Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 479 (30.8.1935)
- Date
- 1935-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VrtU dieser Nummer 20 g V. 1». b. uruney JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 479 | Wien, 30. August 1935 | Redaktion und Administration: Wien, I., Msrc-Aurol-Straße fl. I Tel.: U 22-3-91 Radaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. I ZU DEN HOHES FEtEUT/iGEN NACH AMERIKA empfehlen wir unsere Expreßdampfer mit vorzüglicher KOSCHERKÜCHE. S/S „AQU17AN1A“ 18. September, S/S „MAJ ESTIC« 25. September. Zum £aui>£titienfest: S/S „BERENÖARIA4 2. Oktober. Nähere Information erteilt di ei Repräsentanz der CUNARD WHITE STAR LID., Wien, 1., Kärntnerring 4, Tel.; U42-0-43, U46-0-48 (2- Elul 5695) | 8* Jahrgang Der Zlonistenkongreß und die Judenverfolgungen in Deutschland Macdonalds Botschaft In der Eröffnungssitzung des Luzerner Zionistenkongresses hat der Vertreter der britischen Gesandtschaft in Bern, Herr S h o n c, die folgende Botschaft des Staats Sekretärs für die Kolonien, Malcolm Macdonaldfi, mitgeteilt: „Es gereicht mir zu großem Vergnügen, eine Botschaft zu senden, die meine guten meinen Wünsche für den 19. Zionistenkongreß ausdrückt. Nach dem Mandat für Palästina hat Sr. Majestät Regierung im Vereinigten Königreich zwei gleiche und vereinte Pflichten: einerseits in Palästina den Aufbau einer Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk zu erleichtern, find anderseits die Rechte und die Stel lung anderer. Teile der Bevölkerung Palästinas sicherzustellen. Ich möchte diese Gelegenheit benützen, um den Kongreß wieder der festen Absicht Sr. Majestäts Regierung zu versichern, beide Pflichten zu erfüllen. Die Aufgabe verlangt einen Geist wirklicher Zusammenarbeit zwischen allen Teilen der Bevölkerung in Palästina und mit Sr. Majestäts Regierung, die zu allen Zeiten bereit ist, für das Wohl der ganzen Gemeinschaft zu arbeiten." Diese Botschaft gibt den Inhalt des Man dates unrichtig wieder. England hat den Auftrag erhalten, die Aufrichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu erleichtern, wobei wohl zu verstehen ist, daß dies keine Verminderung der Rechte der Araber in Palästina und keine Verminderung der Rechte der Juden in ihren Wohnländern herbeiführen solle. Dieser Nachsatz ist nichts als eine negativ gefaßte Ausführungsbestimmung und kann keineswegs als eine mit dem Mandatsauftrag gleiche Verpflichtung gelten. Die Verbindung, die der Kolonialminister zwischen beiden herstellt, würdo zu einer unmöglichen Konstruktion führen. Es kann kein Zweifel daran beste hen, was bei der Textierung des Mandates als primäres und was als sekundäres Moment gedacht war. Der Zweck ist die Errichtung des Nationalheims für die Juden. Bei der Durchführung dieser Aufgabe ist auf die arabische Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Das versteht sich von selbst, und keine zionistische Führung würde dies in Abredo stellen. Der Ausdruck „jüdisches nationales Heim“ war eine den damaligen Erfordernissen der Kriegsdiplomatie ent sprechende Umschreibung. Gedacht haben alle an drm freien jüdischen Staat. Ohne dieses erste Ziel wäre der Zionismus inhaltslos, aber auch die ganze Politik, die zum Mandat führte, desavouiert. Die Botschaft, die dem Kongreß vorgelegi wurde, ist in ihren wenigen Worten von „guten Wünschen“ woit entfernt. Sie ist die Erklärung, daß die Politik der Hintan Setzung der jüdischen Bedürfnisse fortge setzt wird. Die Regierung ist in ihrer Praxis sogar über eine gleiche Behandlung det Arabor weit hinausgegangen. Was sie tut oder vielmehr nicht tut, ermöglicht besten- Referat Dr. Stefan Wise Luzern, 28. August. (Priv.) (verurteilt, ja direkt zum Hunger, Außerordentlichen Eindruck machte heute; d a den Juden auch die Leben sim Plenum des Kongresses das mit Span-'mittel verweigert werden. Wo in nung erwartete Referat des Präsidenten des ( aller Welt hat man solche Grausamkeit Amerikanisch-jüdischen Kongresses, l^pktor schon gesehen? Stefan Wise, der nach einer kurzen Besprechung der Lage der Juden im allgeauf die Verhältnisse in Deutschland überging. Es wäre eine unverständliche Unterlassung, sagte er, wenn sich eine Versammlung wie diese nicht mit der Not des Judentums in Deutschland beschäftigen und dagegen vor der ganzen zivilisierten We 11 protestieren wollte. Daß nicht nur die Juden, sondern besonders alle wahren Christen gegen diese Grausamkeiten mit Abscheu ihre Stimmen erheben, haben die Reden ihrer Geistlichen gezeigt, der Bischöfe in England und in Amerika, und in den großen Versammlungen war e i n Schrei des Entsetzens bei Juden und Christen, besonders auch über die Verfolgungen der Katholiken und der selbständigen Protestanten. Was aber an den Juden gesündigt wird, übersteigt die schlimmsten Qualen in der Leidensgeschichte dieses oft verfolgten Volkes. Dr. Wise besprach die Verfolgungen der einzelnen Stände; er wies auf die Vertreibung der Professoren hin, die zu hungerten ihre Katheder verlassen mußten, auf die Ärzte und Juristen, die aus Ämtern und Kanzleien gejagt, auf die Kaufleute und Handwerker, denen durch den Boykott die Existenzmöglichkeit genommen wird. Tauende ehrliche Menschen, tausende Familien, tausende Kinder sind zum Untergang Ebenso schmerzhaft wie diese wirtschaftlichen Maßnahmen sind aber die moralischen Verfolgungen. Der Redner schildert die Grausamkeiten an den E i n g ekerkerten, denen jedes Recht verweigert wird. Ebenso widerrechtlich sind aber die Methoden, mit denen sie zum Schweigen verpflichtet oder gezwungen werden, wie letzthin das Verbot ihrer einzigen großen Zeitung. ,*<- Prof. Wise führte dann aus, daß die zivilisierte Welt — vielleicht mit Ausnahme von Amerika — viel zu wenig energisch gegen diese Vorgänge auf tritt. Der Boykott in Amerika habe ebenso wirtschaftliche Begründung, wie er in noch höherem Maße ein sittliches Urteil darstelle. Darüber sind alle Religionen und alle politischen Parteien einig. Nicht nur die Juden allein haben die Pflicht, an Abhilfe zu denken, sondern sie müssen dabei den Beistand der ganzen Kulturwelt finden. Großzügig war allein die Hilfe in Palästina. Was hier für die deutschen Einwanderer, besonders für die unschuldigen Kinder getan wurde, davon habe er sich selbst überzeugt. Der Kongreß aber rufe alle Menschen mit moralischem Gefühl als Zeugen auf, daß hier ein Unrecht geschieht wie noch niemals in der Welt, ein Unrecht, das sich an seinen Urhebern rächen muß. Die Rede fand stürmischen Beifall. Schwarze Fahnen Heute vormittags war das Kongreßgebäude zum Zeichen der Trauer über die Judenverfolgungen ln Deutschland geschlossen und statt der blauweißen Fahnen wehten schwarze Fahnen von den Masten. Nachmittags tagten alle Kommissionen, außerdem fanden Verhandlungen zwischen den Parteien wegen Bildung einer großen Koalition statt. Für morgen (Donnerstag) abends ist eine lebhafte Sitzung des Plenums zu erwarten, da Interpellationen der Judenstaatspartei bevorstehen. Man nimmt an, daß der Kongreß frühestens Sonntag zu Ende gehen wird. falls dio Errichtung eines Ghettos. In den Debatten auf dem Kongreß klingt dies immer durch, und wenngleich die offiziellen Referenten, Brodetzky sowohl wie Ben Gurion, ihre Zufriedenheit mit dem Regime ausdrückten, so mußten auch sie die hauptsächlichsten Punkte der Beschwerde unterstreichen, und diese betreffen ausnahmslos jene Fragern, die mit der Errichtung des Nationalheims, mit der Schaffung eines jüdischen Mehrheitsvolkes, mit der freien Einwanderung und mit der Wiederangliederung des uns entrissenen Ostjordanlandes Zusammenhängen. Eß regnet von Vorwürfen der Parteien gegeneinander, aber man hat das Empfinden, daß die Redner gar nicht den eben gegenwärtigen Gegner, sondern die Beamten der Mandutsregieriig und die Londoner Zentrale meinen. Das Gebiet, auf dem sich die jüdische Energie bewegen soll, ist derart eingeschränkt, daß die Parteien notwendigerweise aufeinanderstoßen miisßen. Es gibt gewiß für Verärgerung und Verbitterung noch eine Menge anderer Anlässe. Da ist zunächst der Egoismus der die Exekutive beherrschenden sozialdemokratischen Partei, die sich mit dem Zionismus gleichstellt, die Erregung der Industrie wegen des mangelnden Zollschutzes, der Arbeiterschaft wegen clor unkontrollierten Zuwanderung arabischer Arbeiter und schließlich die Zahl der Raffer und Spekulanten, die den jüdischen Boden kaufen und verkaufen und unterwegs fest verdienen wollen. Aber diesen Dingen, die sich aus dem Zusammenströmen von Menschen der verschiedensten Schichtung, Gewöhnung, Erziehung ergeben, wäre durch eine starke nationale Aufsichtsinstanz, durch eine Koalitionsregierung beizukommen, die mit Verständnis und Vernunft arbeitet und Bürokratismus vermeidet. In der Hauptsache ist cs die Mandatsregierung, die eifervoll darüber wacht, daß ja kein jüdisches nationales Heim entstehe. Filr sie ist Palästina Kolonie, bei deren Verwaltung die Juden nur die Rolle des geduldeten werterzeugenden Elementes zu spielen haben: Die Rücksichten auf die Araber als Teil einer größeren, filr England momentan wichtigeren Nation, werden sorgsam ausbalanciert. Doch bleibt hier stets die Tendenz maßgebend, auch den Arabern gegenüber der ■ Stärkere zu bleiben und zwischen den beiden Nationen im Lande zu stehen. Der Zusatz zu dem Mandat, der die Rechte der Araber betrifft, setzt sich aber noch in der Bestimmung fest, daß keine Beeinträchtigung der Juden in ihren Wohnländern eintreten darf. Diese Vorschrift steht gleichberechtigt neben der ersten. Sie bildet ebenfalls eine Pflicht für die englische Regierung. Ist diese Pflicht erfüllt worden? Die englische Regierung hat — vielleicht von freundschaftlichen Interventionen abgesehen — nicht das geringste unternommen, um die Quälereien in Deutschland abzustellen, und sie hat auch nicht dafür gesorgt, daß das Vermögen der aus Deutschland ausgewanderteu Juden mit ihnen nach Palästina verpflanzt wird. Es mußte von jüdischer Seite das demütigende Transfer-Abkommen getroffen werden, so daß sieh das Dritte Reich stolz rühmen kann, daß sein Export gerade nach Palästina unverhältnismäßig größer geworden ist. Die Schuld trifft allerdings nicht England allein, sondern alle Völkerbundstaaten, die jeden Druck auf Deutschland unterlassen haben. Und es ist auch gegen den gesamten Völkerbund der Vorwurf zu erheben, daß er die Lossagung Polens von den Minderheitsbestimmungeu ohne mit den Wimpern zu zucken, hingenomnien hat. Wir erkennen, daß den Juden gegenüber Vertragstreue nicht gerne angenommen wird. Wir sind in allem nur auf unsere Kraft gestellt. Wenn wir in Palästina stärker worden, dann wird damit auch das politische Gewicht wachsen, und dies wird auf dio Einhaltung der Verträge wirken. Voraussetzung und unbedingtestes Gebot bleibt aber die i n nere Ei n h e i t des Zionismus. Sie herbeizuführen wäre die schönste Antwort des Kongresses auf Minister Macdonalds Botschaft! : Für unsere Leser jiur; 4. ->. gger Fahrschulen Wich, VIII., Ijleudaggairg. 18, TqI.:B 46-6i'72 ■'und lnzeridort^ (Nle'der‘Qsferrei.öh). v Prüfungserleichterung durch.;., k: Laufendes Auto, iiih Lehrsaal ]!,,