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Die Stimme · 1936-05-12 · Heft 547 (12.5.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 547 (12.5.1936)
Date
1936-05-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V.«. s. 20 ( ORBIS 'ää5 POLEN Abfahrt i 34. Mal Anmeldungen: m Reisebüro „O R B I S(< I., KärntnerstraBe 41, R 21-9-78 österreichisches Verkehrs-Büro |_ Frledrlchstr. 7, B 27-500, 1., Graben 20, U 29-0-38 Nr. 547 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, IS. Mai 1936 SO. IJar 5696 9. Jahrgang Professor Simon Dubnow: Der jüdische Weltkongreß Seitdem das nationalsioziialfstisch'e Deutschland die jüdische Emanzipation annulliert und eine halbe Million hochkultureller Menschen in eine Kaste von Parias verwandelt hat, die man unter einem ununterbrochenen Terror hält, hat sich eine gefährliche psychische Epidemie über die ganze Welt verbreitet. Auch in anderen Ländern verwandelt sich die antisemitische Bewegung in antisemitischen Terror, in eine offene Ausrottungspolitik der breiten arbeitenden jüdischen Massen. In Polen, wo durch ökonomischen Antisemitismus die Mehrheit der dort lebenden dreieinhalb Millionen Juden zu einer vollständigen Pauperisierung gebracht worden ■ist, hat eine starke politische Partei dem jüdischen Volk den Krieg erklärt. Man ruft offen zum Boykott des jüdischen Handels auf, man schleudert Bomben in Synagogen und jüdische Geschäfte, inan veranstaltet blutige Pogrome in Städten und Dörfern, in Universitäten und auf Marktplätzen, und man sagt offen, daß man nicht ruhen wird, 'ehe nicht alle Juden aus Polen vertrieben ..worden sind. Die Regierung schweigt oder —rbestraft leicht einen von den zwanzig (Verbrechern, die man auf frischer Tat ertappt. Die Hetze selbst, der Ruf nach Terror gegen Millionen von Bürgern wird überhaupt nicht verboten. In Rumänien steht eine jüdische Bevölkerung von einer Million unter der ständigen Bedrohung1 eines Pogroms durch die Cuzisten oder die „Eiserne Garde“. Die jüdische Bevölkerung ist durch den systematischen ökonomischen Antisemitismus verarmt und im politischen Leben degradiert. Ermutigt durch den deutschen Nationalsozialismus, durch den polnischen und rumänischen antisemitischen Terror, fangen nun auch die Herrscher der kleinen Länder an, faktisch die jüdische Gleichberechtigung zu annullieren und die jüdischen Massen aus ihren ökonomischen Positionen zu verdrängen. Erst siebzehn Jahre sind seit den Frie- 'densverträgen vergangen, und. schon hat man alle internationalen Garantien der jüdischen Minderheitenrechte vergessen. Für alle anderen Minderheiten können sich — als Mitglieder des Völkerbundes — deren nationalverwandte Staaten einsetzen, für die jüdischen Minderheiten aber, die man ihrer elementarsten Rechte beraubt, ist niemand da, der für sie vor dem höchsten internationalen Forum eintritt. Wir haben keinen Staat und keine politische Vertretung im Völkerbund. Wir können und müssen jedoch eine personelle Vertretung schaffen von einem Volk, das überall eine Minderheit darstellt, und das mehr als alle anderen Minderheiten in der Welt verfolgt wird. Einer solchen Aktion wegen müssen wir einig sein. Aber zu unserem großen Unglück sind wir zerrissen und zersplittert in Parteien und Gruppen, die nicht verstehen wollen, daß „Volk“ höher steht als „Partei“. Wir berufen jetzt einen Jüdischen Weltkongreß ein, der unsero Lago in der Welt betrachten und ein Vertretungsorgan bei der höchsten internationalen Instanz schaffen soll. Die besten Kräfte des jüdischen Volkes stehen auf unserer Soito und bereiten sich zu den Wahlen der Delegierten aus Europa, Amerika und anderen Weltteilen vor. An unserer Kongreßbewegung nehmen teil nicht nur die extremen Flügel der jüdischen Gesellschaft, die extrem-Orthodoxen, die Agudah; die Assimilanten, die schon vor dom Begriff „Jüdischo Nation“ Angst haben, und auch die sektiorenden Klassen-Fanatiker, die das sozialistische Ideal mit dem nationalen Ideal nicht vereinigen wollen. Aber die zionistischen Sozia- Jistefi 'jjx4 mit. uii «^Man kans sogar, sicher: sagen, daß große Teile, auch der Parteien, die nicht mit uns gehen, ebenfalls die Bedeutung eines Jüdischen Weltkongresses verstehen. Und diese Teile können n6<Jh im Sinne einer vereinigten Volksfront für unseren Verteidigungskampf auf ihre Führer einwirken. Sie haben*noch Zeit, sich zu besinnen. Wir wenden uns mit einem Ruf an sie, an alle, die den Ernst unserer Lage in der Welt begreifen, die den Schmerzensschrei von Millionen Verzweifelter hören: Geht zu den Wahlen für den Jüdischen Weltkongreß, der für August dieses Jahres einheru- Genf wurde zum Sitz des Kongresses erwählt, weil das Echo, das von Genf aus über internationale Fragen ausgeht, dias relar tiv größte ist. Auf dem Kongreß sollen die ihn beschäftigenden Fragen vor der gesamten nichtjiidischen Öffentlichkeit erörtert werden. Der. Kongreß ist aus der Erwägung heraus einberufen worden, daß die Situation von Millionen jüdischer Menschen in Europa sich du den letzten Jahren immer weiter verschlechtert hat. In einem Lande wird den Juden die Emanzipation nach einem Jahrhundert der Gleichberechtigung entzogen, in anderen Ländern sind sie noch theoretisch im Vollbesitz der Rechte, es findet aber ein Verdrängungsprozeß statt, der sie in manchen Ländern in eine ökonomisch so bedrängte Lage, bringt, daß Millionen jüdischer Menschen nicht einmal das Existenzminimum haben. Die Gründe, die nicht nur in der allgemeinen Wirtschaftskrise, sondern in der nationalistischen Wirtschaftspolitik der letzten Jahre liegen, werden noch vermehrt durch besondere Angriffe auf die Stellung der jüdischen Minorität. Dazu kommt noch das Anwachsen einer großen nationalsozialistischen Bewegung, die direkt von Deutschland propagiert wird. In dieser tragischen Situation, die verknüpft ist mit der allgemeinen Krise der Welt, wollen nun die Juden zunächst versuchen, die Aufmerksamkeit der Welt auf dieses Existenzproblem von Millionen Juden in Ost- und Mitteleuropa zu lenken. Der Kongreß soll die elementaren Ansprüche, die das Judentum der Welt in voller Legitimität auf Gleichberechtigung und das Recht auf einfache Existenz hat, vor der Weltöffentlichkeit den Vertretern des Völkerbundes unterbreiten. Es sollen Instrumente geschaffen werden, um den Kampf zur Verteidigung der Rechte der Juden systematischer und energischer zu führen als bisher. Es soll der antisemitischen Welle und allen Verleumdungen und Angriffen besser als bisher ontgegengetreten werden. Es geschieht dies heute nur in einem unvollkommenen Maße. Dem bisher bestehenden Komitoo der jüdischen Delegation soll eine breite Instanz gegeben werden, die beroch, tigt sein soll, die gemeinsamen jüdischen Interessen zu verteidigen. Viele bedeutende Staatsmänner, wie Präsident Be ne sch, der erraordeto B a r t h o u und M u s s o 1 i ni haben orklärt, daß nichts natürlicher ist, als daß die Juden sich in ihrem Kampf zu ihrer Verteidigung beser organisieren als es heute der Fall sein kann. Eine weitero Aufgabe des Kongresses soll es sein, die W ir t s c h a f t s h i 1 f e für die aoj leid enden jüdischen fen wird! Beteiligt euch an den Wahlen, ob es nun allgemein-demokratische (womöglich), ob es plebiszitäre oder Organisationswahlen sind! Laßt euch nicht, von kleiiildoben Parteistreitigkeiten, von enger Vereinspolitik beherrschen! Der Gedanke soll euch begeistern, daß ihr geht, um eine Weltorganisation für ein W e 11 v o 1 k zu schaffen. Ein Schutzorgan für die schutzloseste Nation in der Welt! Der, der abseits bleiben will, muß wissen, daß er selbst die Verantwortung trägt für seine vollständige Isolierung von dem lebendigen, organisierten jüdischen Volk. Massen in.Ost-undMitteleuropa stärker zu organisieren als bisher. Diese Hilfe soll ko ns-1 r u k t i v er. Art sein, eine entsprechende Berufsumschichtung, wo es nötig ist, in Angriff zu nehmen, die Fragen der jüdischen Emigration behandeln, und dafür Organe schaffen. Palästina wird den Kongreß nicht befassen, weil es für diese Fragen den Zionistenkongreß hat. Der jüdische Weltkongreß ist aufgebaut auf Repräsentanzen der Judenheitan in verschiedenen. Ländern, die von den Juden der Länder^ die sieh beteiligen, teils gewählt, teils delegiert werden. Die Form der Zusammensetzung der Delegationen ist in verschiedenen Ländern verschieden. Am 14. Juni wird beispielsweise in Washington ednejüdisehe Konferenz abgehalten, welche die Delegation zum Kongreß wählen wird. Der Weltkongreß wird 300 Delegierte haben, die die überwältigende Mehrheit des aktiv bewußten Judentums in der Welt repräsentieren werden. Ein sol- Die zionistische Exekutive auf der Wacht Eigenbericht der „Stimme“. London, 9. Mai. Die zionistische Exekutive in London und in Jerusalem .ver* eher Kongreß wird Möglichkeiten schaffen, konstruktive Arbeit zu leisten. Ein Organismus, der 15 biß 16 Millionen Menschen in der Welt umfaßt, ißt imstande,, eine effektive Besserung seiner Lage herbeizuführen. Es wird natürlich auch Gruppen von Juden geben, die auf dem Kongreß nicht vertreten sein werden, wie beispielsweise das deutsche Judentum, das nicht die Möglichkeit hat, eine Delegation zu entsenden. Aus Amerika werden 70 Delegierte anwesend sein, Delegationen sind aus allen Ländern der Welt, aus Südafrika usw. vorgesehen. Der Weltkongreß der Juden soll nicht eine einmalige Veranstaltung sein, er will permanente Instanzen schaffen und Institutionen, die mit dem Völkerbund in ständigem Kon tak t bleiben sollen. Der Kongreß wird sich nieht mit Fragen, die in den einzelnen Ländern liegen, beschäftigen. Auch religiöse Fragen werden außerhalb der Kompetenzen stehen, da es Fragen der souveränsten eigensten Überzeugung sind. Es sollen nur die gemeinsamen Interessen der Juden in der Welt dauernd verteidigt werden. Der jüdische Weltkongreß, der, wie erwähnt, als eine dauernde Institution gedacht ist, soll seine Legitimität immer erneuern und es ist vorgesehen, daß er vorläufig alle vier bis fünf Jahre ' wiederkehrt. Die vom ihm gewählten Organe sollen sowohl die politischen wie die wirtschaftlichen Arbeiten fortsetzen und den kontrollierenden Instanzen dauernde Rechenschaft ablegen, um eine engere Fühlung mit breiten jüdischen Massen zu schaffen. I n d i e innerpo1 i t i schen Fragen der Länder, in denen Juden leben, wird sich der Kongreß in keiner wie immer gearteten Weise einmengen. Er soll nur Rechte und Interessen vertreten, die Juden als Juden betreffen, und er wird auch keine Stellung zu politischen Systemen in einzelnen Ländern nehmen. Die territoriale Durchführung der Beschikkung zu diesem Kongreß liegt in den Händen eines Komitees, das zusammengesetzt ist aus allen Gruppen. Die Länderdelegationen müssen bis Mitte'Juli.bestimmt sein. Das vorbereitende Komitee in ö ß t e r r e i c h hat bereite entsprechende Arbeiten eingeleitet, um eine entsprechende Beschickung des Kongresses au sichern. KongreßeröSfmmg 8. August Paris, 7. Mai. Die Exekutive des Comitd des Ddldgations Juives und des Jüdischen Weltkongresses hat beschlossen, den ersten Jüdischen Weltkongreß für die Zeit vom 8. bis 14. August nach Genf einzuberufen. Die Eröffnungssitzung wird am 8. August abends stattfinden. folgt aufmerksam die Entwicklung der Lage in Palästina. Sie hat alle Schritte eingeleitet, um politische Weiterungen zu verhindern. Alle hier und da geäußerten Befürchtungen einer Sperrung der jüdischen Einwanderung sind unbegründet. Die Aufgaben des Kongresses Im Rahmen eines Presseempfanges sprach am Freitag Dr. Nahum Goldmann, Mitglied der Zionistischen Exekutive und Delegierter der Exekutive der Jewish Agency beim Völker bum, über die Lage der Juden in der Welt und die Vorbereitungen zu dem Jüdischen Weltkongreß, der am 8. August in Genf zusammentreten und etwa eine Woche dauern wird. Dr. Goldrmnn, der Präsident des Komitees ist, und dem die Organisation dieser neu zu schaffenden Institution obliegt, legte die Gründe dar, Me zur Schaffung dieser Instiution drängen. Bewaffnung der jüdischen Kolonien Eigenbericht der „Stimme“ Jerusalem, 10. Mai. Die Polizeibehörden setzen die Bewaffnung der jüdischen Siedler in der Scharon-Ebene und im Emek Jesreel fort. Weitere Waffen-* magazine wurden geöffnet und die Waffen unter die jüdischen Kolonisten verteilt. Auch die in den an Jaffa grenzenden Vorstädten von T e U Aviv wohnenden Juden sind mit Waffen zu ihrem Selbstschutz ausgerüstet worden.. Zehn neue Polizei Stationen wurden in der Scharon-Ebene eingerichtet. Der Waad Leumi (der jüdische Nationalrat) hat angeordnet, daß der traditionelle Fackelzug bei den am Sonntag stattfindenden Feierlichkeiten zu Lag V omer unterbleibt. Als Grund für diese. Maßnahme wird angegeben, man wolle jeglicher Provokation aus dem Wege gehen. Ernstere Zwischenfälle sind in den letzten Tagen nicht vorgekommen. Einige kleinere Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude ln Jerusalem, wo die verhafteten Streikführer Hassan Sidky Dajany und Salakh Abdou verhört wurden, wurden von der Polizei a u f g e lö s t. Bei einer Demonstration arabischer Frauen in Jerusalem kam es zu keinerlei Zwischenfällen. In Atblit bei Haifa wurde eine jüdische Papierfabrik angezündet, das Feuer konnte gelöscht werden. Zwischen Nablus, Tulkarem und Jenin wurden die Telephonverbindungen durchschnitten. Die arabischen Autobusgesellschaften wurden von der Regierung aufgefordert, innerhalb 24 Stunden den Verkehr wieder aufzunehmen, widrigenfalls ihnen die Verkehrslizenz entzogen wird. - lillliiTril ~ 1'iiil i MMMIIIKM ' 1

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