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Die Stimme · 1936-05-01 · Heft 544 (1.5.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 544 (1.5.1936)
Date
1936-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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V. b. b Preis 20 6 5Stimme JÜDISCHE ZEITUNG ORBIS «ES* POLEN Abfahrten i 10. und 24. Hai Anmeldungen: Reisebüro „O R B I S“ I., KftrntnerstraDe 41« R 21-5*78 Österreichisches Verkehrs-Büro Nr. 544 Wien, s. Mal 1936 9. Qar 5696 9* Jahrgang Friedrichs«!*. 7, B 27-500, I., Graben 20, U 28-0- Englands Schuld Von M. y. Ben-gavriel Jerusalem, am 23. April. Die Welt weiß, was in den letzten Tagen in Palästina geschah; Telegraph und Radio meldeten eilfertig, daß so und so viele Men- Bohen in Jaffa getötet wurden, daß eine Art Bürgerkrieg im Heiligen Land ausbraeh, daß die persönliche Sicherheit in gewissen Gegenden dieses Landes auf ein sehr ge ringes Mindestmaß herabgedrückt wurde Für die Welt bedeutet diese Nachricht in dieser Zeit der großen, das geopolitische Antlitz. der Erde ändernden Sensationen nicht viel, nicht mehr als eine der kleinen Schnell vergessenen Sensationen des Tages, denn Palästina ist ein kleines Land und die Juden sind nicht beliebt in der 'Welt. Für uns Juden aber, selbst für die, welche, an der entferntesten Peripherie des Judentums stehend, mit dem Judentum nur erzwungene Verbindungen haben, bedeutet diese Nachricht mehr als eine Sensation, mehr als die Meldungen von Judenverfolgungen irgendwo in der Welt, weil — dies fühlt im Unter* bewußtsein selbst der mit dem Judentum kaum mehr verbundene Jude — Palästina die letzte historische Chance für uns ist. in diesen unsereü Tagen. Wir, die wir den Pulsschlag Palästinas aufmerksam zu beobachten gewöhnt sind wußten schon lange, daß etwas kommen würde. Wir glaubten zwar nicht, daß es jetzt.schon eintreten würde, jetzt, ehe die Ernte eingebraoht ist und: die Fellachen noch auf ihren Feldern beschäftigt sind, denn, dies war unser großer' Fehler, wir .übersähen, daß die städtische Jugend der arabischen Siedlungen sich organisierte Und, Vom syrischen Beispiel fasziniert, ungeduldig deä Aufruf erwartete; den die maßlose Zeitungshetze der Effendis seit Mo naten versprach, und wir übersahen, daß die: ökonomische Struktur des Landes sich in den letzten zwei oder drei Jahren in einer merkwürdigen, in aller Welt wohl einzigartigen Weise veränderte: daß Palästina seit einigen Jahren ein überraschend großes Lumpenproletariat besitzt, das, nicht im Land gewachsen, von außen unter stiller DuTdung der Regierung h er eingebrach fc, in seiner geradezu unbeschreiblichen Armut und Primitivität des Lebens- und Denkstils nichts zu verlieren, sondern nur zii gewinnen hat: die Hauraner. Man hat hier die Ansammlung von zwanzigöder dreißig tausend Menschen geduldet, die aus ihrer Heimat, dem syrischen Hauran aufbrachen, nach Palästina kamen, ohne Papiere natür lieh, und hier in geradezu unvorstellbarer Weise die Löhne unterboten, in Erdiöchern, in den Stadttoren hausen und sich von einem Minimum nähren, das jeden anderen Menschen dem Hungertod überliefern würde. Diese in den Städten, besonders in Jaffa zusammengebällte, durchaus nicht zuletzt von Juden beschäftigte Masse von Men sehen, die wohl nicht schlechter und nicht besser sind, als andere Menschen, deren Kulturzustand aber keinerlei Hemmungen animalischer Begierden kennt, diese Masse wurde von den, wie gewöhnlich im Hintergrund agierenden Agitatoren aufgerufen und sie tat ihr Werk in der diesem Kulturzustand entsprechenden Weise. Nicht die Fellachen, nicht einmal die Beduinen waren es, die in Jaffa mordeten, sondern der Bund der halbdntellektuellen Kleinbürger und Latifundienbfesitzer mit dem fünften Stand der menschlichen Gesellschaft. Daß wir .damit nicht rechneten, ist unsere Schuld, daß diese Verbindung nicht verhindert wurde, ist die Schuld der englischen Behörden in Palästina, deren Oberhaupt, der High-Commissioner, wohl guten Willens und hervorragender menschlicher Qualitäten ist, der aber gleichzeitig Exponent jener jahrhundertealten Kolonlalpolitik Bein muß, dio aus solchen „lokalen Native- Streitigkeiten“ in erster Linie den für England notwendigen Schluß zu ziehen hat. Englands Mühlen mahlen langsam sie mahlen nun bereits fünf Tage lang, ohne daß dio Sicherheit zurückgekehrt ist — aber sie mahlen sicher. Wenn auch **>undso viele Menschenleben dabei awi- Aufruf der Jewisf» Agency An das lüdlsche Volkl Di© Exekutive der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency in Jerusalem veröffentlicht einen Aufruf „an das jüdische Volk“, in dem ausgefüfert wird: „In diesen Tagen der schweren Prüfung finden wir Trost in dem Bewußtsein, «laß die Judenbeit in der ganzen Welt teilnimmt an dem Schicksal des jüdischen Wiederaufbauwerkes in Erez Israel, welches nicht allein das Werk des jüdischen Jischuw, sondern des gesamten jüdischen Volkes ist. Wir verwirklichen den Zionismus nicht nur um der 400.000 Juden willen, die gegenwärtig in Palästina leben, sondern um der großen historischen Hoffnung unseres Volkes auf Wiederaufbau Erez Israels willen. Es ist nicht das erstemal, daß unsere friedlichen, schöpferischen Anstrengungen durch Angriffe aufgebetzter Pogromleute gestört werden. Die Gefahr ist noch nicht vorüber, aber der Jischuw fühlt seinen festen Standpunkt und ist weit entfernt von einem Gefühl der Hilflosigkeit. Im Gegenteil: Er ist überzeugt davon, daß keinerlei feindliche Kraft imstande wäre, die festen Fundamente zu erschüttern, die unserer erneuerten Heimat untergebaut wurden; in Fällen der Not sind wir alle wie ein Mann bereit, uns zur Verteidigung unserer Positionen,' unseres Lebens und unserer Ehre zu stellen. Mögen unsere Opfer noch so groß sein, unser Werk kann und wird nicht unterbrochen werden. Wir beweinen die unschuldigen Opfer von Jaffa, aber kein noch so großer Verlust wäre imstande, unsere Entschlossenheit, in Erez Israel eine freie, sichere Heimat für d as zerstreute und verfolgte jüdische Volk zu schaffen, abzuschwächen. Nur die Tatsache, daß unsere Zahl im Lande noch zu niedrig ist, ermutigt die schlimmsten Elemente unter unseren Nachbarn, zu denken, daß sie imstande seht könnten, unseren Fortschritt durch Unruhen und Gewalttaten zu hemmen. Wir wenden uns darum an alle Juden in den Ländern der Galutb mit dem Rufe, die größtmöglichen Anstrengungen zu machen, um unser Werk ökonomisch, politisch und moralisch zu fördern. v ~ Wir benötigen Fonds nicht zu Zwecken der Nothilfe, sondern zur Verbreiterung und Steigerung unserer Bemühungen, eine dauernde Heimat in Palästina für die Juden Deutschlands, Polens und anderer Länder in Ost und West zu bereiten, deren einzig* Hoffnung Zion, ist r ’ Eine großzügige Mobilisierung der finanziellen Mittel durch Keren Hajessod und Keren Kajemeth muß durchgeführt werden, um die jüdische Einwanderung, den Bodenkauf und die Kolonisierung Erez Israels zu erhöhen. Alle Teile des Judentums müssen sich unter der Fahne der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency in düer festen einheitlichen Stellung sammeln, um die politischen Rechte, die sich das jüdische Volk in seinem historischen Heimatland erworben hat, zu verteidigen. Zur Erfüllung dieser Aufgabe rufen wir das ganze Judentum auf! „Chisku wenitchasak! (Seid stark und wir werde« stark sein!)“ sehen die Mühlsteine kommen, ist stets der Sieg der pax britanica sicher, denn diese Mühlen mahlen nicht für Hindus und Mohammedaner und nicht für Araber und Juden, sie mahlen ausschließlich englisches Mehl. Und dies liegt im Gang der Welt: Altruismus und Politik sind Kategorien, die nichts miteinander zu tun haben. Die Politik ist nicht für die Bürger da, sondern die Bürger sind für den Gedanken der polis da, und wer diesem Gedanken den primitiveren, den der Rettung des Menschen lebens voraussetzt, kommt eben zwischen die Mühlsteine politischer Gerechtsame. England hätte die Unruhen verhindern können, wenn es eine klare Politik getrieben hätte in dieser Feststellung sind Juden und Araber einig —, wenn es die maßlose Zeitungshetze unterdrückt hätte, wenn es die Sicherheit der Straßen garantiert hätte, und wir, Juden und Araber, hätten viel gewonnen gehabt, wenn wir von Anfang an damit gerechnet hätten, daß England englische und nicht arabische und nicht jüdische Politik macht. Es ist noch nicht an der Zeit, die Schuldfrage zu untersuchen, das heißt, die aktuellen Ursachen, die zum arabischen Überfall führten, denn wir scheinen, leider Gottes, noch nicht am Ende der Dinge angelangt zu sein. Noch steht uns ein Freitag bevor, jener Tag der Versammlung großer Massen in den Moscheen, der erfahrungsgemäß stets der kritische Tag in erregten Zeitläuften Palästinas ist. (Wie bereits gemeldet, ist dieser Tag ruhig .verlaufen. — Die Red.) Aber die Schuldfrago wird einmal untersucht werden müssen. Nicht durch eine;ener berühmten Sachverständigen-Kommissionen, die England stets nach Unruhen irgendwo im British Empire ausschickt, sondern durch völlig Unparteiische — wenn os solche in bezug auf jüdische Angelegenheiten irgendwo in der Welt gibt. Bis dahin aber müssen wir die Zähne zusanunenbeißen, das letzte aus unsern Nerven herausholen und beim Blut unserer neuen Märtyrer schwören, daß wir nicht einfach ein Palästina auflbauen wollen, wie irgend ein Land in der Welt, sondern viel mehr ein uns allen gerechtes Zion. Daß dazu Menschen vorhanden sind, bestätigt nicht allein der Opfermut unserer Menschen, die heute auf Wache stehen, sondern auch die Tatsache, daß da und dort während der Un ruhen Juden Araber und Araber Juden mit Einsatz ihres Lebens gerettet haben. Diese anonymen Helden der Wache und jene Helden anonymer Menschlichkeit geben die Hoffnung, die einzige in dieser überaus schweren Stunde, auf eine bessere, friedlichkonstruktive Zukunft einer friedlichen jüdisch-arabischen Aufbaukonkurrenz. Es gibt ein arabisches Sprichwort, das lautet: „Ma mahhabe illa ba ’ad adauwe.“ Auf Deutsch etwa: „Die Liebe, die nach der Feindschaft kommt, ist die beste.“ Und darauf hoffen wir, so entschlossen wir auch heute zur Abwehr sind, mit aller Überzeugung. Aus den Kämpfen dieser Tage aber gewinnen wir wieder die die Moral stärkende Überzeugung, daß Palästina mit keinem Land der Welt vergleichbar ist: hier schlägt man nicht die Juden, hier schlägt man sich mit den Juden. Hier Stehern zwei gleichwertige Gegner einander gegenüber, Mitglieder der gleichen Familie, die heute schwere Meinungsverschiedenheiten haben, die aber endlich und .schließlich auf einander angewiesen VII., KAfSERSTRASSE 123 Ar IX., ALSER5TRASSE 6 sind, wie eben Mitglieder der gleichen Familie. Dies wissen nicht allein die Einsichtigen in unserem Lager, dies s<ogt auch jener Aufruf der arabischen Arbeiterorganisation in Haifa, der gestern in den arabischen Quartieren verteilt wurde und Gesprächsstoff gab in allen arabischen Kaffeehäusern. „Phönix" und Keren Kajemeth In der gesamten österreichischen Presse vom 29. April wurde der amtliche Bericht der Staatsanwaltschaft über das vorläufige Ergebnis der Untersuchung betreffend die „Lebensversicherungs-Gesellschaft Phönix“ verlautbart. Nachdem in der Einleitung von dem noch schwebenden Verfahren gegen eine Anzahl von des Verbrechens des Betruges verdächtigten Personen gesprochen wird, führt der Bericht die Angaben der Vorgefundene^1 „Liste“ über Zahlungen des „Phönix“ an, die als außerordentlich erscheinen. Es handelt sich zunächst um Zahlungen an im öffentlichen Leben stehende Persönlichkeiten. Dann wird unter dem Schlagwort „für politische Parteien oder andere * Organisationen“ an erster Stelle der Jüdische Nationalfonds genannt, welcher „unter dem Titel einer Uberprovision“ S 500.000 erhalten habe... Zunächst sei festgestellt, daß alle weiterhin genannten Gruppen und Einzelpersonen tatsächlich politische Parteien, wie die Nationalsozialisten, die Pfriemer-Heimwehr usw., öder deren Exponenten sind. Dagegen ist'der Jüdische Nationalfonds, dessen Zweck lediglich der Ankauf von Boden in Palästina für die Aufgaben der jüdischen nationalen Heimstätte (gemäß dem Völkerbuhdmandat) ist, keine politische Partei, sondern eine soziale Institution. Er würde also unter den von der Staatsanwaltschaft gewählten Begriff „andere Organisationen“ fallen. Auch sonst paßt der Jüdische Nationalfonds nicht recht in den ganzen 'Zusammenhang. Der angeführte Betrag von S 500.000 wurde ihm nämlich tatsächlich als Uberprovision oder, wie der technische Begriff allgemein üblich ist, als Superprovision gegeben. Diese tritt nämlich neben die Abschlußprovision der mit der Werbung der Einzelgeschäfte betrauten Agenten. Die Empfehlung durch die weltweite Institution des Jüdischen Nationalfonds an die jüdische Klientel und der Aufbau eines speziellen Werbeapparates war nämlich von vornherein geeignet, dem Phönix und seinen Agenten das Geschäft in diesen Kreisen bedeutend zu erleichtern. Solche Empfehlungsverträge, die zum Rüstzeug fast aller österreichischer und ausländischer Versicherungsanstalten gehören, hat der Phönix allein in Österreich über hundert — mit allen Gruppierungen der Bevölkerung — abgeschlossen und sich das jahraus, jahrein große Posten Super- oder Uberprovisionen kosten lassen. Wenn diese nun in dem staatsanwaltschaftlichen Bericht nicht wie jene des Jüdischen Nationalfonds angeführt sind, so wohl deshalb, weil sie, da sie bloß lokalen Charaker haben oder ihr Ertrag für den Phönix so minimal geblieben ist, in die Liste nicht aufgenommen wurden. Im Gegensatz dazu waren die kaufmännischen Leistungen des Jüdischen Nationalfonds für den Phönix ganz außerordentliche, sowohl quantitativ wie qualitativ. Dank der organisatorischen Mithilfe des Jüdischen Nationalfonds wurden in zwanzig Ländern eigene Versichemngsabteilungen errichtet, die für den Phönix mit großem Erfolg warben. Dank dieser geschäftlichen Verbindung wurden vom Jahre 1923 bis zum Zusammenbruch des Phönix diesem eine Produktion von 22 Millionen Pfund, das sind nahezu 600 Millionen Schilling, zugeführt. In den letzten Jahren stieg dieser Produktionsbeitrag bis auf drei Millionen Pfund jährlich und machte fast den fünften Teil der Gesamtproduktion des Phönix aus. Diese Produktionsziffern nun, verglichen mit den im amtlichen Bericht angeführten S 500.000 Superprovision zeigen, wie höchst bescheiden diese letztere bemessen war. Die Jüdische-Nationalfonds-Produktion war aber auch qualitativ ausgezeichnet, sowohl durch

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