Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 537 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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*Mfi M<mv Mtamer SO g <Dk ‘Stimme JÜDISCHE ZEITUNG V. b. b. »*) \ *60' *7 Vs? ***y WARNER BROS. FIRST NATIONAL bringen: PAUL MUNI Amerikas größten Charakterdarsteller Pr, SOKRATES dem aufsehenerregendsten Film des Jahres URAUFFÜHRUNG: -Kino fotlfpaiK-KlDO Stab-Kino '^H^IilMau5696^|^9^lährgäng Nr. 537 I Wien, 3. April 1936 T Radaktlsn und Admlnlttraüen: WJ«a, I., Marc-Aural-StraBa 5. T«l,: II 22-3-91. RedaHlonaachluB Montag und Mittwoch rorm. Rufmord Der Bundeskanzler hat am Mittwoch im 'Bundestag die angekündigten Regierungserklärungen abgegeben. Er befaßte sich eingehend mit der innen- und außenpolitischen Lage, wo-bei er daß Hauptgewicht auf die Erhaltung der Unabhängigkeit Österreichs legte, das bei aller Ablehnung des Militarismus doch den Willen zur. Selbsterhaltung dokumentieren müsse. Es ißt eine Selbstverständlichkeit, sagte der Kanzler, daß Recht lind Gewalt zwei verschiedene Begriffe sind. In Besprechung der Phönix- Affäre erklärte der Kanzler: „Muß man es nicht als unverantwortliche Demagogie bezeichnen, wenn da und dort der Fall dazu benützt wird, um fernab von der'Ebene der absoluten Sachlichkeit etwa politische destruktive antiösterreichisohe Tendenzen -zu vertreten? ... Wir werden zu verfolgen haben jede sensationslüsterne Gewissenlosigkeit, die bisweilen aus trüben Motiven sich nicht scheut, Rufmord zu begehen. Denn der neue Staat wird jeden schützen,, der seines Schutzes würdig ist. Es wird Aufgabe der Regierung sein, für die Einhaltung dieses Grundsatzes zu sorgen.“ Die. jüdische-Bevölkerung Österreichs ist in der' letzten Zeit das Objekt eines mit allen verdammten Künsten der Demagogie betriebenen Rufmordes geworden. Versamm- Rungsreden, Zeitungsartikel, Flugblätter, Erzählungen von Ohr zu Ohr — alles wird angewendet, um den jüdischen Teil der Bewohnerschaft herabzusetzem und den Kampf gegen diese Minderheit immer weiter nach vorne zu treiben. Ee fehlt nichts in dem Register, zu dem hunderte antisemitische Generationen beigetragen haben: Der. zersetzende Einfluß des Judentums, Schädigung dies bodenständigen Gewerbes, der jüdische und judaistisohe Geist, das sind, wenn man will, nur Sohlagworte, die sich aber durch die ununterbrochene Wiederholung immer tiefer in das politische Bewußtsein der Bevölkerung eingraben. Dann kommen dazu Behauptungen über die Moral der jüdischen Schulärzte (bis heute von der Staatsanwaltschaft hoch nicht erhoben), über Boykott der Juden gegen diie arische Geschäftswelt, und schließlich — im Anschluß an die reichlich aufgebauschte Phönix-Affäre — wütende Attacken gegen das ganze Judentum.. Der Inhalt, dieses Kampfes ist in Österreich nicht neu, aber er ist durch die Nachahmung der deutschen Propagandamethoden derart vergiftet worden, daß nachgerade auch das. wahrlich in Geduld geübte Judentum in Erbitterung gerät. Für alle Staatstreue, für alle selbstlose Mitarbeit an der Konsolidierung der Gesellschaft nichts als Schimpf, Drohung, Boykott und unbewiesene und unbeweisbare Beschuldigungen! Wir wünschen nicht, den Hotelstandpunkt hervorzuheben und auf die Wirkung solchen Tuns für den Geschäftsverkehr und die Fremdenindustrie zu verweisen. Aber es . liegt auf der Hand, daß diese destruktiven Tendenzen, die auf die Erregung von Unruhe hinzielen, sich letzten Endes gegen den Staat richten. Die Elemente, die im Schatten des Dritten Reiches die Rassentheorie nach den Regeln von einerseits-andemeits jonglieren, brauchen den Judenhaß, um ihren verlorenen politischen Einfluß wieder zurüokzugewinnen und sich gleichzeitig vor den Nationalsozialisten ein Alibi zu schaffen. Der Rufmord an den Juden, der draußen zum Inhalt des das deutsche Volk ruinierenden und schändenden Systems geworden ist, soll hier mit Anwendung aller nordischen List und aller Hakenkrouzterminologie außgebaut werden. Man spekuliert mit der Lehre vom kleineren Übel und hofft, damit die Judenschäft einsclui'chtern und für gewisse Verhandlungßgrumllagen bereitmachen au können, bei denen die Juden nichts zu gewinnen und alles zu verlioren hätten. Diese Rechnung ist falsch und muß falsch bleiben. Österreich, das seine Unabhängigkeit, seine Kultur, an der auch Judeu mitgewirkt haben, seine Mission als Mittler zwischen Westen und Osten zu wahren hat, darf keim* ReoliMtetigi'n'r ■•".•'•h<->i. die nur seinen eigenen Kampf entwerten würde. So wie dieser Staat, so opfern auch wir kein Recht und lassen uns nicht demütigen. Aber wir nehmen mit Freuden zur Kenntnis, daß der Bundeskanzler sich zu dem Programm bekannt hat, daß Recht und Gewalt zwei verschiedene Dinge sind. Damit sind die Treibereien gegen die 180.000 Juden Österreichs entlarvt als Rufmord und als Attentat auf Ehre und Ruhe des Staates, dem wir dienen. Österreich ist durch die Schaffung des Dienstpflichtgesetzes darangegangen, alle physischen und moralischen Energien zum Schutze der Souveränität des Staates und des inneren und äußeren Friedens zu sammeln. Die in Europa bestehende Situation ist darnach angetan, den Entschluß Österreichs als Wahrung seines Lebensrechtes zu rechtfertigen. Grundvoraussetzung ist, daß den inneren Brandstiftern das Handwerk gelegt wird. Generaldirektor Clerk: Keine Krise Aus Jerusalem meldet Palcor: Der Generaldirektor der großen palästinensischen Barklays-Bank, Mr. A. F. S. Clerk, erklärte über die heutige Wirtschaftslage Palästinas: Es gibt in Palästina keine Wirtschaftskrise und das törichte, unverantwortliche Gerede über eine wirtschaftliche Depression ist nur geeignet, kleingläubige und kleinmütige Kapitalisten abzuschrecken. In Wirklichkeit ist die Wirtschaftslage des Landes gefestigt. Gewiß ist eine geringe Anzahl von Arbeitslosen vorhanden, vor allem in Tel- Aviv. Diese Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis des Rückganges im Tempo der Baubewegung. Dieser Rückgang hört jedoch heute bereits auf, weil alle diejenigen, die infolge der Panik im Zusammenhang mit dem italienisch-abessinischen Kriege nicht hauen wollten, sich davon überzeugt haben, wie unbegründet ihre Besorgnisse gewesen sind. Nebenbei bemerkt, so führte Mr. Clerk aus, hatte dieser zeitweilige Rückgang auch seine guten Seiten. Er gab nämlich vielen Unternehmern die Möglichkeit, ihre Unternehmungen zu kontrollieren, zu festigen und erhöhte Tätigkeit für die nächste Zukunft vorzubereiten. Selbstverständlich ist auch Palästina nicht frei von gewissen schwachen Punkten. Es gibt, kein Land auf der Welt, das keine schwachen Punkte hat. Bei uns ist das Gefährlichste die Spekulation, in die leider auch Menschen hineingezogen wurden, die gute Absichten haben, sich aber keine in Palästina Rechenschaft abgeben, wie groß der Schaden ist, den He der Wirtschaft des Landes bringen. Die zweite, nicht minder gefährliche Erscheinung ist der zu hohe Lebensstandard, der sich breit gemacht hat und die tatsächlichen Möglichkeiten des Landes übersteigt. Zur Frage der Aussichten des palästinensischen Orangenexports erklärte Mr. Clerk: Der palästinensische Orangehexport hat noch sehr große Möglichkeiten auf dem englischen Markte, der viel mehr konsumieren kann, als er heute konsumiert. Hierzu ist jedoch erforderlich erstens eine Standardisierung der Qualität der nach England exportierten Drangen und zweitens eine Zusammenarbeit aller Exporteure, damit Palästina den englischen Markt für seine Orangen endgültig erobert. Unsere Pessimisten, so schloß Mr. Clerk, haben stark übertrieben. Unsere Wirtschaft hat bereits einige Stürme erlebt, und siehe da: aus jedem Sturm geht sie stärker und gefestigter hervor. Palästina ist »all right«. VII., KAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSEBSTBASSE 6 Nashashibi nimmt Council an Palcor meldet aus Jerusalem: Die Leitung der Partei Nashashibis, des früheren Bürgermeisters von Jerusalem, hat beschlossen, den Plan eines Gesetzgebenden Rates anzunehmen. Der Oberkoramissär wurde von dem Beschluß in Kenntnis gesetzt. Arabische Hoffnungen Die Tageszeitung „Felestin“ tritt unbedingt für die Annahme des Regierungsvorschlagos ein. Sie begründet diesen Standpunkt damit, daß das künftige Parlament uneingeschränkte Vollmacht haben wird, die Probleme des palästinensischen Lebens, der Politik und Verwaltung des Landes zu erörtern. „Damit allein“, behauptet das Blatt, „können wir die Regie* rungspolitik der Schaffung des Jüdischen Nationalheims angreifen, und die sowohl für die christliche wie für die mohammedanische Bevölkerung schädlichen englischen Aktionen vereiteln. Was im Parlament gesagt werden wird, wird ja doch als offizielle Meinungsäußerung gelten und keinerlei Ableugnung der arabischen Beschwerden wird mehr helfen. Darum werden der englische Präsident des Parlaments und tausend andere Präsidenten keine Bedeutung haben, denn die Regierung anerkennt die Freiheit der Diskussion. Diejenigen, die gegen die Einschränkung der Befugnisse des Parlaments polemisieren, sollten .bedenken, daß auch dor Shaw-Kommission von Anfang verboten wurde, über politische Fragen zu sprecheu. Kaum hatte sie aber ihre Arbeit begonnen, da ging sie auch schon über den erlaubten Rahmen hinaus. Genau dasselbe wird auch in bezug auf Einwanderung ff>ge setze, Bodenfragen usw. der Fall sein.“ Zum Einweichen ium Waschen EFOCOl Der „Phönix“ und die Zionisten In einer Rede, die Bunideskommissär Oberst Adam am 31. März im Rundfunk hielt, beschäftigte er sich mit der Affäre der Lebens Versicherungsgesellschaft „Phönix“ und sagte u. a. über die Geschäftsführung des verstorbenen Generaldirektors: „Sein Geld, richtiger gesagt, das Geld, mit dem er wirtschaftete, wurde von Zionisten und Sozialdemokraten, aber auch von Nationalen und Nationalsozialisten genommen, Natürlich auch von Leuten, die weder mit den einen noch mit den anderen zu tun hatten.“ Die Art dieses Vorbringens hat in jüdischen Kreisen Befremden hervorgerufen. Sie erweckt den Eindruck, daß die an erster Stelle und in sehr gemischter Gesellschaft genannten Zionisten es waren, die „genommen“ haben. Dann erst kommen Sozialdemokraten und Nationale / (offenbar Deutschnationale), dann die Nationalsozialisten und dann erst „auch Leute, die weder mit den einen noch mit dien anderen zu tun hatten“. Wenn Herr Oberst Adam so spricht, wie er es eben getan hat, dann muß er dafür konkrete Unterlagen haben. Er muß die Zionisten kennen, die „genommen“ haben. Wer sind die Zionisten, denen Schmiergelder gezahlt würden? Wer sind die Zionisten, die unter fingierten Titeln vom „Phönix“ Bezüge oder überhaupt nicht einwandfreie Zuwendungen erhalten haben? Es ist auch nicht einzusehen, wozu der „Phönix“ es nötig gehabt hätte, gerade die Zionisten sich Geld kosten zu lassen. Von uns konnte er keine für ihn wertvolle Informationen bekommen, und der Ausgang jüdischer Wahlen war für ühn ohne Interesse.' Welche Zionisten haben also nach der Meinung - des Herrn Obersten Adam Schmiergelder genommen? Auf diese Fragen möchten wir gerne eine Antwort, hören. Eines müssen wir aber schon heute feststellen: Der „Phönix“ hat mit dem Jüdischen Natiionalfönds einen Vertrag geschlossen, wonach bei Abschluß von Versicherungsverträgen durch Zionisten der Jüdische Nationalfonds eine kleine Provision erhielt,.. Unter den gleichen Bedingungen hat der „Phönix“ auch mit vielen christlichen Organisationen Verträge abgeschlossen, nur. mit dem Unterschied, daß der mit dem Jüdischen Nationalfonds geschlossene Vertrag sich für den „Phönix“ so gut ausgtewirkt hat, daß es heute keine Affäre „Phönix“ gäbe, wäre dasselbe bei den anderen Verträgen der Fall gewesen. Wirwissen auch, daß sich aus - diesem Grunde mehrere andere Versicherungsgesellschaften bemüht haben, das Nationalfoudsgeschäft . des „Phönix“ au sich zu ziehen. Wer hat also „genommen“? iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinniiiiiiiiiiiiiiiim, Utvsecc H&scatU—l/Uunmcc Am 6. April erscheint die „Stimme“ als Pessach-Festnummer mit zahlreichen Originalbeiträgen in verstärktem Umfang. miiiiiiiii!iiiiiiHiiiiii!iiiiiiiiiiiiiiNiiiiiiiiiiiiimiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimn;iiiniiiiiiiiiiiiiiiii> „New York Times“ über Österreich Aus N e w' Y o r k wird gemeldet: Die führende Tageszeitung „New York Times« widmet der Lage der Juden in Österreich zwei Spalten ihrer Ausgabe vom 30. März. . Der Autor stellt fest, daß die antisemitische Stimmung infolge einer gewissen Propaganda im Zunehmen begriffen ist und daß die österreichischen Antisemiten ihren „Antisemitismus auf Gummisohlen« abstreifen und dem groben preußischen Stiefel den Vorzug geben.