Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 521 (7.2.1936)
- Date
- 1936-02-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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V. b. b Frei« 41mm* Nummer 20 g pue# IfosietH i SficicUt am 11.7-efmüac im (paßeHtHüsikiiieceiH&aat JÜDISCHE ZEITUNG m PURIMREISEN NACH 07 *.*' VOM 19. FEBRUAR BIS 26. MÄRZ AUF HIN- UND RÜCKFAHRKARTEN 50% Ermäßigung för die I. und II. Klasse 30% Ermäßigung für die Touristenklasse Auskünfte: Generalagentur, Wien, I., Kärntnerring 6 und alle Reisebüros Redaktion und Administration: Wien, l, Maro-Aurol-8traBo 5. Tal.: U 22-3-91 RodaktlonasehluB Montag und Mittwoch vorm. | (14- Schwat 5696) | 9. Jahrgang Die Tat von Davos Der Führer der Schweizer Nationalsozialisten Wilhelm G u s 11 o f f ist in Davos von dom jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen worden. Nachher hat sich Frankfurter selbst der Behörde gestellt. Die Tat ist Aug’ in Aug’ geschehen und das Gericht wird sie zu sühnen haben. Das Judentum lehnt jeden Akt der Gewalt .ah, und es nimmt zu den Schüssen von Davosauch keine andere Stellung ein. Mord -ist Mord und bleibt es. Er wird nicht dadurch sanktioniert, daß sich da<s Opfer zum Glauben an den Mord bekannt hat. Gustloff ist als nationalsozialistischer Führer für die Vernichtung des Judentums eingetreten und •die Schweizer jüdische Gemeinschaft hat die Propaganda der braunen Lehre oft genug zu spüren bekommen. Trotzdem ist die Tat des -Studenten Frankfurter ein verwerflicher Akt, der allen Grundsätzen jüdischer Anschauung widerspricht. Sie ist uns aber auch; ■ ein entsetzliches Zeichen, das anzeiigt, wie -tief die seelische Wirkung der deutschen •Vorgänge greift, wenn sie-sogar einen jüdischen Intellektuellen aus dem Geleise wirft und ihn. antreibt, seine, menschliche und jüdische Solidarität mit den Brüdern in Deutschland durch eine Tat der. Verzweiflung zu besiegeln — wenn sie ihn dazu führt, die Gastfreundschaft, der. Schweiz zu «mißachten und auf dem Boden eines neutralen, Landes die Waffe zu erheben. Mit einer Tat der Gewalt ist nicht« bewiesen — und Frankfurter wollte wohl nicht« beweisen. Es wird aber auch durch einen solchen Entschluß nichts geändert... ... wohl aber eine furchtbar schwere neuerliche Belastung der Lage der Juden in Deutschland herbeigeführt, die um so fühlbarer werden wird, als es sich um wehrlose Menschen handelt, die seit genau drei Jahren ohne die Möglichkeit irgend eines Widerstandes einer hemmungslosen, erbarmungslosen und treulosen Majorität preiisgegebon sind, die ihnen jedes Recht abspricht, sie verfemt hat und keinen Stand, kein Alter - verschont. An, den Juden wird im Dritten Reich ein fast unvorstellbarer, täglich mehr sich auswirkender Mord begangen, begründet auis einem infernalischen Haß, und verschärft durch das böse Gewissen der Täter, die in dem Juden alles bekämpfen, was an Geist, an europäische Gesittung erinnert. Diesem System, das sich mit der ganzen Wucht einer Millionenorganisation auf die Juden geworfen hat, kommen die Schüsse von Davos sehr gelegen. Als wären nie Juden in den Konzentrationslagern erschlagen worden, als hätte ©s nie die gelben Plakate vom 1. April 1933 gegeben, als wäre nie durch Reichstagsbeschlüsse die vollkommene Entrechtung der Juden durchgefülirt worden — so tobt die nationalsozialistische Presse los, nachdem ihr von der obersten Stelle das Stichwort gegeben worden ist, in dem Telegramm des Reichskanzlers an Frau Gustloff: „Das ruchlose Verbrechen, das dom blühenden Leben 'eines wahrhaft deutschen Mannes ein Ende setzte, hat in der ganzen Nation tiefe Bewegung und Empörung hervorgenifen.“ Und so schallt jetzt der Chorus. Hören wir nur einiges. Das Organ Hitlers, der „Völkische Beobachter“: „D e r Mord a 1 s politisches Kampfmittel blieb den Judenvorbehalte n. Es erhellt aus diesem nichtswürdigen Mord des Juden David Frankfurter rn.it klarer Deutlichkeit, wie notwendig die durch den Nationalsozialismus in Deutschland herbeigeführte reinliche Scheidung zwischen Deutschen und Juden war. und wenn es noch einer Rechtfertigung für die Einstellung' des Nationalsozialismus bedurfte, so :ist es diese schändliche Tat.“ Die „Berliner Börsenzeitung“,; die dem Außenministerium nahestelit, läßt? «ich vernehmen: „ln dem Mord kommen jene destruktiven Kräfte zum Ausdruck, die heute wieder einmal mit besonderer Stärke in manchen Bereichen des deutschfeindlichen Auslandes gegen das Deutschland Hitler« wirken und die, wie zahlreiche politische Ereignisse und die agierenden Personen beweisen, in bestimmten politischen Kreißen zu suchen sind, denen der Mörder entstammt.“ Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ fragt entrüstet: „Wie kann die jugoslawische Presse das Attentat, entschuldigen, wo doch Frankfurter gar nicht der jugoslawischen Nation angehört?“ Wenn man diese Blätterstimmen hört — eie sind auch durch den Deutschlandsender verbreitet worden —, so ist man mehr als erstaunt. Der Mord als politisches Kampfmittel ist doch von dem nationalsozialistischen System feierlich anerkannt worden, alis am 30. Juni 1934 die Röhm und Genossen, Schleicher, Kahr und viele andere einfach ohne Geriohtourteil umgelegt wurden. Drei Wochen später wurde Dollfuß abge- «ohlaehtet. Die Reihe der Fememorde ist nicht, zu zählen. Und am Beginn der neuen Aera stand dio feierliche Einholung der Männer von Potempa. Die Bombenatteutate in Österreich, die Ermordnitng des Juweliers Futterweit und dio lange Kette der Bölleransc«liläge erwähnen wir nur der Vollständigkeit wegen. Und well dies alles so bekannt ist, wird es der deutschen Presse und der deutschen Propaganda nicht gelingen, mit dem Davoser Attentat sich besonderes Wohlgefallen im Ausland zu erwerben. Aber die deutschen Juden, die Sklaven Hitlers, werden noch mehr betroffen werden. Die Tat Frankfurters war an sich sinnlos, sie stellt sich aber auch noch als ein neuer Schicksalsßohlag für das Judentum dar. Revolverschlisse ändern nichts, und sie werden das Los der jüdischen Heloten noch mehr erschweren. Es ist nur eines möglich: daß die Aufmerksamkeit der Kulturwelt jetzt erregt wird, daß sie sich mit dem Martyrium der halben Million deutscher Juden beschäftigt und daß sie durch eine gemeinsame Aktion die Abwanderung dieser Unglücklichen nach Palästina unter dem Schutz Europa« sichert. Billige Reisen nach POLEN u. CZERNOWITZ Abfahrten: 11., 18. Februar 1936 Rückfahrten: 5. März 1936 mit D-Zug in geheizten Pullmannwagen unter bewährter Führung Poln. Verkehrs - Büro „Francopol1* III., Rennweg I, Tel. U 16-4-90 Kunschaks Judengesetzentwurf „Die neue Ordnung“, Monatsschrift für katholische Sozial-, Wirtschafts- und Kulturpolitik, veröffentlicht in ihrem Jännerheft einen Artikel „Zur Judenfrage“ von Staatsrat Leopold K u n s c h a k. Der christlichsoziale Politiker gibt in diesem Artikel den Wortlaut eines von ihm in der ersten Nachkriegszeit verfaßten Gesetz,entwurfes über die Rechts Verhältnisse der Juden samt den von dem verstorbenen Bundeskanzler S e i p e 1 dazu gemachten Bemerkungen wieder. Nach denn Entwurf (§ 1) wird die jüdische Nation in Österreich anerkann t. Seipel bemerkt hiezu, es wäre ein eigenes Grundgesetz erforderlich, da« den Begriff der „nationalen Minderheit“ als Rechts Subjekt umschreiben müßte. Nach § 2 sollen der jüdischen Nation auch Juden zugezählt werden, die aus der Religionsgemeinschaft ausgetreten sind- § 4 sieht gleiche Rec«hte vor, worunter aber die Prozentnorm das „Zahlenverhältnis, das den nationalen Bevölkerungsziffern im betreffenden Lande der Republik Österreich entspricht“, verstanden wird. Nach § 5 sollen die Juden einen eigenen Walilkörper bilden. § 6 sieht Minderheitsschulen vor, „deren Dotierung der Stärke der jüdischen Nationalminderheit im betreffenden Schulsprengel, beziehungsweise der israelitischen Religionsminderheit au entsprechen hat“. § 7 gestattet der jüdischen Nation die Errichtung von eigenen Schulen. Zu diesem privaten Gesetzentwurf Kunschaks wollen wir von vorneherein — ohne auf Detail« cinzugehen — zweierlei feststellen: 1. Zugehörigkeit zur jüdischen Nation setzt nach unserer auf der Geschichte des jüdischen Volkes basierenden Anschauung von der untrennbaren Einheit von jüdischer Nation und jüdischer Religion die Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben voraus. Getaufte oder konfessionslose Juden gehören daher nicht zur jüdischen Nation. 2. Wir lehnen jeden Numerus clausus ab, auch wenn er sich als Minderheitsrecht maskiert. Es ist bezeichnend, daß Seipel bei § 7 die Bemerkung macht: „Hier müßte eino dem Friedens vertrag von St. Gennain entsprechende Bestimmung eingefügt werden.“ Wir meinen, daß der ganze Entwurf Kunschaks dem Geist und dem Wortlaut der M i n d e r h e i t s s c h u t z - B e s t i m m u ngen des Friedensvertrag es (Artikel 62 bis 69) widerspricht. Die im Friedensvertrag vorgesehene unbedingte Gleichheit schließt jede Prozentnorm, noch dazu die Abstufung in den einzelnen österreichischen Ländern au«. Kunschak ist so ehrlich, zu sagen, was ihn veranlaßt hat, den Gesetzentwurf auszuarbeiten. Das jüdische Element ha.be in den blutigen Sturmtagen 1918 bis 1919 in Rußland, Deutschland, Ungarn und Österreich eine Rolle gespielt, die die Judenfrage in den Vordergrund gestellt habe. „Von dieser Stimmung ergriffen“, sagt Kunschak, „beschäftige ich mich viel und eingehend mit der Frage, wie der jüdische Einfluß in die ihm gebührenden Schranken zurückgedrängt werden könnte.“ Wir, die wir Kommunismus und Marxismus nicht, erst seit gestern ablehnen, wissen, welches Unheil man anrichtet, wenn „Stimmungen“ die Triebfeder der Politik sind. Und übrigens: War Lenin ein Jude? War Liebknecht ein Jude? War Ebert ein Jude? Was für Geschrei würde sich erheben, wenn wir die eben genannten Christen für Marxismus und Kommunismus verantwortlich machten? Wir lehnen also „Stimmungen“ als Grundlage für clie Lösung der Judenfrage ab. Kunschak wird aber noch deutlicher. Er veröffentlicht gerade jetzt seinen privaten Gesetzentwurf, weil er glaubt, „es sei an der Zeit, in der Judenfrage mit der Vogel- Strauß-Politik zu Ende zu kommen und sie einer Lösung auf dem Boden der Vernunft und des Rechtes zuzuführen, e h e die Lösung dem B e r e i c h he mmungsloscr Brutalität üb e r a n!;- wortet, wird.“ Dazu ist zu sagen, daß wir nicht finden können, daß man gegenüber den Juden in Österreich eine Vogel-Strauß- Politik treibe. Woher kommt es denn, daß seit dem Jahre 1918 die Juden einem unterirdischen, aber gut funktionierenden A u sschaltungsprozeß verfallen? Wo sind die jüdischen Richter, die jüdischen Staatsbeamten? Was geschieht mit den Juden, die Spitalärzte werden möchten, wie viel Juden sind in den Ständevertre- II ASCH IV., ARGENTINIERSTRASSE 22 TBL. :U 47-5-40 KOHLE «KOKS ANTHRAZIT .ALLEINIGE LIEFERANTIN DER „ASCA" "BUND JÜDISCHER FRONTSOLDATEN KEREN KAJEMETH JDDISCHE K ULTU R STE LLE EFOCOi