Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 498 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V. b. b. Mi d*-*er Nummer 20 g Qite 4 'v ■.- 0 jüdische zeitung Nr. 498 I Wien, ll. November 1935 I Redaktion und Administration: Wien, l„ Marc-Aurel-Straße 5. Tel.: U 22-3-81 RedaktionsaohluB Montag und Mittwoch vorm. I (16. Cheschvan 5696) | 9* Jahrgang Die Eröffnung der Hakoah-Schutzhiitte auf dem Semmering Eine Erklärung Neviile Chamberlains London, 10. November. (2. T. A.) Der Scbatzkanzler des englischen Kabinetts Neviile Chamberlain, konservativer Kandidat für den Stadtteil Edgbaston von Birmingham, hat im Zusammenhang mit den bevorstehenden Parlamentswahlen die folgende Kundgebung an die Zionisten gerichtet: „Seien Sie versichert, daß es in der Richtung der Politik der Regierung liegt, das Mandat für Palästina dem Buchstaben und dem Geiste nach zu verwalten. Sie wird ohne Furcht vor irgend jemand oder Gunst gegen irgend jemand ihre aus dem Mandat ihr erwachsenden VerpfHeh tungen erfüllen und — bei gleichzeitiger Sicherung der bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften Palästinas — fortfahren, die Errichtung eines Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina zu fördern.“ Ähnliche Kundgebungen erließen der konservative Führer Sir Austen Chamberlain und mehrere andere Kandidaten der Konservativen. Die Eröffnung der Hakoah-Schutzhütte auf dem Semmering, die am 10. d. M. in Anwesenheit der Repräsentanten der österreichischen Judenheit, der Vertreter der Sportverbände Österreichs und der Vertreter der Behörden des Semmerings, zahlreicher Sportler und einiger tausend Gäste aus Wien, der Steiermark, aber auch aus dem nahen Ausland unter allen Zeichen eines besonderen Ereignisses erfolgte, gestaltete sich, über den rein sportlichen Charakter hinaus, zu einer großen eindrucksvollen zionistischen Manifestation. Etwa dreitausend Menschen, die in zahlreichen Autobussen und Privatautos gekommen waren, hatten sich vor der zwischen Tannen- und Fichtenwäldern eingebetteten, mit blau-weißen und rot-weiß-roten Fahnen beflaggten Hütte eingefunden, die sich nur wenige Gehminuten vom bekannten Grand hotel Panhans befindet, um Zeugen einer Kundgebung jüdischer Selbsthilfe, jüdischer Tatkraft und jüdischen Mutes zu sein. Die Eröffnungsfeier binterließ einen außerordentlich starken Eindruck nicht zuletzt aus dem Grunde, da aus diesem Anlaß bedeutsame politische Ansprachen der jüdischen Repräsentanten gehalten wurden. (Wir berichten über die eindrucksvolle Feier im Innern des Blattes. Umbildung des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde Sitzung des Präsidiums des Zionistischen Aktionskomitees in Jerusalem Unter dem Vorsitz M. M. Ussiechk i n s, des Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees, fand diese Woche in Jerusalem die erste Sitzung des Präsidiums des Zionistischen Aktionskomitees statt. An der Sitzungbeteiligten sich die in Palästina wohnenden Mitglieder des Präsidiums Kurt B 1 um e n f e 1 d, Meir Großmann, Heechel F a r b s t e i n, Baruch Zuckermann und Salman Rubaßchow. In der Sitzung wurdp der Arbeitsplan des Präsidiums feetgelegt. Berlin, 10. November. (2. T. A.) Vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wird mitgeteiit: . Geleitet von dem Wunsche, eine vom Vertrauen der gesamten Gemeinde getragene Führung der Geschäfte herzustellen, haben sämtliche Vorsteher der Gemeinde sowie die Vertreter aller Fraktionen der Repräsentautenversammlung Beratungen gepflogen, in welcher Weise und Form das erstrebte Ziel erreicht werden kann. Hierbei ist von der Voraussetzung ausgegangen worden, daß keiner der in der Gemeinde bestehenden Richtungen ein für sie nicht tragbares Opfer zugemutet werden soll und daß alles zu geschehen hat, ein friedliches und freundschaftliches Zusammenarbeiten aller Richtungen unter Anerkennung ihrer völligen Gleichberechtigung in der Gemeinde zu gewährleisten. In Ausführung dieser Grundsätze ist eine V e r e i nb a r u n g getroffen worden, deren wesentlicher Inhalt die Anerkennung des sogenannten Fifty-Fifty Prinzips bei der Besetzung des Gemeindevorstandes und eine entsprechende Verteilung der Dezernate des Gemeindevors'tandes ausmacht. Dieser Erklärung ist im wesentlichen zu entnehmen, daß sich der Gemeinde Vorstan d | nunmehr zur Hälfte'aus Liberalen, zur anderen H.ä 1 fte aiis Zionisten z u s a in mensetz t, womit eine seit langem vertretene Forderung der Ber liner Zionisten erfüllt ist. Bisher hatten die Liberalen die Mehrheit in Repräsentantenversammlung und Vorstand. Palästina-Regierung kauft nicht bei Deutschland Jerusalem, 10. November. (2. T. A.) Die Palästina-Regierung dementiert offiziell die aus Berlin stammende Meldung, daß sie die Absicht hat, Waren aus Deutschland im Rahmen des Transferabkommens zu bestellen, lim deutschen Juden die Ausführung von Teilen ihres Vermögens nach Palästina zu ermöglichen. Die Waffenschmuggel-Affäre Von den drei Juden, die im Zusammenhang mit dem in Jaffa aufgedeckten Waffen- und Munitionsschmuggel verhaftet wurden, sind zwei wieder freigelassen worden, davon einer gegen Kaution. Irgendwelche Beweise der Schuld der Verhafteten sind nicht erbracht worden. Nationalsozialisten stürmen die Danziger Synagoge In den Straßen von Danzig kam es in den letzten Tagen zu antijiidischen Ausschreitungen, die alle bisherigen Exzesse dieser Art in den Schatten stellten. In allen Teilen der Stadt wurden Juden auf der Straße beschimpft und tätlich attackiert, mehrere der Angegriffenen wurden böse zugerichtet. Gruppen Jugendlicher, zum Teil in H i 11 e r - U n i f o r m, stürmten die Restaurants, die von Juden besucht werden, schlugen Fenster und Türen ein und demolierten die Inneneinrichtung. Vor der Synagoge »Am Sande“ demonstrierten Hitlerjugend und SA.-Leute, schlugen die Fensterscheiben ein und demolierten das Portal der Synagoge. Mehrere jüdische Passanten wurden dort mit Steinen und Mesnern erheblich vertatst. Die Polizei verhielt sich die ganze Zeit passiv, kein einziger der Exzedenten wurde verhaftet. Diese neue Welle antisemitischer Exzesse nahm ihren Ausgang von einer Rede des Gauleiters Förster auf der Danziger Tagung der ostpreußischen Hitler-Jugend. Die Intervention der Danziger jüdischen Gemeinde beim Senat gegen diese Ausschreitungen blieb ganz ohne Erfolg. Die antijüdischen Ausschreitungen nahmen am 8. November einen pogromartigeu Charakter an. Die Unruhen begannen damit, daß im Zentrum der Stadt fünf Juden, unter ihnen ein polnischer Staatsangehöriger, von jungen Hakenkreuzlern überfallen und b 1 ntig geschlagen wurden. Den Angreifern schlossen sich zahlreiche uniformierte und nichtuniformierte Danziger Nationalsozialisten an. Die Menge zog in die Joppengasse und in die Pfefferstadt, wo zwei von Juden besuchte Restaurants demoliert und die Besucher mißhandelt wurden. Sodann drang die Menge in die in diesem Stadtteil liegende Synagoge ein. Die Leute h a usten in der Synagoge wie Barbaren und zerstörten die Einrichtung. Sie vergriffen sich auch a n den Ritualgeräten. Die Danziger jüdische Bevölkerung ist in tiefer Sorge, da sie nicht weiß, wieweit die Menge, der die Behörden keinen Widerstand entgegensetzten, in ihrem Wüten gehen wird. Der Völkerbundkomniissär L i s t e r verhält sich vollkommen jiassiv« Deutsche Gesetzlichkeit Die deutsche Regierung will keine „Ein-* zelaktionen“. Schacht hat es gesagt, Goebbels und Streicher bestätigen es. Der Kampf gegen die Juden muß durch Gesetz geregelt werden, so daß Einzelaktionen nur stören würden. Der Sinn des Gesetzes ist der, die Juden noch aus ihren letzten Stellungen in der Wirtschaft zu werfen; sie werden durch Gesetz gezwungen werden, ihre Geschäfte zu verschleudern, aus allen Beteiligungen auszuscheiden und ihre Betriebe zu räumen. Das soll ein Gesetz veranlassen. Ein anderes wird ihnen den Erwerb neuer Arbeitsstätten, den Besitz von Grund und Häusern untersagen. Ein drittes wird ihnen die freie Verfügung über ihr Vermögen entziehen. Das sind Gesetze. Sie sind noch nicht da, aber inzwischen gehen die Einzelaktiohen weiter und sie werden erst eingestellt werden, bis sie eben durch die Gesetze überflüssig werden und die Macht des Staates dahinter tritt. Die Gesetzlosigkeit wird legalisiert werden. Es ist ein Spiel mit dem Begriffe der Gesetzlichkeit, das darauf hinausläuft, alle antijüdischen Tendenzen in einem vom Reich getragenen System zusammenzufassen und auf diese Weise die Ankündigung Hitlers in Nürnberg wahrzumachen, daß „nach einer neuen Prüfung der Lage die endgültige Regelung des Problems der nationalsozialistischen Bewegung übertragen werden wird.“ Es ist ein einseitiges Verfahren, in welchem die Juden nur die Funktion des Opfers haben. Was. sie in langen Jahren aufgebaut haben, wird ihnen jetzt kraft Gesetzes genommen. Das ist der Zweck der Übung. Die Juden haben zu dem wirtschaftlichen und geistigen Aufschwung Deutschlands weitaus mehr beigetragen, als ihrer Zahl entsprechen würde. Ganze große Gebiete der Industrie und des Finanzwesens haben die Juden organisiert, Warenerzeugung, Warenverkehr und Warenaustausch geregelt. Daneben haben sie das geistige Leben befruchtet, den akademischen Lehrbetrieb auf eine .höhere Stufe gebracht und am technischen Fortschritt Anteil genommen. Hitler hat vor kurzem in einer Rede in Frankfurt gesagt, daß der Nationalsozialismus ohne Auto, ohne Flugzeug und ohne Radio nie hätte siegen können. Nun hat den Benzinmotor der Jude Markus, das Radioder Jude Hertz erfunden, die also auf diese Weise in Verbindung mit Hitler kommen, und seine These in „Mein Kampf“ illustrieren, daß den Juden das Schöpferische fehlt. Mit ihrer Erfindung geht es so wie mit allem, was Juden geschaffen und geleistet haben: es wird wegannektiert. Die deutsche Schiffahrt ist ohne B a 11 i n nicht denkbar; der Name Bailins darf nicht mehr angeführt werden. Das ist schließlich das Schicksal der Toten. Die Lebenden werden in Deutschland enteignet und ausgehungert. Was sie geschaffen haben, wird ihnen genommen. Es ist der Grundsatz des Nationalsozialismus: die Juden vernichten, sie aber vorher ausrauben. Die Nationalsozialisten sind eine