Willen zu seiner Erhaltung, und zu seinem Recht überemstimmen, müssen sich zu einer festen, nationalbewußten Einheit verbinden. Es ist keine Zeit mehr für Assimdlantentum. Wir müssen zu uns selbst zurückkehren, zu dem Judentum, das die Zeiten überdauert hat -und sieh selbst treu gebliebenist. ‘ Makkabi und Olympiade Zeitungsnachrichten zufolge sollte ein Makkabi-Team aus Palästina demnächst die Reise zu den Olympischen Spielen nach Berlin antreten. „Die Stiipme“ hat jedoch auf eine telegraphische Anfrage aus Palästina die Nachricht erhalten, daß kein Mitglied des Makkabi nach Berlin fährt. Augenscheinlich handelte es .sich um eine zu dem Zweck lancierte Nachricht, um in den Kreisen der jüdischen Sportler Verwirrung zu schaffen. Die Disquaüfizierung der Schwimmerin Judith Deutsch hat in der ganzen Welt nachhaltiges Aufsehen erregt. Zahlreiche Zeitungsartikel sowie Telegramme und Zuschriften versichern Judith Deutsch der Anerkennung und Sympathie. HÖR’AUF, MEIN KIND, UND DEINE MUTTER WIRD DICH SEGNEN! DIE HEILUNG VON DER HASARD- LEIDENSCHAFT DURCH EIN BUCH PREIS S 2'92 IN ALLEN BUCHHANDLUNGEN VERLAS ZUR WAHRUNG DER MENSCHEN¬ WÜRDE, WIEN, OBERE DONAUSTR. 79/7 Olympiade-Besucher sollen mit Juden nicht in Kontakt treten Berlin, 14. Juli (JTA.). Jüdische Institutionen in Deutschland erhielten von der Gestapo die Weisung, keinerlei Kontakt mit ausländischen Besuchern, die etwa die Judenfrage zu studieren wünschen sollten, zu unterhalten. Solche Besucher, die sich in dieser Sache an Juden wenden, sind an die Gestapo zu verweisen. Anderseits hat das Propagandaministerium die Führerschaften angewiesen, die amerikanischen und anderen ausländischen Besucher in die speziellen jüdischen Cafös am Kurftirstendamm zu führen, um ihnen zu zeigen, daß die Juden sich frei bewegen dürfen. In Wirklichkeit werden diese Cafes hauptsächlich von ausländischen, nicht aber von deutschen Juden besucht. Unter den mehreren tausend Amerikanern, die bereits zur Olympiade in Berlin eingetroffen sind, befinden sich keine Juden. Aus . New York wird aber gemeldet, daß zwei amerikanische Juden, Sam Stoll aus Michigan und Marty Glickman aus Syracuse, bei der Olympiade, und zwar im 400-Meter-Stafetteulauf, starten werden. * Sifc POLEN and Czernowitz Poln. Verkehrsbüro »Francopol«, III., Schwarzenbergplatz 7 Tel. U 16-4-90 tix«i<«t« H1«(mm Baall »Ccdok«, I., Kämtnerstraße 32, Tel. R 23-4-88 NflCnSlß ADuHirt: Z6. JUll Gerngroß, VII., Mariahilferstraße 42, Tel. B 38-2-68 Einwatid$ningssperre dementiert i . , i Wie schon kurz gemeldet, wird in London autoritativ erklärt, daß die vom „Daily. Herald“ veröffentlichte Meldung aus Jerusalem, die jüdische Einwanderung sollet bereits in den nächsten Tagen bis zum Abschluß; der Arbeiten der königlichen Untersuchungskommission eingestellt werden, jeder Begr ündung entbehrt. Ein solcher Beschluß sei nicht gefaßt worden. Auch seitens der Zionistischen Exekutive in London wird erklärt, daß die „Daily Herald“-Meldung mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt. „Manchester Guardian“ schreibt zu der Äußerung der Regierung: „Es wird wohl bestritten, daß die Regierung einen solchen Beschluß gefaßt hat, aber man wird wünschen, mehr Gewißheit, als man sie tatsächlich hat, darüber zu besitzen, daß keine Möglichkeit vorhanden ist, daß die Regierung in , naher Zukunft einen solchen Beschluß faßt. Es-gibt nämlich einige einflußreiche Leute, die eine Einstellung der Einwanderung, wenigstens für die Gegenwart, billigen würden, und die es bestreiten, daß ein solcher Schritt dem wahren Geiste des Mandates widersprechen würde. Was aber auch diese Herren unmöglich leugnen können, ist, daß eine Einstellung der Einwanderung eine Konzession an die arabische Gewalt wäre. Hat nicht ‘ Täglich jüdische Todesopfer Jerusalem, 13. Juli (JTA.). Eine unter Bewachung von Haifa nach Tel-Aviv fahrende Autokolonne, die aus zwei jüdischen Autobussen und mehreren mit Truppen besetzten Lastwagen bestand, wurde zwischen Dir el Shark und Nur el Schemesch von einer bewaffneten Araberbande überfallen. Einer der ersten Schüsse traf den Chauffeur deß an der Spitze der Kolonne fahrenden Autos. Er verlor die Herrschaft über seinen Wagen, der einen Abhang hinunterrollte und umstürzte. Durch den umstürzenden Wagen wurde der Arbeiter Hirsch Ber, der aus Rußland eingewandert war, getötet. Der aus Deutschland eingewanderte 30 jährige Max Garmien wurde schwer verwundet. Hirsch Ber, von Beruf Brunnengräber, ist der 43. jüdische Tote seit Beginn der Unruhen. Reuter teilt mit, daß am 12. Juli in einer Straße von Jerusalem ein reicher jüdischer Kaufmann erschossen wurde. Der Meldung wird hinzugefügt, daß am Sonntag die Gesamtlage etwas ruhiger war. Am selben Tag wurde ein jüdischer Telephonist von einem englischen Soldaten erschossen. Es soll sich aber um einen Unglücksfall handeln, indem der Revolver des Soldaten sich zufällig entladen habe. Der Erschossene ist der 31jährige Adam LI p k i n, der auf der Bahnstation von Lydda beschäftigt war, Lipkln, ein gebürtiger Palästinenser, ist der erst am 19. Juni Minister Ormsby-Gore in einer starken und klugen Rede im Unterhaus erklärt, daß die britische Regierung entschlossen sei, eine faire Balance zwischen Arabern und Juden zu. halten, aber auch entschlossen sei, vor Gewalt und Drohung nicht zu weichen, auch wenn dies die Anwendung harter Maßnahmen erfordern sollte. Herr Ormsby-Gore“, schließt „Manchester Guardian“, „hat bisher im Colonial Office sehr gute Arbeit getan; es ist undenkbar, daß er nach den traurigen Präzedenzfällen von Sir Samuel H o a r e und Eden eine weitere Auslieferung an die Gewalt vollzieht. Dennoch ist es unsere Sorge, daß, wie so oft bei dieser Regierung, eben das Undenkbare geschieht. 44. jüdische Tote. Er hinterläßt Frau und Kinder. Der britische Soldat, der behauptet, daß sich die zwei Kugeln, durch die Lipkin getroffen wurde, versehentlich entluden, wurde verhaftet. Bei dem getöteten Jerusalemer jüdischen Kaufmann handelt es sich um den angesehenen Kaufmann Isaac Cohen, der hei einer Schießerei am hellen Tage von zwei Kugeln getroffen und lebensgefährlich verletzt ins Hospital gebracht wurde, wo er bald seinen Verletzungen erlag Die Schießerei ereignete sich in der Jerusalemer Neustadt in der Mamillah-Straße. Cohen erhielt die tödlichen Kugeln, als er vor seinem Laden stand, der wenige Schritte von der Polizeistation entfernt ist. Die arabischen Schützen entkamen. Am 12. Juli wurde der jüdische Polizist Dov Deitler in der Nähe von Moza durch Schüsse verletzt und in das Jerusalemer Hadassa-Hospital gebracht. Die jüdischen Wächter eines Weinberges in Sichron Jaakob wurden aus dem Hinterhalt beschossen, einer wurde schwer verletzt in das Hadassa- Hospital in Haifa eingeliefert. Zwischen Tel-Aviv und Jaffa wurde eine jüdische Ventilfabrik niedergebrannt Vier Bomben wurden in Jaffa geworfen, ohne Schaden anzurichten. In Tiberias wurden zwei Araber wegen Bombenwurfs verhaftet. (Weitere Palästina-Nachrichten im Innern des Blattes.)

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