Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 474 (13.8.1935)
- Date
- 1935-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 30 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG 474 | Wien, 13. August 1933 ■■■■nvvMaiinaMMMai flstfaktion und Administration t Wisn, Maro-Aurol-Strsfl« 6. Tel.: U 22-3-81 .'iedaktlontschluQ Montag und Mittwoch vorm. in» süHIMi iP^xilP |ip^ Ml 4 *»** "A Die großen, vorzüglichen Salonschiffe „Galileo“, „Palestlna“ und „Gerusalemme“ der direkten Killinie TRIEST - JAFFA des LLOYD TRIEST1NO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich blöß Lire 555‘— / Auskünfte: Lloyd l’riestino, J., Kärntnerring 6 I (»4. Aw S695) | 8. Jahrgang Das Greuelmärchen Salonihier Juden schließen sich dem Boykott an Saloniki, 12. August. ln einer Massenversammlung der jüdischen Bevölkerung wurde der Boykott aller deutschen Waren beschlossen. Die Industriellen und Großkaufleute erklärten, dem Boykottkomitee die Ginsicht ]n die Bücher zu gestatten. Cuzistenlager in Bad Carmen Sylva aufgelöst Bukarest, 11. August (2. T. A.). In Bad Carmen Sylva hat eine Polizei- und Gendarmerieabteilung ein Lager der national-christlichen Jugend (Vereinigte Cuza- und Goga-Partei) aufgelöst, weil die Insassen die jüdischen Gäste belästigten und eine Anzahl von ihnen sogar zum Verlassen des Badeortes gezwungen haben. Die 40 jungen Cuzisten und einige Studentinnen, die sich im Lager befanden, verbarrikadierten sich und leisteten der Polizei Widerstand, so daß diese gezwungen war, T ränengäsbomb e n anzuwenden. Eine halbe Million Überschuß der Palästinaregierung Im Mai Jerusalem, 0. August. (2. T. A.) Die Regierung Palästinas erzielte im Mai d. J. einen Budgetüberschuß von einer halben Million Pfund. :k 19 Millionen Pfund In palästinensischen Neubauten investiert Laut der von der Palästina-Regierung veröffentlichten amtlichen Statistik wurden in den letzten Jahren in Neubauten in 20 Städten lind wichtigen Ortschaften des Landes folgende Summen investiert: 1930 2,946.000 Pfund, 1931 2,721.000 Pfund, 1932 1,432.000 Pfund, 1933 5,601.000 Pfund und 1934 6,000.000 Pfund, insgesamt 18,700.000 Pfund in den letzten fünf Jahren. | Tischa baw an der Klage* mauer Jerusalem, 9. August. (2. T. A.) Am Donnerstag, den 8. August, dem 9. Aw der jüdischen Zeitrechnung, pilgerten viele tausende Juden durch die Straßen und Wege der Altstadt zur Klagemauer, um dort die Trauergebete zu verrichten. Die Zeremonie verlief ruhig. Es kam zu keinen Störungen. Es ist kaum mehr möglich, alle die Einzelheiten der neuen nationalsozialistischen Offensive gegen die Juden zu verzeichnen. In Deutschland wird die strengste Nachrichtenzensur geübt, die auswärtigen Berichterstatter stehen unter Kontrolle und cs wird nichts über die Grenze gelassen, was den vielen Ämtern nicht paßt. Aber was da amtlich seibst mitgeteilt wird und was sich in den sonst unbeachteten Winkeln der nationalsozialistischen Presse findet, genügt, um ein allerdings sehr schwaches Bild von den Zuständen zu erhalten. Goebbels hat, in einer vor der Machtübernahme geschriebenen Broschüre „Nazisozi“ gesagt: „Die Juden m ü s s e-n ausgerottet we r d o n I“ und dieser Befehl wird so buchstäblich als nur möglich ausgeführt. Den Juden ist kaum ein Erwerbszweig mehr offen; die Freizügigkeit ist für sie aufgehoben; vor Gericht finden sie statt Schutz nur Beschimpfungen und Beleidigungen; und zu allem ist noch eine Anweisung an die Parteigenossen hinausgegeben worden, die sie darüber belehrt, daß sie jeden Juden, der sich auffällig macht öder der provoziert, verhaften können und dies auch unter Gewaltanwendung; der Jude, der sich widersetzt, macht sich außerdem straffällig. Alle Teufel aus der so reichen deutschen Hölle .sind losgelaeseii. Ein großes englisches Blatt teilt mit, daß unter den Juden Deutschlands die SolbstmordBeuche wlitet. Die Juden dürfen in Deutschland nicht leben, aber sie haben nicht die Möglichkeit auszuwandorn. Eine halbe Million Menschen wird auf mehr oder weniger gewaltsame Art aus dem Leben getrieben. Wir wissen, daß die europäischen Staaten nicht bereit sind, das, waa man Gewissen nennt, in Bewegung zu setzen. Sie sind intensiv mit dem sehrockliehen Lös der Sklaven in Abessinien beschäftigt, von denen wohl keiner mit einem deutschen Juden tauschen würde, und so fehlt ee den gar sö humanen Regierungen an der nötigen Zeit, den braunen Gewalthabern in den Arm zu füllen. Die Verantwortung, dio die Mächte für das deutsche Unglück vör der Geschichte tragen, ist ihnen Hökuba. Die Geschickte fällt ihr Urteil erst naoh Jahrhunderten und dann nur in Büchern. Aber das müßte doch allen Anrainern des Dritton Reiches klar sein, daß sie im Falle einer deutschen Expansion genau so behandelt würden wie heute die jüdische Minderheit. Die Schergen des Hitlers sind ohnedies auf dem besten Wege, ihren Kulturkampf gegen die Katholiken, der gar kein Kulturkampf ist, nach der gleichen Mothodo zu führen. Sie weichen einem Kampf mit der offiziellen Kirche aus, aber sie stecken die Pfarrer inis Konzentrationslager, gelien mit Devisenprozessen und Sittlichkeitsvcrfahren geigen Mönche nnd Nonnen vor und schieben sie in die Zuchthäuser ab. Hier wird noch die Maske der Legalität vorgebunden. Es gibt Gesetze und es gibt Richter und wo beide nicht ausreichen, dort hilft irgend eine Verordnung oder Versetzung nach. Was so im Innern gegen die eigenen Staatsbürger und Volksgenossen geschieht, würde bedenkenlos gegen im Krieg besiegte andere Völker angewendet werden. Sicherlich fürchtet das -offizielle Deutschland einen Krieg, heute mehr als gestern, aber Deutschland kann ja sich durch seine Gestapo und andere Ehrenmänner provozieren lassen oder es ist irgend ein Tolihäuslerakt möglich und dann können alle Nachbarn die Details der J u d e n b e h a n d 1 u n g an sich erleben. Wir sind sicherlich nickt so unbescheiden, uns mit den abessinischen Sklaven oder den Chaldäern und Kurden vergleichen zu wollen. Im Falle Abessiniens sehen wir dio Großmächte an einem tiefgreifenden System von Maßnahmen und Konferenzen arbeiten, um den Frieden zu sichern und Abessinien zur Humanität zu erziehen. Für Chaldäer und Kurden hat sich der Völkerbund eingesetzt. Nur ein kleines bißchen von dieser Energie der menschlichen Solidarität müßte gegen das Dritte Reich mobil gemacht werden und schon die Ankündigung würde Wunder wirken. Der Nationalsozialismus ist nach mehr als zwei Jahren eines riesenhaften Volksbetruges nicht mehr so stark und er ist innerlich schon angefault, so daß eine Aktion Europas den Massen in Deutschland Mut und Entschlußkraft zum Stimm auf die braune Burg bringen würde. Der Pestherd bedroht die ganze Welt und man lebt nicht ungestraft neben einem Infektiotosspital. Es ist der Plan Deutschlands, die Juden umzubringen öder, wenu dies nicht gelingen sollte, sio durch Not und Hunger zu depravieren. Sio sollen moralisch honmtergedriiekt werden auf das Niveau vött bettelnden, unwissenden, verkommenen Heloten, damit später auf sie hingewiesen werden kann als Zeugen für alle von Deutschland ausgeheckten Behauptungen von der moralischen Minderwertigkeit der Juden, Will die Welt sich dieses Verbrechens mitschuldig machen? Will sie zuseheU, wie der sö hochstehende deutsche Zweig des jüdischen Volkes ins Lumpenproletariat sinkt? Dm* Völkerbund muß eiüigrölfen oder er ist eine Lüge. Wir werden dann, wenn er dio werktätige Hilfe verweigert, wissen, wio wir zum Völkerbund zu stehen haben. Wir werden erkennen, daß die ganze abendländische Zivilisation nichts ist als ein Gräuelmärchen, dargas tollt an dem SohickSai dtt dgutata Judett, Pogrom in Danzig Der über Danzig gut informierte „K u r j c r Wareuwsk i“ brachte vor einigen Tagen Mitteilungen über Vor-: bereit u n gen der Nationalsozialisten in Danzig zu einem Judenpogrom, der sich unter der Losung „Zurück zum Reich!“ abspielen sollte. Im letzten Augenblick war aber eine Programmände« rung eingetreten: Da soeben zwischeu der Danziger und der polnischen Regierung eine Einigung im Zollkonfiikt erzielt worden ist, wurde von der Ausgabe der öffentlichen Losung „Zurück zum Reich!“ abgesehen, der Judenpogrom aber fand programmgemäß statt. Größere Abteilungen Danziger SA. organisierten am Dienstag auf dem alljährlich in Danzig stattfindenden großen Jahrmarkt Judenpogrome. Die SA.-Leute rissen die Verkaufsstände der jüdischen Kaufleute nieder und mißhandelten einige jüdische Kaufleute schwer. Die Danziger Polizei setzte zwar diesem Treiben ein Ende und verhaftete einige Exzedenten, setzte sie aber bald w i e d e r a u f f r 6 i e n Fuß mit der Begründung, daß sie keine strafbaren Handlungen begangen hätten. Infolge dieser antijüdischen Kundgebungen haben die auswärtigen jüdischen Kaufleute ihre Verkaufsständo liquidiert und die Stadt verlassen. „Kurjer Warszawski“ richtet an den Völkerbundskonimissar L e .s s t e r die Frage, ob ihm die offenkundigen Vorbereitungen zum Pogrom verborgen blieben, wenn nicht, warum er schweige. Die Antwort ist einfach: Le&ster hat den Auftrag, nichts zu wissen. Julius Streicher: Deutschland wird nicht rasten, bis nicht die Juden ausgerottet sind Wie aus Nürnberg gemeldet wird, hat Julius Streicher kurz vor seiner Abreise nach Bad Tölz Gnippen junger Auslandsdeutscher, die vorübergehend in Deutschland weilen, empfangen und ihnen gegenüber erklärt: Deutschland wird nicht rasten, bis nicht die Juden aus« gerottet sind. Der Großrabbiner von Marokko gestorben Der Großrabbiner von Marokko, Raphael Encaoua de Sale, ist im 89. Lebensjahr an seinem Amtssitz in R a b a gestorben. Raphael Encaoua de Sale war dor Präsident des religiösen Tribunals der marokkanischen Judenschaft und galt als eine dor größten rabbdnischen Autoritäten unter der afrikanischen Judenheit. Arabischer Nationalfonds registriert Jerusalem, 9. August. (2. T. A.) Dio Schaffung eines a r a b i s c h e n N ationälfondß als Gegenstück zum Jüdischen Nationalfonds ist rum Tatsache geworden; bei den Behörden wurdo eino Gesellschaft „Arabischer National f 0 n d s“ registriert, die als Ziel den ErwerbvonBodonko m p 1 e x c n zwecks Kultivierung durch Aufckfir angibt. Arabische Petition von Mandats-Kommision abgelehnt Die arabische Presse meldet, daß Ass ad Dadgar, der Sekretär des sogenannten arabischen Syrisch- Palästinensischen Komitees, von der Mandatskommission beim Völkerbund eine Antwort auf den Protest des genannten Komitees gegen die Politik der palästinensischen Mandatarmacht erhalten habe. In der Antwort der Mandatskommission wird darauf hingewiesen, daß die Mandatarmacht durch das Mandat verpflichtet sei, am Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina mitzuwirken, und daß infolgedessen die Forderung der Araber, die jüdische Einwanderung einzustellen, mit dieser Verpflichtung nicht in Einklang zu bringen sei und Infolgedessen nicht berücksichtigt werden könne. Ferner wird betont, daß aus dem der Mandatskommission überreichten Berichte nicht zu ersehen sei, daß die jüdische Einwanderung nach Palästina einen solcheu Umfang angenommen habe, daß sie die Interessen der Araber schädigen könne. Ferner wird mitgeteilt, daß die Palästinaregierung beschlossen habe, der illegalen Einwanderung, über die sich die Verfasseg des Protestes beschwerten, ein Ende tu machen.