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Die Stimme · 1935-10-29 · Heft 494 (29.10.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
9 (1935-1936)
Issue
Heft 494 (29.10.1935)
Date
1935-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis Aster Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Uber 476.000 stock MUSGRAVES-GARMS Dauerbrandöfen wurden bisher von meinen Fabriken nachweisbar geliefert. Das ist sicher ein Beweis der Güte dieser Öfen. Fragen Sie einen Musgraves-Besitzer! Ich gebe Ihnen Adressen I Chr. Gar ms, Wien I. Weihburggasse 29 (gleich beim Parkring) Telephon R 24.000 Nr. 494 I Wien, tg. Oktober 1935 | T«|d."kU0?l^-»t ARedakUenuUlts'^Mntas'nnTMttWMhmm! [(X. Chetchvan 569*) | 9« Jahrgang Die Enteignung der luden in Deutschland Boykottbeschluß in London London, 28. Oktober. Eine große Kundgebung gegen die nationalsozialistischen Verfolgungen in Deutschland fand gestern im Hydepark statt. An der Spitze der Umzüge marschierten zahlreiche frühere Frontkämpfer verschiedener Konfessionen. Vier Stunden lang hörte eine vieltausendköpfige Menge den Rednern zu, die über die Verfolgungen der Katholiken und Juden in Deutschland sprachen. Die Redner gehörten verschiedenen politischen Parteien an. Einen besonders starken Eindruck machte die Rede des Führers der Arbeiterpartei im Unterhaus Major A111 e e. Es Wurde eine Entschließung angenommen, die gegen die andauernden Verfolgungen und physischen Martern von Männern und Frauen in Deutschland protestiert. Die Britischen Bürger werden neuerdings in dieser Entschließung zum Boykott Deutschlands und der d eutschen Waren aufgefordert. Gleichstellung aller Bürger in Polen In einer Plenarsitzung des polnischen Sejm entwickelte Ministerpräsident Koscialkowski das Programm der Regierung, wobei er insbesondere den Grundsatz enger Zusammenarbeit aller Bürger ohne Unterschied von Nationalität und Religionsbekenntnis mit dem Staat unterstrich. Die Behörden, erklärte der Ministerpräsident, seien verpflichtet, alle Bürger ohne Unterschied gerecht und in gleicher Weise zu behandeln. Zwecks Ausbalancierung des Staatshaushaltes kündigte der Ministerpräsident eine Erhöhung der Einkommensteuer an. Dagegen soll die Besteuerung der Landbevölkerung zwecks Förderung der Landwirtschaft herabgesetzt werden. Dies bedeutet eine Verschärfung der schon von den früheren Regierungen befolgten. Politik der steuerlichen Überbelastung des städtischen Elements, zu dem die Juden in der Hauptsache gehören. Palästinas Stellung Im Ahessinienhonflikt . Die italienischen Zeitungen haben sich in letzter Zeit sehr stark mit der strategi- 8cben. Lage Palästinas beschäftigt. Die „Regime fascista“ schreibt, Haifa sei uneinnehmbar, und die anderen Zeitungen weisen darauf hin, daß der Verteidigungsblock Haifa—Akaba—Suez—Cypern so stark sei, daß von einer Gefährdung Palästinas auch im schlimmsten Falle nicht gesprochen werden könne. Die Besorgung , von Lebensmitteln und aller anderen Waren braucht keine Sorge zu machen, da hiezu genügend Schiffs- und Landrouten zur Verfügung stehen, auch wenn die italienischen Linien nicht mehr funktionieren sollten. Weizmann hatte über diese Fragen in London Besprechungen mit dem Luftfahrt ml niste r, dem Colonial-Office und dem A u ß 6 mm i n U t e r, An das jüdische Volk! Der Keren Hajessod, das Finanzinstrument der Jewish Agency, beschließt das fünfzehnte Jahr seines Bestehens und tritt in eine neue Epoche seiner Tätigheit ein. Das Werk des Keren Hajessod liegt offen vor den Augen des jüdischen Volkes da, mit seiner dynamischen, wegbereitenden Kraft, mit seinen Erfolgen in der landwirtschaflichen Ansiedlung, auf den Gebieten der Erziehung, der Einwanderung und der Förderung der industriellen Entwicklung des Landes. Nicht nur in Erez Israel selbst, sondern im ganzen über die Erde zerstreuten jüdischen Volk hat der Keren Hajessod segensreiche erzieherische und organisatorische Leistungen vollbracht. Klar wie kaum je zuvor, steht jetzt die Bedeutung des nationalen Kapitals für unsere Aufbauarbeit fest. Eine neue, an Auf gaben und Möglichkeiten reiche Epoche liegt vor dem Keren Hajessod. Die Massen des jüdischen Volkes drängen nach Erez Israel. Zehntausende jüdischer Familien harren sehnsüchtig ihrer Einwanderung ins Land und viele tausende Familien im Lande warten ungeduldig auf den Tag ihrer Ahsiedlung. Was wir heute im Lande erleben, beweist hoch klarer als alle unsere früheren Erkenntnisse, daß Grundstein und GrundeVement unseres Aufbaus die Landwirtschaft ist. Fünfzehnjährige Erfahrung hat unserer landwirtschaftlichen Siedlung neue Wege erschlossen. ' Mannhafte Arbeit und letzte Anstrengung werden von uns und unserem Werk gefordert. Der hinter uns liegende Kongreß, der im Zeichen des inneren Friedens, der Verantwortung und des Willens zur Arbeit stand, hat uns schwere Pflichten auf erlegt. Die gegenwärtige Stunde fordert von uns Entschiedenheit. An uns wird es sein, ob sie eine Stunde gefahrvoller Verstrickung oder eine Stunde schöpferisch er Mö glichkeit en ist. Nur die geeinte Kraft des Volkes, das sich durch den Willen zur Selbsterhaltung über das Schicksal erhebt, kann die Möglichkeiten der Stunde nützen. Wir rufen das jüdische Volk auf zur Hilfe für die, die sich für diese Arbeit v er antwortlich fühlen. Der Keren Hajessod muß wachsen, um die Aufgaben zu erfüllen, die seinen Schöpfern vorgeschwebt haben. Dem jüdischen Volk ist es gegeben, die neue Epoche, in die der Keren Hajessod ein tritt, zu einer für den Aufbau unseres Landes und die Erlösung unseres Volkes segensreichen zu gestalten! Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency for Palestine. Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency for Palestine: D. Ben Gurion, S. Brodetzky, J. Grünbaum, M. B. Hexter, W. Senator, J. L. Fischmann, El. Kaplan, M. Karpf, F. Rotenstreich, M. Tschertok, Mitglieder des Direktoriums des Keren Hajessod: Nahum Sokolow, Ehrenpräsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, Präsident des Keren Hajessod. M. Burton (London), A. Barth (Haifa), D. Breßler (New York), G. Holpern (Jerusalem), A. Hantke (Jerusalem), L. A. Visser (Haag), J. Sieff (London), L.Jaffe (Jerusalem), S. Löwenstein (New York), Melchett (London), J. A. Najditsch (Paris), B. Feiwel (Jerusalem), B. Kahn (Paris), Sch. Kaplansky (Haifa), J. Sprinzak (Tel-Aviv). Die antienglische Propaganda im vorderen Orient Paris, 28. Oktober. Nach einer Meldung aus Kairo ist in der Levante eine starke antienglische Bewegung zu konstatieren. Diese Propaganda gegen England wird von dem Emir Schekib Arslan betrieben und hat in der letzten Zelt ziemlichen Umfang angenommen. Der Emir Schekib Arslan steht zu den Italienern in sehr guten Beziehungen. Auch in französischen Kreisen wird die antienglische Propaganda mit Unruhe beobachtet, weil die Nationalisten in Syrien gleichfalls an dieser Bewegung teilnehmen und auch den Franzosen gegenüber feindlich gesinnt sind. Die alten Fahnen Im Rahmen einer großen militärischem Feier sind am letzten Samstag die Fahnen! der alten kaiserlichen Regimenter ihren Nachfolgeformationen des österreichischen Bundesstaates übengeben worden. Es sind die Symbole einer Tradition, deren dramatischen Abschluß wir all« miterlebt haben{ sie ist mit dem Staat gefallen, den die gewaltige Tragödie des großen Krieges auseinander sprengte; mit seiner Macht ging auch die Armee in die Geschichte ein. Ihre Aufgabe war beendet, als das Reich nicht mehr war, dem sie dient» und das sie zu schützen hatte. Mit wehenden Fahnen in antiker Größe ist sie vom Schauplatz des historischen Geschehens abgetreten, selbst im sich ein Reich, erzogen in dem Bewußtsein, an der Schnittlinie zwischen »Osten, und Westen zu stehen. Daraus ergab sich ihis Zweck, Träger des Vermittlungsgedankens zu sein, der acht Völker im Rahmen der Monarchie zu einer Einheit zu gestalten versuchte. Die Geschichte hat den Gedanken! nicht ausreifen lassen. Sie ist über Monarchie und Heer hinweggeschritten und läßt beide nur mehr in der Erinnerung einer Generation leben, die vom schwersten Schicksal zermürbt ist und die heute, 17 Jahre seit dem Kriegsende, dessen inne wird, daß keine der Fragen, aus denen der Krieg entstanden ist, restlos gelöst ist und daß neue, schicksalsschwere Probleme aufgetaucht sind, die in ihrer Verflechtung nur entwirrt werden können, wenn zur höchsten Staatskunst höchste Friedensbej eitschaft, böchstets Verstehen und höchste Menschlichkeit tritt. Es ist eine große und stolze Macht gewesen, von der diese alben Fahnen sprechen, ein Reich, das in sechs Jahrhunderten zu einem organischen Ganzen zusammengewachsen war. Wenn es wahr ist, daß Staaten eine Mission haben, so war es die Aufgabe der Monarchie, der Versöhnung zu dienen, die Brücke zwischen Orient und! Okzident zu bilden. Als sie von dieser Mission zurücktrat, fand sie ihr Ende. Aber sie hat bis dahin redlich und ehrlich danach gestrebt, ihre Aufgabe zu vollenden, und daä Instrument, das sie sich zu diesem Zweck geschaffen hat, war diese Armee, die niemals militaristisch war, wie etwa das deutsche Heer, das nur auf Krieg gestellt war. Di» österreichisch-ungarische Armee war eine militärisch angelegte Kulturinstitution, die das große Wirtschaftsgebiet zwischen Reichenberg und Cattaro, zwischen Tries und Brody, zwischen Feldkirch und Orsova zu einem Staat umzuwandeln hatte, dessen Repräsentant der Kaiser, dessen Symbol die kaiserliche Fahne war. Es lag nicht an der Armee, daß sie dieser Zweckbestimmung entzogen wurde und, aus friedlicher Arbeit in die harte Probe des Krieges gestellt, auseinanderfiel. So lange sie da war, tat sie, was sie zu tun hatte. Sie bat acht Völker miteinander verbunden, und ihr Siolz war es, daß ihr nationale Politik fern blieb. Sie hat die Kulburanschauungen des Westens nach dem Osten verpflanzt, hat überall für Ruhe und Verträglichkeit gesorgt, hat in Bosnien Straßen und Bahnen gebaut; wo ihre Fahnen wären, war die Atmosphäre Europas,

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