Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 476 (20.8.1935)
- Date
- 1935-08-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Uio großen, vorzüglichen Halonscliille „Galilca“, „Palcstina“ und „Gcriisalcminc“ der direkten Eillinie TRIEST - JAFFA de3 LLOYD TR1ESTINO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten tflgiieh bloß Lire 555’— ' Auskünfte: Lloyd Triestino, 1., KUrntnerring ti Nr. 476 | Wien, 20* Aitgiist 1935 Redaktion und Administration: Wtsn, Marc-Aursl-Straße o. TeL* U 22-341 .tedsktionssehluB Montag und Mittwoch vorm. I (11. Aw 9695) 8. Jahrgang Vor den Wahlen zum polni• sehen Parlament Unser Kongreß Warschau, 18. August. (2. T. A.) Die Aufstellung der Kandidaten zu den Sejm-Wahlen hat begonnen. Sie erfolgt in der Weise, daß eine eigene zu diesem Zwecke gewählte Wahlkommission durch Abstimmung die einzelnen Kandidaten, die sich zur eigentlichen Wahl durch Volksabstimmung zu stellen haben, nominiert. Im WarschauerjtidischenWahlkreis wurden als jüdische Kandidaten gewählt: Advokat W i s c h 1 i t z k i, der Präsident des zentralen jüdischen kaufmännischen Vereins, Glozer, der Vorsitzende des jüdischen Kleinhändler- und Handwerkerverbandes, B r e g m a n n, der Vorsitzende des jüdischen Frontkämpferbundes, Doktor Gottlieb, der Vorsitzende des jüdischen Journalistenvereins, Advokat S u n d e 1 ewicz vom Kleinhändlerverband und zwei Nichtjuden. In W i 1 n a ist unter anderem als Kandidat für die Sejm-Wahlen der Misrachiführer Rabbiner Rubinstein aufgestellt worden. Rabbiner Rubinstein gehörte, bisher dem polnischen Senat an. In Lemberg ist als Kandidat zu den SejmiWahlen Dr. Sommerstein nominiert worden. Der langjährige jüdische Parlamentarier und Präsident des Jüdischen Sejm-Klubs Rabbiner Dr. J. Thon hat im Wahlkollegium das Stimmenminimum nicht erreicht und scheidet als Kandidat für den Sejm aus. Als Kandidat gewählt wurde der Führer der Krakauer jüdischen Frontkämpfer, Reservekapitän Leopold S c h a p i r a. Die Exekutive der Zionistischen Organisation Westgaliziens hat beschlossen, der jüdischen Wählerschaft Wahlenthaltung zu empfehlen. Im Lodzer jüdischen Wahlkreis wurde der Agudah-Führer L. Minzberg zum Sejm- Kandidaten nominiert. In Bialystok wurde kein jüdischer Kandidat nominiert. Die allgemeinen Wahlen zum Sejm finden am 18. September statt. Mlsrachi und Et Liwnot nehmen an den Sefmwahlen teil f* Warschau, 15. August. (2. T. A.) v Die Leitung der Mißraohi-Organisation Polens hat beschlossen, an den Wahlen zum polnischen Sejm teilzunehmen. Ein gleichartiger Beschluß wurde in W arisch au von der Gruppe B der Allgemeinen Zioni- .sten (Et Liwnot) gefaßt. Das Zentralkomitee der Zionistischen Organisation Kongreßpolens (Allgemeine Zionisten Gruppe A und Radikale) lehnten bekanntlich die Teilnahme an den Wahlen ab. Der Beschluß dos Zionistischen Zentralkomitees hat in polnischen politischen Kreißen einen tiefen Eindruck gemacht. In Wilna kandidiert der Misraohi-Führor Rabbi Rubinetein für denn Sejm. Der Aufruf zu seiner Wahl ist von der Wilnaer Zionistischen Organisation, dem Mieraohi- Et Liwnot, Zionißten-Reviisionisten, sowie den jüdischen kaufmännischen und Hand- [workcrveribänden untepsobrieben, Der Zionistenkongreß, der heute abends in Luzern beginnt, ist nicht mehr die Institution einer Partei oder einer politischen Richtung; er ist die Repräsentanz einer Nation. Keine neidische und eigenbrödlerische Konkurrenz kann diese Bedeutung schmälern. Der Kongreß hat sich durch seinen Bestand, durch seine Tätigkeit und ihre sichtbaren Wirkungen in Erez Israel das Vertrauen der jüdischen Massen und die Beachtung durch die politische Welt gesichert. Darin drückt sich aber auch das fast übergroße Maß an Verantwortung aus, das auf dem Kongreß in seiner Gesamtheit und auf jedem Delegierten lastet. Der Kongreß ist die Tribüne des 17-MiIiionen-Volkes der Juden, und was von ihr aus verkündet wird, das setzt sich in reale politische Tat um. Es sind Staatsaufgaben, die der Kongreß au erfüllen oder vorzubereiten hat. Die ideologischen Auseinandersetzungen seiner Vorgänger haben eine feste Grundlage geschaffen, die stolze Errungenschaft Herzls und sein großes, weit in die Zukunft reichendes Erbe: das jüdische Volk im Land seiner Ahnen. Jetzt aber ist der Bau in vollster Entwicklung und jedes Wort auf dem Kongreß findet Widerhall; jeder Beschluß greift tief hinein in das Leben von arbeitenden, strebenden, hoffenden Menschen. Dessen muß jeder einzelne auf dem Kongreß eingedenk sein. Der Kongreß hat seine inneren und äußeren Probleme. Sie ergeben sich aus der Sache selbst. Die Einwanderung steigt rapid an und wenn auch das Land noch lange nicht an der Sättigkeitsgrenze angedangt ist, so entstehen doch Sorgen, Friktionen, Mißhelligkeiten. Es ist ein Staat miit staatlichen Fragen, aber noch ohne staatliche Organisation. Das jüdische Volk ist bisher ein Emiigrantenvolk gewesen. Es hat fern der Heimat zwei Jahrtausonde ve rbracht und in dem schweren Schicksal dieses Exils die Ruhe verloren, die allein der Besitz des Bodens gibt. Der Emigrant ist einmal leichtgläubig, dann wieder mißtrauisch; über Schwierigkeiten setzt er sich rasch hinweg, Kleinigkeiten und noch mehr Kleinlichkeiten reizen ihn in Verzweiflung. Im Judentum multiplizieren sich diese erworbenen Eigenschaften und potenzieren sich noch durch das heftige jüdische Temperament, dem angesichts der Gesamtlage geduldiges Abwarten und Ausredfenlassen zu einer harten Nervenprobe wird. Diese mehr gefühlsmäßige Anschauung der Dinge ist auch in den Zionismus hineingetragen worden, in die größte politische Bewegung, die es im Judentum je gegeben hat. Sie ist im Widerspruch gegen Europa, ja als Widerspruch gegen Europa entstanden; aber sie ist vom Ungeist Europas angekränkelt und so versucht sie auch, ihre Probleme mit denjenigen europäischen Mitteln aufzulösen, die in Europa selbst versagt haben. Die Hauptfrage ist die Entpolitisierung der Arbeit. Die sozialdemokratische Mehrheit, die heute die Exekutive in der Hand hat, hält Palästina für das geeignete Feld, ihre Wirtschaftsexperimente so durchzufühäreiij wie dae ©ine Mehrheit in einem parlamentarisch regierten Staatsorganismus tut. Aber der Staatsorganismus ist nicht vorhanden, das Parlament nicht innerhalb der Staatsgrenzen. Und außerdem gibt es heute für die Sozialdemokratie keine Insel der Seligen mehr. Überall auf der ganzen Welt ist diese Partei entweder zurückgedrängt oder im Abflauen. Sie hat sich nirgends bewährt und ihre Zerschlagung in Mitteleuropa konnte nur darum so vollständig und so gewaltsam sich vollziehen, weil die Partei die innerliche Festigkeit, das heißt das Vertrauen ihrer Massen verloren hat. Und gerade in Palästina, das erst ein werdender Staat ist, angewiesen auf die europäischen kapitalistischen Staaten und das bürgerliche Judentum, soll daß Experiment gelingen? Und es wird dort mit eineT Totalität durchgeführt, die immer stärkeren Widerspruch findet. Schon ist ein Teil der Jugend in solche Verwirrung geraten, daß er sich dem halsbrecherischen Wagnis des Herrn Jabotinsky anschließt, der den ganzen Zionismus zugrunde richten könnte, wenn er die Macht dazu hätte. Was soll noch folgen? Die Politik, das Geld vom Bürgertum zur Finanzierung des Klassenkampfes zu benützen, ist grundfalsch und sie muß beseitigt werden. Es ist nicht notwendig, auf die Lage des Judentums hinzuweisen. Sie verträgt keine Parteiung und wenn der Kongreß hier nicht die Ordnung der Gerechtigkeit schaffen kann, dann steht für die nahe Zukunft ein weiterer Abfall zu befürchten. Diese unselige Zerklüftung ist eine Ermunterung für die Mandatsregierung, ihre Vernachlässigung der jüdischen Lebensinteressen fortzuführen. Schließt sich der Kongreß zu einer einheitlichen Körperschaft zusammen, dann kann er mit voller Kraft gegen die Bestrebungen auftreten, das jüdische nationale Heim zu sabotieren. Diese Absichten sind vorhanden und sie sind ein Teil der englischen Orientpolitik, die sich für alle Fälle in Palästina noch stärker festsetzen will. Der Kongreß muß dies vor aller Welt in vollster Öffentlichkeit erklären: Daß Palästina nicht englische Kolonie ist und daß dort ein freier jüdischer Staat erstehen muß, der sein Verhältnis zu den Arabern in freien, unbeeinflußten Verhandlungen selbst ordnen will. Es ist seit Jahren wieder still geworden um die Araberpolitik des Zionismus und wir müssen die Frage wieder aufnehmen. Über unsere Köpfe hinweg kann und darf kein Parlament oktroyiert werden, das sich auf der Basis der jüdischen Minderheit aufbaut. Es darf nicht aus dem von jüdischer Arbeit geschaffenen und getragenen Budget antijüdische Schul- und Agrarpolitik betrieben werden und es darf auch nicht um der schönen Augen Japans willen die jungo Industrie ruiniert werden. Die Juden sind weder ein Geschenk an die Araber noch an die Japaner. Der Kongreß muß den Völkerbund an seine Erklärungen erinnern und er muß auch fragen, wann Palästina so reif sein wird, daß os aus dor Londoner Vormundschaft — so wie Irak — entlassen werden kann. Die äußeren und inneren Fragen stehen in einem festen Zusammenhang. Sie müssen aufgerollt und beantwortet werden von einem Kongreß, der das einzige politische Besitztum des jüdischen Volkes bildet. Der Kongreß muß von allem sprechen, was das Herz des Judentums bewegt. Er ist die jüdische Führung und muß sich als solche bewähren. Das ganze Volk sieht auf den Kongreß. 480 Delegierte auf dem Zionistenkongreß Luzern, 16. August. (2. T. A.) * Wie das Kongreßbüro des XIX. Zionistenkongresses bekannt gibt, werden an dem Kongreß 480 Delegierte teilnehmen. 57% der Delegierten gehören der Arbeiterfraktion an. Die Mitglieder der Exekutive und der größte Teil der Delegierten befinden sich bereits in Luzern. W e i z m a n und S ok o 1 o w werden für die nächsten Tage erwartet. Neben der in deutscher Sprache erscheinenden täglichen Kongreßzeitung wird diesmal unter der Leitung des Redakteurs des „Haolan“, M. Kleinmau während der Dauer des Kongresses auch eine tägliche Zeitung in hebräischer Sprache erscheinen. Die Exekutive der Zionistischen Organisation übermittelte im Zirkularwege den Delegierten den Vorschlag, daß die Wahl der Zionistischen Exekutive nicht erst in der Schlußsitzung des Kongresses, sondern schon einige Tage vorher vorgenommen werde. Die kommenden Judengesetze in Deutschland Wie die „Frankfurter Zeitung“ mitteilt, hielt der Staatskommissar für das Gesundheitswesen, Ministerialdirektor und Universitätsprofessor Dr. W. Schultze, im Rahmen der Festveranstaltung der Deutschen Akademie an der Universität München einen Vortrag, in dem er ausführte: Die Gesetzgebung dürfe nicht mehr auf den Arierbegriff abgestimmt sein, sondern müsse sich offen die J u d e n f r a g e zum Gegenstand nehmen. Es sei ein Gesetz in Vorbereitung, daß die Eheschließung zwischen Juden und Halbjuden auf der einen Seite und Deutschen auf der anderen Seite verbiete. Auch der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Deutschen werde unter Strafe gestellt werden. Ferner müsse die jüdische Jugend von der Gemeinschaftserziehung der deutschen Schulen ausgeschlossen werden. Darüber hinaus forderte Dr. Schultze das Verbot, daß Juden Betriebsführer sein können und sich deutsche Dienstmädchen halten dürfen. *1 + V | Für. unsere Usje^ nur.; "V!‘ INeudegger föhrsdiiiien Wien, Vlll.( Neudeggcrg. Tel. B 46*5-72 5 und Inursdorl (Nlpdef-Österroich) , PfüfM^serieiphi'eiiiingv durch:,.: 7