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Die Stimme · 1936-02-18 · Heft 524 (18.2.1936) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 524 (18.2.1936)
Date
1936-02-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Josef Kasteln spricht am 3. März im Offenbach-Saale, Treltelstraße 3t über „Die Wirklichkeit Palästinas." Nr. 524 | Wien, 18. Februar 1936 I Redaktion und Administration: Wien, i* Maro-Aurel-StraBe S. Toi.: U 22-3-81 RedaktlonssohiuB Montag und Mittwoch vorm. I (25. Schwat5696) | 9* Jahrgang Zwischen Orient und Okzident i Bedrohliche Vorgänge im Nahen und im Fernen Osten werden jetzt alle Tage gemeldet. Die blutigen Kundgebungen arabischer Nationalisten in Syrien dauern fort; sie richten eich nicht so sehr gegen das französische Mandatsregime als gegen Europa „selbst. .Die mohammedanischen Staaten Türkei, Iran, der Irak und Afghanistan sollen sich zu einem Bloch mit einheitlicher außenpolitischer Linie vereinigt haben; japanisch-mandschurische Truppen sammeln sich an der mongolisch-russischen Grenze (gegenüber dem Gebiet von Birobidsohan!) und rüsten sich zu einem Angriff, dessen Ziel einstweilen noch verschleiert wird; nach einer Version soll die äußere Mongolei niedergerungen werden, nach einer anderen handelt es, sich um Vorbereitung des Krieges gegen Rußland. Auf der ostgfrikapi schön Insel Sansibar ist ein arabisch er tAufständ ausgebrodien, bei denn der englische Bezirkskommissär ums Leben kam. Es wird vielfach die Meinung geäußert, daß allo diese Ereignisse in Verbindung miteinander stehen und daß sie eine durch den abessinisehen Krieg unmittelbar hervorgerufene weitreichende Bewegung anzeigen, eine allgemeine Auflehnung des Orient« gegen das Abendland, die, hier „Asien für die Asiaten“, dort „Afrika für ‘ die Afrikaner“ verlangt und dies mit Gewalt durchsetzen will. Diese Bewegung hätte demnach nur ein negatives Ziel. Einen äufbauenden Inhalt kanu man nicht finden, weil die Interessen der einzelnen Stämme .und. .Rassen nicht auf einen Nenner zu bringen sind und weil irgend ein gemeinsames Programm auch nicht berge« teilt werden kann. Was soll und .kann Japaner und Türkei oder Afghanen einigen? Freilich vollzieht sich auch im Orient ein Entwicklungsprozeß, hervorgerufen durch das Eindringen der europäischen Technik in diese bisher traditionsstarro Welt. Es ist noch ein weiter Weg bis zu den ersten primitiven Ansätzen einer sozialen Ordnung, den diese Völker zürückzulegen haben, und «ie haben zuerst einen bis tief hinuntergellenden Umbruch ihrer gesamten inneren Struktur durchzumachen, ehe »io auch nur bis an die Anfänge ouropäisohor Kultur herankommen können, dio nicht mit einem Akt aus dem Kopf de« Jupiter entsprungen ist, sondern das Resultat eines jahrtausendelangen Kampfes ist. Die europäischen Gedanken und Ideen sind nur höchst oberilüchlieh aufgenommen worden und haben bis houto nicht vermocht, dio sterile Scholle aufzulockern. Was erzeugt werden konnte, ist eine Proletarierschicht in den indischen Industriezentren, die aber nur willenloses und verständnisloses Werkzeug in der Hand nationalistisch sich gebender Strömungen bleibt, die dio europäischen Formen getreulich nachahmen, ihre Sohlagworto jo nach Bedarf modifizieren, aber dem inneren Wasen des Abendlandes fernbleibon, insolange nicht der Urgrund dieser geistigen Erstarrung, die Unwissenheit und Unbildung der Massen uud der Mangel des sozialen Bewußtseins beseitigt sein wird. An diesem Zustand konnten bis heute auch die Maschine, die Eisenbahn uud der Benzinmotor nicht» ändern. Was uns als revo- Englische Regierung deckt den Oberkommissär Im englischen Unterhaus ist in der Vorwoche von Wedgwood (Labour) und Sinclair (Liberal) die Angelegenheit des Gesetzgebenden Rates und des Bodenverkaufsgesetzes zur Sprache gebracht worden. Über den Beginn der Aussprache berichten wir an anderer Stelle. Der Kolonienminister Thomas nahm Gelegenheit, die Stellung der englischen Regierung zum Gesetzgebenden Rat nochmals zu präzisieren. Minister Thomas bezeichnete die Vorschläge des High Commlssioner als einen echten Versuch, die BestimmungendesPalästin a-M a n d a t s zu verwirklichen, und kündigte an, daß die Einsetzung des Legislative Council durch königliche Verordnung ohne vorherige Veröffentlichung eines Gesetzentwurfes erfolgen werde. Aus der Beantwortung der Anfrage über die Einwanderungsvorschriften wird der Schluß gezogen, daß die beabsichtigten Verschärfungen der Einwanderungsbestimmungenzurückgestellt worden sind. Wedgwood: Können wir in diesem Hause mit Rücksicht darauf, daß der Plan die volle Zustimmung des Kabinetts besitzt, die gleiche Information über diesen beklagenswerten Plan haben, wie die Bevölkerung Palästinas sie jetzt erhalten hat? Colonel Wedgwood fragte den Minister für die Kolonien, ob er bereit sei, dem Hause die Entwürfe der geplanten palästinensischen Verordnungen über Verfassung, Bodenverkauf und Einwanderung vorzulegen. Kolonienminister J. H. T h o m a s antwortete, daß die Bestimmungen über die Ein setzuhg eines Legislative Council in Palf stina durch königliche Verordnung auf Grund der Foreign Jurisdiction Act vom Jahre 1890 getroffen werden würden. Es würde der geltenden Übung widersprechen, eine solche Verordnung als Entwurf vorzulegen. Waß die Einwanderung betreffe, so sei es ihm nicht bekannt, daß neue Gesetzesbestimmungen entworfen wurden. In Bezug auf Bodenverkauf sei grundsätzlich der Einführung eines Gesetzes zugestimmt worden, dessen Entwurf nicht veröffentlicht werden soll, solange Besprechungen, die der High Commissioner mit jüdischen und arabischen Führern abhalten werde, geführt werden. Wedgwood fragte weiter, ob dies so zu verstehen sei, daß der Gesetzentwurf für die Einführung der Verfassung Palästinas den Arabern und Juden in Palästina vorgelegt worden sei, daß das Kabinett noch keine Entscheidung über ihn getroffen habe oder, wenn dies doch der Fall sei, daß diese Entscheidung nicht die endgültige Form betreffe. Minister Thomas antwortete, der High Commissioner verfahre bei allen Verhandlungen sowohl mit den Arabern als auch mit den Juden auf Grund der Instruktionen des Kabinetts lind unter dessen voller Zustimmung. Minister Thomas antwortete, er halte es in diesem heiklen und schwierigen Stadium der Verhandlungen nicht für förderlich, die Vorschläge anders zu bezeichnen als einen echten Versuch, das Mandat zu verwirklichen. . . Eine weitere Anfrage des Abgeordneten Wedgwood betraf den angeblichen Plan, einen Katholiken zum Mitglied des Jerusalemer Stadtrates zu ernennen. Wedgwood wies darauf hin, daß dadurch das Kräfteverhältnis im Stadtrat weiter zu Ungimsten der jüdischen Bevölkerungsmehrheit von Jerusalem verschoben werden würde. Er fragte, ob der eventuell zu Ernennende ein Italiener oder ein Deutscher sein solle. Kolonienminister Thomas erwiderte, er wolle beim High Commissioner Erkundigungen einziehen, könne aber jetzt schon sagen, daß er nicht gewillt sei, in das freie Ermessen des High Commissioner in dieser Angelegenheit einzugreifen.' Wedgwood: Sollen diese Dinge stets dem Mann am Ort überlassen bleiben? Minister Thomas: Nein; im allgemeinen aber ist es nur in Ordnung, daß dem Mann am Ort, falls er sein Amt gut verwaltet, freie Hand gelassen wird. Wedgwood: Sollen wir dies so verstehen, daß .dies eine jener Fragen ist,.f ür die sich das CoIonial Office nich’t interessiert? . " Die Frage blieb u n b e an tw o r t e t. Jeden Sonntag „Francopol“-Sonderfahrten nach Polen und Czernowitz Rückt: 3., 17., 31. März 1936. Erstes Poln. Verkehrsbüro „Francop olÄ, 111., Schwarzenbergplatz 7 (Ecke Rennweg), vis-ä-vis dem Poln- Konsulate, Tel. U. 16-4-90,. Reisebüro Gemgroß, VII., Mariahilferstr. 42. Tel. B 38-2-68. ‘ Der Weltkongreß jüdischer Aerzte Die Wiener.„Vereinigung jüdischer Arzte“ und dessen Präsidium, Univ.-Prof. Doktor Braun und Vizepräsident Dr. Pias clikes, veranstaltete kürzlich eine Versammlung der Wiener jüdischen Ärzteschaft, zu der Ärzte aller Fächer, Damen und Herren, zahlreich erschienen waren, um Mitteilungen von Professor Brutzkus (Paris), und Dr. W u 11 m a n n (Warschau) über den ersten Weltkongreß jüdischer Ärzte entgegenzunehmen, der hn heurigen Frühjahr in Jerusalem lind Tel-Aviv abgehalten wird. Die beiden Redner teilten mit, daß man auf dem Kongreß sich nur mit den g emoinsamen Fragen der jüdischen Ärzte befassen wird, nicht aber mit i n n e rstaatlichen Ärzteproblemen der einzelnen Länder, oder mit politischen Fragen des Judentums. Der Kongr e ß.. s ei auch nicht etwa ein zionistische r, und die Abhaltung in Palästina erfolge wegen des allgemeinen Interesses für das Heilige Land und seine Probleme. (Weshalb wird dies so betont? Daß der Kongreß auf dem Boden Palästinas tagen kann, ist doch eine Errungenschaft der zionistischen Arbeit! — Red.) Das Programm des Kongresses. Professor Brutzkus sprach dann über die so* schwere Lage der jüdalutionäre Zuckungen erscheint, das sind nicht, um das europäische Kehrichtwort anzuwenden, bodenständige Phänomene, sondern Wirkungen der einander kreuzenden Intrigen der Kolonialstaaten gegeneinander, gegen Japan, gegen Sowjetrußland, verschärft durch den deutschen Nationalsozialismus, der überall auf der Welt sich mit seiner Heilsleih.ro von der Übernotwendigkeit der -weißon Rasse breitmacht, und die Fouer der Unterwelt schürt, um dann am Weltenbrand sein Süppchen zu kochen. Aber gewiß finden die Hetzereien der abendländischen Agenten ein fruchtbare«, empfängnisboreites Ackerfeld vor. Europa hat .furchtbare Schuld auf sich geladen. Es hat die Rajah Völker sich unterworfen, sie ausge.sogen. steht ‘überall auf der Seite der Vor lummer der Massen, aber es hat in seinem Übermut diesen Heloten die verruchten Künste «einer Kriegstechmk beigebracht und sie sogar in den großen Krieg hin eingezogen. Das gibt dem Haß, der sich überall kundtut, sein besonderes Gepräge. Gewiß zeigt sich in Abessinien, daß Bombenflugzeuge und Giftgase heute noch den Eingeborenen überlegen sind, aber gerade auf diesem Gebiet ist nur dio Frage des Geldes maßgebend. Die Ausbildungist auch den Schwarzen zugänglich und liier zeigen eie auch ein, wenn auch primitives Verständnis für Organisation. Es gibt nur ein Volk, das mit diesen Sünden nicht belastet ist. Das ist das jtidiseho Volk, das nichts von Gewalt, von Unterdrückung wissen will. Das jüdieche Volk baut sich auf der Landbrücke zwischen Orient und Okzident seine neue Heimat, die es auf Frieden, auf sozialer Gerechtigkeit stützen will. Aber es stößt auf Mißtrauen; bei den Arabern, weil es ein europäische« Element ist, bei den arabischen Scheikß und Effendis, weil es die Formen moderner Sozialpolitik und Hy giene bringt und die Fellachen ihre mißhandelte Menschenwürde erkennen läßt, bei den Engländern, weil es «ich nicht als native behandeln lassen will. Daraus erklären sich wohl zwanglos dio Hemmnisse, die dio Mandatßregierung der jüdischen Einwanderung und Verwurzelung in den Weg stellt. Wir haben den Willen, unsere Zukunft zu sichern und wir beugen uns nicht vor diesen Schwierigkeiten. Wir werden ihrer Herr werden, aber nur, wenu da« ganze jüdische Volk mitarbeitot, in dem Bewußtsein, daß es mit seiner Sicherung auch die Brücke zwischen Europa und dom Orient legen wird.

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