Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 533 (20.3.1936)
- Date
- 1936-03-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer ZO g V. b. b, e JÜDISCHE ZEITUNG § ApBerordenfliclie ErmflBIgungen noch PALÄSTINA Piirlmrolean Hinfahrt bis 31. März 1936, ruriiniOlMSn. Rückfahrt bis 31. Mai 1936, mit 50%, bezw. 50% Ermäßigung von S 350.— aufwärts auf Hm- und Rüdefahrkarten. FrQhlingsreisen: SftriSjÄ&Ä % 24. Juni 1936, mit 50% Ermäßigung auf Hin- und Rückfahrkarten von S 250. - aufwärts; mit 20% Ermäßigung auf einfache Hinfahrt von S 200.— aufwärts. Auskünfte - Generalagentur Wien, 1. Bezirk, Kärntnerrfng 6, Telephon*Nr. U47*5>60, und In allen Reisebüros Nr. 533 { Wien, 20. März 1936 | TsL: II 22-3-31. RtdtkNoMMMu! Wien, t„ I Io! Meirtai und Mittwoch vorm. | (26* Adar5696) | 9« Jahrgang Billige IRUT-Reisen nach CZERNO WITZ Uber KRAKAU-LEMBERG mit Kollektivpaß am 29. März und 6. April; Rückfahrt 21. April 1936 REISEBÜRO „IRUT“, KARLSPLATZ NR. 1 Ref. Rosenkranz — Telephon U-44-5-79 Zwei Reden Über das Judenthema sind in Wien am Mittwoch zwei. Vorträge gehalten worden. Der Rektor der deutschen Nationalßtifbung „Anima“ in Rom, Bischof Hu dal sprach über „Rasse und Christentum“, der Jesuitenpater Bichlmadr behandelte das Thema „Der Christ und der Jude“. Nach dem in den Blättern veröffentlichten Bericht akzeptiert Bischof Hndal den Rassebegriff, warnt aber die Deutschen davor, ans ' der modernen Rassenkunde ein germanisches Ghetto zu bauen. Die rein bio-logische Erklärung der deutschen Rassenlehre sei unzureichend, wenn nicht auch dais Geistige als bewegendes Moment berücksichtigt wird. Der Mensch ist eine geistige Persönlichkeit, nicht bloß •eine 'Funktion des rassisch oder national Vitalen. Pater Bich lmair, dessen Auftreten einer ganz bestimmten politischen Tendenz entspricht, wandte sich gegen Paaiscihalverdächtigungen oder Pausohalrechtfertigungen jüdischen Wesens. Er siebt die Judenfrage als ein nationales und völkliches Problem. Für das tragische Schicksal der Juden hat das Christentum Mitgefühl, aus dem der Wunsch kommt, die Juden mögen sich bekehren. Das ist die vom Religiösen ausgehende Betrachtung. Pater Bichimiair kam dann ins Politische. Er lehnte, wie. erwähnt, die Paiusobalbehauptung ab, nahm sie aber dann a/uf, um den Einfluß jüdischen Geistes in Kunst, Literatur, Theater und Film, in der Presse, im Erziehungswesen, , in der Seelenheilkuinide und in der Wirtschaft zu verdammen. Hier ist nicht zu polemisieren, hier kann nur festgestellt werden, daß hinter dem Gerede der Generalangriff auf jüdische geistige Arbeiter steckt. In Deutschland ist der jüdische Geist aus all den Gebieten, die Pater Bichlmair aufzählt, entfernt worden. Ist die deutsche Literatur, das Theater, die Presse, die Wirtschaft besser geworden? Daß das deutsche Volk durch dein Einfluß des Judentums einen ungeheuren Schaden erlitten hat, ist vor Bichlmair von Hitler in „Mein Kampf“ behauptet worden, ist aber dann noch nicht als Wahrheit bewiesen. In Amerika leben die Deutschen in ungefähr dem gleichen Verhältnis zu den Angelsachsen wio hier die Juden, Die Deutschen sind dort Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Bauern, Arbeiter. Nie ist ihre Tätigkeit nach dem Verhältnisschlüssel untersucht worden. Gegen die Juden kann heute jeder Unbewiesenes, Unbeweisbares Vorbringen, sei es aus Ressentiment, sei es zu/ra Zwecke, politisches Kapital ans den paar jüdischen Angestellten zu schlagen. Paiter Bichlmair will nicht sofort alle Juden brotlos machen, nein, er ist ein Kulturmensch. Es muß — sagt er — in irgend einer Form eine zahlenmäßige Beschränkung angestrebt werden, obwohl auch diese nicht ausreichen dürfte. Jedenfalls muß mit einer zahlenmäßigen ZurUck'diränguug und Verweisung dieser. Juden aus öffentlichen und verantwortungsvollen Stellen begonnen werden... Das sind die praktischen Anweisungen des Paters, der sich ansonsten dfer Judenbekehrung widmet. Wir stehen auf dem Boden der Verfassung, und wir sind der Hoffnung, daß auch die Regierung die Verfassung nicht irgend welchen internen Intrigen ausliefem wird. Die Minderheitsbestimmungen, die einen Teil der Verfassung bilden, stellen die volle und uneingeschränkte Gleichberechtigung fest. Sie stehen unter Garantie des Völkerbundes. Wir geben kein Recht auf, und wir glauben, daß auch der Völkerbund an dem von ihm gesetzten Recht nicht rütteln lassen wird. Polnisches Schächtgesetz zurückgestellt Aus Warschau wird gemeldet: Die Regierung hat im letzten Augenblick durch den Ackerbauminister Poniatowsky eine Vorlage eingebracht, die dahin geht, zwar den Betäubungszwang hei Schlachtung von Vieh einzuführen, davon aber ein Viehkontingent, das zur Roscher- Schlachtung speziell für die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung bestimmt ist, auszunehmen. Die Regierung ging bei dieser Antragstellung von der Erwägung aus, daß ein generelles Schächtverbot gegen die Freiheit des religiösen Gewissens der dttdenheit mid< also auch gegen die polnische Verfassung verstoßen würde. Der Regierungsantrag sieht vor, daß eine von der Regierung eingesetzte Kommission jeweils das zu rituellen Schlachtungen bestimmte Viehquantum nach dem Maß des Bedürfnisses festsetzen solle, wobei das Fleisch des rituell geschlachteten Viehs durch besonders konzessionierte Firmen zum Verkauf gelangen soll. Bei der Abstimmung beschloß der Sejm mit einer Mehrheit, sowohl das Regierungsprojekt als auch das ein generelles Scbächtverbot vorsehende Projekt der Frau Prystor wiederum dem VerwältungSausschuß zu überweisen. Nach nochmaliger Abstimmung im Verwaltungsausschuß werden die Projekte dann vor den Sejm zur Endabstimmung kommen. In jüdischen Kreisen herrscht eine gewisse Genugtuung darüber, daß der Sejm sich unbeschadet der schon an Terrorismus grenzenden Propaganda der Schächtgegner einen Gegendruck der Regierung fügte und entgegen der Gepflogenheit ein vom Verwaltungsausschuß bereits angenommenes Gesetz nicht akzeptierte. In den Kreisen der Schächtgegner herrscht ungeheure Enttäuschung über die Haltung der Regierung und der Sejmmehrheit. Die polnische Presse greift die Regierung schärfstens an und wirft ihr Nachgiebigkeit gegenüber der jüdischen Minderheit vor. In politischen Kreisen verlautet, daß die Regierung die Annahme ihres Antrages als eine Vertrauensfrage betrachtet und daß die in diesem Sinne den Verwaltungsausschuß informiert hat. Die Schächtfrage ist demnach zu einem ernsten Problem der polnischen Innenjpolitik geworden. Der Terror Au$ Warschau wird gemeldet: Aut 'd**- Haus der Gesellschaft—TOZ (polnische Abteilung des Verbandes für Gesundheitsschutz der Juden OSE) in Grodno, wurde ein Bombenanschlag verübt. Durch die Explosion wurde ein Teil der Außenfront zerstört, sämtliche Fensterscheiben wurden zertrümmert. Nur dem Umstand, daß die Explosion vor dem Beginn der ambulatorischen Behandlung im TOZ-Haus erfolgte, ist es zu verdanken, daß keine Menschenopfer zu beklagen sind. Von den Tätern fehlt jede Spur. Der Radomer Staatsanwalt hat mit Hilfe der Polizei in Przytik die jüdischen Häuser nach Waffen abgesucht, es wurden aber keine gefunden. Es wurden einige weitere Juden von Przytik verhaftet, so daß sich die Zahl der verhafteten Przytiker Juden auf acht erhöht. Die jüdische Gemeinde in Zagurow hei Konin ersuchte, die Jüdische Telegraphen- Agentur um Veröffentlichung eines Hilferufs, in dem ausgeführt wird, daß die etwa 200 Familien zählende jüdische Gemeinde infolge des Boykotterrors zum Hungertode verurteilt ist. Dem monatelangen „kalten" Progroin“ folgte während des Jahrmarkts ein wirklicher Angriff auf die Juden, wobei die Huligans mehrere jüdische Händler verletzten und die Waren raubten. . Die Bauern werden auch daran gehindert, den Juden Lebensmittel zu verkaufen. Die Sterblichkeit unter den Juden Berlins Aus Berlin wird uns gemeldet: # Das dieser Tage erschienene statistische Jahrbuch für Berlin veröffentlicht auch Ziffern über die Situation des Berliner Judentums. Die Zahl der im Berlin lebenen Juden wird mit 163.796 angegeben. Besonders wichtig sind die Angaben über die Zahlen der Geburten und Todesfälle unter den Juden. So starben im Jahre 1934 1226 Männer und 1175 Frauen, zusammen also 2401 Personen; im gleichen Zeitraum wurden nur 473 Geburten verzeichnet. Es ergab sieh also ein dreifacher Sterbeübe rschuß. Aus dieser Statistik ist zu ersehen, in welchem Tempo sich die Entwicklung fortsetzt. Auf fünf Todesfälle kommt jetzt eine Geburt. Das Verhältnis zwischen Todesfällen '-und Eheschließungen ist 5:1. An den öffentlichen höheren Knabenschulen ist die .‘Ziffer der ■Schüler um mehr als die Hälfte gesunken, desgleichen an den Mädchenschulem. Bei den Volksschulen beträgt der Verlust nicht ganz die Hälfte. ( Zum Einweichen - zum Waschen!#! lEFOCOl SONDERZUGE zu Ostern nach Polen und Czernowitz Abfahrten; 29. März und 5. April 1936. — Rückfahrten :. 15., 21. April, 5. Mai 1936. — „Francopol“ III., Schwarzenbergplatz 7, U16-4-90. — „Cedok", I., Kärntnerstraße 32, Tel. R 23-4-88. — Gerrigroß, VH., Mariahil erstraße 42, B 38-2-68 Einmischung und Nichteinmischung In einem Interview hat der deutsche Reichskanzler die Frage bejaht, ob er auch mit Österreich einen Nichtangriffspakt absohließen wolle. Die Interview ist kein politischer Akt und auch ein politischer Akt Deutschlands — nämlich des von diesem Reichskanzler repräsentierten Deutschland — ist nicht gar so seriös. Demgemäß ist man auch in Österreich sehr kühl geblieben. In Österreich, das zur Zeit die Sicherung seiner Unabhängigkeit in den Donaustaaten- Verhandlungen und. im römischen Pakt sucht, würde man mehr Wert aüf eine Nichteinmischung Deutschlands legen und hier wären Zusagen der Stresa-Mächte von größerer Bedeutung. Die Österreichischen Nationalsozialisten sind zwar als Partei nicht existent, aber sie sind vorhanden und sie bieten dem Dritten Reich Handhaben genug, seine niemals aufgegebenen Annexionsgelüste immer spielen zu lassen, wenn dies aus inneren Gründen zu'Ablenkung,szweokön eTwünecht ist. Im Augenblick ist die Aufmerksamkeit aller Welt-auf das Dritte Reich gelenkt. Herostratos hat den Tempel der Diana angezündet, damit sein Name bekannt werde. Im Dritten Reich ist alles auf Reklame und Propaganda gestellt. Man spricht überall von Hitler. Wenn etwas Ruhe eingetreten sein wird, dann wird sich auch wieder irgend ein anderer Pakt finden, der untragbar geworden ist. Die Mächte sind uneinig, die englische Regierung ist als Rettüngsgesellscbaft für Hitler immer zur Stelle. Der einzige Mann, der den Hitler richtig beurteilt, ist Mussolini, der da genau weiß, was., es bedeuten würde, die deutsche Militärmacht plus der neudeutschen Kultur am Brenner aufmarschieren zu sehen. Die deutsche Propaganda schlägt überall dort, wo. sie . nicht mit Militär, eingreifen kann, den Weg der Aushöhlung ein. So wie sie in Deutschland die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie zerschlagen hat, so ist sie zum Beispiel in der Tschechoslowakei demokratisch. Die nach deutschen Muster organisierte Sudetendeutsche Partei — das ist so die Bezeichnung für nationalsozialistische Partei — verlangt Unter Berufung auf die Demokratie Gehör und Geltung. Sie hat allerdings nur eine Schmälerung der nationalen Kraft der deutschen Minderheit erreicht, so wie sie das in Rumänien, in Jugoslawien und in Polen erzielt hat. In Österreich ist die Methode wieder anders; Hier gibt der Antisemitismus die gewünschten Angriffspunkte und es ist sehr instruktiv zu bemerken, wie gerade die Kreise, die Österreich als katholischen Staat aus dem braunen Wirbel heraushalten sollten, der antijüdischen Influenz erliegen. Die Rassenlehre, das gerade Gegenteil'jeder katholischen (katholisch heißt wörtlich universal,. allgemein) Anschauung, ist in' die katholischen führenden Kreise eingedrungen. Sie haben sich dem deutschen Kontagium ergeben. Es ist ja. historisch begründet, daß der Nationalsozialismus von Österreich ausgegängen ist. Die Bewegung Schönerer« war in erster Linie antisemitisch und dann in