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Die Stimme · 1936-06-23 · Heft 558 (23.6.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 558 (23.6.1936)
Date
1936-06-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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9k ^Stimme V. to. t>. 20 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 558 Wien, Dienstag, 83. Juni 1936 3. 1‘amus 5696 9* Jahrgang An Sonntagen JfFfanCOpOl,,'5onderfahrten nach Poldl und Czernowitz Nächste Abf.: 27. Juni abends; Riickf.: 7. Juli 1936 Poln. Verkehr8büro „Francopo!" III., Schwarzenbergplatz 7, Tel. U 16-4-90. „Öedok", 1., Kärntnerstraße 32, R 23-4-88. Gerngroß, VII., Mariahilferstraße 42, B 38-2-68 Ormsby Gore hat die lange angekündigten „grundsätzlichen Erklärungen“ über Palästina im Unterhaus vorgetragen. Seine Ausführungen sind ein bedenkliches Zeichen der Ratlosigkeit, mit der die Regierung dem Problem gegenübersteht. Sie macht ihre Entschlüsse über die Handhabung des Mandates von der Expertise der Untersuchungskommission abhängig; die Kommission, sagt der Minister, wird aber nicht früher abgehen, als die Ruhe im Lande wieder hergestellt ist; die Araberführer hätten selbst eingestanden, daß sie die Herrschaft über die Verhältnisse verloren haben; es gebe also gegenwärtig niemanden, mit dem man verhandeln könne. Die Situation liegt demnach so, daß die von den Eifendis und dem Mufti unter freundlichem Nichtsehen der Regierung aufgepäppelten Bandenführer das Gesetz des Handelns bestimmen. Wenn sie genug Bäume zerstört und Felder verbrannt haben werden, wenn ihnen infolge der Grenzsperre Munition und Bomben ausgehen sollten, dann werden sie England gestatten, die Kommission zu schicken. Vielleicht wird sich dann finden, daß die Araberführer wieder Autorität besitzen, solange sie dies für wünschenswert erachten. Sollten sie mit der Kommission unzufrieden sein, nun, dann geht die Sache wieder an die arabischen Triarier. Das Spiel, das diesmal geglückt ist, kann jederzeit wieder aufgenommen werden. Denn die britische Regierung — sagt der Minister — wird sich durch Gewaltakte nicht „übermäßig beunruhigen“ lassen. Sie hält die Fiktion vom Bürgerkrieg aufrecht, obzwar sie es mit dem Aufruhr einiger Banden zu tun hat, und sie will beweisen, daß sie gegenüber beiden Parteien gerecht vorgeht. Die Gerechtigkeit besteht darin, daß die Juden, die sich verteidigen, ebenso eingesperrt und angeklagt werden wie die arabischen Hetzer und Mordbrenner. Immerhin enthält aber die Rede Ormsby Gores auch zwei positive Momente: Er anerkennt die lobenswerte Zurückhaltung der Juden gegenüber schwerster Provokation und er erklärt, daß die Ruhe in den Nachbarländern Palästinas nicht gestört worden ist. Die Juden halten weiter daran fest, daß sie lediglich Angriffe abzuwehren haben, daß sie aber nicht die Versäumnisse der Mandatsverwaltung wettzumachen haben. Sie durchschauen den Plan, die Juden durch Provokationen in eine unüberbrückbare Feindschaft aller Araber hineinzutreiben und zu einer Aktion zu vorlocken, die bei dem gegenwärtigen Kräfteverhältnis zu unabsehbaren Konsequenzen führen müßte. Die Juden bleiben auf dem Boden der Gesetzlichkeit und des geordneten Rechtes und keine nordische List wird sie zu einer anderen Haltung veranlassen. Denn sie stehen einer auf Palästina beschränkten Aufstandsbewegung gegenüber, die rings um Palästina keine politische Unterstützung gefunden hat, weil sie durch den Streik vor allem die nrabisdK» Wirf sehn ft verwüstet und durch ihre Praxis die politischen Forderungen der Araber kompromittiert. Schon hat Ormsby Gore selbst* feststellen müssen, daß der von Weizmann vorgelegte Vertrag mit König Faisal echt ist, so daß also kein arabischer Staat von der Solidarität Gebrauch machen kann. Die britische Regierung — erklärte der Minister — sucht eine Lösung, die ihren zwei grundlegenden Verpflichtungen entspricht, daß nämlich das jüdische Nationalheim entsteht und daß nichts geschieht, was die Rechte der Araber in Palästina und die Rechte der Juden in der Diaspora beeinträchtigt. Das ist die alte und falsche Formel vom „Gleichgewicht der Kräfte“. Sie ist fasch. Vor allen Verpflichtungen steht die Pflicht Englands, uns bei der Errichtung unseres Nationalheims zu unterstützen. In den Tagen der Unruhen hätte die britische Regierung aber vor allem die grundlegende Verpflichtung, die Ruhe herzustellen. Dann aber müßte sie erwägen, daß durch die jüdische Siedlung kein einziges Recht der Araber in Frage gestellt worden ist. Die Liebe der englischen Verwaltung gilt immer und in rührendem Ausmaß den arabischen Effendis. Hingegen widmet sie den Juden, aus deren Fleiß sie Millionenüberschüsse ansammelt, ohne eine zureichende und zuverlässige Sicherheitsmacht zu unterhalten, lediglich kalte Gerechtigkeit, im Liliomschen Sinne. Den dritten Teil der Balfour-Deklaration, *der die Stellung der Juden in ihren heutigen Wohnländern betrifft, hat England an Hitler abgetreten und es trifft sich interessant, daß im „Völkischen Beobachter“ vor einigen Tagen ausgeführt wurde, auch die arabische Frage falle in den Bereich der neuen deutschen Politik ... Eine Koalition von Feinden, Neidern, »IRUT« Unsere beliebten Ferienreisen nach Polen». Czernowitz beginnen am 28. Juni und 5» Juli» Aufenthalt beliebig bis inklusive September. Wir bitten um Ihre Teilnahme. Reisebüro »IRUT«, Karlspialz 1 (Reiseleiter: Rosenkranz) — Telephon U 44-5-79 POLEI FerlenjFfilscn »ach billigst und bequem: nächste Abfahrt 27. Juni und 5. Juli. Rückfahrt 7. Juli usw. Auskünfte erteilt I»r. S. Tocker Anmetd. im Reisebüro „Im die Well“ (W. N. Renner), IX., Liechtensteinstr. 2 (beim Schottenring), Tel. A 14-o04 Mißgünstigen und Verständnislosen versucht es, sich zwischen uns und unser Ziel zu schieben. Das jüdische Volk, das durch Jahrtausende jeder eigenpolitischen Tätigkeit entwöhnt war, hat von dem ersten Augenblick an, da sich ein Ausweg in die Freiheit geöffnet hatte, staatsbildende Energien gezeigt und sich in schweren Krisen bewährt. Wir vergessen nicht, daß wir dem englischen Volk zu Dank verpflichtet sind, das uns das Tor aufgetan hat. Wir vergessen aber auch nicht, daß die englische offizielle Politik in der Folgezeit andere Wege eingeschlagen hat, und daß sich in ihr dunkle Unterströmungen geltend machen, die Englands Verpflichtungen übertönen wollen. Wir sehen in dem Mandat auch einen Vertrag zwischen uns und England, und wir glauben, daß die Unterströmungen, und Intrigen sich nur darum zu so unheilvoller Wirkung haben entwickeln können, weil wir nur sehr langsam unsere Position ausbauen können. Immerhin sind die 400.000 Juden in Palästina ein sehr gewichtiger Faktor. Aber Bedeutung und Einfluß wächst nur mit der materiellen und ethnischen Kraft. Wir müssen stärker werden und uns mehr als bisher der landwirtschaftlichen Siedelung zuwenden. Hier muß nach einem festen Plan vorgegangen werden, um das jüdische Volk in den Stand zu setzen, durch seine Kraft und seinen Willen jeden Anschlag von vorneherein zu verhindern. Das ist die Aufgabe, die unmittelbar vor uns steht. Ormsby Gore vor dem Unterhaus London, 21. Juni. (Eigenbericht der „Stimme“.) In der Sitzung des Unterhauses vom 19. Juni gab dir Minister für die Kolonien Ormsby-Gore die mit Spannung erwartete eingehende Erklärung über die Politik der britischen Mandatarmacht in Palästina ab. Der. Minister bezeichnet« den heutigen Stand der Dinge in Palästi^i als sehr bedauerlich und sprach Befürchtungen aus, daß der „Bürgerkrieg“ andauern könne, wenn auch die Administration Herr der Lage sei und überall, wo sich die Unruhe bemerkbar macht, rechtzeitig auftauchen und sie liquidieren kÖn*ne. Er müsse die Abgeordneten auf- ' fördern, sich in der Debatte aller Äußerungen zu enthalten, die das Empfinden der einen oder der andren Nationalität in Palästina in einen Zustand der Aufregung versetzen könnten. Als ein gutes Zeichen sei es aufzufassen, daß der Konflikt in Palästina bisher durch keine religiösen Momente kompliziert worden sei. 38 Juden tot, 150 verletzt Der Minister gab dann einen etwas eingehenderen Bericht über die Sicherheitsvorkehrungen der Regierung. Er sprach allen denjenigen Schichten der arabischen, britischen und jüdischen Bevölkerung seine Anerkennung aus, die ihre Arbeit ruhig und loyal fortsetzen und würdigte in diesem Zusammenhang insbesondere das Verhal- Red.) 80 arabische Führer werden im Konzentrationslager in Sarafend angehalten, weitere 122 stehen an verschiedenen Orten unter polizeilicher Aufsicht. Zwei jüdische und zwei armenische Kommunisten wurden angehalten, 60 jüdische Kommunisten stehen unter polizeilicher Aufsicht. , , , Der Minister berührte auch die Verhältten a@r jüdischen Bevölkerung, nisse in Transjordanien und in den anderen die allen Provokationen gegenüber w e l s e . Nachbargebieten Palästinas und stellte fest, Zurückhaltung übt. | <jaß dort bisher verhältnismäßige Ruhe geherrscht hat. Zum Schluß seiner Rede gab der Minister Der Minister gab dann Bericht über die bisherigen Opfer der Unruhen: Unter der jüdischen Bevölkerung zählt man 38 Tote, 65 Schwerverletzte und 85 Leichtverletzte, unter der arabischen Bevölkerung 42 Tote, 109 Schwerverletzte und 275 Leichtverletzte; unter der christlichen Bevölkerung 4 Tote, 24 Schwerverletzte und 54 Leichtverletzte. Unter den christlichen Opfern befinden sich ein getöteter britischer Polizist, drei schwerverletzte Polizisten und 5 verletzte Offiziere, sowie 19 leichtverletzte Polizisten. Vom Militär wurden 4 britische Soldaten und ein Offizier leicht verletzft Unter den Opfernbefinden sich auch 2 getötete arabische Polizisten, 3 Schwerverletzte, 7 verletzte Offiziere und 27 leichtverletzte Mitglieder der palästinensischen Polizei. Über die Zahl der in Palästina verhafteten und abgeurteilten Personen machte der Minister folgende Angaben: Von den Arabern wurden 1823 Personen verhaftet, davon 1205 abgeurteilt; 418 Juden wurden vor Gericht gestellt, 328 von ihnen sind abgeurteilt. Von den Arabern wurden 336 Personen freigesprochen, 218 erwarten noch ihr Urteil. Von den Juden wurden 24 freigesprochen, die Urteile gegen 76 stehen noch aus. (Der Minister unterließ es an dieser Stelle anzugeben, daß es sich bei den jüdischen Angeklagten, beziehungsweise Verurteilten nicht etwa um Angreifer handelt, sondern um Personen, die die verschärften Polizoivorordnungen betreffend den öffentlichen Verkehr -überschritten haben. Die fen unabhängig," die sie Ms zum Kneg nur eine Erklärung über das künftige Verhalten der britischen Mandatarmacht gegenüber den Ereignissen in Palästina ab. Die britische Regierung, sagt der Minister, werde sich weder durch Gewalt noch durch Terror einschüchtern lassen. Sobald die Ordnung im Lande wiederhergestellt sein werde, werde sich eine königliche Kommission nach Palästina begeben und die Verhältnisse unparteiisch untersuchen. „Die britische Regierung“, schloß Minister Ormsby-Gore, „ist bestrebt, eine Lösung zu finden, welche ihren' Verpflichtungen beiden Parteien gegenüber entspricht, und sie hofft, daß sie ihre Gerechtigkeit und Unparteilichkeit klar beweisen wird. Die Lösung, welche die Regierung finden wird, wird sie mit Festigkeit und Konsequenz durchführen. Juden wie Araber mögen sich dessen bewußt werden, daß der einzige Wunsch der britischen Regierung dahin geht, daß beide Nationalitäten in Frieden miteinander leben. Wir sind entschlossen, unsere Autorität als Mandatsmacht mit administrativer Vollmacht durchzusetzen, wobei wir uns von dem Grundsatz der Gerechtigkeit gegenüber den Juden wie gegenüber den Arabern werden leiten lassen.“ Lloyd George: „Weizmann hat uns geredet" London, 21. Juni. Im Verlauf der Aussprache hielt David Lloyd George, der z-ur 2ieit der Verkündung der Balfour- Deklaration britischer Ministerpräsident war, eine aufsehenerregende Rede, in deren Verlauf er daran erinnerte, daß die Deklaration über die Errichtung der nationalen Heimstätte der Juden in Palästina in einem der dunkelsten Augenblicke des Weltkrieges erlassen wurde. Großbritannien sei damals zu der Ansicht gelangt, daß es eine bedeutsame Sache sei, die Sympathien der jüdischen Öffentlichkeit in der Welt zu gewinnen. „Ich weiß nicht“, fuhr Lloyd George fort, „ob sich das Haus vergegenwärtigt, was wir dem hervorragenden Gelehrten Dr. Chaim Weizmann schuldig sind, der die britische Armee im kritischen Augenblick im wahren Sinne des Wortes gerettet hat, als die erforderlichen Rohstoffe für unsere großen Geschütze fehlten. Sein chemischer Erfindergeist hat unser Probien gelöst.“ (Weizmann erfand im Weltkrieg die Erzeugung von Azeton und machte dadurch wie durch andere Erfindungen die englische Munitionsversorgung von gewissen Rohstofaus Deutschland beziehen konnten und deren Quellen nun verschlossen waren. Bekanntlich hat auch der Jude Fritz Haber, Nobelpreisträger, die deutsche Munitionserzeugung im Kriege aus einer tödlichen Verlegenheit durch seine Erfin-- düngen — Gewinnung von Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff — und durch seine Organisierung der chemischen Kriegsindustrie gerettet. Die Red.) Lloyd George gab der Freude Ausdruck, daß die britische Regierung die Bestimmungen über das Palästinamandat besonders seit dem Augenblicke, da die Judenverfolgungen in Deutschland einsetzten, in liberalem Geiste ausgelegt. Hinsichtlich der arabischen Forderung nach Einstellung der jüdischen Einwanderung sagte der Redner, daß England diese Forderung nicht annehmen könne, ohne seine Verpflichtungen zu verletzen. Palästina sei nicht übervölkert und die Löhne sowie das arabische Lebensniveau seien höher denn sonstwo. _ Über dio Untersuchung der gegenwärtigen Unruhen erklärte Lloyd George, daß die gewöhnlichen gesetzlichen Mittel nicht außreichen und daß eine solche Kraft entwickelt worden müßte, daß diejenigen, welche die Revolte organisieren, sich be-

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