Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 532 (17.3.1936)
- Date
- 1936-03-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vral« dieser Nummer 20g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Gesellschaftsreise nach Palästina und Xgypten mit dem Luxusmeterschiff VULCÄMIA vom 31. März bis 21. April mit Besuch von Rom, Neapel, Athen, Rhodos und Tripolis. Rundfahrt-Preis Wien-Wien in der vorzüglidt«n Touristenklasse S 750’-. Landarrangement in Palästina und Ägypten S 324'-. Veranstaltet ven Palestine Expreß Co., Vertretung Reisebüro „City“, Dr. I. H. Körner, Wien, I., Kohlmarkt 8, Tel. U 26-4-29. Italla-Cosullch, Wien, I,,Kärntnerring 6, Tel.U47-5-60 N». 532 j Wien, VJ. März 1936 f Reftktfen und AdmlnlttraUon 1 Wien, Mare-Aarer-StraSe & Tel.: U 22-3-91 RedaMlonuahinfl Mentag und Mittwoch vorm. | (23. Adar 5696) | 9. Jahrgang Macht oder Recht Die politische Behandlung des Abessinien- Konfliktes ist in den Hintergrund getreten. Das Divertissement Hitlers hat den Italienern den Weg freigegeben und es wird bereits das Auftauchen italienischer Truppen im Gondargebiet signalisiert, das wegen des Tanasees und der Quellen des Blauen Nil den Engländern außerordentlich wertvoll ist. (Erwähnt sei hier, daß in diesem Gebiet der 200.000 Mann starke Stamm der schwarzen Juden, der Falaschas, lebt, der solcherart mit der großen europäischen Kultur der Bombenflieger und Vergasungen Bekanntschaft schließen wird.) Wahrscheinlich handelt es sich hier um einen militärischdiplomatischen Druck auf England, der diesmal größere Aussicht auf Erfolg haben nnuß, da Englands ganze politische Kraft auf die deutsche Frage gerichtet ist. Wenn der Dreizehner-Ausschuß des Völkerbundrates sich versammeln wird, um den Bericht über die Petroleumsperre anzuhören und die nötigen Beschlüsse zu fassen, wird ihm ein Vertagungsantrag der großen Mächte Frankreich und England weitere Ferien verschaffen- Welch’: schöne Beden halben doch die englischen Minister gehalten! Von der Heiligkeit der Verträge ange,fangen über den Schutz des Völkerbundes — bis zur Elastizität und zur Realistik. Bei diesem letzten Stadium ist England stehen geblieben. Verträge sind heilig, aber sie sind nun einmal gebrochen, und Hitler hat positive, konstruktive Vorschläge gemacht, die einer Prüfung wert sind. Das Goethesche Hexeneinmaleins in der Politik! Man sagt den Engländern nach, daß sie ein Kaufmannsvolk sind. Aber es zeigt sich, daß dies nicht so ganz stimmt. Welcher Kaufmann kann so vorgehen einem Partner gegenüber, der seine. Unehrlichkeit schon ein Dutzendmal bewiesen hat und der weder Moral, noch — Gold hat? Insoweit die britischen Bemühungen der Verhinderung eines Krieges gelten, 6ind sie begrüßenswert. Ans der Treulosigkeit dieses deutschen Nationalismus darf kein Krieg entstehen. Aber es scheint ein Vorrecht der Diplomatie zu sein, die Dingo falsch zu sehen und demgemäß falsche Schlüsse zu ziehen. Dor Rheinlandcoup ist erfolgt, weil Hitler das schon verstopfte Begeisterungsventill nach außen öffnen muß. Ob ihm dies gelingt, wird sich zeigen. Bei dor Volksabstimmung am 29. März wird allerdings eine solche, auch innerpolitisch wichtige Klarheit nicht erreicht werden. In den Urnen werden die Ja-Zettel in der gewünschten Höhe, vielleicht auch die Nein-Zettel in der gleichfalls gewünschten Höhe liegen; wahrscheinlich sind sie schon heute drin.., Und die etwa 600 Reichstagsabgoordneten, deren einziger Boruf darin besteht, den Flihror anzuhören, dreimal Sieg Heil! zu schreien und dio Diäten einzukassieren, wird kein Mensch in- und außerhalb Deutschlands als ein Parlament anerkennen. Sie und die hinter ihnen stehenden SA. und SS. sind keine Helden. Ihre heroische Weltanschauung gipfelt darin, wchrloso Juden zu morden und zu prügeln, kleine Kinder zu mißhandeln und jüdische Geschäfte zu „nationalisieren“. Da Franzosen, Belgier, Russen, Tschechen Bajonette haben und mit Maschinengewehren umgehen können, so ist. Hitlev ehrlich für den Frieden. Aber er hat geblufft und die britische Diplomatie ist ihm getreulich aufs Eis gefolgt. Würde sie das genau verfolgen, was jetzt jeder Reisende aus Deutschland schildert, dann hätte sie die französische Forderung nach Sanktionen sofort annehmen müssen. Wenn man heute die diplomatischen Beziehungen ein- S'tellt, den Eisenbahn- und Postverkehr abbrioht und wenn Rußland seine Erzlieferungen zu Hause behält, dann ist das System des Vertragsbruches in einer Woche erledigt und es wird auf der Welt wieder schön. Aber es gibt neben der britischen Groteske auch noch die russische. Der Nationalsozialismus hat die Kanonen, mit denen er Rußland droht, aus russischen Erzen gegossen und dafür Maschinen gegeben. Der „Weltjude“ in Moska/u liefert Hitler den Rohstoff und Hitler, der daheim die Kommunisten hängt, verkauft dem „Wetltjuden“. Sie sind einander wert und sie ähneln einander auch in der Blufftaktik. Während Hitler in Karlsruhe sagt, er möchte am liebsten den Nationalsozialismus für Deutschland patentieren lassen — siehe Habicht, Gustloff, Fabrizius usw. —, fragt Stalin verwundert einen amerikanischen Zeitungskönig: „Was ist das, Weltrevolution?“ Am Montag wird Deutschland, wenn es gut beraten ist, sich zur Londoner Konferenz eirifinden. Es wird dort zunächst einen fundamentalen Wandel der öffentlichen Stimmung merken, der so tief geht, daß in ist eine auf lange zurückgehende Erscheinung. Das englische Volk denkt doch ehrlicher und unbeeinflußter über Unterdrückung und Mißhandlung wehrloser Menschen und leistet einer Deckung dieses Treibens, wie sie von den amtlichen Stellen betrieben wird, zornigen Widerstand. Die englischen Universitäten haben die Teilnahme an der Heidelberger Feier abgeiehnt und die von Heidelberg erfolgte, Zurückziehung der Einladung war nur ein Streich des Fuchses, dem die Trauben zu sauer sind. Und es ist erfreulicherweise zu konstatieren, daß die englische Öffentlichkeit heute auch schon den Zusammenhang der Hitler-Seuche mit dem Palästina-Mandat erkennt. Die Debatten in den Kammern zeigen dies Berlin Bestürzung herrscht. Diese Änderung deutlich. Gesetzgebender Rat auf geschoben Im Unterhaus ist am 11. d. wieder eine Aussprache über den Gesetzgebenden Rat durchgeführt worden. Der Kolonienminister mußte neuerliche Erklärungen abgeben, denen zu entnehmen ist, daß die ganze Frage zur Zeit nicht aktuell ist und verschoben wird. Der Minister teilte mit, daß dem Unterhaus Gelegenheit zu einer Aussprache über diese Frage gegeben wird, bevor die endgültige Entscheidung fällt. Gleichzeitig wurde nochmals betont, daß Fragen des Mandates oder der jüdischen Einwanderung keinesfalls der Kompetenz des geplanten Legislative Councils unterliegen werden. Anderseits lehnte der Kolonienminister die Einsetzung einer Kommission zur Überprüfung des palästinensischen Verfassungsproblems ab. Jedenfalls könnten keine weiteren Schritte unternommen werden, bevor er nicht vom High Commissioner einen offiziellen Bericht über die Aufnahme der Regierungsvorschläge durch die Führer in Palästina erhalte. Auf eine neuerliche Anfrage erklärte der Minister: Es wird erhebliche Zeit dauern, bevor der Entwurf der Verordnung über die neue Verfassung dem König vorgelegt werden kann; in der Zwischenzeit wird das Haus die Möglichkeit einer Debatte bei der Abstimmung über das Budget des Colonial Office haben. Briefwechsel zwischen Minister Thomas und Lord Melchett London, 16. März. Die jüdische Telegraphen-Agentur hat die Ermächtigung erhalten, den Briefwechsel zu veröffentlichen, der zwischen dem Minister für die Kolonien J. H. Thomas und Lord Melchett als einem der Führer der englisch-jüdischen Abordnung, die am 31. Jänner dem Kolonienrninister die Stellungnahme der englischen Judenheit zur Frage der Schaffung eines Legislative Council in Palästina darlegte, im Anschluß an diesen Empfang stattgefunden hat. „Das Mandat gesichert“ Das vom 20. Februar 1936 datierte Schreiben des Kolonienrainisters besagt unter anderem: Lieber Melchett! Ich erkenne durchaus die weit um sich greifende Erregung, die bei den Juden durch die Vorschläge der Regierung Seiner Majestät ausgelöst worden ist, und ich würdige die Besorgnis, daß die beabsichtigten Schritte sich zum Nachteil des Jüdischen Nationalhehns aus wirken könnten. Ich glaube jedoch, daß die jüdische öffentliche Meinung unnötige Befürchtungen in dieser Beziehung hegt, und daß man bei genauerem Studium dor Vorschläge, die in dem im Dezember von dem High Commissioner für Palästina veröffentlichten Communiqud klar zusammongefaßt sind, erkennen wird, daß von der durch sie ausgelösten Kritik vieles auf ungenügenden Gründen aufgebaut ist. In Ihrer Erklärung, die Sie namens der Abordnung abgegeben haben, äußerten Sie die Ansicht, daß die Schaffung eines Legislative Council im gegenwärtigen Augenblick — weit davon entfernt zu einer besseren Verständigung zwischen Juden und Arabern zu führen — gar Gelegenheit zu Reibungen und Uneinigkeit bieten und von den Arabern dazu benützt werden würde, die legitime Arbeit der Juden zu obstruieren. Ein solches Argument kann man, wie Sie einsehen werden, jederzeit leicht ins Treffen führen. Aber auch wenn Gründe dafür vorhanden wären, in der Einführung eines Legislative Council einen störenden Faktor zu sehen, so wtirdo die Tatsache, daß die Regierung ihr Versprechen nicht zu der frühest möglichen Zeit erfüllt, wahrscheinlich in noch höherem Maße ein Faktor für die Störung der Ordnung sein, von dem die Entstehung eines weit verbreiteten Mißtrauens zu erwarten wäre. Außerdem sollte die Tatsache, daß gewisse Vertreter der Bevölkerung Palästinas in einer, wenn auch grundlegenden Sache mit der Regierung nicht einer Meinung sind, sie nicht notwendigerweise an der Zusammenarbeit mit der Regierung bei vielen anderen wichtigen Maßnahmen hindern, und ich bin überzeugt, daß sie den Vorteil der Zulassung von Meinungsäußerungen in einer verfassungsmäßig errichteten repräsentativen Körperschaft gegenüber einer Meinungsäußerung zugeben werden, die sich auf dem Wege der Parteipresse und öffentlicher Kundgebungen vollzieht, von denen nur zu sehr zu erwarten ist, daß sie zur Störung der öffentlichen Ruhe führen. Wie ich Ihnen am 31. Jänner versichert habe, ist das Mandat absolut gesichert; es gibt nichts in dem Plan für die Schaffung eines Legislative Council, das die Erfüllung der Mandatsverpflichtungen der Regierung Seiner Majestät stören oder sie in irgend einer Weise beeinträchtigen könnte. Die Beziehungen zur Jewish Agency Bei der Kritik an den gegenwärtigen Vorschlägen wurde erheblicher Nachdruck auf die Tatsache gelegt, daß der Plan des Legislative Council eine Vertretung der jüdischen. Gemeinschaft in Palästina Vorsicht, daß er. nicht die Gesamtheit des jüdischen Volkes Angenehme ,,IRUT“-OSTER-REISEN nach CZERNOWITZ über KRAKAU - LEMBERG am 29. März u. 5.-21. April SammelpaB D-Zug 2. und 3. Klasse 6 Niedrige Fehrprelse Anmeldungen ausschließlich im Reisebüro „IRUT“, lM Karlsplatz 1 Ret. Rosenkranz, Telephon U 44-5-79 berücksichtigt, und es wird behauptet, daß diese Vertretung den Juden den Status einer Minderheit gibt. Es fällt mir schwer, einzusehen, wie man behaupten kann, daß die Gewährung einer jüdischen Vertretung in einem Legislative Council für Palästina auf der Basis der Weltjudenheit vereinbar wäre mit dem Wortlaut oder Geist des Mandates. Das Interesse der Weltjudenheit an dem Jüdischen Nationalheim findet seinen Ausdruck bereits auf der repräsentativen Grundlage der Zionistischen Weltorganisation, und die ausdrückliche Anerkennung der Jewish Agency durch dio Palästina- Verwaltung auf Grund des Mandates sieht einen wirksamen Kontakt zwischeu der Verwaltung und der zionistischen Weltmeinung vor. Es ist. nicht beabsichtigt, daß die gegenwärtig zwischen der Jewish Agency und der Palästina-Verwaltung bestehenden