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Die Stimme · 1936-05-05 · Heft 545 (5.5.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 545 (5.5.1936)
Date
1936-05-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b Preis 20 6 Nr. 545 Stimme JÜDISCHE ZEITUNG ORBIS «SS8 POLEN Abfahrten s 10. und 24. Hai Anmeldungen: Reisebüro „ORBIS“ I., K&rntnerstraBe 41, R 21-5-78 Österreichisches Verkehrs-Büro Wien, 5. Mal 1936 13. IJar §696 9. Jahrgang Mt Frledrlchstr. 7, B 27-500, I., Graben 20, U 29-0- Der Völkerbund und die Palästina-Ereignisse I Basel, 3. Mai. (JTA.) Die Baseler „Natlonal-Zeitung“ schreibt: In den Kreisen der Völkerbunddiplomatie beabachtet man die Vorgänge in Palästina mit wachsender Unruhe. Man denkt dabei nicht nur an die unmittelbare Zuständigkeit des Völkerbundes, dessen Organe: Mandatskommission, Rat und Versammlung mit den palästinensischen Wirren befaßt werden können. Man erörtert vielmehr auch die Bedeutung, die dem arabisch-jüdischen Konflikt im Hinblick auf die gegenwärtige gesamtpolitische Lage zukommt, wobei immer häufiger die Meinung zu hören ist, daß es sich nicht um eine lokale Bewegung handeln könne, sondern daß man es vermutlich mit einer größeren politischen Aktion zu tun hat, die in die Entwicklung gehört, die mit dem italienischen Krieg in Afrika begann und durch die Hitlersche Aktion vom 7. März fortgesetzt wurde. Unter diesem Gesichtspunkt würde es sich bei dem arabisch-jüdischen Konflikt in Wahrheit um einen arabisch-englischen Konflikt handeln, dessen Urheber vor allem der Mandatsmacht neue Schwierigkeiten in einer ohnehin schwierigen Lage bereiten wollen. Weitere arabische Ausschreitungen Jerusalem, 3. Mai. (JTA.) Am Donnerstag und Freitag, den 1. Mai, war die Situation in Palästina er h e b 1 i c h unruhiger als in den vorangegangenen Tagen. Während aus J a f f a—T e 1 - A v i v ' keine weiteren Zwischenfälle gemeldet wurden, kam es in Jerusalem und Haifa, sowie in den arabischen Städten vielfach zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und demonstrierenden Arabern, die Verletzte auf beiden Seiten forderten. Die arabischen Brandstiftungen und Anschläge gegen jüdischen Besitz an einigen Punkten des jüdischen Kolonisationsgebietes setzten sich fort. Araber setzten in Chedera den Speicher und das Warenhaus der Paiestine Fruit Company, der größten jüdischen Citrus- Exportgesellschaft Palästinas, in Brand, wodurch ein Schaden von etwa 10.000 Pfund entstand. Obwohl das Warenhaus ganz in der Nähe der Eisenbahnstation liegt, brannte es nieder, bevor die Feuerwehr an Ort und Stelle eintraf. Bei einem Angriff von Arabern auf ein Lastauto in der Nähe von Ramleh, wurde der 26jährige ungarische Jude Elieser Wikenstein getötet. In Jerusalem veranstalteten die Araber vor dem Regierungsgebäude Kundgebungen. Die Polizei hatte große Mühe, die Demonstrationszüge aufzulösen und sah sich schließlich genötigt, eine blinde Salve abzugeben. Bei diesen Zusammenstößen wurden 14 Demonstranten und 5 Polizisten verletzt. Die Demonstrationen wiederholten sich am Damaskus- Tor, wo die Polizei sich ebenfalls genötigt sah, zur Abschreckung eine blinde Salve abzugeben. Als aber trotzdem a/us den Reihen der Demonstranten ein Steinbombardement gegen die Polizisten eröffnet wurde, ging die Polizei zuerst mit Knütteln, dann mit der blanken Waffe gegen die Demonstranten vor. In der Altstadt von Jerusalem, die von Polizei außerordentlich gesichert wird, konnten es arabische Streikposten dennoch verhindern, daß arabische Kaufleute ihre Läden offen halten. Die jüdischen Familien, die in den gemischten jüdisch-arabischen Vierteln von Jerusalem wohnen, wurden von der Polizei aufgefordert, ihre Wohnungen zu räumen und sich nach der Jeschiwa (Talmud-Hochschule) Ez Chajim zu begeben. Der Stadtteil ist von der Polizei abgeriegelt worden. Auch die Juden in dem Murara-Viertel siedelten in die neuen jüdischen Viertel der Stadt über. Zum erstenmal seit sehr vielen Jahren ist nicht ein einziger Jude an der Klageraauer anzutreffen. Seit zehn Tagen wurde an der Klagemauer auch kein Minjan vorgenommen. Die Verschärfung der Situation hat sich auch auf Haifa ausgedehnt. In den Stadtvierteln, in denen Araber und Juden gemischt leben, haben die Juden ihre Geschäfte und Fabriken geschlossen. In Haifa wurden vier Bomben zur Explosion gebracht, drei Araber wurden als Schuldige in Haft genommen. Zwei arauische Kaufleute in Haifa, die trotz der Streikparole ihre Geschäfte offen hielten, wurden von arabischen Streikposten durch Messerstiche verwundet. Die Bemühungen des Streikkomitees, auch die Arbeiter im Haifaer Hafen zum Anschluß an den. Streik zu bewegen, haben nur einen Teilerfolg gehabt; etwa 100 Hafenarbeiter haben die Arbeit niedergelegt. Sehr unruhig war es in Haifa am 1. Mai. Als die Araber' die Moschee verließen, veranstalteten; sie-’ eine Demonstration. Die Polizeiposten wurden mit Steinen beworfen. Die Polizei gab eine Salve ab und jagte dann die Demonstranten mit Gummiknüppeln auseinander. Ein Araber wurde getötet, zahlreiche andere verletzt. Auf der Seite der Polizei wurden mehrere Personen leicht verletzt, nur die Verletzungen eines Inspektors erwiesen sich als schwer. In Jaffa wurde am Donnerstag das Gerücht verbreitet, die Juden hätten Anstalten getroffen, die Moschee anzuzünden. Sofort sammelte sich eine erregte Menge an. Die Polizei mußte wiederholt eingreifen, um ernstere Zwischenfälle zu verhüten. Sieben Araber wurden unter dem Verdacht in Haft genommen, auf die Eisenbahnstation einen Bombenanschlag verübt zu haben. Bei zwei der Verhafteten wurden Explosivstoffe gefunden. Brandstiftungen Außer der großen Brandstiftung in Chedera wurden neuerdings in verschiedenen Orten, insbesondere im Emek, Brände gelegt. In der Kolonie Balfouria brannten 25 Dunam Wald nieder, auf Feldern von Balfouria wurde die Ernte zerstört. Zwei Araber wurde als täter verhaftet. In der Kolonie Tel-Joseph wurden 350 Bäume von unbekannten Tätern ausgerodet. Drei arabische Lastzüge, die mit Gemüse beladen waren, wurden von Arabern bei Kalkilia -angehalten. Es kam zu einem Zusammenstoß, bei dem ein Araber getötet wurde. Ein Lastzug wurde niedergebrannt. Beim Distriktkommissar in Haifa erschien eine Abordnung jüdischer Kolonisten und forderte Schutz gegen Brandstifter und Waldfrevler. Der Distriktskommissar erklärte, er sei n i c h t imstande, gegenwärtig einen besonderen Wachdienst für die jüdischen Felder und Wälder zu organisieren, er habe aber den arabischen Dörfern Kollektivstrafen für den Fall angedroht, daß die Brandstiftungen fortgesetzt werden. Die Araber streiken weiter London, 1. Mai. Wie die Blätter aus Jerusalem melden, hat die arabische Exekutive dem Oberkommissar mitgeteilt, daß sie weder in Verhandlungen über eine Beendigung des Streiks eintreten, noch ihn selbst abbrechen könne, so lange nicht die jüdische Einwanderung nach Palästina vollständig unterbunden werde. In allen Teilen des Landes mehren sich die Zwischenfälle. In der Nähe von Ram- 1 e h wurde der Lastwagen einer jüdischen Molkerei durch Araber überfallen und in Brand gesetzt. Der Wagenführer wurde dabei getötet. In Chederah und Jesreel kam es zu ausgedehnten Brandstiftungen. In Jaffa wurden zwei Araber, die ihre Läden wieder geöffnet hatten, von der Volksmenge schwer verletzt. Unruhen in Haifa Haifa, 1. Mai. Als heute Araber eine Moschee verließen, kam es zu Kundgebungen, wobei ein Araber getötet und zahlreiche verwundet wurden. Die Polizei, die mit Steinen beworfen wurde, mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen. Schließlich gelang es der Polizei, die Demonstranten zu zerstreuen. Mehrere Polizisten wurden leicht und ein Inspektor schwer verletzt. Die Kundgebung stand mit der Maifeier in keinem Zusammenhang. Keine arabisch-jüdische Round Table-Konferenz London, 3. Mai. (JTA.) Im Unterhaus richtete der Konservative Hall-Caine an den Kolonienminister die Frage, ob die Regierung es nicht für ratsam halte, die Anwesenheit der arabischen Palästina-Delegation in London dazu auszunutzen, um eine Round Table-Konferenz arabischer und jüdischer Führer in London zu arrangieren. Die gleiche Frage stellte der jüdische Konservative Marcus Samuel. Auf beide Fragen erwiderte der Kolonlenmiinister J. II. T h o m a s, die Regierung habe die arabischen Führer nach London geladen, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Sachen darzulegen. Man wird es verstehen, daß die Regierung vor der Anhörung der arabischen Delegation nicht in der Lage sei, eine Erklärung in dieser Sache abzugeben. Marcus Samuel fragte weiter, wann der Kolonienminister glaube, daß die Besprechungen mit den Arabern zu Ende sein könnten. Thomas antwortete, daß infolge der beklagenswerten Ereignisse in Palästina die Abreise der arabischen Delegation verschoben wurde; er könne nicht sagen, wann die Delegation in London eintreffen wird. Der Konservative Alfred D e n v i 11 e fragte, ob der Kolonienminister im Hinblick darauf, daß der Großmufti von Jerusalem gegen die Schaffung des Legislative Council ist, es nicht für angezeigt halte, die Einladung an die Araber, eine Delegation nach London zu entsenden, überhaupt zurtic kzuziehen. Der Kolonienminister erwiderte: Die arabischen Parteien in Palästina haben den High Commissioner dahin informiert, daß sie die Abreise der Delegation nach London in diesem Augenblick als n.ichtim öffentlichen Interesse stehend erachten. Ich sehe keinen Grund, den Vorschlag Denvilles in Erwägung zu ziehen. Eine Bombe aus Deutschland Am Mittwoch wurde, wie jetz bekannt wird, zwischen Jaffa und Tel- A v i v eine Bombe gegen einen englischen Polizeiposten geschleudert. Die Bombe explodierte unweit des Makkabi-Sportstadions. Menschen wurden nicht verletzt, doch wurden einige Häuser in der Nähe beschädigt. Die Polizei prüfte die Konstruktion der Bombe und nimmt an, daß sie in Deutschland fabriziert wurde. Jüdische Arbeit und arabischer Streik Die Levante-Messe in Tel-Aviv ist programmgemäß eröffnet worden. Die Veranstaltung ist von den bekannten Ereignissen glücklicherweise nur wenig betroffen worden. Ein Teil der in den Jaffaer Magazinen lagernden Waren und Maschinen konnten wegen des arabischen Streiks nicht rechtzeitig auf das Meß&egelände geschafft werden,, doch wird das nachgeholt, und tut weiter keinen Schaden. Die Messe geht ihren Gang. Sie ist eine Einrichtung der Stadt Tel-Aviv, der jüdischen Stadt, die vor drei Wochen der Schauplatz ernster Vorfälle gewesen ist, und die sich trotzdem in ihrer Arbeitsfreude nicht etören läßt. Sie repräsentiert vor dem aus Europa kommenden Kaufmann den Ernst und die Tüchtigkeit des jüdischen Volkes, das eich mit dem Volk seiner Ahnen von neuem zu einer festen Einheit verbindet. Dieses Ziel der jüdischen Hoffnungen ist es, das ihm die Feindschaft jener arabischen Cliquen eingetragen hat, die bis zum Beginn der jüdischen Einwanderung das Land in den Händen hatten und nichts für seine Entwicklung getan hatten. Die Fronarbeit des bedürfnislosen, sozial primitiven Fellachen brachte ihnen mühelosen, aber reichen Verdienst. Mit dem jüdischen Landarbeiter ist der neue Geist des Rechtes und der Würde der Arbeit ins Land gekommen, und das ist der tiefste Grund für die Feindschaft, die nun schon das drittemal es versucht hat, mit Mord und Brand das Werk zu zerstören. Der Versuch ist wieder mißlungen und auch seine Fortsetzung mit dem Mittel des Streiks •ist untauglich. Es zeigt nur um so deutlicher, wer die Werte des Landes erzeugt. Die wirtschaftliche Kraft des Jischuw ist schon heute so gefestigt, daß sie solche Störungen rasch überwindet. Alle großen Nationen der Kulturwelt sind in diesen Messetagen Gast der jüdischen Stadt. Sie sehen, was geleistet wurde, sie hören, welche Pläne für die nächste und die weitere Zukunft bestehen, und sie können ihr Urteil darüber sprechen, was die nationale Wiedergeburt bedeutet. Für uns ist sie dlie Erneuerung des Volkes in seinem gesamten seelischen Habitus, diie Wiederaufrichtung einer jüdischen Kultur, die Neuformung des Zusammenlebens, die Verschmelzung aller aus den verschiedenen Ländern kommenden jüdischen Stämme zu einem einzigen Volk. Das ist gewiß ein schwieriger und komplizierter Prozeß; es ist die Aufgabe eines Volkes, das niemals ein eigenpolitisehes Dasein geführt hat, das aus den Kolonien ein Mutterland begründet und sich alles Notwendige ohne Erfahrung und koloniale Tradition mühsam erarbeiten muß, gehemmt durch das werktätige Mißtrauen der Mandatsregierung, durch die Feindschaft der Araber, durch die zunehmende Verarmung des Judentums in der ganzen Welt und durch die Atmosphäre des Hasses ringsum. Wir haben aber trotz allem den Grund gelegt und sind dessen sicher, daß auch die aus Europa mitgebrachten Schlacken des Parteiiwesens und des inneren Haders unter dem Druck der eisernen Notwendigkeit der Arbeit schwinden werden. Für uns ist Palästina vor allem eine Angelegenheit des Herzens. Die nicht jüdische Welt, die jetzt die Levante-Messe besichtigt, ist Palästina eine nüchterne, unpathetisch zu messende Erscheinung. Für die Nichtjuden sprechen vor allem Ziffern. Wir geben hier einige Angaben des statistischen Amtes der Jewish Agency: Am Ende des Budgetjahres 1932/33 betrug der Geldumlauf Palästinas 2,800.000 Pfund; im Jahre 1933/34 stieg er auf 4,100.000; im Jahre 1934/35 betrug er bereits 5,300.000 und im Budgetjahr 1935/36 stieg er weiter auf 6,800.000 Pfund. In den letzten vier Jahren hat sich der Geldumlauf im Lande so um das 2% fache erhöht. Die Budget-Einnahmen der Palästina-Regierung haben sich in der gleichen Zeit fast veraoppelt, und zwar von drei Millionen Pfund im Jahre 1932/38 auf vier Millionen im Jahre 1933/34, 5H Millionen im Jahre 1934/35 und 5,700.000 Pfund im letzten Budgetjahr. Der Gesamtertrag der Budget-Einnahmen der Regierung betrug also in den letzten vier Jahren 18,200.000 Pfund. In den gleichen vier Jahren sammelte sich im Staatsschatz eine Reserve aus dem Uberschuß der Einnahmen über die Ausgabe«

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