Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1935-11-29 · Heft 503 (29.11.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 503 (29.11.1935)
Date
1935-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3053752-3054243-3054259--5495-3061236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Prelt dieser Nummer 20 V.b.b. 'n s1(kH Ot/Vf# LAND KREUZ I. LUSTSPIEL II. STAFA VII. VOTIVPARK IX. LUXPALAST XVI. JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 503 | Wien, 29* November 1935 | Radaktion und Admlnlatratlon s Wian, t, Maro-Aurel-StraB« 0. Tal.: U 22-3-91 RadaktfonaaahluB Montag und Mlttwoeh vorm. | (3. Klalcw S*9*) | 9. Jahrgang 200.000 deutsche Juden nach Palästina Vorschlag der Jewish Agency an den Völkerbund Genf, 27. November. Die Zionistische Exekutive (Jewish Agency) hat dem Völkerbund einen Plan unterbreitet, der vorsieht, daß in den nächsten sechs Jahren rund 200.000 Juden aus D e u t s c h 1 a n d he r a u s g e n o m ra e n und in Palästina angesiedelt werden. Der Plan, der sich auf Studien Dr. Arthur R u ppins, des bekannten Kolonisationssachverständigen, gründet, wird wahrscheinlich schon dieser Tage von dem Völkerbund ztim Studium des deutschen Flüchtlingsproblems eingesetzten Expertenausschuß in Behandlung genommen werden. Dieser Expertenausschuß sollte am 28. ds. in Genf zusammentreten, die Tagung wurde aber um einige Tage verschoben, um den jüdischen Organisationen Gelegenheit zu geben, ins Einzelne gehende Pläne einreichen zu können. Gleichzeitig mit der Expertenkommission werden in Genf Vertreter der Jewish Agency, des American Joint Distribution Committee, der Jewish Colonisation Association und ähnlicher jüdischer Korporationen Beratungen pflegen, in deren Mittelpunkt der Jewish-Agency-Plan zur Ansiedlung von 200.000 deutschen Juden in Palästina stehen wird. Auch andere die deutsche Judenheit betreffende Pläne sollen im Detail ausgearbeitet und sodann der Expertenkommission des Völkerbundes unterbreitet werden. ln Berlin weilt gegenwärtig der. Generalsekretär des Nansen-Amtes beim Völkerbund, T. F. J o h n s o n, um die Lage der deutschen Juden im Hinblick darauf zu studieren, daß die Frage der deutsch-jüdischen Flüchtlinge, die bisher vom autonomen MacDonald-Amt behandelt wurde, nunmehr, wenn auch vielleicht nur für eine Zwischenperiode, dem dem Völkerbund direkt unterstellten Nansen-Amt übertragen werden wird. Die vom Völkerbund eingesetzte Expertenkommission beabsichtigt die Errichtung eines Sondersekretariats für die deutschen Flüchtlinge zu empfehlen, dem ein aus Vertretern jüdischer Organisationen, die sich mit Auswanderung und Kolonisation befassen, sich zusammensetzendes Komitee zur Seite stehen soll. Sollte der Plan der Jewish Agency die Billigung des Völkerbundes finden und unter dessen Auspizien zur Durchführung gelangen, so würde dies bedeuten, daß in den nächsten sechs Jahren fast die Hälfte der heute noch in Deutschland lebenden Juden in Palästina seßhaft gemacht wird. Gesetzgebender Rat noch In diesem Jahr? Jerusalem, 26. November (Palcor). Heute wurden die Führer der fünf arabischen Parteien, unter ihnen Nashas h i b i und D c h e m al al Hussein i, durch den High Commissioner Sir Arthur Wauchope zu einer Konferenz empfangen. Die Aussprache dauerte zwei Stunden. Die arabische Presse berichtet Einzelheiten aus dem Gespräch zwischen Wauchope und den arabischen Parteiführern. Die arabischen Führer haben eine ganze Reihe von Forderungen, die in dem der Regierung übermittelten Memorandum enthalten sind, ausführlich auseinandergesetzt und dabei auf die Nervosität hingewiesen, die gegenwärtig unter der arabischen Bevölkerung im Zusammenhang niit der internationalen Situation herrscht. Die Delegation forderte schließlich von der Regierung, entsprechende Maßnahmen zur Beruhigung der Gemüter zu treffen. Im Laufe der Unterredung wurde auch die Frage des W a f f e n s c h m u g g e 1 s berührt. Nach weiteren arabischen Pressemeldungen soll der High Commissioner Wauchope erklärt haben, daß die Regierung bereit sei, das Projekt eines Legislative Councils noch im heurigen Winter durchzuführen. Nach einer anderen Version wieder soll der High Commissioner sich gegen die arabische Taktik gewendet haben, die immer wieder Aufregung und Unruhe in die Massen trage. Der High Commissioner soll bei dieser Gelegenheit gegenüber den arabischen Parteiführern darauf hingewiesen haben, daß diese Methoden den arabischen Interessen schaden und überdies das Gleichgewicht im wirtschaftlichen Aufbau des Landes stören. Der arabische Parteiführer Nashashibi soll sich durch Wauchopes Vorwürfe so getroffen gefühlt haben, daß er den Saal verließ. Jüdische Einheitsfront gegen Legislative Council Masaryk Wie man aus Prag meldet, steht der Rücktritt des greisen Präsidenten Masaryk unmittelbar bevor. Er hat sich entschlossen, mit Rücksicht auf seine 86 Jahre in den Ruhestand zu treten. Als sein Nachfolger kommt an erster Stelle der Außenminister Dr. Benesch in Vorschlag und es soll schon am Samstag die Wahl durch die Nationalversammlung vorgenommen . werden. , Es ist ein europäisches Ereignis, das sich in Prag vollzieht. Der Philosoph und Menschenfreund Masaryk ist eine schon zu geschichtlicher Größe herängewaehsene Per- . sönlichkeit. Er hat seinem Volk die Freiheit geschaffen und hat es selbst in die neue Zeit hineingeftihrt. Das Vertrauen der Nation gründet sich aber nicht allein ^uf seine Taten als politischer Reformator und Staatslenker. Es sind auch seine Lehren von der Demokratie der Humanität, die ihm die Verehrung des Volkes gesichert haben. Der Fanatiker der Gerechtigkeit, der selbst so lebt, wie er es lehrt, ist eine in diesem Europa einzige Erscheinung. Er hat sich gegen das Unrepht gewendet, als es noch ein Wagnis war, dies zu tun; er hat gegen die Beschimpfung des jüdischen Volkes zur Zeit der Hilsner-Affäre angekämpft und er hat auch der zionistischen Sache sein warmes Verständnis gezeigt. Er ist kein Philosemit, wie das so gesagt wird. Er ist ein Mensch, der sein Volk und der alle Menschen liebt, und aus dieser Einstellung, die nirgends von kalter Dogmatik beeinflußt wird, fließt seine Sympathie für den jüdischen Kampf um Freiheit und Land. Möge sein Rat noch lange das tschechische Volk begleiten! Zionistischer Wahlsieg in Mährisch'Ostrau Am 24. November fand in MährLsoh- Ostrau die Wahl des seohziggliedrigen Ausschusses der jüdischen Religionsgemeinde statt, der die Juden aus den Gemeinden Milhrisöh-Ostrau und Slezska-Ostrau angehören. Die Gemeinde zählt 6200 wahlbereelitiigte Mitglieder. Von 4215 abgegebenen gültigen Stimmen erhielten die Vereinigten Zioniston 2627 Stirn m e n nnd 38 Mandate, die jüdische Wirtschaftsgruppo 935 Stimmen und 13 Mandate, dio vereinigten Geschäftsleute, Gewerbetreibenden und der Verband der tschechischen Juden 435 Stimmen und sechs Mandate, dio jüdische konservative . Partei 218 Stimmen und drei Mandate. Bei den letzten, vor sechs Jahren stattgefundenen Wahlen hatten die Zionisten mit der vereinigten Wirtschaftsparei 85 Mandate, die tschechischen Juden drei, die jüdische Arbeiterpartei 17 und dio Konservativen fünf Mandate. Auflösung des Antisemiten• Verbundes in Brasilien Mit 81 gegen 73 Stimmen hat die brasilianische Abgeordnetenkammer einen Antrag angenommen, in dem die Regierung aufgefordert wird, den faschistisch-antisemitischen Verband der „Integralisten“ zu verbieten. Jerusalem, 25. November. (t. T. A.) Die arabische Presso behauptet wiederum, daß die Vorarbeiten zur Proklamierung des Legislative Council Ende November abgeschlossen sein werden; der High Commissioner beabsichtige, in Konferenzen mit jüdischen und arabischen Führern die Frage des Legislative Council anzuschneiden, um dann das Gesetz über den Council in dor „Palästine Gazette“ zu veröffentlichen. Wie der JTA mitgeteilt wird, finden gegenwärtig zwischen der Jewish Agency und der Agudas Jisroel Verhandlungen über die Bildung einer jüdischen Einheitsfront in der Frage des Legislative Council statt. Hitler wirbt um Amerika Der Direktor der „United Press“, Herr Baillie, hat mit Hitler ein längeres . Gespräch geführt und sich insbesondere über die Nürnberger Gesetze erkundigt. Hitler erklärt die Notwendigkeit dieser Gesetze aus der Bekämpfung des Bolschewismus. Füjßt alle bolsohewikischen Agitatoren in. Deutschland seien Juden gewesen. Es gibt aber auch noch andere Gründe — sagt Hitler. Während die Zehntausende demobilisierter Offiziere eine Art intellektuelles'Proletariat bildeten, hätten die Juden versucht, die kulturelle' Führung an sich zu reißen. Es mußte deshalb eine klare und reinliche Scheidung zwischen den beiden Rassen herb-eiführt werden. Seither habe sich, sagt Hitler, die antijüdisehe Stimmung gemildert. Die Gesetze seien nur ein Akt zur Vermeidung der Selbsthilfe des Volkes gewesen. Sollten sich neue Spannungen ergeben, so würden weitere gesetzliche Maßnahmen notwendig werden. Man riecht es diesem Interview an, daß es bestellt war und daß für den Führer und Reichskanzler eine Gelegenheit geschaffen wurde, für die Jxidengeseibze irgend eipe auch für zivilisierte Menschen halbwegs verständliche Formel zu bringen. Für diesen Zweck wurde der amerikanische Journalist heraugezogen. In Amerika, so meint man in Berlin, zieht ein Hinweis auf die bolsehewikische Gefahr immer; wenn sich jemand als Kämpfer gegen den Bolschewismus vorstellt, so rechnet er damit auf di© Sympathien des Sternenbanners. Man vergißt in Berlin bei dieser Argumentation, daß die Vereinigten 'Staaten iin Deutschland eine Gesandtschaft und ein halbes Dutzend Konsulate unterhalten und sohin über Anlässe und Sinn der Judengesetzgebung sowie über das, was sich so Politik im Dritten Reich nennt, authentisch unterrichtet ist. Die Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten kann deshalb die Äußerungen des Führers und Reichskanzlers auf ihren inneren Wert sehr genau prüfen und sie läßt nicht außeracht, daß der Chef des Dritten Reiches nicht, nur Führer und Reichskanzler, sondern auch völkischer Beobachter ist und;als solcher dio Richtung dos von ihm besessenen Blattes zu verdeutschen' hat. > 1 Man weiß nicht nur in Amerika, sondern überall in der Welt Bescheid' über di© Durchführung des nationalsozialistischen Programmes, das nach einem Urteil dös Rostocker Landgerichtes in Deutschland geltendes Recht ist. Dieses Programm sieht dio Vernichtung der Juden vor und wird in diesem Punkt — aber nur in diesem — genau erfüllt. Die Exekution richtet sich gegen allo Juden ausnahmslos, und man muß nur an die Reden und Schriften des Streicher denken, um zu ersehen, daß die angeblich bolsohewikische Einstellung der Juden schon längst aufgegeben wordeu ist. Das wird nur noch für Amerika erzählt, aber auch dort wird man gleichzeitig die Nachricht von der Auflösung des Verbandes der national-deutschen Juden vernehmen, den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.