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Die Stimme · 1936-04-17 · Heft 540 (17.4.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 540 (17.4.1936)
Date
1936-04-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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( V. b. b. Preis 20 8 ^Stimme JÜDISCHE ZEITUNG 9« Jahrgang Wien, 17* April 1936 35* Nissan 5696 Nr. 540 Neues Großsyrisches Reich? Von Joseph Schur, Tel-Aviv Damaskus ist vielleicht die einzige Stadt des Orients, die bewußt und sich selbst treu den Westen ablehnt und ihre orientalische Eigenart wahrt. In ihrer Geschichte, die bis in die Zeiten Abrahams zuxückreicht, hat sie viele Wechselfälle erlebt. In den letzten Jahrzehnten türkischer Herrschaft war sie der kulturell-religiöse Mittelpunkt der Türkei und auch wirtschaftlich eine stark entwickelte Stadt, in der Handel und Gewerbe blühten. Stahlwaren und ganze Gewebegattungen dankten ihr den Namen und Glanz und Luxus, der dort vielfach herrschte, kannte keine Grenzen. Heute wird noch der Palast Azem eines gewesenen türkischen Paschas gezeigt, der ungefähr die Größe der Wiener Hofburg besitzt, fabelhafte Kunstschätze barg und vor wenigen Jahrzehnten noch einen Harem von dreißig Frauen enthielt. Durch den Weltkrieg wurde das große Wirtschaftsgebiet der Türkei zwischen Syrien, Palästina, Transjordanien, Irak und der heutigen Türkei aufgeteilt. Die politischen Ambitionen Damaskus’ wurden zunichte. Faisäl mußte 1920 die Stadt den Franzosen überlassen, und der Traum von einer, neuen Kalifenstadt, einer arabischen Metropole war ausgeträtimt. Durch die Zollmauern, verschiedene Währungs- und Verwaltungssysteme wurde Damaskus wirtschaftlich geschädigt. Der Reichtum schwand, die Bevölkerungszahl ging zurück. Fünf syrische Provinzen Vor zehn Jahren begann der Aufstand, wie gewöhnlich bei den Drusen. Es drohte wieder ein Gemetzel wie im Jahre 1840. Im Jahr 1860 kam es zur ersten französischen Intervention in Syrien. 1926 bombardierten die Franzosen Damaskus von der Luft aus und mit Artillerie. Heute noch zeigen ganze Stadtteile und viele Häuser die Spuren dieser Niederwerfung des Aufstandes. Die Franzosen hatten gesiegt; aber sie mußten 30.000 Mann im Lande halten und überall festungsartig ausgebaute Stützpunkte anlegen, die, mit Stacheldraht umgeben, von Senegalesen, Marokkanern, Berbern, Indochinesen und auch Franzosen besetzt, das weite Gebiet sichern sollen. Politisch wurde das Land in fünf Republiken zerlegt: Liban, Alleuten, Dschebel Drus, Sandschuk Alexandrette und das eigentliche Syrien, wobei im Libanon den Maroniten und anderen christlichen Religionen, im Sandschuk Alexandrette der starken türkischen Minorität zur Herrschaft verholten worden sollte, ebenso den ewig unruhigen Drusen in Dschebel Drus und wieder anderen Sekten in den Alleuten. Der mohammedanisch-arabischen Mehrheit blieb nur das eigentliche Syrien, das aber vom Meer abgeschnitten war. Dort brodelte es trotz des französischen Sieges bedenklich. Araberstreik und deutsche Mark Die Franzosen wollten zur Stärkung ihres Einflusses 20.000 assyrische Christen, die don Irak verlasson mußton, in den weiten, unbewohnten und doch so fruchtbaren Gebieten des heutigen Syriens ansiedeln; doch gelang dieser Plan nicht völlig und auch sonst gab es genug Konflikte. Seit vielen Monaten gab es in Damaskus Lichtstreik, das heißt es wurde in der ganzen Stadt kein elektrisches Licht gebrannt. Alle ausländischen Firmen, die die modernen Spirituslampon in großen Mengen nach Damaskus exportierten, machten große Geschäfte. Beim Elektrizitätswerk ging aber der Konsum stark zurück. Alle arabischen Zeitungen wurden aus Deutschland mit Nachrichten, Material und Geld versorgt. Die vielen deutschen Berührungspunkte, die es schon vordem in Syrien gab (man denke an die Bagdad-Bahn und das Programm Berlin- Bagdad in der Kriegszeit!), wurden zu Nazizentralen ausgebaut und eine äußerst wirksame und intensive Propaganda setzte ein; die arabischen Boy-Scouts wurden vollkommen nach Muster der Hitlerjugend organisiert. In allen Zeitungen erschienen Hitler-Bilder, ebenso von Goering usw. und für jeden Einsichtigen war es klar, woher diese Wühlarbeit betrieben wurde. Nur die französischen Offiziere, die keine arabischen Zeitungen lesen konnten und keinen Kontakt mit dem Volke hatten, wußten nichts von der Propaganda, wußten auch nichts von den Vorgängen im Volke. Emir Al Es wurde auf der Straße demonstriert. Militär erschien und stellte die Ordnung wieder her. In den Städten zählte man ungefähr 20 Tote. Auf der Straße herrschte daraufhin Ruhe; aber die Ruhe des Grabes. Alle Geschäfte waren geschlossen, mußten geschlossen bleiben. Wehe dem, der es gewagt hätte, sein Geschäft zu öffnen. Es wäre im nächsten Moment gestürmt, geplündert, zerschlagen und verbrannt und der Besitzer gelyncht worden. So vollkommen war der Streik, daß selbst die Diebe daran teilnahmen. Während seiner zweimonatigen Dauer wurde kein einziger Einbruch in Damaskus verübt. Die Bevölkerung litt schwer. Selbst Brot und Lebensmittel waren nicht erhältlich und die Bevölkerung mußte in die umliegenden Dörfer fahren, um den Lebensbedarf zu decken. Es herrschte ein effektives Moratorium und keinerlei Zahlungen wurden geleistet, auch Mietzins nicht. Die ganze Be- Das neue Am 1. März dieses Jahres wurden die syrischen ■ Führer empfangen und ihnen zwecks Formulierung ihrer Forderungen ein weißes Papier übergeben. Eilends waren zu dieser Sitzung die einzelnen Führer aus den Gefängnissen zurückgeholt worden, von der Menge stürmisch begrüßt und wie Märtyrer und Heroen gefeiert. Das Abkommen enthielt folgende Punkte: Ganz Syrien, das heißt alle fünf Teile (Libanon, Dschebel, Drus, Alleuten, Sandschuk Alexandrette und das eigentliche Syrien), sollen ein ganzes Gebiet werden. Das Verhältnis zu Frankreich soff auf derselben Basis geregelt werden wie das des Irak zu England. Dieses wieder ist dem Vorbild Ägypten-England nachgebildet und beinhaltet mehr oder weniger ein Vasallenkönigtum, das in Schule, Kultus, Finanz, Handel, Landwirtschaft, Justiz, Inneres und Polizei völlig unabhängig ist; während die äußere Politik von der Mandatarmacht geleitet wird, die sich auch die Führung und Ausbildung der neuen Militärmacht vorbehält. Wir haben also in nächster Zeit damit zu rechnen, daß ein neues syrisches Königreich entsteht und daß eine kräftige syrische Armee, vielleicht auch eine Flotte, sicher aber eine Luftflotte gebildet werden wird, deren Instruktoren vorläufig die Franzosen sein werden. Die syrische Delegation ist nach Paris gefahren; ebenso auch Comte Anfangs Jänner dieses Jahres wurden die Räume der stärksten arabischen Partei, der Nationalpartei, geschlossen, was einen Sturm der Entrüstung zur Folge hatte. Sämtliche Schuks wurden sofort geschlossen und der Streik begann, was die Regierung wieder mit der Festnahme der Führer beantwortete, in der Hoffnung, damit den Streik der Leitung zu berauben. Doch der Streik tobte weiter, nur noch viel erbitterter. Die Studenten wurden die Führer und Organisatoren und die berühmte Omayedenmoschee Zentrum und Festung der arabischen Freiheitsbewegung. Geistliche und weltliche Führer arbeiteten Hand in Hand und einer der Redner prägte folgenden Satz: „Bei uns ißt die Moschee nicht nur Gottes-, sondern auch Volkshaus; wir kommen hier nicht bloß zum Beten zusammen, sondern auch, um unsere Sorgen und andere Angelegenheiten zu besprechen und zu erledigen.“ völkerung einschließlich der Christen waren auf gestanden wie ein Mann gegen die Franzosen.' Emir Abdullah von Transjordanien wollte diese Situation ausnützen und seine Throndiktatur für Syrien aufstellen. Er sandte daher Ende Februar ein Memorandum an Frankreich und England, worin er für das Recht der Syrier eintrat. Dieses Memorandum hatte durchschlagenden Erfolg; allerdings nur durch das gleichzeitige Eintreten anderer Ereignisse: In Paris war ein Wechsel eingetreten; bei der - Kammerdebatte und Konferenz der Statthalter Marokkos, Algiers, Tunis’ und des Kolonialministers wurde die Politik des Comte Märtel, des französischen High Commissioner in Syrien, verurteilt. (Wahrscheinlich hatte man schon Nachricht von der bevorstehenden deutschen Rheinlandbesetzung und wollte in Asien die Hand frei bekommen.) Königreich Märtel und die Verhandlungen scheinen schon begonnen zu haben. Die Delegation besteht aus sechs Personen: vier Mohammedaner und zwei Christen; die Einheitsfront beider Bekenntnisse ist während des ganzen Kampfes gewahrt worden. Jetzt allerdings hat der maronitische Patriarch noch einen Sondergesandten nach Paris geschickt und es scheint auch, daß das Gebiet der Republik Libanon (das Küstengebiet von der palästinensischen Grenze über Beyruth bis Tripolis und dem Libanon) von diesem syrischen Königreich ausgeschaltet bleiben dürfte, was aber unter der syrischen Bevölkerung als Vertragsbruch gewertet wird und böses Blut macht; ebenso auch andere ähnliche Versuche, wie seitens der Türkei, den Sandschuk Alexandrette für sich zu reklamieren. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß jetzt nach Beendigung des Streiks, der außer Damaskus auch in allen anderen Städten getobt hatte, die Bevölkerung sehr selbstbewußt und siegessicher der neuen Zeit entgegemsieht. Wenn auch der Streik viele Opfer materieller Art und auch Blutopfer gefordert hat, sehen die Araber Syriens — stolz auf die errungenen Erfolge — der neuen Epoche entgegen. Es ist zu hoffen, daß die Pariser Konferenz die volle Aufmerksamkeit der zionistischem Exekutive findet. ZiwlßgmityjessenacftPnjttsMiin Nie wiederkehrende Gelegenheit! billigst zu fahren. Besondere Ermäßigungen und Begünstigungen auch bei der Vbaerlangung. Näheres bei Dr. S. Tocker, IX., Lieehtensteinstr. 2. Tel. A 14-504. Reisebüro „In die Welt“ (W. M. Renner). Erlösung des Bodens Pessach ist vorüber. Wieder einmal wurde der Auszug aue Mizraim gefeiert. Nun wandert in den Tiefen des geschichtlichen Raumes das Judenvolk einem neuen Ziele zu. Viele einzelne wandern miteinander und auf der Wanderung entsteht in oft schmerzhaften Ballungen eine neue Einheit. Woher kommen die Kräfte für die neue Gestaltung? Sie kommen von oben und ßie kommen aus ihr selbst. Wie es Hillel dann später beschrieb: „Wenn ich mir nicht selbst helfe, wer denn? Und wenn nicht heute, wann denn?“ So ist cs in den folgenden Jahrtausenden dann immer geblieben. Immer wieder hofften Judenheiten auf Befreiung durch äußere Kräfte und immer wieder mußten sie nach Zeitablauf entdecken, daß sie sich nur selbst helfen konnten. Auch die Ideen der anderen galten ihnen selbst nur nebenbei. Selbst die größte Idee, der anderen, die Emanzipation, erwies sich als ein Wunschbild. Nur was an Idee aus jüdischen Hirnen aus dem Nichts in plötzliches Dasein sprang, nur was die Juden mit ihren eigenen Händen für sich selbst taten, das war wirklich für uns g-e* dacht und für uns getan. Selbst, wenn es nachher feindlichen Kräften zum Opfer fiel, so war es doch eine Zeitlamg jüdische Wirklichkeit. Wie ist es heute? Der verläßlichste Freund des jüdischen Volkes schien England. Die Engländer, denen die Bibel das heiligste Buch ist, schienen sich vorgenommen zu haben, dem Volk der Bibel zum eigenen Raum zu verhelfen. Die Engländer versprachen die Errichtung des „national home“ das nicht nur eine „nationale Heimstätte“, sondern wie Adolf Böhm jüngst überzeugend nachgewiesen hat, im Sinne der englischen Terminologie einen richtigen Judenstaat bedeutet. Sie versprachen es im eigenen Namen, und sie ließen sich zur Durchführung des Versprechens vom Völkerbund beauftragen, der aus Wilsons vielen Punkten entsprungen ist, um den Nationen zu Selbstbestimmung und Freiheit zu verhelfen. Was ißt aus dem englischen Versprechen geworden? Nicht mehr und nicht weniger, als was die Juden in Palästina an eigenen Ideen produzierten, und was sie mit ihren eigenen Händen schufen. Den Engländern fiel bestenfalls die Rolle zu, uns dabei nicht zu stören. Gewiß, im Londoner Unterhaus wurden neulich trostreiche Reden für das Judentum gehalten. Aber in Palästina müssen wir uns selbst helfen. Allen Zionisten muß es klar und klarer werden, daß der Aufbau Erez Israels ein Maximum an Idee und ein Maximum an Arbeit und tätiger Mithilfe fordert. Das Grundproblem, das ziu lösen ist, ist das Problem des eigenen Bodens. Der Jischuw muß endlich jenes Bodenmaß unter seine Füße gelegt bekommen, das nötig ist, um seinen Bestand und seine Selbstversorgung zu sichern. Er muß soviel Boden bekommen, daß 40 Prozent seiner Bevölkerung Bauern werden können. Erst dann hört er auf, ein „Haus in der Luft“ zu sein. 140.000 Dunam fehlen zur Durchführung dieser Aufgabe im Augenblick und jährlich werden weitere je' 140.000 Dunam für je 50.000 einwandemde Juden benötigt werden. Darum hat der letzte Kongreß an die Weltjudenheiten die! Forderung nach Aufbringung von einer Million Pfund in den nächsten zwei Jahren gerichtet. Darum finden in der ganzen Welt Pessach-^Sammlungen statt, um den Auftakt zu neuen gesteigerten Leistungen für den Keren Kajemeth zu bilden. Damm begannt die Forderung aufzusteigen, daß aus den „Spenden“ für den Keren Kajemeth freiwillige Beiträge cum Aufbau der neuen jüdischen Volksgemeinschaft werden sollen. Es wird immer klarer: Zionismus kann VII., KAISERSTRASSE 123 * IX., ALSERSTRASSE 6

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