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Die Stimme · 1936-04-06 · Heft 538 (6.4.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 538 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i Jahrgang Wlan, 6. April 193* 14. Nitaan 9*9* "Stimme jüdische zeitung V. b. b. EIN FILM VON WEITRUFJ UNO EIN ENSEMBLE JUNGER DARSTELLER EUROPÄISCHE URAUFFÜHRUNG KRUGERKINO Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang: Fest der Freifiei/ Rede, gehalten in der Pessach-Festversammlung dee Ringe der Altherren- Verbände in . Wien. Ist es möglich, sich loszulösen von den drückenden Sorgen und Kümmernissen des Tages, um, jenseits von Streit'1 und Hader der Gegenwart, unterzutauchen in kraftspendende Erinnerung' an große Geschichte und unvergeßliches Erlebnis? Uns jüdischen Menschen muß das möglich sein, .weil wir auf Jahrtausende historischer Existenz zurückblicken. Wir betrachten die Welt sub specie aeterni, sub specie Dei. Geistiges und wahrhaft Religiöses ragt in die Ewigkeit hinein. Unser konkretes Sein in der Geschichte ging niemals in diesem Konkreten unter und verloren, sondern richtete seine Ausschau allzeit in ferne Zukunft erwarteter Erfüllung. So wichtig und drängend das Jetzt sein mochte, niemals glaubten wir, das Vollkommene erreicht zu haben, denn wir litten unter der jeweils bestehenden Welt in Erwartung einer besseren, bis in der Weite der Zeit ein Reich des Glücks und des Friedens für alle und für Alles kommen würde. Wir litten und wir leiden. Es geschah aber ein Wunder an uns und mit uns. Das Wort des Propheten, daß wir Licht und Fahne der Völker seih und werden sollten, hat sich in quälenden Leiden und schmerzvollen Wehen erfüllt. Selbst Sklaverei konnte unsere innere Freiheit nicht ersticken. Es ist eine großartige und unerhörte Tatsache, daß die Offenbarung am Sinai als erste Botschaft kündet: „Ich bin Dein Gott, der Dich aus Mizrajim Unausgeführt hat, aus dem Hause der Sklaven.“ „Gott der Freiheit und für Freie!“ Hier ist kein Raum für Versklavung des Denkens und der Vernunft; hier ist nur Sohrankensetzung für Willkür und Zügellosigkeit, Unduldsamkeit und religiösen Terror. Unabhängigkeit von despotischer Gewalt und Autonomie des •Willens gehören für uns Juden zu den Grundsätzen des Volkstums und des Glaubens. Die Heteronomie durch religiöses und soziales Gesetz steht damit durchaus nicht im Widerspruch, weil wir jeden Dogmatismus der Unvernunft verwerfen und alles für unreligiös erklären, was mit den Gesetzen der Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit in Widerspruch gerät. Unser Weg durch die Weltgeschichte ist unstreitig ein Leidenswog, oft genug blutiges Martyrium. Wir waren und sind Träger und Verbreiter von Ideen, die vielen Völkern der Welt noch nicht zugänglich, oft genug unbegreiflich sind. Nicht Rassenverschiedenheit tronnt uns von ihnen; das ist Konstruktion, deren Zweck ist, das ungerechte ‘Verhalten uns gegenüber zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Das ist die alterprobte Methode von Pharaos Zeiten bis gestern und heute. Weder „ religiöse, nationale, noch ökonomische oder patriotische Begründungen des internationalen Judenhasses können die. rohen, unsittlichen Motive dieser, die ganze Kulturwelt gefährdenden Hetzjagd auf die Judenheit und das Judentum verbergen. Sie treibt zum Kriege aller gegen 'alle. Es geht nicht um Rettung der Menschheit vor sittlich religiöser Verderbnis oder gar „zersetzendem Einfluß der Juden“; dies kt furchtbare« Schlagwort, eine vergiftete Waffe für alle Judenfeinde geworden. Es geht darum, der verzweifelten Welt an dem Orte geringsten Widerstands ein Ventil zu öffnen, durch das alle schlechtesten Triebe und Instinkte Einlaß finden. In diesem wüsten,' entsittlichenden, die Lüge züchtenden, die geistige und materielle Existenz der Menschen ruinierenden Chaos muß .es ein rasches, leicht zu erreichendes, leicht zu erlegendes Opfer geben: Wir . Juden sollen das Opfer sein. Und wenn, nach dem Wunsch und Willen unendlich Vieler das Opfer gefallen sein wird? Dann wird die Welt ein Verbrechen mehr begangen haben. Die Völker der Erde werden Rechenschaft ablegen müssen über das Schicksal des Judentums in ihrer Mitte. Wir feiern das Pessach-, das Freiheitsfest. Ja, wir feiern es seit Jahrtausenden in Sturm und Drang, seit der Befreiung aus der Sklaverei in Mizrajim. Und seitdem ist unsere leidenschaftliche . Verteidigung der Freiheit nicht schwächer geworden. Jede Verfolgung, Austreibung, Knechtung, Entrechtung hat sie verstärkt; Scheiterhaufen, Massenmord und’ Ma ssen enteil ruiig sie vergrößert. Es hat sich nichts geändert. Weit entfernt sind wir, uns sündenfrei, sclmldlos zu dünken. Wir sind es nicht. Das von uns seit Abrahams, Moses und der Propheten-Zeit geforderte sittlich-religiöse Hochziel haben wir nie erreicht. Zeiget uns ein Volk, einen Glauben, die es erreicht hätten? Mit starrer, unerschütterlicher Beharrlichkeit streben wir unbeirrt dem Ziele zu, das uns als messianisches, nicht imwirkliches, sondern erreichbares gilt. Heilige Unzufriedenheit erfüllt und treibt uns. In dieser Not und Pein der Vergangenheit schwebten Erlösung und Erlöser vor unseren durchaus klar gebliebenen Augen, aus denen Tränenbäche geflossen sind. Nicht untätig trugen wir die edle Last unserer geschichtlichen Berufung, das Leid unseres Schicksals. Wir behüteten, verteidigten mit Leib und" Leben Glauben und Volk. Und als vor Jahrzehnten aufs Neue der Ruf an uns erging, das Land der Väter wieder aufzusuchen, aufzubauen, auf Zions.. Ruinen neues Leben erblühen zu lassen, folgten wir begeistert diesem Ruf und sind nun auf dem Wege, in Erez Israel nach Jahrtausenden uns eine nationale Heimstätte, und wenn es Vorsehung und unsere Kräfte erlauben,, einen freien jüdischen Staat zu gründen, dessen Grundlinien mehr als sichtbar sind' und immer deutlicher werden, wenn Land und .Regierung, welche die Bürgschaften für diese Heimstättengründung übernommen haben, ihr gegebenes Wort nicht brechen werden. Freiheit atmet, dieser heilige Boden, den wir urbar machen und am seiner starren Unfruchtbarkeit erlösen. Freiheit ruft uns allen das Land der Verheißung zu, wenn nicht Blindheit und Taubheit der Völker es wieder unseren treuen, fleißigen Händen entreißen; der Völker, welche im Getriebe der Weltpoütik wahrlich keine Beispiele von Liebe zu Freiheit und Gerechtigkeit sind. Zufluchtshätte ist Erez Israel geworden, zum Land der Sehnsucht für Millionen entrechteter und gefährdeter Juden in der ganzen Welt. Nirgendwo in der Welt sind wir sicher. Überall bleiben wir treu, stark, aufrecht. Wir wollen es in aller Zukunft bleiben. Pessach, das Fest der Befreiung, ist uns Weckruf und Kraftquelle. Wir sammeln uns. Frei fühlen wir uns dureh den mächtigen Auftrieb jüdischen Stolzes; Blut unserer Ahnen pocht in starken Herzen. Wir sind bereit, für aller Menschen Freiheit einzutreten. Will uns Die Haggadah spricht von den vier Arten von Kindern, denen der Vater die Bedeutung des Pessachfestes erläutern soll: Das kluge Kind, das böse Kind, das einfältige Kind, das Kind, das noch nicht zu fragen versteht. Man kann aber auch noch vier Kategorien der Feinde der jüdischen Befreiung unterscheiden, die sieh schon in der Geschichte des Pessachfestes zeigen und seither sich noch vennehrt haben: der Pharao, der von dem Josef nichts mehr wissen wollte,. der Ägypter, der den jüdischen Aronarbeiter schlug, der jüdische Aufseher, der dem Moses drohte, und schließlich diejenigen, die zum Pharao .rannten und sich über Moses und Afron beschwerten. Der Jude Josef hatte das Land vor Hungersnot gerettet. Er hatte die Funktion eines Wirtschaftsministers bekleidet, und was er für das Land getan, dankten ihm der König und das Volk. Aber Josef starb, der König starb, das Volk vergaß — so wie jedes Volk vergißt. Es kam ein neuer König, und der wollte sich an den Josef nicht mehr erinnern. Er sah nur, daß die Familie Josefs, di« auf Einladung des alten Königs sich angesiedelt hatte, zu ansehnlicher Stärke angewachsen war. Es waren ruhige, fleißige Menschen, die an ihrem Glauben hingen und sich auf sich selbst beschränkten. Sie waren aber anders als die Ägypter, und dieses Anderssein trug ihnen den Haß des Pharao, seiner Schranzen-, und Speichellecker ein. Vielleicht hatte ihre strenge Lebensführung, ihr fester innerer Zusammenhang, ihre Abneigung gegen Krieg und Mord auf das ägyptische Volk gewirkt, so daß die Großen für ihren und des Königs Kriegssäokel zu sorgen begannen. So entstand ein Gerede über zersetzenden Einfluß der Zugereisten, die sieh außerhalb der Staatsordnung halten, und so nahmen die Herrschenden diesen Juden ein Recht nach dem anderen und machten sie schließlich zu Sklaven, die dem König seine Paläste, Pyramiden und Festungen bauen mußten. Aber des Königs Priester witterten noch immer Gefahr, und so suchten sie nach Mitteln, diese geschlossene Masso jüdischer Ziegelarbeiter von innen zu sprengen. Sie suchten und fanden Juden, die besonders tüchtig waren, und machten sie zu Aufsehern über die anderen Juden. Sie sonderten sie von den anderen. Und diese Aufseher, wahrscheinlich besoldet und ehrfeindliche Mitwelt zu Sklaven machen? Kein Joch kann uns die innere Kraft und Freiheit nehmen. Wir werden um innere und äußere Freiheit kämpfen, solange ein Funke Judentum in uns lebt. Alle sind eingeladen und aufgerufen: „Jeder Hungrige komme und setze sich mit uns an den Tisch, jeder, der Sinn für Freiheit hat und ihrer bedarf, feiere mit uns das Freiheitsfest“ VII., KAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSERStRASSE 6 geizig, wollten auch bald nicht mehr als Juden gelten. Sie glichen sich den Ägyptern an. Sie waren stets mißtrauisch gegen oben und unten, stets auf der Lauer, stets bedacht, sich das Zeichen vom Sperber oder Sistrum zu verdienen, das sie über die anderen frondenden Juden hinaushob.- Aber so ganz konnten sie nicht von den Juden loskommen. Es war immer noch ein Ufewissensrest vorhanden, und so versicherten sie dem Pharao, daß sie nichts gemein hätten mit dem revolutionären Moses und seinem Bruder, die den Sklaven das Bewußtsein ihrer mißhandelten Menschenwürde bringen wollten und in heißglühende Reden ihnen ihre Lage klar machten. Und da sah einer, wie Moses einen Mann, der einen Juden peitschte, niederschlug. Da war die Aufregung groß. Die jüdischen Liebediener Pharaos gerieten in Bewegung. Sie gingen zum Pharao und sagten ihm,' sie seien nicht solidarisch mit diesem eigentlich aus dem Osten stammenden Hetzer, der kein ägyptisches Heimatgefühl besitze und - nur den Namen der Juden anrüchig mache. Die Priester und Schranzen, die ■um den Pharao standen, sahen nun ihren Weizen reifen. Die Juden waren zerspalten, und so konnte man mit schärferen Mitteln gegen sie Vorgehen, und die trafen dann mit aller Wucht alle Juden ohne Ausnahme. Ohne Unterschied nahm man ihnen die Löhne weg und alle zusammen wurden mit dem Bann belegt. Das ist so die Geschichte, die dem Auszug voranging, den der Pharao erst bewilligte. Als aber die Menschen, die den Staat reich gemacht, seine Wirtschaft geordnet, seine Macht gegründet hatten, wirklich abzogen, erschrak der Pharao. Wer wird den hier noch arbeiten, wer meine Städte bauen, wer die goldenen Opferschalen erzeugen, die ich den Göttern vorsetze! Sprachs und sandte sein Heer den Abziehenden nach. Aber im Roten Meer gab es dann die Katastrophe. Roß und Reiter rasten ins Grab. Ist dieser Verlauf der Dinge nicht so merkwürdig aktuell? Ist er nicht von vornherein jedem der vier Kinder verständlich? Zu Beginn des Seders fragt, das jüngste Kind: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen?“ Sie unterscheidet sich dadurch, daß in ihr allen deutlich wird, daß sie genau so ist wie alle anderen und daß dies eben aus der Haggadah sich ergibt. Wir waren Sklaven, bis uns Gott hinausführte. Wir gingen aus Ägypten und erlösten uns aus unserer eigenen Kraft. Wir machten uns frei. Das ist der Sinn der Haggadah. Die Geschichte hat sich nicht geändert. Es greift 1UCHKAUS TABAKS bringt wieder das NEUESTE original «ngH<<h«n H«rr«n- und Damanitolfan IEN I.- SALZ GRIES 5 Mil llll'IWrnMHBBOMW—Bwaap—■BBHW Sklaven in Aegypten

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