Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 512 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sei ta Z Dü STIMMI Nr. 512 — 3. Jänner 1936 Ins neue Jahr Es war, wie es immer war. Das neue Jahr wurde von einem betäubenden Schwall guter Wünsche empfangen. Wer so um Mitternacht am Radioapparat saß und in die Welt hinaushorchte, der konnte glauben, dag SchRlereche „Seid umschlungen, Millione n!4*, sei wieder einmal ztun Dogma der Menschheit avanciert. Aber gleich darauf hörte man von irgendwo einen Ansager, der vom Hilfeleißtuugßpa.kt — eine paradoxe Bezeichnung für Krieg gegen Krieg — und von dem Zwiespalt im Fernen Osten erzählte . . . Und in der Früh waren die Zeitungen da und sangen dithyrambisch von Frieden und Völkervensöhnung, druckten Oden an die Menschheit, Friedenstoaste von Präsidenten und Ministern und Parteigroßen ab — und fielen auf den folgenden Seiten wieder in den Alltag zurück, mit seinem Haß, Mißtrauen, Drohen und Klagen. Es war, wie es immer war, und eß blieb nur das ekle Empfinden, daß alile diese V e rherrlichungen der Liebe nur auf den Augenblick bezogen waren und darüber hinaus nicht mehr gelten. Vielleicht — und dieses vielleicht ist schon höchster Optimiemue — täuschen sich alle dieee Redner und Schreiber «selbst den besseren Entschluß vor, ihrem Mitmenschen weniger nach der Nase oder Brieftasche zu sehen, vielleicht empfinden sie wenigstens in diesem Moment, wie klein und gering der Mensch in dem unvoretellbar gewaltigen Getriebe der Weltmaschine steht — aber wenn diese transzendentale Hypnose vorbei ist, dann zieht die Humanität wieder in ihr Aiisnahnieetüberl. Aber doch schwang in dieser letzten Neujahrsnacht in allen Feierreden deutlich der Unterton der Nervosität mit. Wird es möglich sein, die Konflikte in eine erträgliche Atmosphäre zu bannen? In Ostafrika ißt Krieg, der schon längst kein Kolonialkrieg mehr ist. Die Warnungen dee Ministers Smits vor dem Abenteuer, das in ein Duell der weißen und der schwarzen Rasse auslaufen könnte, sind nicht beachtet worden. Aber die Geheimagenten von verschiedenen Kolonialstaaten berichten sorgenvoll von der fieberhaften Neugier, mit der Braune und Schwarze auf die Nachrichten vom Krieg warten, von der kochenden Erregung, die durch die Millionen Rajah-Völker zittert. Ihre Phantasie wird noch beschwingt durch die Vorgänge in Ägypten, wo sich die von deutschen Aufwieglern entflammte Straße eine Verfassung ertrotzt hat, und durch die Spannung an der mandschurischen Sowjetgrenze. In diesen fernen Gebieten hat seit dem großen Krieg das Blutvergießen überhaupt nicht aufgehört Mohammedanische und chinesische Stämme massakrieren einander in bunter Abwechslung, die japaa i s c h e Armee, die vor zwei Jahren den Kaiserstaat Mandschukuo errichtet hat, schiebt sich immer näher an das Zentrum Chinas heran. Was noch vor . wenigen Jahren wie eine Romangeschichte aussah, beginnt Formen anzunehmen. Dreißig Millionen Einwohner hat die Mandschurei, 100 Millionen unterwerfen sich jetzt in den „autonomen Nordprovinzen Chinas“ und wer weiß, wann Japan den Zeitpunkt wird für gekommen erachten, auch den Süden anzugreifen. Es zieht ein Stück nach dem anderen an sich, gliedert es in seine militärische Organisation ein, und vermehrt seine wirtschaftliche Kraft. Japan tut nichts anderes, als was seine europäischen Konkurrenten in vergangenen Jahrhunderten getan haben, und es benützt jetzt die an Mangen — penffott sc&üfyt vgk % b«l ■«rufuinfähltkall INVALIDITZTS-BIMTIN 9, Mir «In lorglos«! Alttt A LTt R S B C H TI9 9. Iim AbUbcnifalt* HIHTIRBlUBKNIN-ttirm % ALLGEMEINE VERSICHERUNG! A.-G. PENSIONS-VEREIN WIEN, I., SCHELLINGGASSE 1 europäische Verwirrung, um seine Macht soweit zu steigern, als dies möglich ißt. Lind was dann noch zur Verstärkung der Psychose Europas beizutragen übrig bleibt, das ergänzen die Emissäre des russischen und des deutschen Bolschewismus. Europa hat den Kolonialvölkern die Freiheit genommen und ihnen dafür die Technik des M Ordens beigebracht. Es hat sie in den großen Krieg hineingezoge-n und ihnen die Überzeugung von der Gottähnlichkeit und moralischen Überlegenheit des weißen Mannes genommen- Nun erntet es. Nur das jüdische Volk ist von dieser Belastung frei. Niemals hat es an den Sünden der europäischen Welt teilgenommen. Das jüdische Gewissen und die jüdische Gnindansc-hauung von der Freiheit des Menschen haben zu keiner Zeit das Kompromiß mit Machtsucht und Profitgier mitgemacht. Unter dem Druck dieser europäischen Laster hat das Judentum zu stark gelitten, als daß es sich ihnen a.nschließen könnte. In der Erkenntnis seiner unnatürlichen Lage ist das jüdische Volk daran gegangen, sich auf dem Boden seines alten Landes eine neue Heimat zu zimmern, und der Völkerbund hat zugeetimmt. Dae jüdische Volk kommt nach Palästina nur mit dem Willen zur Arbeit, die allen zugute kommen soll; es kommt nicht mit Fahnen und Bajonetten und es will niemandes Freiheit antaßten. Es ist unser Stolz, sagte Weizmann in Luzern, daß wir Palästina besiedeln, ohne einen Schuß abgegeben zu haben. In diesem Bestreben, sich neu zu sammeln, daß alle geistigen und materiellen Kräfte absorbieren müßte, ist es in Europa vom deutschen Antisemitismus überfallen worden, und dies hat alle anfcijüdisehen Erbinstinkte auch in anderen Staaten neu belebt. Das Judentum muß sich wehren, seine innere Organisation aufreehterhalten und zugleich das Mutterland kolonisieren. Das ist eine Aufgabe, wie sie noch nie einer Nation gestellt worden ist, und sie hätte die sympathische Mithilfe aller Völker finden müssen, die die Ausbreitung der modernen Kultur hätten fördern müssen. Aber der deutsche Nationalsozialismus, der das Judentum ermorden will, wird mm auch durch die englische M a n d a t s p o 1 it i k unterstützt, die aus Gründen ihrer Orientinteressen den arabischen Großgrundbesitzern zur parlamentarischen Immunität verhelfen und die Lebensfragen des Judentums einer Kotcric von Aussaugcrn ihres eigenen Volkes außliefern will. Die englische Regierung duldet es, daß ihre Organe in Palästina sich auf den Rassen Standpunkt stellen und so tun, als wären Hitler und Roeenberg ihre Instruktoren. Vergleicht man damit die Politik Englands in Europa, die geradezu auffallende Unterstützung des Dritten Reiches und das krampfhafte Bestreben, über Doppelzüngigkeit und Vertragsbruch hinwegzusehen, dann müßte man fast annehmen, daß das „Volk der Bibel“ sich auf die Lehren von „Mein Kamp f“ eingestellt hat und sie konsequent gegen die Juden anwenden will. Die Krise Europas ist sichtbar geworden und sie war auch aus den Neujahrsreden zu vernehmen. Sie ißt aus jahrhundertealten Sünden entstanden. Wir sind von ihnen ferngeblieben und wir wollen lins auch auf der neuen Etappe unserer Arbeit von ihnen freihalten. Wir setzen unser Werk unbeirrt fort, und der Schlag, den England gegen uns durch die Anwendung einer mechanischen Demokratie führen will, wird uns nicht treffen. Wir stehen vor neuen Problemen und wir werden eie lösen, wenn wir einig sind. 2 Urteile über Simonsbrot 1. Simonsbrot verdient als Volksnahrungsmittel den ersten Rang einzunehmen und stellt wohl das beste auf dem Gebiet der Reformernährung dar. Ad. K. 2. Das nahrhafteste und bekömmlichste Brot, welches ich bisland kennen gelernt, ist nach meinem Geschmack das Simonsbrot. Prof. Dr. M. F. * Wauchope weitere 5 Jahre Oberkommissär London, 2. Jänner. (2. T. A.) Das Kolonialministerium gibt bekannt, daßCommissioner für Transjordanien, General König Georg von England die Amtsdauer des Sir Arthur Wauchope, die am 20. Nogegenwärtigen High Commissioner und Chef-vember 1936 enden sollte, für weitere kommandeurs von Palästina, sowie Highfünf Jahre verlängert hat. DerEindrutk des MacDonald-Briefes an den Völkerbund Der Brief des zurückgetretenen Hochkommissärs für die deutschen Flüchtlinge James G. M a c D o n a 1 d an das Generalsekretariat des Völkerbundes hat in England außerordentliches Aufsehen erregt und einen sehr tiefen Eindruck gemacht. „Times“ veröffentlichen den vollen Text des sehr umfangreichen Dokuments und glossieren es in einem Leitartikel, der zu der Schlußfolgerung kommt, der Brief enthülle ein tieftragisches Problem, welches riesige Dimensionen annimmt. Man werde seinen Vorschlag, Vorstellungen in Berlin zu erheben, durchaus erwägen müssen. „Times“ halten es für kaum glaubhaft, daß die Führer in Deutschland auch weiterhin gefühllos bleiben können gegenüber der öffentlichen Meinung in Europa und Amerika und den Schaden nicht werden in Betracht ziehen wollen, der durch diese ihre Politik den deutschen Interessen im Ausland erwächst. Der Brief MacDonalds werde die öffentliche Meinung aufs neue aufrütteln. „Morning Post“ berichtet aus Genf, daß in den Völkerbundkreisen ein tiefes Interesse für MacDonalds Vorschläge besteht. „News Chronicle“ erklären: Kaum je sind gegen ein zivilisiertes Volk schwerere Anklagen erhoben und Verdammungsurteile gesprochen worden. Der Völkerbund ist moralisch verpflichtet, gegen diese erschreckende Sachlage zu protestieren, die offensichtlich die ganze Welt bedroht. „Daily Telegraph“ führt aus: Die deutsche Regierung, die ihren jüdischen Bürgern grausame Leiden zufügt, büßt ßohon heute dafür durch Verlust von Machtpositionen innerhalb und außerhalb der Grenzen Deutschlands. Die besten Freunde des deutschen Volkes geben die Hoffnung nicht auf, daß es schließlich und endlich auf den Rat der öffentlichen Meinung der Welt hören wird. MacDonald an die amerikanische Presse Auch in der öffentlichen Meinung Amerikas hat der Brief MacDonalds tiefsten Eindruck gemacht. In einer sofort nach seiner Rückkehr nach Amerika in New York am 28. Dezember abgehaltenen Pressekonferenz legte MacDonald die Gründe seines Rücktritts dar und begründete seinen Vorschlag, daß der Völkerbund durch eine politische Aktion das Flüchtlingsproblem zu lösen versuche. „Mein Rücktritt“, sagte MacDonald, „bedeutet nicht, daß die Flüohtlingsfrage etwa gelöst sei; im Gegenteil: infolge der vermehrten Unterdrückung von Juden, christlichen Niohtariern, arischen Katholiken und Protestanten, die sich aus religiösen und Gewissensgründen dem Totalisiorungs-Dogma der Nationalsozialisten widersetzen, ist das Problem heute ernster, als es je seit April 1983 gewesen ist. Ich habe resigniert, weil die fortschreitende Intensivierung der nationalsozialistischen Intoleranz eine Situation geschaffen hat, der durch Erwägungen von Hilfe oder Schaffung von Niedorlassungsmöglichkeit nicht mehr beizukomm e n ist. Nur der Völkerbund ist in der Lage, sich mit einer Krise dieses Ausmaßes zu befassen. Er allein kann dem Problem an die Wurzel gehen und die Faktoren anpacken, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Meine Erfahrungen in den letzten sechsundzwanzig Monaten haben mich überzeugt, daß es bei dieser Tragödie um nichts weniger als um die Grundsätze der Zivilisation selbst geht.“ Vcrlnngcn Sio telephonisch oder mündlich Auskünfte, bevor Sie Ihre Reisen unternehmen. Prospekte werden auf Verlangen zugeschickt. Auskünfte orteilt Reisebüro In die Welt*, W. M. Renner, Dr. S. Toekcr, Wien, IX., Liechtensleiustraße 2 (Telephon A 14-501). Rücktritt Dr. Löwenherz’ als Vizepräsident der Kultus^emeinde Der bisherige Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, hat seine Stelle zurückgelegt. Er bewirbt sich um die .ausgeschriebene Stelle eines Amtsdirektors der Kultusgeineinde. Dr. Löwenlierz, der mit dem Finanzreferat betraut war, hat sich in dieser Funktion durch Umsicht, Sachkenntnis und mustergültige Unparteilichkeit das Vertrauen aller Angehörigen der Gemeinde erworben. Er hat es verstanden, der Gemeinde ohne Belastung der Steuerzahler neue Mittel, zum Beispiel für die Gemilath Chesed-Kasse, zuzuführen, und er hat das Budget im Gleichgewicht erhalten, trotz vermehrter Leistungen der Gemeinde. Seine Referate in den Sitzungen des Vorstandes haben stets durch ihre Klarheit und getreuliche Darstellung der Lago dankbare Zustimmung gefunden. Die wertvolle Kraft Dr. Löwenherz’ wird wohl auch in Zukunft der jüdischen Gemeinde erhalten bleiben. ARTIKEL stets Neuheiten, auch modernste Frauenhygiene! Umsonst groß, reich illustr. intcres. Katalog mit Aufkllirung. Hyglen. Inst. St. P0T0KY, WIEN, VI., Stlegeng. 16. Seit 30 Jahren. Was geschieht mit den Flüchtlingen? Mit dom Rücktritt MacDonalds hat auch sein Amt aufgehört. Es gibt im Augenblick überhaupt keine Stelle, die das Flüchtlingsproblem bearbeitet. Der im September eingesetzte Sachverständigenauisschuß hat keine Vorschläge - erstattet. Gegen die Überweisung an das Nansen-Amt wehren sich Rußland und Italien aus politischen Gründen. Hinter den Kulissen wird ein heftiger Kampf geführt und inzwischen hungern verzweifelnde Menschen! Das Emek-Lied Der aus dem Tonfilm .Das Land der Verheißung“ palästinensische Horra (Tanz), herrlich gespielt und gesungen. JUdlsche Künstler von Weltruf auf Schallplatten gehören in Jedes ]üd ise h e Heim. Neuhebräische Kinderplatteu. (Kataloge .. .. . gratis u. franko) Musikhaus EXCELSIO Wien, 1., Franz-Josefs-Kai 15 Für vertriebene „nicht* arische“ Katholiken Zahlreiche österreichische Spitäler und Heilanstalten haben in den letzten Tagen ein Schreiben des Hamburger St. Raphael-Vereins zum Schutze katholischer deutscher Auswanderer erhalten, in welchem gebeten wird, katholische Ärzte, Apotheker und Krankenpfleger beiderlei Geschlechts, die wegen ihrer jüdischen Abstammung Deutschland verlassen und auswandern mußten, wenigstens provisorisch in Dienst zu nehmen. Es wird eine Äußerung des Kardinal-Erzbischofs von Österreich, Dr. I n n i t z e r, wiedergegeben, daß er sich freuen würde, wenn wenigstens einige der erwähnten Persönlichkeiten in Österreich unterkämen. Infolge der Dovisengesetzgebung seien diese gezwungen, vollkommen mittellos Deutschland zu verlassen. OK GASTSTÄTTE FÜR JEDERMANN IKörtnerslrafre Nr 61 Besitzer Olto Kaserer WIENER RATHAUSKELLER volkstümliche Preise In allen Lokalitäten Wien vor 400 Jahren Allabendlich Original Wiener Musik und Gesang Inhaber Olto Kaserer nAwiiii* IMP1! Mi r rr-T-*— -fi-ff-rir-rr-vW-nr l‘—^f**-*-»*« 9999415