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Die Stimme · 1936-05-01 · Heft 544 (1.5.1936) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 544 (1.5.1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seb j l lfcwac.1 OtC STIMME Nr. 544 — 1. Mai 1036 Oer Roman eines Führen und eines Volkes Von Georg Beer ■ m Am 2. Mai fährt sich zum 76. Male der Geburtstag Theodor Herzls. Wir beginnen aus diesem Anlaß mit der Veröffentlichung eines Kapitels dieses neuen Herzl-Buches. I. Er drängte sich durch jenes gewohnte Spalier, das immer, sobald die Kammersitzuugen begannen, die gußeiserne Barriere vor dem ragenden, grausc-himmernden Bau des Palais Bourbon. Neugierige Flaneure, politische „Schlachtenbummler“, kleine Studententrupps mit schiefsitzendem Samtbarett, handfeste Stöcke für alle Fälle unter dem Arm, dazwischen die blauen Radmäntel der „Flics“, der Polizisten. Rasch stieg er die breite Freitreppe hinauf, durchquerte die hohe, dämmerige Säulenhalle, betrat die Couloirs. Zigarrenrauch, Speisengeruch, lärmendes Stimmengewirr, das übliche geschäftige Durcheinander vor der Sitzung. Eilig und schwitzend wie gewöhnlich, die Rockschöße flatternd, den Hut im Genick, kam mit einemmal Schnittenberg, der Kollege vom „Berliner Tageblatt“, auf ihn zu: „Tach, Taoh, Doktor. Sagen Sie mal, bleiben Sie eigentlich da bei dem Zeugs jetzt? Ja? Na, da lassen Sie mich abends ’n Augenblick in Ihren Bericht gucken, nich’ wahr, ich empfahl’ mich jetzt nämlich. Hab’ wirklich keine Lust, mich bei der Debatte da zu langweilen. Na, ein paar Wirrköpfe brauchen wieder mal ’nen kleinen Wahlschlager, da machen säe eben bißchen antisemitischen Radau, Interpellation über die jüdische Gefahr! Göttchen, wen das schon interessiert, ich überleg’s mir noch, ob ich überhaupt was davon ans Blatt gebe.. Er sah ein wenig nachdenklich auf den lauten, dicklichen, gestikulierenden Mann. „Ich glaube, lieber Schnittenberg“, sagte er langsam, „Sie verkennen doch die Bedeutung dieser Angelegenheit. Die Leute mögen unwichtig sein, aber sie und ihr ganzes Unternehmen stellen immerhin ein nicht zu übersehendes soziales System dar, und gerade für uns ist es wissenswert... „Nu, ich bitte Sie, Doktor, wissenswert!“ unterbrach ihn Schnittenberg, „wieder mal die gleichen stumpfsinnigen Phrasen vorgekaut zu bekommen, danke sehT, nee, lassen Se man, Sie haben nun mal den jüdischen Fimmel. Ich geh ins Cate, und, Doktor, Moment mal, wenn sie heute vielleicht noch mit der Kolonialdebatte anfangen, über Madagaskar, dann lassen. Sie mich holen, det is interessant...“ Mit flatternden Rockschössen verschwand Schnittenberg. Ein stattlicher, rotbärtiger Herr lüftete im Vorbeigehen, mit gemessener Freundlichkeit grüßend, den Zylinder. Das war Monsieur Samuel Napoleon Cohen, eine Säule der Pariser Börse, Stammgast in den Couloirs der Kammer, der es wie kein zweiter verstand, das Ergebnis einer Abstimmung, den Widerhall einer Rede, einer Debatte in ihren Auswirkungen auf den Stand von „Kupferminen“, „Ctedit Lyonnais“, „Consols“ usw. zu beurteilen und vorauszusehen, welche Schwankungen der Kurse das Schwanken einer Regierung zufolge haben würde. Er schien allerdings der heutigen Tagesordnung in dieser Hinsicht wenig Gewicht beizumessen, denn er strebte ebenfalls dem Ausgang zu wie Schnittenberg. — Da öffneten schon die Huissiers die Flügeltüren und gleichzeitig mahnte das Gockenzeichen die ehrenwerten Herren Deputierten, ihre Sitze emzunehmen. Er schaute von seinem gewohnten Platz in der Journalistenloge hinunter in das weite, leere Halbrund, in dem sich Präsidentensitz, Ministerbank und Rednertribüne erhoben, betrachtete dann die wie in einer Arena ansteigenden Bankreihen. Das Haus schien mäßig besetzt. Nur die Interpellationsparteien, die Klerikalen und Nationalisten waren vollzählig anwesend. In den Sekt cm der Mitte und auch der Linken gähnten viele leere Sitze. Auf der Regierungsbank langweilten sich schon im voraus zwei einsame Unterstaatssekretäre und der Minister für schöne Künste, Über der Arena der Volksvertreter jedoch, auf den Galerien, drängte sich eng Kopf an Kopf eine dunkle, unruhige Menge, deren gedämpftes Murmeln in den Saal hinunterdrang. Während er so in gewohnter Weise seine Blicke durch das Haus schweifen ließ, Bleistift und Notizbuch sich zurechtlegte, empfand er mit einemmai dumpfe, bohrende Unruhe. Wirklich merkwürdig. Was hatte er hier nicht schon alles gehört, gesehen, erlebt! Was für Rede- und Abstitmmungsschlachten, was für Skandale und Intrigen: die Krämpfe der Panamaaffäre, die Erschütterungen der Anarchistendebatten ... Der Saal hatte einem brodelnden Hexenkessel geglichen, die Galerie tobte, draußen vor der gußeisernen Barriere brandete die Masse gegen den Polizeikordon, die Berichterstatter, voll fieberhafter Erregung, hatte es kaum auf ihren Sitzen gelitten. Aber er war mitten in der Siedehitze ruhig geblieben, unheimlich ruhig, sagten dde Kollegen, kalt, unbewegt, hatte geschaut, gehört, aufgenommen, zergliedert, geformt. Und gerade heute in dieser völlig spannungslosen, mit Langeweile geradezu gesättigten Atmosphäre, vor einer Sitzung, die im Grunde wirklich recht wenig interessant und belangvoll zu werden versprach, packte ihn diese unerklärliche, dumpfe, bohrende Unruhe. Warum nur? Nun ja, diese Unruhe war im Grunde nicht von jetzt, nicht von heute, das wußte er wohl. Schon seit Monaten, seit dem Winter schon saß sie in ihm, in jedem seiner Tage, in jeder seiner Nächte. Das ausgewogene innere Gleichmaß, um das er viele Jahre so schwer gerungen, war schon lange gestört, kaum vermochte er das Äußere zu erhalten. Sogar mitten in der Arbeitszeit hatte er Urlaub genommen, war nach Wien gefahren. Ortswechsel, Wiedersehen mit den Eltern, Zusammensein mit vertrauten Menschen, hatte er gedacht, das würde diese dumme Nervosität, diese unklaren Stimmungen, die ihn in letzter Zeit immer häufiger befielen, schon vertreiben. Irrtum, gerade das Gegenteil war der Fall gewesen. Fast erinnerte ihn dieser Zustand an seine Jugend- und Wanderjahre, die gleiche Unrast, das gleiche ständige Suchen, das gleiche Sioh-allein-undabgeschlossen-fühlen... Aber damals, das war schmerzhafte Entwicklungs- und Reifezeit gewesen, darüber war man doch schon längst hinausgewaohsen ... oder sollten das vielleicht halb unbewußte Anzeichen einer neuen Periode künstlerischer Produktion sein? Aber während er so dasaß, mit dem Bleistift spielend, mechanisch die Grüße der eintretenden Kollegen, bekannter Abgeordneter, erwidernd, im den Saal und in sich hinabstarrte, wußte er auf einmal mit unausweichlicher Gewißheit, was diese Unruhe zu bedeuten habe, ja, er hatte es eigentlich schon immer gewußt und nur vor sich selbst zu verbergen gesucht. Nicht umsonst sprach der Kollege Schnittenberg von „jüdischem Fimmel“. Konnte er leugnen, daß die Unruhe mit all dem zusammenhing, was man mit dem Sammelnamen Judenfrago zu bezeichnen pflegte, im Wirklichkeit aber eine verwirrende Vielfalt, ein richtiger gordischer Knoten von Fragen war? Es hatte eine Zeit gegeben, da er diesen Fragen mit ironischer Eleganz, mit skeptischer, sarkastischer Melancholie ausgewichen war. Lange vorbei schon ..., später, als er weiteren, tieferen Blick bekam für historische und soziale Zusammenhänge, für Geschichte und Leben der Völker, hatte er diese Fragen einzuordnen gesucht in die an drängenden Problemen so reiche gesellschaftliche Entwicklung der Epoche, setzte sich in streng objektiver Gelassenheit mit ihnen auseinander. Es lag eben im Aufgabenkreis des verantwortungsvollen Beobachters, der die Geschichte des Tages zu schreiben hatte, sich mit diesem „nicht zu übersehenden Symptom“, wie er vorher zu Schnittenberg gesagt, zu beschäftigen. Doch wenn er sich selbst ehrlich bis ins letzte prüfte, dann mußte er gestehen, daß jener objektive, gelassene Beobachterstandpunkt nichts als Maske, daß er unwahr sei. In diesem Augenblick nicht mehr war, nein, schon seit langem nicht mehr, seit jenem trüben Jännermorgon, da er fröstelnd in dem weiten, grauen Hof der Ecole Militairo gestanden, wo man dem jüdischen Hauptmann seine Ehre in Fetzen vom Leibe riß, nicht mehr wahr seit jener Stunde, da er einsam durch di« verlassenen winterlichen Straßen von Paris gegangen, im Ohr noch den rasenden Schrei der Massen: „Tod Dreyfus“, „Tod den Juden“, vor Augen noch die schwarze Gestalt zwischen den starrenden Bajonetten, das bleiche Gesicht, seinen aufgerissenen Mund, der immer wieder: „Unschuldig, unschuldig“, rief, erstickt und übertönt vom Rasseln der Trommeln, vom Toben der Menge. Jene Stunde war es, da er zum erstenmal nicht kluge Gedanken und Argumente bewegte über Juden und Antisemiten, sondern ihn eine Not, beklemmend, deutlich und nahe, packte, rüttelte, würgte, alle seine Anschauungen und Meinungen mit einem Stoß über den Haufen warf und in ihm nichts ließ als den heißen sinn- und ziellosen Wunsch, mehr zu tun als zu betrachten und zu argumentieren. Ein sinn- und zielloser Wunsch, das mußte er sich gestehen, und er hatte es sich in den Monaten, die seither verstrichen waren, immer wieder gesagt. Denn was vermochte er, ein einfluß- und mittelloser Literat? Nicht immer hatte er so gering von den Möglichkeiten seines Berufes gedacht. Der Glaube, daß das Wort eine Waffe sein, daß man mit ihm Umstürzen und aufbauen könne, hatte ihm lange Zeit innegewohnt. Aber gerade in dem grauen Hof der Ecole Militaire, angesicht jener elementaren, dumpfen, nicht mehr menschlichen Wut, die ein zivilisiertes Volk so jäh verwandelte, war dieser Glaube schwer erschüttert worden. Das Wort allein ist nicht genug, immer von' neuem fiel ihm jener Satz, den er damals gedacht, ein. Hätte er wieder versuchen sollen, zu verteidigen, zu rechtfertigen, jene zu überzeugen, die weder willens noch fähig waren, überzeugt zu werden, Beweise und Argumente gegen den Antisemitismus sammeln, der aus Gegenden kam, wohin kein Beweis reichte, kein Argument Widerhall fand, wie er jetzt wohl wußte, wieder Fragen diskutieren wie in seinem letzten Stück, ohne säe zu lösen? Nein, in die Wirklichkeit hätte man eingreifen müssen, helfend, bessernd, verwandelnd, in die jüdische Wirklichkeit... Jüdische Wirklichkeit, seltsames, vermessenes Wort. Gab es so etwas überhaupt? Eine Vielfalt verschiedener Menschen, verschiedener Sprache, verschiedener Anschauungen, verschiedener Lebensbediingungen, ein Völkermischmaßch, dessen größtes Rätsel jene undefinierbare Ein- und Eigenheit blieb, die sie hinderte, in den anderen a/ufzugehen, zu verschmelzen. Was eie einst verbunden, hatte cs sich nicht schon längst verflüchtigt Der Misrachi Landesverband gratuliert herz liehst seinem Mitglied Heinrich Käufer zu seinem sechzigsten Geburtstag. im Laufe der Jahrhunderte? Nicht einmal die Gegnerschaft der Umwelt — er hatte es immer wieder erfahren — trieb sie zueinander. Wer ihnen hätte helfen wollen, hätte erst das Gemeinsame zwischen dieser Vielfalt entdecken müssen, etwas Bindendes, Vereinigendes, das sie zueinander zu zwingen vermochte. Aber wo war dieser „archimedische Punkt“, an den man ansetzen mußte, wo jenes gemeinsame Band? Fragen, Fragen, in quälendem, ausweglosem Kreislauf, sie kamen immer wieder, in Wien, in Paris, während der Arbeit, im Theater, bei den Kindern, mit Freunden, sie waren die Unruhe, die dumpf und bohrend in ihm saß, während er in den Saal hinabstarrte, wo der hagere, grauhaarige Vorsitzende Aurelle mit allen herkömmlichen Formalitäten die Sitzung eröffnete, als ersten Punkt der Tagesordnung die Interpellation über die jüdische Gefahr ankündigte und dem Redner der Klerikalen, Professor D’Effanges, das Wort erteilte. II. Mit gemessenem Schritt besteigt Professor D’Effanges die Rednertribüne, fingert ein wenig ordnend an seinem ohnehin makellos sitzenden Gehrock, fährt sich durch den, weißblonden Vollbart, wirft noch einen zwinkernden Blick in die vor ihm liegenden Notizen, und während es im Haus sehr langsam still wird, beginnt er: Kein wie immer geartetes Vorurteil religiöser, rassenmäßiger oder sozialer Natur sei der Beweggrund dieser seiner Interpellation. Lediglich als Ausdruck ehrlicher Besorgnis eines selbstlosen Patrioten sollten seine Worte aufgefaßfc werden. Diese Besorgnis aber habe ihren Grund in dem ständigen Anwachsen der Einwanderung jüdischer Stammesangehörir ger. Gegenwärtig betrage deren Gesamtzahl ■im Lande 50.000. Gewiß, das sei an und für sich nicht vieL Man betrachte jedoch einmal die sozial« Struktur, die Beruf sschiohtung dieser 50.000. Wieviele Arbeiter und Handwerker gäbe es unter ihnen? Wenn man wohlwollend Teehne, noch nicht ein Prozent. Wieviel Handelsleute aber, wieviel Fabriksbesitzer, Börsenmakler, Bankiers, wieviel Ärzte, Juristen neuerdings? Er erlaube sich, einige statistische Daten mitzur teilen. Das seien alarmierende, bedrohliche Ziffern. Warum alarmierend, warum bedrohlich, frage der harmlose, unaufgeklärte christliche Mitbürger? Habe nicht jeder Franzose das Recht, jede beliebige soziale und wirtschaftlich« Position anzustreben? Jawohl, jeder Franzose, wohlgemerkt. Die Juden seien aber ebensowenig Franzosen wie Deutsche, Slawen oder Engländer. „Was sind diese Juden eigentlich?“ ruft Professor d’Effanges mit erhobener Stimm« in den Saal. Sind sie wirklich nur eine religiöse Gemeinschaft, wie sie behaupten? Nein! Durch Blut, Sitte, Üborlief’erunig und Gesetz, durch unzählige große und kleine Dinge sind sie unüberbrückbar von uns geschieden. Nichts verbindet sie mit unserem heiligen Boden, nichts mit unserer ruhmvollen Geschichte. Patriotismus ist für sie ein leeres Wort. Fremde waren sie, Fremde .sind sie, Feinde bleiben sie. Fremd« also, meine Herren Abgeordneten, halten 90 Prozent des beweglichen Kapitals Frankreichs in Händen, Fremde beherrschen seine Banken, seinen Handel, seine Industrie. Morgen werden sie unsere Jugend von den Universitäten verdrängen, unser Heer, unsere Diplomatie durchsetzen.“ „Meine Herren Abgeordneten“, die Stimme des Professors d’Effanges trimoliert wirkungsvoll, „behüten Sie die Nation vor unermeßlichem Schaden, indem sie dieser Entwicklung steuern! Di« Regierung höre unsere Warnung und ergreife Maßnahmen. Caveant consules.“ (Fortsetzung folgt.) JÜDISCHER KALENDER 1. bis 7. Mal 1936 . 9. bis 15. Ijar 5696 Freitag (1.) Sabbath-Elngang.7*° Uhr Samstag (2.) Sabbath-Ausgang . ... 8 Uhr Wodienabsdinltt: Achral Kdoschlm Jüdische Unternehmer beschäftigt die Chaiuzim des Stadtkibuz G*dud Zirim II., INNSTRASSE 6 TELEPHON R 41-4-21 _Zionistische Bezirksorganisation Innere Stadt, /., Marc-Aurel-Straße 5._ Donnerstag, 7. Mai, iU9 Uhr abends: Dr. Oskar Grünbaum, Präsident des Zionistischen Landesverbandes für Österreich: „Me leisten Ereignisse in ‘Palü.stina und die Zionistisc&e Organisation Ehret Eure Mutter am Muttertage durch den Keren Kajemeth: BÄUME, SCHOLLENSPENDE

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