Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 551 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. fc. b 9ie tStimme Nr. 551 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, 86« Hai 1936 5. Siwan 5696 9« Jahrgang W. NACH W - PALÄSTINA mit den vorzüglichen Schiffen »Esperia«, »Marco Polo«, »Galilea«, »Gerusalemine«, »Palestina« 10 Abfahrten monatlich Vollkommen regelmäßiger und ungestörter Verkehr Auskünfte: Generalagentur Wien, 1. Bezirk, Kärntnerring 6, Telephon-Nr. U 47-5-60, und In allen Reisebüros ORBIS!S POLEN Abfahrt i 24. Hai Anmeldungen: RelsebUro „ORBIS* I., Kflrntnerstrafie 41, R 21-5-78 Österreichisches Verkehrs-Büro Frledrlchstr. 7, B 27-500, I., Graben 20, U 28-0-35 Rebellion gegen Europa Der englische KolonienmMster Thomas ist zurückgetreten, ein Nachfolger ist noch nicht ernannt. Das Ressort wird wahrscheinlich bis zur vollständigen Umbildung des Kabinetts Baldwin vom Außenamt verwaltet werden, daß zu seinen vielen Sorgen in Europa, in Afrika und im Fernen Osten nun auch die palästinensischen Dinge aufgehalst bekommt. In dem Mandatsland, das man bisher so nebenher verwaltete und im übrigen als Annex der ägyptischen oder indischen Abteilung des Kolonial ree sorts betrachtete, ist ' ans der arabisch-jüdischen Frage eine englisoheruopäische geworden. Es wird in diesen Tagen aus Palästina sehr yiel gemeldet. Reuter, Hävas und daß Deutsche Nachrichtenbüro haben gute Tage. Aber der Zweck dieser Sensationsberichterstattuüg ist inzwischen ein ganz anderer geworden. Wollte man zuerst bei den Juden der Welt Panik schaffen und gegen sie schüren, weil sie den braven Arabern das Land und den Verdienst wegnehmen, so muß man jetzt der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen, daß diese armen Araber mit Bomben arbeiten, daß sie Telegraphendrähte durchsohneiden, Eisenbahnztige angreifen und unter der Parole „Gegen die Hutträger!“ sieh gegen Europa wenden. Schon hat die englische Regierung in Jerusalem mit dem Abtransport christlicher Einwohner beginnen müssen, und während die jüdischen Kolonien unter dem treuen Schutz jüdischer Wächter stehen, ist England und mit ihm Europa auf der ganzen Linie angegriffen, ja sogar zur Defensive gezwungen. Im Londoner Unterhaus regnet es sorgenvolle Anfragen. Die Regierung muß fast täglich die Frage hören, ob sie in Palästina die Situation beherrscht, ob nicht auswärtige Mächte — man nennt immer öfter Deutschland und Italien — hinter der Angelegenheit stehen und ob keino Einmengung zu befürchten ist. Baldwin hat letzthin unwirsch geantwortet, jode Einmischung würde als unfreundlicher Akt behandelt werden. Trotzdem wird die Palästinafrage über den von England gezogenen Rahmen hinausgreifen. Im nächßten Monat tritt dio Mandatskommission zusammen und sie wird sich diesmal kaum an das vorbereiteto Material, den englischen Bericht für 1935 und das Schreiben des Präsidenten dor zionistischen Exekutive, halten, sondern selbstverständlich nähere Aufklärungen über die derzeitige Lage' einfordern. Vielleicht hofft man in London, daß dio Absenz Italiens über eine heikle Lago hinwoghclfen wird; aber man kann darauf wetten, daß das italienische Mitglied, das nicht Italiens Vertreter ist, sondern als Person dor Kommission angehört, zugegen sein und Fragen stellen wird. Vielleicht wird inzwischen auch schon die Untersuchungskommission zusammengesteilt sein, deren Entsendung noch Herr Thomas augekündigt hat. Waß diese Kom- Der Streik vor dem Zusammenbruch Jerusalem, 24. Mai. (JTA.) Aus den Kreisen der arabischen Kaufmannschaft und der Landwirte mehren sich die Stimmen, die daruf hinweisen, daß die Araber unmöglich den Streik und den passiven Widerstand noch längere Zeit werden durchbalten können. Den Kaufleuten verdirbt die Ware in den Magazinen, und auch den Fellachen, die die landwirtschaftlichen Produkte nicht aus der Stadt bringen können, verfaulen das Gemüse und die Früchte in den Speichern. In den arabischen Plantagen in der Gegend von Jericho verfaulen die Orangen auf den Bäumen, weil der Absatzmarkt für die Früchte ab ge sch n i 11 e n ist. Die arabische . Kaufmannschaft und die Beamten in den Städten leiden auch schon unter der Lebensmittelnot, weil die Kommunikationen vö m Land in die Stadt unterbrochen sind. Gewiß sind auch die jüdischen Schäden infolge des arabischen Streiks und des Terrors sehr hoch, aber noch lange nicht so empfindlich, wie die der Araber, weil den Juden doch die Seekommunikation offen steht. Auch in britischen Kreisen hofft man, daß es bald zu einer wirtschaftlichen Erschöpfung der Streikfront und somit zu einer Abkühlung der politischen Leidenschaften kommen wird. Charakteristisch für die Lage ist die letzte Eiklärung des Obersten Nationalen Ausschlusses der Araber, die man als ersten Schritt zur Liquidation des Streiks auffaßt. Der Ausschuß macht in dieser. Erklärung den Versuch, sich der Verantwortung zu be- FerlenSonderf ährten der . . „IRUT“ nach pofsnti CzfirnowKz I Erste Abreise: 5. iluli 1936 Aufenthaltsmöglichkeiten: .vier, acht und zehn Wochen. Direkte Schnellzüge, niedrige Preise. Anmeldungen ausschließlich beim Reisebüro „Irut“, I., Karlsplatz 1, Tel. U 44 3-79 (Reiseleitung: S. Rosenkranz) gelben, indem er erklärt, das arabische Volk habe den Streik „spontan“ begonnen, und in den Händen des Volkes liege die Entscheidung über dessen Beendigung. Auffallend äst ferner, daß in dieser Erklärung der arabischen Führer nicht mehr von „zivilem Ungehorsam“ die; Rede ißt. Auch dies bedeutet eine Flucht aus der -yerantwortung. Der Ausschluß läßt auch in seiner Erklärung den von ihm an die Regierung eingereichten Protest gegen die neue jüdische Einwanderungsschedule unerwähnt. In den Kreißen, die den arabischen Parteiführern nahestehen, spricht man von einer „psychologischen Krisis“ im. arabischen Läger, die' insbesondere durch zwei energische Maßnahmen der Regierung entstanden ist: durch die Ausgabe der neuen Sehedule und durch die Erlaubnis zur Anlegung einer Ausladestelle für Dampfer bei Tel-Aviv. Feuerwehr in Tel-Aviv bewaffnet Tel-Aviv, 24. Mai. (JTA.) Die Feuerwehrleute in Tel-Aviv wurden bewaffnet und haben den Dienst der Verkehrspolizisten übernommen. Gleichzeitig wurden die jüdischen Polizisten aus den Vierteln zwischen Tel-Aviv und Jaffa zurückgezogen und durch englische Polizisten eis setzt. Feuerkampf zwischen Militär und Arabern Jerusalem, 23. Mai. Am 21. Mai, abends, traten zum erstenmal in Jerusalem englische Truppen in Tätigkeit. Eine Maschinengewehrstreife forderte eine Gruppe von. Arabern auf,. stehenzubleiben. Als Antwort gab die Gruppe auf die Soldaten Schüsse ab, die Soldaten erwiderten das Feuer. Im Kugelwechsel wurden drei englische Soldaten schwer verletzt. Über die Verluste auf arabischer Seite ist nichts bekannt. Kurz danach wurde eine zweite englische Patrouille in der Altstadt beschossen, als sie Araber nach Waffen durchsuchen wollte. Die Soldaten erwiderten das Feuer, ein Araber wurde schwer verletzt. Als militärische Demonstration misßion untersuchen soll, ist nicht ganz eindeutig gesagt worden. Sie soll, so hieß es, prüfen, ob daß Mandat richtig angewendet worden ist, aber das Mandat selbst außer Spiel lassen. Das wäre also eine Untersuchung gegen die Jerusalemer Regierung und für eine solche liegen Anlässe in Menge vor, in dem Ausmaß von zirka 30 ermordeten Juden, die im Vertrauen auf Englands Sicherheitsgewalt um ihr Leben gekommen sind, und im Ausmaß von so und 60 vielen Geschäftsleuten arabischer Nationalität, die der erpreßte Streik in schweren Schaden gesetzt hat. Anlässe für eine Untersuchung bietet auch die geduldige Sanftmut gegenüber den aus öffentlichen, also aus jüdischen Geldern bezahlten Mufti und den Bürgermeister von Jerusalem, die an der Spitze der Streik- und Torrorbewegung stellen, und die Milde, die die Streikführer mit Geldstrafen belegt, die lächelnd aus dicker Brieftasche gezahlt werden. Woher die Gelder,. woher die Waffen, dio Organisation und präzise Durchführung des „Widerstandes“? Die Kommission soll weiter, so sagte Herr Thomas, auch die Beschwerden der Juden und Araber, untersuchen. Diese Angabo würde den eigentlichen politischen Zweck umschreiben und scheint auf eine weitgreifendore Aktion abgestellt zu sein. Es ist auffallend, daß Lord Snell, der nach den Ereignissen von 1929 Vorsitzender der damaligen Kommission war und als Freund der Zionisten von den Arabern verschrien wurde, öffentlich dementiert, daß er wieder den Ausschuß leiten werde. Hierin kann eine gewisse Richtschnur für die Untersuchung vermutet werden. Jedenfalls ist höchste Vorsicht geboten, zumal in England die Tendenz besteht, die Juden und die Araber Palästinas gleichzusetzen, ungeachtet des Umstandes, daß die Juden nirgends angegriffen haben, während die Araber von Anfang an offensiv vorgegangen sind, wobei sie wahrscheinlich die Entfesselung eines mit Syrien kooperierenden Aufstandes im Auge hatten. Sie haben sich durch die Methoden ihres Kampfes vor der arabischen Weit selbst ins Unrecht gesetzt, und der Emir von Transjordamien, auf dessen . materielle und diplomatische Unterstützung sie hofften, hat jede Unruhe mit Androhung von Waffengewalt untersagt. Die Bewegung in den mohammedanischen Ländern, die von Saudija ausgeht und eine panarabische Union anstrebt, hat mit den Vorfällen in Palästina ursprünglich nichts au tun gehabt, wie sie überhaupt einen Konflikt mit England bisher ängstlich aus dem Wege gegangen ist. Aber in diesen Kreisen wird zweifellos (Re Tatsache stärkste Beachtung finden, daß die Mandatsregiesrung Palästinas in einer sehr kritischen Zeit versagt hat und daß sie nach mehr als einem Monat Unruhen sich in eine fast uferlose Polizeiaktion verwickelt sieht. Das ist an sich schon ein bedeutsames Ereignis, das überall zu denken gilbt, wo man den Orient aufmerksam beobachten muß. Herriot wendet sich sehr scharf gegen England, von dem er den unbedingten Schutz der Juden fordert, deren Recht auf Palästina er betont. Inzwischen muß England immer neue Truppen heranführen. Der Belagerungszustand in Palästina ist zwar offiziell nicht ausgesprochen, besteht aber tatsächlich. Der Eisenbahnverkehr ist des Nachts eingestellt. Die arabische Bewegung ist den Führern entglitten, und die Mahdatsregierung muß alle ihre Mittel gegen Terrorbanden einsetzen; die ganze Angelegenheit ist vom Politischen ins Kriminelle hintibergeweohsolt. Es ist ein arges Urteil, das die Lässigkeit und die antijüdische Gnmdstimmung der Verwaltung heraufbescliworen hat. Und dies alles in der Zeit, in dor in An Sonntagen ,Francopol'-Sonderfahrten nadi Polen und (zernowitz Nächste Abfahrt: 7. Juni; Rückfahrt 9. Juni, 7. Juli 1936. Poln. Verkehrsburo „Francopol“ in., Schwarzenbergplatz 7, Tel. U 16-4-90. „Öedok“, I., Kärntnerstraße 32, R 23-4-88. Gerngroß, VH., Mariahilferstraße 42, B 38-2-68 England deT „Tag des Imperiums“ gefeiert wirdl Die Session des Völkerbundes wird an den Ereignissen in Palästina nicht vorbedsehen können. Nicht nur Englands — nein, des Völkerbundes Autorität ist angegriffen, und auch in diesen Kreisen muß man an die Brust schlagen. Wie hat der Völkerbund die Mandatsausübung kontrolliert? Er hat immer die Resolutionen der Kommissionen, die ein gefügiges Werkzeug des britischen Kabinetts war, unbesehen angenommen und nie sich daran erinnert, daß ihm das Vertrauen von 17 Millionen Juden eine Gewissenslast auferlegt hat, dio es freiwillig übernommen hat. Wenn der Völkerbund nicht vollends zur Farce werden will, muß er jetzt einschroiten. Die Tatsache, daß bei der jetzt tagenden Sitzung der Mandatskommission die Unruhen in Palästina noch nicht Gegenstand des Berichtes der Mandatsregierung sind, sollte die Kommiss ionsmitglieder nicht davon abhalten, schon jetzt die Mandatsregierung auf den richtigen Weg zu leiten. Dieser Weg heißt: Durchführung des Mandats, das die Errichtung eines jüdischen und nicht eines arabischen Nationalheims vorsieht. Und schon heute muß gesagt werden, daß wir gegen die Untersuchungskommission das größte Mißtrauen hegen. Das Verschulden der Mandatsverwaltung liegt so klar zutage, daß wir Juden eine Kommission für überflüssig und gefährlich halten.