Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 549 (19.5.1936)
- Date
- 1936-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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^Stimme V. fe. h 20 8 i\vN. Jp/ «-A . ..«.*'•7 Nr. 549 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, 19. Mai 1936 17* Ifar 3696 9. Jahrgang Passtields Geist Die in London erscheinende, dem Kolonialministerium nahestehende Zeitung „Great Britain and the East“ behandelt in ihrer Nummer vom 7. Mai in einem Leitartikel die Ereignisse in Palästina. Die Zeitung erklärt, eine Untersuchungskommission würde keinen anderen Grund für die derzeitigen Unruhen Anden können als seinerzeit die Shaw-Kommission und der Bericht von Simpson nach den Unruhen des Jahre 1929. Die damals festgestellten Tatsachen bestünden weiter. Gegen diese Behauptungen kann nicht nachdrücklich genug protestiert werden. Die Feststellungen dieser Kommission .dienten als Grundlage für Passfields Weißbuch unseligen Angedenkens. Die Erfahrungen seit dem Jahr 1929 haben nun bewiesen, daß die wesentlichen Feststellungen der Shaw-Kommission und von Sir John Hope Simpson durch die tatsächlichen Verhältnisse nicht gedeckt waren. Es hat sich herausgestellt, daß die Aufnahmsfähigkeit Palästinas nicht begrenzt . war, wie damals behauptet wurde, und es hat sich weiter herausjgiestellfc, daß die Behauptung über die Verdrängung der Araber von Grund und Boden unrichtig war. Amtliche englische Unternehmungen haben ergeben, daß die in der englischen Öffentlichkeit auf viele tausende geschätzten „landlosen Araber“ nur in wenigen Exemplaren vorhanden waren. Trotz dieser Tatsache unternimmt es „Great Britain and the East“ wieder, die alte politische Lüge von den „landlosen Arabern“ aufzutischen. Wenn diese offiziöse Zeitung derartiges wagen darf, dan ist Gefahr im Anzug und es müssen alle Anstrengungen gemacht werden,'um diesen Versuch einer politischen Brunnenvergiftüng im Keim zu unterdrücken. Für die Gesinnung von „Great Britain and the East“ ist es bezeichnend, daß die Zeitung erklärt, daß niemand den unschuldigen Juden sein Mitleid versagen könne, die von primitiven Arabern attackiert worden seien. Im selben Satz wird jedoch hämisch gesagt, daß weder die Anstrengungen der Palästinaregierung noch „der Reichtum der Zionisten“ die Araber dazu hätte bringen können, daß sie mit ihrem gegenwärtigen Los zufrieden seien oder daß auch nur die Gefahr weiterer Unruhen vermieden, sei. Wenn die' gegenwärtige Unruhe „verhältnismäßig“ unterdrückt worden sei, so sei dies nur der großen Wachsamkeit der Palästinaregierung zuzuschreiben, die nicht unvorbereitet war, als die Unruhen altsgebrochen seien. Viele Juden hätten die Mandatsregierung ungerechtfertigt angegriffen, andere und besser informierte Zionisten hätten aber die Unterdrückungsmaßnahmen der englischen Regierung anerkannt. Die Unruhen in Jenin im letzten Jahre seien ein bedrohliches Anzeichen für den Geist gewesen, der überall herrschte, und es sei nur den ehrlichen Anstrengungen des Oberkommissärs möglich gewesen, einen mittleren Weg zu Anden, der die Situation zeitweise gebessert habe, und nun sagt die Zeitung endlich, was ihr offenbar am Herzen gelegen ist: „Leider haben dann aber die Debatten im Parlament über den Gesetzgebenden Bat das Pendel zu der früheren Haltung von Mißtrauen und Verzweiflung zurückschwingen lassen. Wenn man diese Tatsache nicht anerkennt, dann kann man die derzeitige Position Palästinas nicht verstehen “ Hier liegt des Pudels Kern. Hier spricht die verärgerte Kolonialbureaukratie, die es nicht verhehlen kann, daß die besten Männer Englands die' Politik der Palästinabureaukratie verurteilt und sich einstimmig gegen den Gesetzgebenden Rat ausgesprochen hat. Hier Sagt der Kolonialbeambe: „Ihr Parlamentarier seid schuld daran, weil ihr mir in den Arm gefallen seid. Den Gesetzgebenden Rat — das kleinere Übel — habt ihr nicht zulassen wollen — und jetzt könnt ihr sehen, wie ihr mit den Unruhen fertig werdet. Ihr werdet schon der Tatsache gewahr werden, daß ich, der Kolonialbeamte, es bin, der die Sachen am besten versteht und dem ihr nicht ins Handwerk pfuschen sollt.“ ORBIS POLEN Abfahrt i 24. Mal Anmeldungen: Reisebüro „O R B I $“ I., KfirntnerstraSc 41, R 21-8-78 Österreichisches Verkehrs-Büro Dieser Zeitungsartikel enthüllt besser als alles andere die Gefahr, die einsichtige Menschen schon seit Jahren erkannt haben. Es wird der Versuch gemacht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und wieder beim Weißbuch Passüelds anzuknüpfen. Sechs Jahre unerhörter Anstrengungen des jüdischen Volkes für Palästina sollen zunichte gemacht werden. Das ist die wahre Lage. Sie kann nur gemeistert werden, wenn die Zionistische Exekutive beharrlich und mit dem größten Nachdruck unverrückbar auf dem Standpunkt verharrt, daß es keinen Gesetzgebenden Rat geben darf und daß die Halfour-Deklaration und der Mandatsvertrag so ausgelegt werden, wie es das jüdische Volk und nicht wie es mißgünstige oder ruhebedürftige KolorAalbeamte verlangen. Diese Situation rechtfertigt die frühzeitige Einberufung des A. C., dessen Tagung eine machtvolle Kundgebung für die unverzichtbaren Rechte des jüdischen Volkes auf Erez Israel sein muß. An Sonntagen »Francopor-Sonderfahrten nach Polen und Czernowitz Nächste Abfahrten: 24. Mal, 7. Juni; Rückfahrt 9. Juni I936. — Poln. Verkehrsbüro „Franoopol“, III., Schwarzenbergpl. 7, U 16-4-90 „Öedok“, I., Käriitneretraße 32, R 23-4-88. Gerngroß, VII., Mariahilferätraße 42, B 38-2-68 Überschrift: „Bürgerkrieg in Palästina“ lesen, ohne daß der Text etwas von einem Bürgerkrieg zu berichten weiß. „Die Stimme“ berichtet fortlaufend auf Grund authentischer Nachrichten, verschweigt nichts, distanziert sich aber von jeder Sensationshascherei und Übertreibung. Kein Ereignis wird von uns verschwiegen, nichts wird beschönigt, aber es besteht für uns kein Anlaß, die Vorgänge in Palästina schlimmer darzustellen als sie sind. Wir warnen daher das jüdische Publikum vor einer Berichterstattung, hinter der statt Nachrichten Sensationsmache und Antipathie gegen den Zionismus steht. ^a^m^Sokolow^estorben - * j Ein- Telegramm aus London meldet, daß dort r am Sonntag Nahum So ko low gestorben ist.. ’ Inmitten* der* neuen Kämpfe, die die zionistische Organisation um ihre .* politische Stellung in Palästina und um das gesamte Aufbauwerk »u führen" hat, ist ihr der Doyen entrissen worden. Der Mann, der' auf dem ersten Zionistehkongreß sieh aus einem Beobachter zum Bekenner und dann * zum geistigen und .politischen ’ Führer entwickelt hat, der dann in schwersten Stunden richtunggebend, ermahnend,' ermunternd an der Spitze stand,: ißt. nicht mehr. Eine Persönlichkeit, die wir uns nicht mehr hinwegdenken konnten, ist von uns gegangen... Alle entscheidenden Phasen zionistischer Tätigkeit, jüdischer geistiger und kultureller Arbeit, wären mit seinem Namen untrennbar verbünden, sein Rat und seine liebenswürdige ausgleichende Art griffen immer in schwierigen Situationen ein. Wenn man von der Baffour-Deklaration spricht, von der Vertretung zionistischer und gesamtjüdischer Forderungen bei den Regierungen, von der Erzielung der Minderheitsrechte beim Versailler Friedenskongreß, von dem Aufblühen der hebräischen Sprache — stets tritt Sokolows Name helleuchtend hervor... Nahum Sokolow wurde im Jahre 1859 in Wyzegrad im russisch-polnischen Kreis Plock, geboren. Im Alter von sechs Jahren kam er nach Plock, wo er unter der Leitung seines Onkels Talmud und die jüdischen Disziplinen studierte, zugleich aber auch sich allgemeines Wissen, Sprachen usw. erwarb. Im Jahre 1880 übersiedelte Sokolow mich Warschau, wo er sich der Literatur widmete. Nachdem er bis 1885 einige hebräische Werke veröffentlichte, trat er im gleichen Jahre in die Redaktion des hebräischen Wochenblattes „H a z e f i r a h“ ein, das ein Jahr später in eine Tageszeitung umgewandelt wurde. Nach dem Ableben des Chefredakteurs Ch. S. Slonimsky übernahm Sokolow ganz die Leitung des Blattes, das er länger ais zwei Jahrzehnte red'i- VII., KAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSERSTRASSE 6 i., Frledrlchstr. 7, B 27-800, Graben ZO, U 28-0-38 Das Fiasko der JMandatsverwalfung Jerusalem, 17. Mai. (Telegraphisch.) Genau einen Monat lang dauern jetzt die Unruhen in Palästina an. Die Mandatsregierung hat sie weder bekämpfen noch unterdrücken können. In einem unter europäischer Verwaltung stehenden Land, das im Mittelpunkt des politischen und religiösen Interesses der Welt steht, kann einen Monat lang gemordet und brandschatzt werden, kann die Sicherheit von Person und Eigentum nicht verbürgt werden von einer Regierung, die dem Völkerbund verantwortlich ist und die über ausreichende militärische Kräfte verfügt. Was in Palästina geschieht oder vielmehr nicht geschieht, ist eine Schande für die britische Autorität. In Jerusalem, das seit einer Woche von Unruhen geschüttelt wurde, mußte am Sonntag der Belagerungszustand verhängt werden, nachdem ein Araber mit einem Revolver in eine aus einem Vorstadtkino strömende Menge geschossen und drei Juden getötet hatte. Dieser Mann ist, wie so viele andere Mörder,. dieser Tage unerkannt entkommen. Bomben wurden in Jerusalem, in Haifa und angeblich auch in Tel-Aviv geworfen. Die Regierungsgewalt scheint überhaupt zu kapitulieren. Die Führer der Araber, die die Bewegung organisiert haben und sie leiten, können ungehindert ihr Werk vollbringen. Der Mufti und der Bürgermeister von Jerusalem stehen an der Spitze dieser Erneute, und sie sind sehr wohl in der Lage, die Ermahnungen und Warnungen und Drohungen des Oberkommissärs zu verlachen; sie wissen, daß dahinter kein Wille zur.Tat steht und daß sie nach Gutdünken schalten und walten können, weil sie unter dem Schutz der politischen Doktrin stehen, der das jüdische Nationalheim wohl wichtig für die Staatskassa, weniger aber für Gleichberechtigung und primitivsten Schutz erscheint. Die Kraft des Weltreiches reicht nicht aus, um Passanten zu sichern, um die Ernte auf den Feldern, Gärten und Pflanzungen vor Schaden zu bewahren. Das ist die Situation von heute, künstlich herbeigeführt zu dem Zwecke, Mißmut und Abneigung gegen das jüdische Werk und die jüdischen Ansprüche zu erzeugen und zu fördern, vielleicht auch zu dem Zweck, das Judentum zu zermürben und einzuschüchtern. Wir weichen nicht zurück und wir werden nicht kapitulieren. Wir sind in keiner Weise bereit, auch nur ein Scheinkompromiß abzuschließen und vor einem vorgehaltenen Revolver zu verhandeln. England ist verantwortlich und wenn es zu wenig Autorität gezeigt hat, dann möge es jetzt nach dem Rechten schauen und die Bewaffnung der Juden verfügen. Dann wird in wenigen Stunden Ordnung sein und das Prestige Europas wieder hergestellt. Die Mandatsregierung ist am Sonntag zu einer dringlichen Konferenz ednberufen worden. Die Jewish Agency tagt in Permanenz. Die Morde in Jerusalem Jerusalem, 14. Mai. (Palcor.) Der 60jährige Reuben K 1 a p h o 1 z wurde heute in der Davidstraße in der Jerusalemer Altstadt durch einen Araber angeschossen und erhielt eine Kopfwunde, an deren Folgen er später im Krankenhaus starb. Nachmittags wurde in der Judengasse in der Altstadt eine Bombe geworfen, die aber keinen Schaden verursachte. Am späten Nachmittag wurde in der Altstadt der 60 Jahre alte Alter Cohen von Katastrophen-Berichterstattung Wir haben wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß die telegraphische Berichterstattung über die Ereignisse in Palästina oft sensationell aufgebauscht ist und aus antisemitischen Quellen stammt. Dazu kommt noch die hämische Freude von jüdieinem bisher Unbekannten niedergeschossen. Verstärkte Polizeiposten besetzten alle Tore, die zur Altstadt führen und durchsuchten alle Personen. Die Straßen der Altstadt sind leer, nur Polizisten sind sichtbar. Mehrere Dutzend jüdische Familien verließen das Viertel, um ln den neuen Stadtvierteln Zuflucht zu suchen. per Passanten- und Wagenverkehr zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens wurde verboten. sehen Assimilanten ln den Redaktionsstuben über die Schwierigkeiten in Palästina, die sioh — oft trotz des Mangels an Tatsachenberichten — in sensationell aufgemachten Katastrophenmeldungen äußert. So konnte man gestern in einer Wiener Zeitung eine