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Die Stimme · 1936-04-10 · Heft 539 (10.4.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 539 (10.4.1936)
Date
1936-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f. Jahrgang Wien, lo. April 1936 IS. Nissan 3696 Nr. S39 “Stimme JÜDISCHE ZEITUNG Marlene Dietrich und Gary Cooper OPERN I B 27-4-47 im Großfilm „DESIRE“ nach einer Komödie von Hans Szekely und R. A. Stemmle Regie: Frank Borzage STAFAVII. VOTIVPARK IX. B 33-0-68 A 18-3-96 Eine Emst-LubliacffProdtiktion der PARAMOUNT \ Die Schuld Europas Über die Hilfsaktion für die Juden Deutschlands hat Sir Herbert Samuel in einer Ansprache in der großen Synagoge in London einige nähere Mitteilungen gemacht. Der Plan stützt sich auf Palästina und geht dahin, in vier Jahren etwa 50.000 jüdische Auswanderer in diesem Land unterzubringen und ihnen dort Arbeit und Fortkommen soweit, zu sichern, als dies einer Organisation möglich ist. Aus den aufgebrachten Mitteln — man nannte die Summe von drei Millionen Pfund — sollen den Männern und Frauen Kredite für Übersiedlung und ihre erste Zeit in der neuen Umgebung gewährt werden. Andere Gelder sollen für die Unterstützung von Flüchtlingen in Europa, die zumeist in einem hoffnungslosen Elend leben, verwendet werden. Herbert Samuel hat dabei auch noch erklärt,, daß ein entwickeltes Palästina leicht die doppelte oder dreifache Zahl an selbst droht. Aber es ist dringend hervorzuheben, daß sich unter dem Einfluß des Hitlerismus neue jüdische Elendsbezirkc in Polen und in Rumänien aufgetan haben, daß in Österreich immer gefährlichere subversive Strömungen am der Arbeit sind und daß vielleicht in absehbarer Zeit das ganze Judentum Mitteleuropas in schwerste Wirtschaftsnot geraten wird. Es ist ein politisches und ein soziales Problem, das über die Dämme schießen kann, wenn nicht die Faktoren, denen die Ruhe Europas anvertraut ist, rechtzeitig Vorbeugen. Herbert Samuel und mit ihm Professor Weizmann versichern, daß Palästina, wenn es ungestört arbeiten kann, eine noch viel größere Zahl von Juden aufnehmen kann. Die jüdische Jugend, die sich, wie jede Jugend, nach Arbeit und Geltung sehnt, wartet in vielen Tausenden auf den Augenblick, da sie die Heimat betreten kann. Jugend ist immer wertvoll, aber was soll aus diesen Menschen werden, wenn sie in Polen und in Ungarn und Rumänien verdorren und in hoffnungsloser Verzweiflung verdämmern soll? Der Völkerbund hat einen Kommissär für die Flüchtlinge bestellt, und dieser Kommissär, der eben Palästina bereist, hat sich voll Staunen und Überraschung über die jüdische Arbeit geäußert. Wir wollen hoffen, daß er seine Eindrücke dazu verwenden wird, in Genf für die ungehemmte Einwanderung der Juden zunächst aus Deutschland, dann aber auch aus dem Osten nach Palästina sich einzusetzen. Die Zeit drängt, und was für Armenier, Pomaken, Assyrier' und Jesiden getan wurde, muß auch für Juden möglich sein. Nicht vir haben das Problem geschaffen, sondern Europa. Es ist die Pflicht Europas, seine , schwere Schuld zu tilgen. - Juden wird aufnehmen können. Die Ausführungen Samuels zeigen, daß eine konstruktive Lösung dieses Problems unserer Tage ohne Palästina überhaupt nicht möglich ist, das heißt also, ohne die organisatorische und kolonialpolitlsohe Vorarbeit, die der Zionismus geleistet hat. Was sonst an Plänen von sogenannten philanthropischen 'Stellen der öffentliclikeit bekannigegeben wird, reicht niemals über die Grenzen der Projektemacherei hinaus. Eine ganze Reihe von Verbänden plagt sich mit der Frage der deutschen Juden ab, erzählt von Studienreisen' nach Nord- und Südamerika, nach Südafrika, Australien und Kanada, Statistiken und Berechnungen tauchen auf, nirgends aber steht man auf festem Boden. Auch von der sagenhaften jüdischen Republik im zukünftigen japanisch - russischen Kriegsgebiet, in Büro BkLsohan, wird neuerdings viel gesprochen, wobei die Frage der Umsiedlung als höchst nebensächlich behandelt wird. Aber es erweist sich wieder, daß nur innerhalb und mit der lebendigen tatkräftigen Mithilfe dos jüdischen Palästina eine tiefgreifende Milderung der so schwierigen Angelegenheit angebahnt werden kann. Palästina hat schon bisher an 30.000 jüdische Menschen aus Deutschland . aufgenommen und seiner Wirtschaft eingegliedert. Der Absorptionsprozeß vollzieht sich im großen und ganzen reibungslos. Es gibt zwar Schwierigkeiten, die sich aus dem psychischen Habitus, der Einwanderer, aus ihrer UnVertrautheit mit Klima, wirtschaftlichen Verhältnissen, Sprache usw. ergeben, aber was bisher noch nicht abgestellt werden konnte, wird der gute Wille, das Beispiel der Mehrheit lind die Schule beseitigen. Der Jisohuw hat die große Probe, die ihm auf seine Aufnahmsfähigkoit und auf Humanität und soziales Empfinden auferlegt war, über alle Maßen gut bestanden und dies berechtigt zu der Hoffnung, daß auch in der Zukunft in dieser Hinsicht kein Versagen eintreton wird. Dieso Zukunft aber wird zu einem sehr großen Teil nicht von den Juden, sondern von der Maiidatsregierung bestimmt. Sie hat heute vor Augen, daß eine so große Zahl von ouropäisch erzogenon Menschen nach dem vordem Orient gebracht und aufgesogen werden konnte. Aber sie ist dem jüdischen Werk in seiner Gänze nicht günstig gesinnt und sucht cs durch politische Schikanen zu hemmen. Trotzdom ist aber zu erwarten, daß der Druck der Vorgänge ira Dritten Reich in London und in Genf so weit wirksam sein wird, daß dieser ärmsten Kategorie von Opfern europäischer Politik das von Juden entwickelte Land geöffnet wird. Wir wollen nicht von der Gefahr sprechen; die den Juden in Deutschland * Neues Kampfsignal Goebbels’ Nach Beendigung des Wahlfeldzuges, der nur von Fall zu Fall für antijüdische Agitation aüsgenutzt wurde, scheint sich nun in Deutschland ein neuer Feldzug gegen die Juden vorzubereiten. Das Signal hiezu gibt das Hauptorgan des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels, der Berliner „Angriff“, der die rapide- Verschlechterung von Deutschlands Finanzlage darauf zurückzuführen versucht, daß die J u d e n G e 1 d ins Ausland schmuggeln. Ebenso wie im Ausland ist auch in Deutschland jetzt viel davon die Rede, daß Deutschland gezwungen sein wird, sein Währungssystem grundlegend zu ändern, das heißt d i e Mark einschneidend zu devalvieren, was sich natürlich sehr ungünstig vor allem auf den kleinen Mittelstand und die Lohnempfänger auswirken würde. Der zu erwartenden Mißstimmung soll schon jetzt dadurch vorgebeugt werden, daß die Juden, als der Stindenbock. hingestellt werden. In ausländischen diplomatischen Kreisen Berlins wundert man sich etwas über dieses neue Moment in der deutschen antijüdischen Propaganda, da man informiert zu sein glaubt, daß Herr Dr. Schacht in London Anstrengungen gemacht hat, auch jüdische Kreise für eine Anleihe an Deutschland zu gewinnen. Es soll sich vorläufig um eine verhältnismäßig »kleine Anleihe handeln, dies soll aber als ein Sprungbrett für weitere finanzielle Aktionen im Ausland benutzt werden. In den Kreisen der deutschen Juden sieht man einem neuen antijüdischen Feldzug mit um so größerer Besorgnis entgegen, als sich infolge der Ausstoßung der Juden aus der Wirtschaftssphäre und des rapiden Anwachsens der Zahl der jüdischen Stellungslosen die Wirtschafts- und Kapital'skraft der Juden p r o g r e s s i v v e r s c h l echte r t. Es ist eine immer größere Verknappung der Finanzmittel der jüdischen Gemeinden festzustellen, so daß die sozialen und philanthropischen Institutionen der Gemeinden in ihrer Existenz bedroht sind. Laut in Berlin eingetroffenen Berichten haben in der letzten Zeit 21 jüdische Gemeinden im Reich sich ihres Grundbesitzes entäußern müssen, um die täglichen sozialen Lasten decken zu können. Daneben wird auch mitgeteilt, daß in den letzten Monaten mehrere seit Generationen bestehende Gemeinden, darunter eine Reihe Gemeinden im Saarland, wegen Abwanderung ihrer zahlungsfähigen Mitglieder und Verarmung der Zurückgebliebenen sich auflösten. Die „Kölnische Zeitung“ erhebt gegen Albert Einstein die Beschuldigung, daß er deutschen wissenschaftlichen Publikationen den Weg ins Ausland, namentlich in die Vereinigten Staaten, versperrt. Vor drei Jahren, sohreibt die Zeitung, war es einem deutschen Biologen leicht, seine Arbeiten in amerikanischen Zeitschriften unterzubringen, heute werden Beiträge deutscher Gelehrter von amerikanischen Verlagen und Zeitschriften in der Regel zurüokgewiesen, wenn sie aber ausnahmsweise publiziert werden, so erscheinen sie in völlig umgearbeiteter Form. Arabische Presse zur Unterhaus-Debatte Das Organ Rageb Bey Naßhashiibis, „F a 1 e s t i n“, schreibt, daß die Debatte und diie Haltung der englischen Presse zur Frage des Legislative Council bewiesen habe, daß die Juden auf die englische Palästina-Politik den entscheidenden Einfluß hätten. Die Sache geht so weit, daß Churchill gedroht bat, die Frage des Legislative Council als ein Vertrauensvotum für die Regierung, zur Abstimmung zu stellen. Jetzt werde dio Regierung Furcht haben, den Legislative Council gegen den Willen des Parlaments und den Willen der englischen Presse zur Durchführung zu bringen. Das alte britische Imperium, so ruft „Falestln“ aus, unterwerfe sich den Juden, weil die Juden Geld haben, England nur nach Geld strebe und nur Geldangelegenheiten verstehe. Das Ende werdo sein, daß Wauehopo zurücktreten werde, bevor seine fünfjährige Amtsperiodo ablaufe. Die ganze Welt habe bisher geglaubt, daß das Palästina-Mandat sich in den Händen der Engländer befinde; die letzten Ereignisse hätten jedoch bewiesen, diaß sich das Mandat tatsächlich in den Händen der Juden befinde. Das sei ein hinreichender Grund für die Araber, vom Völkerbund mit Unterstützung der England feindlichen Staaten und der mohammedanischen Staaten die Aufhebung des Palästina-Mandats zu fordern. Die Engländer verstünden keine milde Sprache, infolgedessen müsso man zu ihnen in einer Sprache reden, die für sie verständlich sei, und man dürfe in dieser Hinsicht vor nichts zurüokscbrecken. Einen besonders scharfen Artikel veröffentlicht das Organ des Mufti, „A1- Liua“. Ganz Großbritannien ist in den Augen von „Al-Liua“ nut ein SpielbaU in den Händen der Juden. Da die Mufti- Partei gegen den Legislative Council ist und „Al-Liua“ ihn dauernd bekämpft, schreibt das Blatt, um seinen Standpunkt zu begründen, daß der ganze von den Juden gegen den Legislative Council erhobene Lärm nur ein Manöver sei, um den Arabern vorzutäusebon, daß die Juden wirklich gegen den Legislative Council seien und dadurch würden die Araber sich leichter für ihn erklären. Für die Araber, so schreibt Ohne „Kaution nach Palästina Nur für Mitglieder der Vereinigung jüdischer Ärzte in Wien Durchführung Reisebüro City Dr. I. H. Körner, I., Kohlmarkt 8, Tel. U 26-4-29 das Blatt, bleibe daher kein anderer Weg übrig als der Weg aktiven Kampfes für ihre Rechte mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Das ägyptisch-arabische Blatt „M ok at a m“ sohreibt; daß der wahre Grund der außergewöhnlichen Situation, in der sich heute Palästina befinde, vor allem der Gegensatz zu den Versprechungen sei, die England im Weltkriege einerseits den Arabern .und anderseits den Juden gegeben habe. England, so sohreibt das Blatt, hat sich in ein Netz verstrickt, aus dem es nicht heraus kann. Es stütze sich heute auf die Gegensätze, die zwischen Juden und Arabern vorhanden seien, habe jedoch bis heute keine der beiden Parteien zufriedenstellen können. „ VII., KAISERSTRASSE 123 * IX., ALSEBSTBASSE 6 i» Die Einladung der arabischen Führer Jerusalem, 7. April. Die Jüdische Telegraplien-Agentur erfährt über den Empfang der arabischen Führer beim High Commissioner Sir Arthur Wauchope, der die Einladung nach London den arabischen Führern übermittelte, noch folgende Einzelheiten: In der Unterredung mit der arabischen Delegation gab High Commissioner Sir Arthur Wauchope als Grund für die Einladung des Colonial Office die Tatsache an, daß die Juden eine entschlossen© oppositionelle Haltung gegen den Plan einer Einsetzung eines Legislative Council in Palästina einnehmen. In der dem Empfang der arabischen Führer vorangehenden längeren Unterredung des High Commissioners mit dem Präsidenten der Exekutive der Jewish Agency, David Ben Gurion, waren die wichtigsten Fragen, die im Mittelpunkt der Palästina-Politik stehen, durehgesproehen'worden. Litauische Regierung gegen Ritualttiordhetze Aus Kowno wird gemeldet: Dio litauische Regierung veröffentlicht eine in schal* fern Ton gehaltene Kundgebung gegen (Ke Verbreitung antisemitischer Ritualmordlegenden, dio im Hinblick auf die bevorstehenden jüdischen Pessach-Tago immer bedenklichere Formen annimmt un4 die in verschiedenen Provinzzentren bereits zu starken a n t i j ü d i s e h e n Unruhen geführt hat. „Finster o Mächte“, so heißt es in der Regierungskundgebung, „führeneine Agitation gegen die Juden; in den letzten Wochen kam es verschiedentlich zu Ausschreitungen. Die Bevölkerung _wird aufgefordert, die Hetzerder Polizei zu übergeben, dio sie der gerechten Strafe zuführen wird.“

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