Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1936-05-15 · Heft 548 (15.5.1936) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 548 (15.5.1936)
Date
1936-05-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054304--5889-3061675
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seta» O Oll STIMMI 548 — 15. Mai «86 Eine erstaunliche Diagnose Von Dr. Hugo Spiegler. Als in der Lueger-Zeit die Wogen der Judenhetze in Wien besonders hoch gingen, wurde eines Tages ein Kutscher verhaftet, der einen Juden auf der Straße überfallen und mißhandelt hatte. „Was ist Ihnen denn eingefallen“, herrschte der Polizeikommissär den Rohling an, „diesen Mann, den Sie gar nicht kennen und der Ihnen nichts getan hat, so übel zuzurichten?“ Doch der Arrestant erwiderte mit der Seelenruhe, die da« Bewußtsein sittlich-religiöser Pflichterfüllung verleiht: „Das ist doch ein Jud, und die Juden haben Christus gekreuzigt.“ „Na“, wunderte sich der Kommissär, „das ist doch schon 1900 Jahre her!“ „So“, rief der Kutscher, „ich hab's aber erst vorgestern erfahren..Nunmehr ist der Wiener Christenheit von autoritärer kirchlicher Seite wieder einmal ins Gedächtnis gerufen worden, daß es in der Judenfrage eine spezifisch christliche Haltung gibt, die sich auch heutzutage ausschließlich von der Erwägung beeinflussen lassen soll, daß die Juden Christus ablehnten. Demgegenüber sei auf das Christus-Werk von Klausner, der unvergessenen Leuchte der hebräischen Universität, und auf die Bestrebungen des amerikanischen Zionistenführers Rabbiner Dr. Stefan W i s e, der Christus als einen jüdischen Propheten gelten lassen will, hingewiesen. Diesen beiden jüdischen Gelehrten, wie übrigens noch manchen anderen, erscheint die christliche Lehre, wie sie im Neuen Testament entwickelt wird, als durchaus wesensverwandt mit dem humanen Geist des Judentums. Hat ja auch der Begründer des Rassenantisemitismus, Huston Stewart Chamberlain, Christus zwar als Arier deklariert, seine Lehre aber ausdrücklich im Geiste und in den Sitten seiner jüdischen Umwelt verwurzelt gesehen. Auch Christus selbst hat sich nach einigen seiner im Neuen Testament erhalten gebliebenen Äußerungen durchaus als Jude gefühlt. In religiöser Hinsicht sind dafür seine Worte charakteristisch. „Das Heil kommt von den Juden“ und „Eher werden Himmel und Erde vergehen, als auch nur der kleinste Buchstabe oder der mindeste Punkt der Lehre“. Seinen nationalen Eifer kennzeichnet seine Weigerung, einer Nichtjüdin ärztliche Hilfe angedeihen zu lassen, mit der Begründung: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Es ist unbillig, den Kindern das Brot zu nehmen und es den Hunden vorzuwerfen.“ Als aber darauf die Mutter der Kranken ' einwarf: „Die Hunde essen doch von den Brosamen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen“, siegte in ihm die jüdische Menschlichkeit über den jüdischen Chauvinismus. (Ev. Matthäus XV, 24—28, und Ev. Markus VH, 25—29.) Diese Einstellung macht es zur Selbstverständlichkeit, daß Christus niemals das Gesamtjudentum als solches angegriSen hat. Seine Strafpredigten galten vielmehr ausdrücklich der den gebildeten Ständen der Judenschaft angehörenden Sekte deT Pharisäer, deren religiöser Gelehrsamkeit er den schlichten Sinn des einfachen Mannes als die natürliche Voraussetzung richtiger Gotteserkenntnis entgegenstellt. Er war aber keineswegs der erste, der diese Anschauung öffentlich verfocht, wir finden vielmehr ähnliche Gedanken bei den jüdischen Propheten, so zum Beispiel bei Hosea, wenn er fordert: „Nicht Opfer, sondern Mitleid!“ Die Bevorzugung frommer Herzensregungen vor der pedantischen Erfüllung ritueller Zeremonien ist also altjüdisch es Erbgut, das Christus bereits vorfand. Übrigens hat er für seine Person diese freiere Auffassung der Glaubensübung keineswegs in Anspruch genommen. Wir haben schon gehört, daß er nicht den kleinsten Buchstaben des Gesetzes vernachlässigt wissen wollte und auch seine vom Neuen Testament angedeuteten Zurüstungen für das Paseahfest und den Sederabend beweisen das. Die Keime der antijüdischen Tendenz hat erst der Apostel Paulus dem Christentum eingepflanzt, wenn auch wahrscheinlich gegen seine Absicht. Denn auch er rühmt den Juden nach: „Sie haben die Herrlichkeit und den Bund mit Gott, die Gesetzgebung, die gottesdienstliche Verfassung und die Verheißungen.“ (An die Römer IX, 4.) Er denkt gar nicht daran, den von ihm zum Christentum bekehrten Juden die Einhaltung der mosaischen Gesetze zu verwehren. Bloß den bekehrten Heiden sieht er die Erfüllung dieser Gesetze nach, wohl aus opportunistischen Gründen, da er ihr unüberwindliches Vorurteil gegen manche mosaischen Gebote erkannte. Aus den Satiren römischer Dichter, zum Beispiel des Horaz, ersehen wir, daß besonders das Gebot der Sabbathruhe den Spott der Heiden erregte. Es ist tragisch, daß just ein Gebot, das wegen der sozialen Wohltat, die es bedeutet, längst auch schon von der Kirche sanktioniert worden ist, wenngleich es von ihr seit dem Konzil von Nicäa um einen Tag später gehalten wird als von den Juden, den ersten Anstoß zu jenen tiefen Gegensatz zwischen Judenchristen und Heidenchristen gegeben hat, der später in allgemeinen Judenhaß ausartete. Dies geschah im 3. und 4. Jahrhundert, als sich das Christentum zur römischen Staatsreligion entwickelte. Damals erhielt die Passionsgeschichte Christi jene judenfeindliche Fassung, die jetzt die kirchlich 2. Fortsetzung. „Die christlichen Kaiser Roms haben uns ebenso verfolgt wie die heidnischen, die Kalifen ebenso wie die Päpste, im 11. Jahrhundert ermorden die Kreuzfahrer, die Juden von Mainz, Worms und Speyer, im 12. Jahrhundert verbrennt man die Juden in Blois, im 13. Jahrhundert vertreibt man sie aus Frankreich, aus England, foltert und verbrennt sie in Spanien. Im 14. Jahrhundert ..Nun beginnen sich die Volksvertreter zu langweilen. Immer von neuem in eintöniger Wiederholung das Gleiche: getötet... vertrieben ... ausgewiesen ... verbrannt... getötet... vertrieben ...“ Der Minister für schöne Künste gähnt. Selbst Dubois und seine Parteigenossen sind es überdrüssig, Zwischenrufe ziu machen. Viele Abgeordnete schauen nach der Uhr, während der Deputierte Edmond Levy eintönig und leise, mit sehr mangelhafter Rhetorik über die Geschichte der Juden spricht, denen er sich doch nicht zugehörig fühlt, wie er ja selbst gesagt bat. Endlich scheint er sich wiedergefunden zu haben, den er erhebt von neuem hallend und schwungvoll die Stimme: „Aber da kam ein Tag, der die Welt veränderte, der Tag, da von Frankreich;— ich bin stolz darauf und es sollte der ewige Stolz jedes Franzosen sein — das Wort ausging: Alle Menschen sind frei und gleich! Diese großmütige Botschaft an die Unterdrückten der Erde stieß auch die Pforten unserer Kerker und Ghetti auf. Wir haben uns mit allen unseren Kräften bemüht, dankbar zu sein. Man wirft uns Verbrecher und Schädlinge vor, gewiß auch bei uns gebt es solche, aber man schwelgte von unseren Dichtern, Künstlern, Denkern, die den Ruhm Frankreichs erhöhten, von unseren Soldaten, die auf Frankreichs Schlachtfeldern gefallen sind, von unseren Philantropen und Wohltätern, die Frankreich beschenkten, man sucht ziu verbergen, daß selbst jene verleumdeten Geld- und Industriejuden Frankreichs Reichtum und Wohlstand vermehrt haben. Wir haben uns das Heimatrecht verdient und nun heißt man uns Fremde? Durch unzählige große und kleine Dinge von den andern geschieden? Was bedeuten diese Dinge schon? Ein paar alte Überlieferungen, ein wenig religiöse Tradition, immer lockerer werdend, von immer wenigeren gekannt.. Französisch aber reden wir, denken wir, fühlen wir, die Geschichte Frankreichs ist unsere Geschichte, Frankreichs Ideale und Helden sind unsere Ideale und Helden. Verschwinden einmal die atavistischen Rückfälle in mittelalterlichen Abersanktionierte, aber von berühmten Historikern längst als unhistorisch erkannt worden ist. Man weiß heute, daß die galiläische Heimat Christi ein Zentrum antirömischer Verschwörungen gewesen ist und daß die Römer eine ganze Menge von Vorkämpfern der jüdischen Unabhängigkeit ans Kreuz geschlagen haben. Hätten die Juden Christus den Römern preisgegeben, dann hätten diese keine Ursache gehabt, ihn als „König der Juden“ zu verspotten. Als die christliche Kirche sich anschickte, die von den Cäsaren monopolisierte Staatskirche zu werden, empfand sie die antirömischen Tendenzen der ursprünglichen Überlieferung als peinliches Hemmnis und veränderte sie in antijüdische. Die Folgen traten rasch ein: Wir erkennen sie in den judenfeindlichen Dekreten des Kaisers Konstantin. Er war sozusagen der Taufpate des „zersetzenden“ jüdischen Geistes. Den Gegensatz zwischen Judenchristen und Heidenchristen beseitigte die Kirche, indem sie jenen die Befolgung der mosaischen Gesetze, die der Apostel Paulus ihnen zur Pflicht gemacht hatte, auf strengste untersagte. Dieses Verbot wurde später den spanischen Marranen zum grausamen Verhängnis, da die Inquisation seine Übertretung unerbittlich mit dem Scheiterhaufen ahndete. Trotzdem blieben diese Judenchristen ihrer glauben, die ihren Ausdruck in der gegenwärtigen Interpellation fanden — und sie werden verschwinden, so gewiß es Fortschritt und Zivilisation gibt — so fällt die letzte Schranke, die uns noch vom Volk trennt. Man wird uns als die echten Franzosen anerkennen, die wir sind. Bis dahin aber werden wir, unbeirrt von allen Angriffen und Beschuldigungen, festbleibon in der Liebe zu dem großen Lande, das uns .Heimatlosen Heimat geworden ist!“ Mit tönender Stimme hat Edmond Levy die letzten Sätze gesprochen, nun hält er inne. Die Kammer schweigt. Es schweigt die Linke, die Mitte, es schweigen die Progressiven, deren Deputierter gesprochen hat, es schweigt auch die Rechte, es schweigt die Galerie. Kein Mund, keine Hand rührt sich, kein Wort des Beifalls, auch keines des Protestes. Nicht ein Laut. Der Abgeordnete Levy-Roederer steht klein, mager, etwas gebückt auf der Tribüne, in dem weiten, leeren Halbrund. Wieder schaut er durch die blitzenden Kneifergläser in den Saal, wie am Anfang seiner Rede. Nun steigt er langsam die Stufen hinab. In seinem eleganten Jackett, den schmalen, spärlich behaarten Kopf mit der steilen, gefurchten Stirn, der scharf gebogenen Nase, dem zierlichen, gefärbten Henri-quatre, vorgeneigt durchquert er das weite, leere Halbrund. Doch an dessen Rand, in der Näh-e der Journalistenloge bleibt er plötzlich kurz stehen und nimmt den Kneifer ab. Nun sind es braune, unruhige und müde Augen, die noch einmal in den Saal schauen. Dann geht er in das Schweigen hinein... Mitten in der Stille meldet sich der Abgeordnete Ribot zum Wort, stellt den Antrag, zur Tagesordnung überzugehen. Mechanisch und eintönig ordnet der hagere, graue Präsident die Abstimmung über die Anträge Dubois und Ribot an. Die Abstimmung vollzieht sich ungewohnt rasch. Die Kammer geht zur Tagesordnung über. IH. Er wanderte langsam den Boulevard Madelaine entlang durch den lauen, hellen Frühlingsabend. Über den Fahrdamm rumpelte und polterte der Wirbel der Omnibusse und Wagen, in den Alleen zwischen den blühenden Kastanien drängte sich die lärmende, hastende Monge. Er aber hörte und sah nichts, mechanisch schritt er vorwärts, ohne zu wisson wohin. Die Kammer hatte er kurz nach Beginn der Tagesordnung verlassen. Man/herlei Obliegenheiten und Pflichten warteten seiner an SchOnmflbllertes Zimmer in modernem Hause per sofort billig zu vermieten. II. Taborstraße 8/14. Tradition treu, und Robald die erste Morgeni röte religiöser Toleranz ihnen leuchtete, bekannten sie sich offen wieder zum Judentum. So die nach Sürlfrankreich Piehrricrten Marranen zur Zeit der französischen Revolution und die in Spanien verbliebenen in unseren Tagen. Trotzdem konstatiert P. Bichelmaier, daß das Judentum seinen geistigen Wurzelboden und damit die natürlichen Quellen seiner nationalen Existenz verloren habe. Eine erstaunliche Diagnose! Wie mächtig stünde die katholische Kirche heute im Dritten Reich da, wenn alle Deutschen, deren Vorfahren vor der Reformation katholisch gewesen sind, in der toleranten Zeit der Weimarer Verfassung zum Katholizismus zurückgekehrt wären. Es zeigt sich aber, daß einzig und allein das Judentum über die Jahrhunderte und viele Generationen äußerlich Abgefallener hinweg seine starke, bindende Kraft auf die spätesten Nachfahren auszuüben vermag. P. Bichelmaier hat „den Schlüssel zum Verständnis“ dieses religiösen Unikums gefunden. Er erblickt ihn im „Mangel an einem inneren Berufungsziel“ und in der schlechten biologischen Erbmasse. Jetzt wissen wir's... diesem Abend, aber säe alle waren jetzt weit weg und vergessen, da er den Boulevard, hinabging, langsam und ziellos, ver« spönnen in Gedanken, erregt und bedrückt „Warum erregt, warum bedrückt?“ fragte er sich selbst. Etwa jener Kammerdebatte wegen? Die Anklagen und Argumente der Antisemiten, von ihren national-ökonomischen und psychologischen Thesen angefangen bis zu dem einfachen zielklares! „Nieder mit den Juden“; waren sie ihm vielleicht neu? Jene unbedingte Ablehnung, die am Ende stets die einzige Antwort auf all die Loyalitätsbeteuerungen der Juden,' blieb: kannte er sie nicht schon zur Gew nüge? Trotzdem, immer von neuem empw fand man den Stoß und die Wunde, wenn! man das, was einem im Innern doch wohl bewußt war, plötzlich im Wirklichen erlebte und erfuhr. Doch im Grund war es nicht dieses Erlebnis, das ihn erregte und bedrückte, sondern die Rede des Abgeordneten Levy-Roederer, ihre Widersprüche und ihr Feuer, ihre logischen Lücken und ihr Pathos. Ja, mehr als die Rede beschäftigte und bewegte ihn der Redner selbst, der ausdrücklich und grundsätzlich sein Judentum verleugnet« und es doch leidenschaftlich verteidigte, der die Ideale Frankreichs tönend pries, dessen Stimme aber umdunkelt und leise wurde, da er von der jüdischen Verfolgungsgeschichte sprach, der unbeirrt an Fortschritt und Zivilisation zu glauben schien, trotz jener Geschichte, trotz der lärmenden Galerie und des schweigenden Hauses. Sie stand vor seinem Blick, die kleine magere gebückte Gestalt, in dem weiten leeren Halbrund, auf ihrem Weg durch das Schweigen. Vor seinem Blick stand das Gesicht, das er gesehen hatte von seinem Platz in der Journalistonloge, nahe und deutlich gesehen, das Gesicht, in dem er gelesen: Eitelkeit und Demütigung, Stolz und Selbstverachtung, Spuren vieler Kämpfe mit sich und andern und mehr als alles übrige, Trauer. Merkwürdig, daß ihm dieses Gesicht , das er heute zum erstenmal erblickt hatte, wohlbekannt schien, merkwürdig auch, daß gerade dieses Gesicht Erinnerungen heraufbeschwor an die jüngst vergangenen Tage in Wien, an Gespräche, Geschehnisse, Menschen, halbvorgessen schon... oder nur unterdrückt? Wie kam es nur, daß ihm jetzt gerade die glänzende Abendgesellschaft bei dem neugeadelten Hofbaukier von Ehrnberg ednfiel, während welcher der elegante, sonst so ■ überaus gemessene und würdige, einem englischen Lord zum Ver- Der Roman eines Führers und eines Volkes Von Georg Beer (Dills! Da dem KEREH KflJEMETH helfen? Arbeite für lim wls SelftstKoiiHnflentler!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.