Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 543 (28.4.1936)
- Date
- 1936-04-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 543 JÜDISCHE ZEITUNG SStimme V. t>. b. Preis 20 8 ORBIS!ääs POLEN Abfahrten i 10. und 24. Hai Anmeldungen: Reisebllro „ORBIS“ IM KfirntnerstraBe 41, R 21-5-78 Wien, 28. April 193* *• Dar 9*9* 9. Jahrgang Frledrlohstr. 7, B 27-800, I., Gräben 20, U 22-0-35 Forderungen Palästinas Die zionistische Exekutive in Jerusalem und der jüdische Nationalfondß richten Aufrufe an das ganze jüdische Volk, alle moralischen und materiellen Kräfte für die Fortführung des Palästinawerkes einzusetzen. Das Judentum des Heiligen Landes ißt nicht gewillt, ßioh durch Salven arabischer oder englischer Polizisten oder durch Mordüiberfälle in seiner Arbeit unterbrechen zu lassen. Eß hat kaltes Blut bewahrt. Das englische System hat die Ruhe herzustellen und zu sichern. Das ist eine Forderung des Judentums, vielmehr aber eine Forderung der englischen Autorität, die in diesen schweren Apriltagen eine bedenkliche Schwächung erfahren hat. Der palästinensische Hafembezirk ist vollgestopft mit britischem Militär; vor Haifa liegen britische Kriegsschiffe. Trotzdem konnten sich gerade in diesem Bezirk die arabischen Exzesse vonbereiten und austoben. Wiewar dieß möglich, fragt die hebräische Presse, und England muß diese Frage beantworten, uns, der europäischen Öffentlichkeit und vor .allem dem Völkerbund, der ja . das. , Mandat zur: Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte nicht zu dem, Zwecke erlassen hat, damit dort Juden wie. etwa im Hitler-Reich leben. Es wird zu einer sehr ins Einzelne gehenden Aussprache über die Vorgeschichte dieser blutigen Affäre kommen müssen, die aus _ einer sträflichen Vernachlässigung der primitivsten Aufgaben einer Sicherheitsbehörde entstanden ist. Die Aufhellung der Ereignisse ißt um 'so notwendiger, als ja die. intellektuellen Ursachen, der Plan eines Gesetzgebenden Rates unddas Bodenverk&uf£verbofc .bis zur Stunde, noch nicht offiziell auf.gegeben worden sind. Koloriienmimißter. Thomas hat auf feine diesbezügliclie Frage, im Unterhaus eine ausweichende Antwort gegeben und die Anfrage wird deshalb wiederholt werden müssen. Die Situation in Palästina iet heute die, daß die Unruhen aufgehört haben, daß aber die politische Spannung fortbesteht. Zwar scheint die arabische Generalßtreikparole nicht, den vollen Erfolg geihabt zu haben, aber sie erzeugt weitere Beunruhigung und schädigt jedenfalls die Wirtschaft. Aber auch hier hat dos Judentum im gegenwärtigem Augenblick keine Revision seiner Haltung vorzunehmen. Unsere Stellung ist durch das Mandat vorgeschrieben, mehr aber noch durch die Notlage des europäischen Judentume, dem die ganze Welt feindlich und mißgünstig gegenübersteht. Dies hait eich in diesen Stunden deutlich gezeigt^ nachdem eine über alle Begriffe unverantwortliche Sensaitionsj ournalißtik tagelang an der Arbeit war, die ganze öffenbliichkeit irrezuführen und die Ansicht zu erwecken, daß die Position der Juden unhaltbar geworden sei. Glücklicherweise ist dieses Manöver sehr bald an den Tatsachen zerschellt, aber es muß doch die Forderung erhoben werden, daß die Exekutive im Palästina endlich doch ein Presseamt errichtet, das mit allen Mitteln moderner Technik für die Verbreitung der Wahrheit sorgt und iu' &o gefährlichen Zeitläuifteu es nicht duldet, daß Millionen Juden auf der ganzen Welt in schwerster Sorge leben, weil ein jüdischer Nachrichtenapparat nicht besteht. Zu der Aufklärung der Affäre gehört es auch, daß endlich die volle Anwendung der Energie Englands gegen die deutsche Agitation gefordert und erzielt wird. In Konstantza in Rumänien wird gegenwärtig von englischen Organen eine Untersuchung geführt, da über diesen Hafen Waffen und Munition aus Deutschland nach Palästina geschmuggelt worden sind. Mit dieser Meldung stimmt überein, daß schon vor einem Jahr in dem arabischen Räubernest Jenin bei erwischten Mördern nagelneue deutsche Gelwehre beschlagnahmt worden sind. Die Einwohner dieses Dorfes, deren Belustigung in Steonwürfen und Überfällen auf jüdische und sonstige europäische Reisegesellschaften besteht, haben am Dienstag den Wagen des deutschen Generalkonsuls DöMe, der nach Haifa fahren wollte, angehalten, ihn aber mit freundlichem Gruß wieder passieren lassen, nachdem sie die Hakeckjjewfta|ggie «fcaaat hatten Die Sympathien sind gegenseitig. Seit dem Bestehen des außenpolitischen Amtes des nationalsozialistischen Reiches ist ein immer weiter in die Tiefe und Breite gehendes deutsches Interesse an Palästina zu merken. Deutsche Offiziere, deutsche Journalisten treiben sich als Touristen im Lande hemm; die arabischen Boy scouts sind nach Art der S. A. umorganisiert worden, treiben Geländesport mit den in deutschen Landen so beliebten Exerzier- und Schießübungen, in Wilhelma und Sarona, den deutschen Siedlungen, die von Juden lehen, gibt es braune Formationen, eine nationalsozialißtische Tageszeitung wird vorbereitet — eine englische Aktion, die doch die Folgen dieser Arbeit kennen müßte, hat es bisher nicht gegeben, und so konnten die Mörder von Jenin dem deutschen Diplomaten ihre Reverenz erweisen. In einem Gespräch mit unserem Berichterstatter hat Ben Gurion die Disziplin und den Heroismus der Juden unterstrichen. Kein Wort reicht aus, um diese Selbstbeherrschung zu würdigen. Der Jisohuw hat zum zweitenmal eine Probe auf seine Festigkeit und Selbstsicherheit bestanden, aber diese Tatsache, die an sich ein Ereignis ist, muß ausgeweitet werden zu einer besseren und allen Stürmen gewachsenen 'Koordination der Arbeit aller zionistischen Gruppen. Es darf kein Klassenkampf und keine Scharfmaeherei existieren, wenn rings umher der Feind steht und wenn die Sicherheitsbehörde illegale Einwanderer jagt, . aber die Hauraner und Transjordanier ins Land schleichen läßt und sich um die Waffenquellen der Araber nicht kümmert. Aufruf des Jüdischen Nafionalfonds Der Präsident des jüdischen Nationalfonds , Ing. M. Ussischkin, hat an alle zionistischen Leitungen das folgende Telegramm gerichtet: An Alle! Die ernste Stunde unseres Volkes in Palästina verlangt von den Brüdern in der Golah die einzige entsprechende Antwort: Verstärkung des Jischuw, Erweiterung des Bodenbesitzes. Machet die größten Anstrengungen, damit die von uns proklamierte Aktion glänzend gelinge. Die nächsten Jahre sind entscheidend für die Zukunft des jüdischen Volkes. Ussischkin. Appell der Exekutive Die Exekutive der Jewish Agency in Jerusalem richtet einen Appell; an die Juden der ganzen Welt, ihre Kräfte zur Stärkung der jüdischen Positionen in Palästina zu konzentrieren, damit das jüdische Nationalheim ohne Unterbrechung, ja mit Beschleunigung, aufgebaut werde. fördert werden. Die jüdischen Führer haben stets ihren Willen zu einer Verständigung mit den Arabern bekundet, doch können sie niemals auf die dem jüdischen Volk in der Balfour-Deklaration und in dem Palästina-Mandat verbrieften Recht der Einwanderung und der Kolonisation Palästinas verzichten. Die Nutzung dieser Rechte ist heute, im Hinblick auf die katastrophale Lage von Millionen Juden in Mittel- und Osteuropa, mehr denn je eine Lebensfrage des jüdischen Volkes. Die letzten Jahre, mit dem Aufschwung, den sie gebracht haben, haben bewiesen, daß Palästina Raum hat für viele Hunderttausende neuer jüdischer Einwanderer neben der heute dort lebenden arabischen Bevölkerung und ihrem natürlichen Zuwachs. Es sei auch nicht vergessen, daß die arabischen Völker ungeheure Gebiete, darunter verschiedene souveräne Nationalstaaten, besitzen, wogegen das jüdische Volk — dieses politische Aschenbrödel der Weltgeschichte — nur das kleine Palästina als einziges Nationalheim angewiesen bekommen hat. In dem Augenblick, in dem die arabischen Führer die jüdischen Rechte ebenso anzuerkennen bereit sein werden, wie die Juden die legitimen arabischen Ansprüche zu respektieren gewillt sind, wird auch die Basis für eine politische Verständigung, von der das Schicksal beider Völker abhängt, geschaffen sein. Weitere Opfer Jerusalem, 26. April. (JTA.) Weitere Namen von Juden, die den schweren Verletzungen, die sie bei den Angriffen der Araber in Jaffa—Tel-Aviv erlitten haben, erlegen sind, werden bekannt. Es sind dies Daniel K o h e n, Josef Liebermann und Jizchak Rabinowitsch. Die Zahl der jüdischen Toten soll bereits etwa 20 be-: tragen. Aus. Jaffa wird berichtet, daß dort ein arabischer Polizist unter dem Verdacht, den Jemeniten Israel Abraham e rstoeben zu haben, verhaftet wurde. „Haares“ berichtet aus Amman, daß ein Keine weiteren Unruhen in Palästina Jerusalem, 27. April. In den Außenbezirken von Jaffa und Tel-Aviv ist Freitag abends der Ausnahmszustand aufgehoben worden. Der Verkehr ist im vollen Umfang freigegeben worden, doch wird die Straße weiter scharf kontrolliert. Ben Gurion, der Vorsitzende der Palästina-Exekutive, erklärt Ihrem Berichterstatter: „Nichts hat sich ereignet, was dazu angetan wäre, die jüdische Gemeinschaft Palästinas von der Arbeitslinie abzudrängen. Der Aufbau des Jüdischöl Nationalheiras geht ohne Unterbrechung weiter. Die Exekutive der Jewish Agency ist stolz auf den Heroismus, die Selbstbeherrschung und die Disziplin der Juden, die diese während der letzten Angriffe an den Tag legten. SeitMontagsindkeine ernsteren Unruhen mehr vor ge kommen, aber die Spannung besteht weiter, weil die Agitation unter den Arabern sich verstärkt hat." In Tel-Aviv und Jaffa dauert der Ausnahmszustand fort. Die Nachrichten aus den Kolonien, besagen, daß bis auf geringfügige arabische Brandstiftungen, die, wie in Bet Alfa, sofort unterdrückt wurden, keine besonderen Ruhestörungen vorgefallen sind. Die arabische Streikagifation Jerusalem, 27. April. Die Streiklage hat sich verschärft, weil nun auch die arabischen Autobesitzer und Chauffeure beschlossen haben, die arabische Generalstreikparole zu befolgen und den Landes-Autostreik auszurufen, der am Samstag, den 25. April, begonnen hat. Es verlautete aber, daß im allgemeinen die Meinung hinsichtlich der Nützlichkeit des Generalstreiks im arabischen Lager geteilt sei. Die arabischen A r b e i t e r namentlich fordern Beendigung des Streiks, den sie auf die Dauer fortzüsetzen nicht in der Lage seien, andere wirtschaftlich schwächere Kreise fordern mindestens Begrenzung der Streikdauer, während die arabischen Jugendführer auf einer unbestimmten Dauer des Streiks bis zur Erreichung der angestrebten politischen Ziele beharren. In Jaffa lud Distriktskommissar Crossbie die maßgebenden arabischen Kaufleute in sein Büro und fragte sie, wie lange sie zu streiken gedenken. Die Kaufleute erwiderten, der Streik bringe ihnen unersetzbare wirtschaftliche Verluste, allein sie müssen ihn unter dem Druck der arabischen Öffentlichkeit fortsetzen; sie seien heute durchaus nicht in der Lage, zu sagen, wann der normale Handel wieder aufgenommen werden wird. Speicher und Büros der Firma Dizengoff & Co. in Jaffa wurden durch Araber ausgeraubt. Erklärungen Weizmanns im Ärztekongreß Aus Tel-Aviv, 24. April, wird uns gemeldet: Der Weltkongreß jüdischerÄrzte tagt programmgemäß im großen Saale des Ohel Schern zu Tel-Aviv. Uber 300 Ärztedelegierte aus allen Teilen der Welt, unter ihnen hervorragende medizinische Gelehrte, nehmen an den Verhandlungen des Kongresses teil. Es wird als ein Beweis des ungebrochenen Lebenswillens der Juden angesehen, daß keiner der Delegierten sich durch die unruhigeLage davon abhalten ließ, zum Kongreß zu erscheinen. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Welz mann, er- Erklärungen Nahum Goldmanns Genf, 26. April. (JTA.) In einer an die Vertreter der internationalen Presse in Genf abgegebenen Erklärung stellte Dr. Nahum Goldmann, der Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund, zunächst fest, daß bis ziim heutigen Tage die blutigen Unruhen in Palästina sich lediglich auf Jaffa beschränkt haben. Alle Nachrichten Über Unruhen in anderen Städten Palästinas oder in den jüdischen Kolonien sind erfunden. Dr. Goldmann gab eine Darstellung der unmittelbaren Ursachen der Unruhen in Jaffa, beginnend mit der Spannung, die in den letzten Monaten, bssofiders tmter dem Einfluß der internatioklärte, der Weltkongreß jüdischer Ärzte sei eine symbolhaft starke jüdische Antwort auf all die Leiden, die in den letzten Tagen •destruktive Kräfte über den Jischuw gebracht haben. Die Sympathie der gesamten zivilisierten Welt sei auf der Seite der Opfer der Unruhen. Die Juden aber werden sich durch nichts zurückhalten lassen, ihr konstruktives Werk fortzusetzen und ihr Nationalheim aufzubauen. Ich bin der vollen Überzeugung, schloß Weizmann, daß dieses Werk zum endlichen Erfolg geführt werden wird. Weizmanns Ansprache löste hei den Kongreßteilnehmern ungeheure Begeisterung aus. nalen Lage, der Unruhen in Ägypten und Syrien, sich entwickelt und die Tätigkeit der terroristischen Banden in Palästina belebt hat. Zu der Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen übergehend, erklärte Dr. Goldmann: „Die jüdische Bevölkerung in Palästina, die heute rund 400.000 Seelen — etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung — zählt, ist stark genug, um Angriffe abzuwehren. Die Lösung der politischen Differenzen zwischen Juden und Arabern, für die gemeinsame Daseinsformen in Palästina gefunden werden müssen, kann durch Gewalttaten nicht ge-