Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 523 (14.2.1936)
- Date
- 1936-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Pr«it dl«cM> Nummer SO g V.b.b Nr. s»» | Wien, 14. Februar 1936 | | (ZI. SchwatS696) | »Jahrgang ii&w PURIMREISEN NACH PAUKSTINA |§f VOM 19. FEBRUAR BIS 26. M1RZ fi AUF HIN- UND RÜCKFAHRKARTEN M S0% Ermäßigung für die I. und II. Klasse Im 30% ErmaBIgung fOr die Touristenklasse |ijjl Auskünfte: Generalagentur, Wien, I., Kärntnerring 6 &&& und alle Reisebüros JÜDISCHE ZEITUNG Es gibt nur einen Antisemitismus Von Bruno Heilig Wir toben durch die Jahrtausende Zeit gehabt, uns an den Antisemitismus au gewöhnen und ihn als etwas Gregebenes hinzunehmen. Aber man muß doch immer wieder staunen, wie die Menschen in ihrem unbezähmbaren Judenhaß jede Überlegung verlieren können und wie sie sogar, nur um uns etwas anjzutun, gegen ihr eigenes Interesse z;u handeln imstande sind. Man hat das Gefühl, daß der Antisemitismus überhaupt schön zu einer selbständigen Leidenschaft geworden ist. Da ist jetzt wieder diese Broschüre „Kampf der Jugend für Sozialreform“, die in einem Kasten an der Stophanskirohe ausgehängt wurde, und um dea-en Verbreitung in weitesten Kreisen ihre Herausgeber sieh sehr bemühen. An der Stephanskireho sind just die Seiten der Broschüre auf geschlagen, die den Juden gelten. Was dort steht, haben wir schon kurz gemeldet. Es wird der Kampf „gegen deti judaistischen Geist“ proklamiert, gegen den Geist, der angeblich die Quelle alles Übels in dieser Welt ist. Was wollen diese Menschen mit dieser Broschüre? Was will der „Soziale Arbeitskreis des Reiohsbundes der katholischen deutschen Jugend Österreichs“, der als Herausgeber zeichnet? Die antisemitischen Seiten hat man wohl darum aufgeschlagen, weil man glaubt, daß dae zieht und daß die Menschen die Broschüre williger kaufen werden, wenn man an ihre antisemitischen Instinkte appelliert. . * * Die Schrift, die sechzehn Seiten umfaßt, erinnert nicht nur durch die Äußerlichkeit ihrer Schaustellung an einem auffallenden Platz an ein gewisses Vorbild. Auch ihr Billige Reisen nach POLEN u. CZERNOWITZ Abfahrten: 19. Februar 1936. Nachher jeden Sonntag. Rückfahrten: 5. März 1936 mit D-Zug in geheizten Pullmannwagen unter bewährter Führung Erstes Polnisches Verkehrs - Büro „Francopol** III., Rennweg I, Tel. U 16-4-90 Inhalt ist diesem Vorbild treu. Es wird da jedem alles versprochen und allen zusammen wird die Vernichtung des Judentums versprochen. Die Befolgung dieses .Vorbildes ist cs, was den denkenden Menschen wieder einmal verzweifeln läßt an der Verläßlichkeit der Funktionen des Verstandes. Glauben diese Leute wirklich, daß sie ihro eigenen Ziele, ihro katholischen Ziele, die »io so heftig betonen und für die sie alles hergeben zu wollen behaupten, stuf diese Art erreichen können? Es ist nicht der erste Versuch einer Politik, die dom Nationalsozialismus den .Wind aus den Segeln nehmen will. Es ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt. Der Antisemitismus ist identisch geworden mit dem Nationalsozialismus. Vor Adolf Hitler konnten auch andere sich noch einbilden, daß »io ihren eigenen, ihren selbständigen Antisemitismus für ihre eigenen politischen Zwecke machen können. Der Antisemitismus konnte als einfaches politisches Schlagwort gebraucht Racherede in Schwerin Die Heimführung des in Davos erschossenen Gauleiters Gustloff ist von den Nationalsozialisten zu einer großen antijüdischen Kundgebung ausgeweitet worden. Die ganze Strecke von der Schweiz bis mich1 Schwerin entlang waren die Formationen aufgeboten, Reden voll Haß und Wut wurden gehalten, Kränze niedergelegt. Alles aber ist in Schwerin, wo Gustloff eingeäschert wurde, übertroffen worden. Der Führer uncl Reichskanzler selbst stellte sich an die Spitze des Rachechors. Seine Rede stellt alles in den Schatten, was bisher im Dritten Reich wider die Juden gesagt worden ist. Hitler sagte: Die nationalsozialistische Bewegung hat niemals eine Mordtat oder auch nur ein Attentat begangen. Das haben Avir vom ersten Tag an abgelehnt, mit solchen Waffen wollen wir niemals kämpfen. Dagegen gibt es eine endlose Reihe meuchlings ermordeter Nationalsozialisten, und hinter jedem dieser Morde steht immer ein und dieselbe Macht, die für alles vergossene Blut verantwortlich ist. Hinter diesen armen hingemordeten Vertretern unseres Volkes steht die Macht unseresjüdischenFeindes, jenes Feindes, dem wir niemals auch nur im geringsten nahegetreten sind, der aber unser deutsches Volk zu unterjochen trachtete. Dasselbe Judentum ist unser Feind, der für all das Unglück verantwortlich ist, das das deutsche Volk seit dem Jahre 1918 zu erdulden hatte. Weil sich kein Volksgenosse gefunden hat, der eines solchen Verbrechens fähig ist, mußte der jüdische Verbrecher selbst heraustreten. Gustloff ist der erste Märtyrer des Nationalsozialismus im Ausland. WirnehmendieseKriegserklärung an, aber auch diese Untat wird unsere Bewegung nicht hindern. Jede Auslandsgruppe des Nationalsozialismus hat jetzt ihren Märtyrer. Der Reichskanzler hat bereits »seift Urteil fertig. Die Untersuchung in der Schweiz hat ergeben, daß Frankfurter, den die deutsche Presse „den . Ritualmörder Frankfurter“ nennt, keine Mitwisser hatte. Hitler erklärt aber, daß sich kein Deutscher für die Tat gefunden hat. Daß den Juden nichts zu Leide getan wurde, ist aber doch eine Äußerung, die — sagen wir — Erstaunen und Entrüstung wecken muß. Rathenau ist ermordet worden, Professor Lessing wurde gemeuchelt, in den Konzentrationslagern ’cind hunderte Juden erschlagen worden. Die Nürnberger Gesetze haben den Juden alles Recht genommen, jüdische Gelehrte wurden vertrieben, jüdische Geschäftsleute enteignet. Aber Hitler fügt seinen Äußerungen noch die Kriegserklärung zu. Das ist unter den gegebenen Umständen die Ansage des Pogroms, den der Oberste Geriohtsherr anordnet. Das muß zur Kenntnis genommen werden. Die Rede Hitlers stellt schon heute die Verantwortung des Führers und Reichskanzlers für das fest, was nun von den Seinen verübt werden wird. Es gibt keine Ausrede von den Einzelaktionen mehr und das „erträgliche Verhältnis“ hat nun Hitler selbst aufgehoben. werden, er war regulierbar nach dem Belieben seiner Verkünder. Es konnte sogar einen Antisemitismus geben, für den das Wort paßte, das man Lueger in den Mund gelegt hat: ,,Wer ein Jude ißt, bestimme ich.“ Das hat aufgehört. Wer antisemitische Propaganda macht, macht nationalsozialistische Propaganda. Der Nationalsozialismus hat sich entschlossen, den Antisemitismus in seine letzten Konsequenzen vorzutreiben. Was alle Antisemiten je verkündet haben, das macht er. Er macht es mit einer brutalen Konsequenz, wio sie nur in Preußen zu Hause ist. Er macht es unter der Führung eines Österreichers, der endgültig bestimmt tot, daß alle Juden Juden sind und daß allen das Schicksal des Untergangs zugedacht ist. * Der Verfasser der Broschüre von der Stephanskirche und die Menschen, die hinter ihm stehen, sollten sich einmal folgendes überlegen: die großo Masse der einfachen Menschen denkt primitiv und gradlinig. Wenn man ihnen ein Schlagwort hin wirft, so nehmen sie es, wie es lautet, und wenn sie einmal daran glauben, so wollen sie alle Konsequenzen sehen. Wenn man ihnen lang und breit auseinandersetzt, wie es „Pugnator“, der anonyme Verfasser der Broschüre „Kampf der Jugend für Sozialreform“ tut, daß auf dieser Welt alles verkehrt eingerichtet ist, und wenn man dann hinzufügt, daß an allem der ..judaistische“ Geist und jeder einzelne Judo schuld ist, ,so verlangen die einfachen Menschen ganz natürlich, daß der judaistische Geist samt allen Juden zu verschwinden habe. Es gibt aber nur eine Methode, mit der das betrieben werden konnte. Das ist die Methode des Nationalsozialismus. Was tut da der Mann von der Straße? Er schließt sich nicht der katholischen deutschen Jugend Österreichs an, er nimmt aus der Broschüre vielmehr zur Kenntnis, daß Adolf Hitler also doch recht hat. Warum sollte er auch zu. denen gehen, die nur nachbeten, was er gesagt hat und was er sogar schon tut? Nicht einen einzigen Anhänger gewinnt eine katholische Bewegung mit solchen Methoden. Sie schickt die Leute nur zum Nationalsozialismus. Es ist nicht möglich, sich aus dieser Bewegung den einen Punkt, den antisemitischen, anzueignen, und ihn dann in irgendein anderes Programm einzaifügen. Wer österreichische Politik machen will, darf keine antisemitische Politik machen. Wenigstens seit Adolf Hitler nicht mehr. Es gibt ein biologisches Gesetz, das besagt, daß jedes Organ eines Lebewesens nur Kundmachung Bandagen-Miko lasch Wien, Toborstr. SS, Tel. R 42-5-40/41 welche den geehrten Abonnenten gegen Vorlage dea Abonnentenscheines bestimmte mit uns abgemachte Rabatte in folgenden Abteilungen einräumt: Fußstützen, fertig oder nach Gipsmodell, Fußheilbehelfe Bandagen aller Art (Bruchbänder, Leibbinden usw.) Krampfaderstriimpfe Elektro-medizinische Apparate (Höhensonnen) Bestrahlungslampen, Heißluft- und Inhalation säpparate usw. Krankenfahrstühle Zimmerklosette und sonstige Krankenmöbel Personen- und Säugllngswagen Verleitiabteilung für alle Heil- und Pflegebehelfe - , . AUSSCHNEIDEN! auf seine spezifische Art reagieren kann. Das Auge kann nur sehen und das Ohr kann nur hören. Dieses Gesetz fällt einem ein bei der Überlegung über das, was. aus der unverantwortlichen antisemitischen Hetze werden kann. Wenn einmal die antisemitischen Instinkte geweckt sind, können sie nur auf eine Art reagieren: auf nationalsozialistische Art. Es ist doch so, daß selbst die Propagandisten des Antisemitismus schon nach diesem Gesetze handeln. Pugnator selbst liefert in seiner Broschüre den unfreiwilligen Beweis. Er hat die Schrift verfaßt, weil er den Juden eins, versetzen wollte. Darum mußte sich die Schrift auch in allen anderen Dingen dem Vorbild anpassen. Wenn der Propagandist sich dem Gesetz nicht entziehen kann: wie soll es da der einfache Mann tun können? - * Man höre auf mit solchen Versuchen. Man überlasse den Antisemitismus dem Nationalsozialismus, wenn . man den Nationalsozialismus nicht will. Es gibt keine Adaptierung jenes Systems und jenes Geistes an andere Zwecke und Ziele. Es gibt für den, der irgend eine Art von österreichischer Politik machen will, auch — und in erster Linie vielleicht für den Katholiken — nur einen Weg und eine Möglichkeit: Die unbedingte und eindeutige Distanzierung von allem, was der Nationalsozialismus verkündet und was er tut. Am gefährlichsten ist gerade das Spiel mit dem Antisemitismus. Der unbekannte Antisemit wird es nie verstehen, daß er etwas anderes sein soll als Nationalsozialist. Pugnator und alle, die hinter ihm stehen, mögen endlich die Psyche der Menschen, an die sie 6ich wenden, richtig erkennen. Sie machen aus den Menschen, indem sie eie zu Antisemiten machen, keine K a t h oliken und keine Österreicher. II ASCH IV., ARGENTINIERSTRASSE TEL.: (147-5 KOHLE «KOKS ANTHRAZIT .ALLEINIGE LIEFERANTIN D E R „ASCA" on 'BUND JÜDISCHER FRONTSOLDATEN 22 KE R EN KAJ E M E TH •40 JÜDISCHE KULTURSTELLE