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Die Stimme · 1935-12-24 · Heft 510 (24.12.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 510 (24.12.1935)
Date
1935-12-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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$Tr. 51Ö — 24. Dezember 1935 DIB STIMMI Saft« 3 ■-LUSTSPIELTHEATER, PRATER Sonntag, den 2Q. Dezember, vormittags II Uhr »Das Land der Verheißung« und die neue Tonfilmreportage »Der Zionistenkongreß in Luzern« Diese Filme gehen Jeden luden an Zwei Dokumente des Zionismus, wie Sie sie noch nicht erlebt haben Karten bei: Zionistische Sektion, Jungstraße 8 (ab 6 Uhr); Optiker Karl Seidner, Franz-Josefs- Kai 33» Telephon U 28-Q-66 und an der Kinokassa heit, mit Dr. Benesch über jüdische Fragen HANS JARAY, IRENE AGAY | ln dem Wiener GroSfllm Regle: Max Neufeld Imperial-Kino I., Tuchlauben- Kino I., Schwarzenbergplatz, Löwen-Kino, III., Maria Theresien-Kino VII., Flieger-Kino IX. Präsident Dr. Benesch Von Dr Angelo Goldstein, Abgeordneter des tschechoslowakischen Parlamentes Dr. Eduard Benesch wurde mit überwiegender Majorität der Mitglieder des Parlaments und des Senats (mit 340 von 440 gültigem Stimmen) zum Präsidenten der Republik gewählt. Dem Wahlakt gingen schwere Kämpfe zwischen den politischen Parteien voraus, cs bestand die Gefahr, daß aLle rechtsgerichteten Elemente, sowohl tschechische Nationalisten als auch Henleins Sudetendeutsche Partei und die Nationalen Magyaren, sich vereinigen werden, um die Wahl Benesch’ zu verhindern, dem im ganzen 18 bis 20 Stimmen zur Waldgrenze fehlten. In der Nacht vor der Wahl aber hat die Festigkeit der gegen Benesch stehenden Front dadurch einen Riß erhalten, daß die Slowakische Volkspartei erklärt hatte, sie sei entschlossen, für Benesch zu stimmen. In diesem Falle hätte Benesch’ Gegenkandidat, Prof. Nem.ee, in keinem Falle mehr eine Majorität auf sich vereinigen können. Die ausschlaggebende Partei in dieser Gruppe, die Agrarier, gaben darum den Kampf auf und traten selbst auf die 'Seite von Dr. Benesch, zu dessen Gunsten Prof. Nemee auf die Kandidatur verzichtete. Dieser Sieg der Sache der konsequenten Demokratie hat auch für uns Juden eine große Bedeutung. Ein Sieg der anderen Gruppe hätte der tschechoslowakischen Politik einen Ruck nach rechts geben können, was auch eine Stärkung der antisemitischen Richtungen mit sich gebracht hätte, wenn auch geisagt werden muß, daß bei der Toleranz des tschechischen Volkes Ausartungen der Judenhetze, wie wir sie in fast allen Nachbarstaaten beobachten können, hier nicht zu erwarten gewesen wären. Immerhin hätto sich die Imge der Juden in der ÖSR. sehr ernst gestalten können. Durch die Wahl von Dr. Benesch zum Präsidenten der Republik ist eine solche Schwenkung verhindert worden. Durch diese Wald ist, die Fortsetzung der Innen- und Außenpolitik, wie sic unter dem Regime des Präsidenten Masaryk praktiziert wurde, garantiert worden. Der Rücktritt des Präsidenten Masaryk hat nicht nur die Juden in der ÖSR., sondern auch die Juden in der ganzen Welt, denen Masaryk ein großer Freund und gerechter Beurteiler ist, betrübt. Masaryks Sitz wird nuinmc.hr von seinem Schüler und Mitkämpfer, Dr. Eduard Benesch, eingenommen, der den Juden gegenüber die gleiche Haltung •einnimmt und in der Judenfrage die gleichen Aus ich tun vertritt wie sein großer Lehrer und Vorgänger Masaryk. Benesch kennt die jüdischen Probleme sehr genau. Da er wiederholt i.m Völkerbund als Berichterstatter über Mandatstragen und somit über das Jüdische Nation alheim In Palästina fungiert hat, ist er auch mit allen zionistischem Problemen auf dius gcuauostie vertraut. Man verrät kein Geheimnis, wenn man feststel.lt, daß er in dieser seiner Eigenschaft dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina »ehr wertvolle Dienste geleistet hat. Aber am eh auf anderen Gebieten hat er vor dem internationalen Forum jüdischen Belangen Gerechtigkeit will erfahren lassen. Er ist persönlich mit führenden jüdischen Politikern, wie Prof- Weizmaiin, Dr. Sokolow, M. M. Ussischkin, Nah um Gold mann u. a. m. bekannt und hatte mit ihnen des öfteren über jüdische Angelegenheiten verhandelt. Einen gleich gerechten Standpunkt gegenüber den Juden nimmt Dr. Benesch auch in der inneren Politik der ÖSR. ein. Ich persönlich hatte diets öfteren Gelegen- , zu yerhandeln; dies sowohl vom Aspekt unserer Innenpolitik als auch — im Aufträge der Zionistenschen Weltorganisation oder des Cormite des Dölögations Juives — über Angelegenheiten, die das gesamte Judentum angiehen. Stets bin ich bei ihm auf eine gena/ue Kenntnis der Sachlage gestoßen und habe volles Verständnis gefunden. Vor kurzem erst bin ich bei Dr. Benesch im Aufträge des Comite des Delögations Juives erschienen, um mit ihm wichtige, die Fürsorge für die Flüchtlinge betreffende Fragen, die sich insbesondere auf die Genfer Verhandlungen der Expertenkommission des Völkerbundes bezogen, zu besprechen. Ich fand auch diesmal bei ihm volles Verständnis und bereitwil- Die Antwort des Bürgermeisters der Stadt Wien auf die Rede des jüdischen Vertreters Dr. Jakob Ehrlich in der Wiener Bürgerschaft hat unter den Wiener Juden lebhaftes Befremden hervorgerufen. Wiewohl der durch die Wiener Rathauskorrespondenz versandte Sitzungsbericht eine sehr dürftige Inhaltsangabe der Rede Dr. Ehrlichs brachte, während über die Antwort des Bürgermeisters in großer Ausführlichkeit berichtet wurde, mußte es doch aufmerksamen Zeitungslesern klar werden, daß die vorgebrachten Beschwerden in der Antwort teils vollständig übergangen, teils nicht widerlegt wurden. Die Kündigung einer großen Anzahl von jüdischen Angestellten nach der Übernahme der Geschäfte durch den jetzigen Bürgermeister, Vizekanzler a. D. Richard S c h m i t z, hat seinerzeit außerordentliches Aufsehen hervorgerufen. Zur Beruhigung der öffentlichen Meinung wurde damals öfters angeführt, daß es sich hauptsächlich um „Bolschewiken“ gehandelt habe. Insbesondere in ausländischen Blättern waren solche Rechtfertigungen oft zu lesen. Aus den Ausführungen des Dr. Ehrlich und aus der Antwort des Bürgermeisters geht aber nunmehr klar hervor, daß der Streit gar nicht um irgend welche kommunistische Elemente oder auch nur um irgend welche politisch kompromittierte Personen geht, sondern daß, wie jetzt gar nicht mehr bestritten wird, jüdische Angestellte lediglich wogen ihrer Zugehörigkeit zum Judontum g e k ii ndigt wurden; somit kommt man darüber nicht hinweg, daß diese Kündigungen v e rf a s s u n g s w i d r i g waren, weil in Österreich alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind und die öffentlichen Ämter a 11 e n vatorlandstrcuen Bürgern gleich zugänglich sind (Art. 16 der Bundesverfassung), wozu dann noch die Bestimmungen zum Sohutz der Min* llgste Unterstützung, was sich auch auf die ganze Angelegenheit wohltätig auswirkte. Aus eigener Erfahrung kann ich feststellen, daß das Judentum in dem Präsidenten Doktor Benesch insofern« eine Stütze hat, als Doktor Benesch ihm als gerechter Beurteiler gegenübersteht und stets Verständnis für diese unterdrückte Minderheit und für ihren Freiheitskaimpf bewiesen hat. Ich glaube, daß ich die volle Zuversicht aussprechen darf, daß Präsident Dr. Benesch diese Haltung auch in der Zukunft einnehmen wird. Alle berufenen Vertreter der Judenheit werden beim Präsidenten der Republik Dr. Benesch eine ebenso offene Tür finden, wie sie sie beim Außenminister Dr. Benesch gefunden haben. [derheiten kommen, in welchen es aus- | drücklich heißt, „daß Unterschiede in Religion, Glauben oder Bekenntnis keinem österreichischen Staatsangehörigen beim Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte nachteilig sein sollen, wie namentlich bei Zulassung zu öffentlichen Stellungen, Ämtern und Würden, oder bei den verschiedenen Berufen und Erwerbstätigkeiten.4' Daß man bei diesen Kündigungen ganz wahllos vorgegangen ist, erhellt daraus, daß sogar Frontkämpfer gekündigt wurden, daß erst später ein Teil solcher Kündigungen zurückgenommen wurde und daß auch noch heute die Kündigung von Angestellten, die Frontdienste geleistet haben, nicht vollständig gut gemacht wurde. Daß unter den Ärzten der Stadt Wien sich eine größere Anzahl von Juden befindet, ist allgemein bekannt und war schon vor den Februarereignissen des Jahres 1934 Gegenstand wiederholter Hetzartikel antisemitischer Zeitungen. Daß es sich hiebei aber meist um sehr schlecht bezahlte Stellen von Vertragsangestellten, die ein kleines Fixum beziehen, handelt, um Stellen, die mit Juden offenbar nur deshalb besetzt wurden, weil sich für derartigo Stellen kein christlicher Bewerber gefunden hat, ist den Lesern natürlich niemals erzählt worden. Dies gilt insbesondere von den S c h u 1z a h niirzte n, welche Stellen infolge des großen mit der Ausübung dieses Dienstes verbundenen Zeitverlustes nur von ganv armen Ärzten (meistens Frauen) angestrebt wurden, die keine eigene Praxis hatten und auch über kein anderes fixes Einkommen verfügten. Aber wie dem auch immer sei. w a s bodoutun d i e s e paar Dut zend jüdischer Ärzte in dem Meer v o n 5 0.0 00 städtische'! Diens tnehmern, untei; «denen J Vollständig neu renoviert, modernst ehemals Cafe Residenz/ I. Franz-Josef-Kai 29-31, Ecke Morzinplatz Nr. 5 \\\\\\\\\\\\\\\m\\\\m ürgerIiche Preise 3ridge-Saal o Schach-Zimmer o 4 Seifert-Billards o Klubräume o Asphaltierte Kegelbahn (alte und warme Küche Erstklassige Weine ' Bier vom Faß Die Antwort des Bürgermeisters Schmitz Wenn Raucher der Verfärbung der Zähne verbeugen wollen, denn hilft nur die regelmäfiige, tägliche Pflege mH ODOL- Zahnpasta. HÜ Kleine Tube S —SO GroOe Tube 8 1.40 sich fast gar keine Juden befinden? Es geht nicht an, immer wieder auf die Zahl der jüdischen Ärzte hinzuweisen, wenn die andern Zweige der städtischen Verwaltung fast vollkommen judenrein sind. Hätte man für jeden gekündigten jüdischen Arzt beispielsweise einen jüdischen Straßenbahnschaffner oder Wagenführer, oder auch nur Straßenkehrer angestellt, oder hätte man in den städtischen Betrieben selbst die bescheidensten Dienstposten einigen Juden verliehen, wäre die jüdische Öffentlichkeit beruhigt gewesen. Unter den vorliegenden Verhältnissen bedeutet der Hinweis auf die Zahl der jüdischen Ärzte aber nichts anderes als das Zugeständnis, daß die gegen die Personalpolitik der Stadt Wien vorgebrachten Beschwerden durchaus gerechtfertigt sind. Es ist selbstverständlich auch uns bekannt, daß sich um jeden Posten Bewerber raufen und die einzelnen Gruppen eifersüchtig die Besetzung der Posten kontrollieren, wie der Bürgermeister ausgefiihrfc hat. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, daß überhaupt keine Juden neu angestellt werden. Wir sind der Ansicht, daß die jüdische Bevölkerung Anspruch darauf hat, daß ihre Zahl, Steuerleistung und Bedeutung für das wirtschaftliche Leben der Stadt berücksichtigt wird. Es ist deshalb ein Gebot der Gerechtigkeit, daß auch bei neuen Sellungen Juden entsprechend berücksichtigt werden, wie dies von dem jüdischen Vertreter in der Bürgerschaft mit Recht verlangt wurde. Der Bürgermeister hat in seiner Erwiderung auch ere klärt, er sei ein Gegner des Numerus clausus. Das sind selbstverständlich auch wir. Wir sind aber noch mehr Gegner des Numerus nullus. Theater der Komiker Drei Stunden stürmisches Gelächter Makkabäerfeier der \üd\- seken Frontsoldaten Im Musikvereinssaal veranstaltete der Bund jüdischer Frontsoldaten Samstag) abends eine M a k k a b ä e r - F e i e r, die außerordentlich eindrucksvoll verlief. Ari führenden Persönlichkeiten des Judentums waren unter anderen zu sehen: Oberrabbiner David Feuchtwang, der Präsident der Kultusgemeinde Staatsrat Dr. Desider Friedman n mit. dein Vorstand der Gemeinde und Generaloberstabsarzt Professor Dr. Alois Pick. In seiner Begrüßungsansprache führte Bundesführer Hauptmann a. D. 'Siegmund Edler von Fried mann aus: „Das Judentum begeht heute zum 2100. Male das Fest der Erneuerung des zweiten Tempels und die Erinnerung an die Befreiung von hellenisch-assyrischer Herrschaft. Das Ohanukkahfest ist ein Freudenfest! Und trotzdem fühlen wir Wehmut im Herzen, wenn wir an jene Schwestern und Brüder denken, die dieses Freudenfest in einer Atmosphäre von Entrechtung, Diffamierung und Verfolgung, wie man eie in der Jetztzeit für unmöglich gehalten hätte, begehen müssen. Wir Juden wissen, daß wir nicht sehr beliebt sind, wir wissen, daß wir nur wenig aufrichtige Freundo liaben, wir wissen und fühlen, daß wir in ernsten Zeiten leben und all das genügt scheinbar noch nicht, unser Verhalten zueinander so zu gestalten, daß wir alle eins werden. Jeder einzelne kann von einem Windhauch ’-inweggifcat werden, aber alle zusammen, in gemeinsamer Front, bilden wir eine Mauer, an der so mancher antisemitischer Angriff zerschellen muß.“

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