Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 473 (9.8.1935)
- Date
- 1935-08-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 473 0. August 1035 DIB STIMME Seit« 5 3 EDEN SONNTAG NACH POLEN UND CZERNOWITZ Abfahrten: 11., 18. und 28. August Rückfahrten: 1. und 15. September und 21. Oktober Frankopol, III., Rennweg 1, Tel. U16-4-90 Geläuterte Reehtsauf fassung Die Zeitschrift „Deutsche Justi z“, das amtliche Organ der deutschen Rechtspflege, herausgegeben ■vom „U e i c hs j u s t i z m i n i s t e r Doktor Guertnc r“, bespricht ein Urteil des Oberlandcsgorichtcs Naumburg in Sachsen. Folgendes ist der Wortlaut: „Nach der heutigen geläuterten llochlsauffassung stellt dem Schuldner ein Leistungs-Vcrwoigerungm-echt auch dann zur Seite, wenn die zu bewirkende Leistung zwar nicht in verbotswidriger oder gegen die guten Sitten verstoßender Weise, wohl aber dazu Verwendung finden soll. Teile des Volksvermögens, insbesondere Grundbesitz, in die Hände eines nichtarischen Schuldners oder Ausländers zu bringen und damit der Volksgemeinschaft zu entziehen... Dazu kommt folgendes Kommentar: Dem deutschen Kaufmann ist es zwar nicht verboten, Verträge mit ausländischen Niohtariern abzuschließen, durch deren Inhalt er zum Schuldner wird. Nur wenn er später die Schuld nicht begleichen will tritt diese geläuterte Rechtsauffassung in Aktion. Wenn durch Innehaltuug des Vertrages Teile des deutschen Volksvermögens. also Geld und Gut irgendwelcher Art, an nichtarische Ausländer übergehen würden, braucht der Vortrag nicht gehalten zu werden.“ Minister Dr. Guertner hat dieses Urteil als eine besonders beachtenswerte Entscheidung bezeichnet. Hier ist der klarste Beweis erbracht, daß das offizielle deutsche Amtsblatt deutlich dazu animiert, in- und ausländische Juden kräftig anzupumpen und sie dann unter Berufung auf diese neue (im Ausland unbekannte) geläuterte Rcehteau Fassung um ihr Geld zu prellen ... Dor deutsche Justizminister und sein „amtliches Organ“ bezeichnen eine solche geläuterte Rec/htsauffassung als „höchst beachtenswert“... Außerhalb Deutschlands bezeichnet man solche Ratschläge als „Inszenierung eines ganz hinterlistigen Betrüge s“... Die Sache ist tatsächlich höchst beachtenswert, aber für das gesamte Ausland! Denn jetzt ist es zweifellos klar, daß deutsche Schuldner nichtarischen Gläubigern nicht bezahlen müssen!... Noch immer sind englische, französische, Schweizer und USA.-Zeitungen überfüllt mit deutschen Annoncen, worin gegen hohe Verzinsung und allergrößte Garantien Hypothekarkredite, Beteiligungen oder Rohmaterialien gesucht werden. Noch immer machen arische und nichtarische Firmen in tausenden Fällen Kompensationsgeschäfte oder gewähren große Warenkredite an deutsche Firmen. Selbstverständlich wird diese „geläuterte Rechtsauffassung“ noch weiter geläutert werden... Der Appetit kommt mit dem Essen ... Diese Rechtsauffassung wird bald auf Katholiken. Gläubiger ohne arische Großmutter, Franzosen, Tschechen, Engländer usw. und die so verjudeten Auslandbanken ausgedehnt werden. »Dr. Krüger-Heim« Zentralanstalt für Mädchenerxiehung und Fortbildung Telephon A 48*0-77 Wien, II., Malzgaaee 7 Volks- und Hauptschule für Mädchen / Dreijährige Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe / Zweijährige Fachschule für Kleidormaehen und Wäsch ewarenerzeugung Beth Jacob Religions - Lehrerinnen Seminar Zweijährige Kindergürtnerinnen-Bildungsanstalt Einjähriger praktischer Fortbildungskurs für Maturantinnen / Prospekt auf Wunsch / Internat Streng religiöser Haushalt Man kann jetzt in Deutschland nach Bedarf alle Auslandgläubiger in Völlig „1 eg a 1 o r“ Weise prellen. Wahrscheinlich gilt dies jetzt sogar als patriotisch. Es ist daher dringende Pflicht aller ausländischen Handelskammern, Konsulate und Zeitungen, auf dieso netto geläuterte Rechtsordnung aufmerksam zu machen, sonst werden wieder wie bei früheren Anlässen die Gläubiger Deutschlands um Kapital und Zinsen betrogen werden. Es fet kein Zweifel, daß bald von jedem Außlandgläubiger behauptet werdon wird, daß er — kein Arier, sondern der Strohmann von Juden oder von verjudeten Banken sei... Tiscka b'Aw flatii Mm mit Itequemen flutotars 17. August 1935, 7 Uhr früh. Fahrt hin und zurück S 75* . Rückfahrtsmöglichkeiten Jeden Samstag „ÜBERLAND" a Bnr"rin" TcL A 33-0-33, A 35-5-45 und Reisebüro „IN DIE WELT" IX„ Liechtensteinstraße 2 — Telephon A 14-504 Die Verarmung der Juden Von Chafim Arlosoroff s. A. (Ein Brief an seine Schwester Lisa) Chajim Arlosoroff hat schon in sehr jungen Jahren außergewöhnliche Begabung gezeigt, die die spätere Entwicklung des tragisch Verstorbenen ahnen ließ. Der im folgenden wiedergegebene Brief an seine Schwester (aus den nach seinem Tode in hebräischer Sprache herausgegebenen gesammelten Schriften) zeigt schon den ganzen nationalen Ernst des kaum Neunzehnjährigen. (Red.) Berlin, den 17. 7. 18 (9. Aid 5678). Liebe, Meine Liska! Ich nehme an, daß so und soviel Briefe, die Du mir geschrieben hast, leider verloren gegangen sind, und ich beeile mich also, auf diese „Briefe, die ihn nicht erreichten“ zu antworten. Überhaupt lebe ich jetzt fast nur in Briefen. Es ist so still um mich geworden. Ganz einsam. Da setze ich mich denn oft an den Schreibtisch und — schwatze los. Aristoteles hat schon gesagt: Der Mensch ist ein „zoön poUticon“. Er kann ohne einen Zusammenhang, ohne eine Gemeinschaft — natürlich von der physischen Existenz schon ganz abgesehen — nicht laben. Aber das führt ja mitten in die Philosophie des Individualismus ... Heute ist T ischab’a w. Das sollte eigentlich der größte Trauertag des jüdischen Volkes sein —■ und nur die Galuth, die alle natürlichen Dinge zu unnatürlichen, überhaupt alle Werte umgewertet hat, hat es möglich loerden lassen, daß dieser große nationale Trauertag in der Rangordnung der jüdischen Feste (ähnlich wie Chanukah) einen so niedrigen Platz eingeräumt erhalten hat, während andere, wie Rosch-haschanah, Jom-Kippur und selbst ein so sklavisches Fest wie Purim immer höher gestiegen sind. (Interessant ist übrigens die Entwicklung des Wertes der Feste. Zum Beispiel ist doch Chanukah während der letzten dreißig Jahre, wo die Nationalbewegung immer stärker geworden ist, immer volkstümlicher geworden.) Heute also ist Tischa-b'aw. Der größte Trauertag des Volkes, wie ich sagte. Gibt es denn etwas entsetzlicheres, als daß ein ganzes Volk seine Freiheit verliert, die Möglichkeit verliert, seine Art, seine Kultur, seine Traditionen, seine Ideale frei zu entwickeln? Aber nicht nur das ist uns ja am neunten Aw passiert. Nicht nur die Zerstörung des wunderbaren Tempels, den Salomo gebaut hat, am 9. Aid 586 v. Chr. Und nicht nur die Eroberung des zweiten Hauses, das der Makkabäer Hand geschützt hatte, am 9. Aw 70 n. Chr. Nein: Das dritte große Ereignis der Trauer in der Nation, die Vertreibung der Juden aus Spanien, fällt wieder auf den 9. Aid 1492. Und endlich das letzte (nur vier Tatsachen aus vielen, die sich finden lassen): der Weltkrieg bricht aus am 9. Aid 1914. Und auch dieser Weltkrieg kann für den Fall, daß wir Palästina nicht bekommen, außer all dem Ungeheuren, das wir mit der Menscheit an menschlichem verloren haben, für das Volk als solches eine ungeheure Katastrophe werden. Der einheitliche Körper des russischen Judentums ist zerschlagen. Gelingt es nicht, ihn irgendwie zu einigen, so ist das Volk der Bibel, der Propheten, PMlos, Maimonides, Spinozas, Heines, verloren, ist das nicht furchtbar? Und ist dieser 9. Aw nur ein Zufalls tag? Herrscht hier ein blindes Schicksal, das alles Schreckliche auf diesen Tag sammelt? Einerlei. Es gibt gar keinen Zufall. Denn Strindberg fragt ln seinem „Inferno1* ganz richtig weiter: ,,Gut. Zugegeben. Alles ist Zufall. Wer aber regiert den Zufall?** Tischa-b'aw ist der Unglückstag des jüdischen Volkes, der Todestag seines Schicksals. Noch ist sein großes, erhabenes Drama nicht geschrieben worden, nicht die eiserne Fahrt Nebukadnezars mit der tragischen Gestalt des Jeremia im Hintergrund, der zu spät beginnt, zu trösten, nicht der Augenblick, wo des Römers freche Faust den Purpurvorhang vom Allerkeüigstan reißt — nicht das große, blutig-dunkle Gemälde der Zerstörung und der Verbannung... Für heute genug. Vielleicht schreibe ich Dir bald wieder. Grüße alle, vor allem Dich selbst. Chajim. Dez 9. Aw U* de» (üdiscUen (fescUUUte Der 9. Aw, der überall, wo Juden leben, in tiefer Trauer begangen wird, hat nicht nur als das Datum der Zerstörung der jüdischen Unabhängigkeit Wichtigkeit erhalten. Er ist auch in der Folge stets ein Tag des Unglücks für das jüdische Volk gewesen. Im nachfolgenden stellen wir die bedeutsamsten Ereignisse zusammen, die auf diesen Tag fallen: Im Jahre 586 vor Christi Geburt: „ » 70 nach „ „ 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 99 Zerstörung des 1. Tempels. Zerstörung des 2. Tempels. Judenmassaker in Alexandrien. Fall der Festung Betar. Vertreibung der Juden aus England. Verhaftung aller Juden in Frankreich. Vertreibung der Juden aus Spanien. Errichtung des Ghettos in Rom. Einführung des Ghettos in Florenz. Tod des Don Josef, Nassi von Naxos. Vertreibung der Juden aus Mantua, Vertreibung der Juden aus Wien. Pogrom in Padua. Beginn des Weltkrieges. Beginn der arabischen Unruhen in Palästina. Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt a. M. veröffentlicht den Voranschlag ihres Haushaltsplanes für das Rechnungsjahr 1935/36. Aus ihm ist zu entnehmen, daß Einnahmen und Ausgaben mit rund RM. 1,523.560 abschließen. Der Voranschlag für daß Jahr 1934/35 belief sich demgegenüber nur auf RM. 1,149.699, die Istausgaben im Jahre 1933 betrugen RM. 1,267.444. Der Haushalt der Gemeinde zeigt akso in den letzten Jahren eine beträchtliche Steiger u n g. Diese Steigerung ist insbesondere auf daß Anwachsen der Ausgaben im Unterrichtswesen und in der sozialen Fürsorge zurückzuführen. Während im Jahre 1933 die wirklichen Ausgaben für das Unterrichtswesen RM. 167.543 betrugen, zeigte der Voranschlag für 1934/35 als Ausgabe die Summe von RM. 191.713; in dem Voranschlag für 1935/36 sind die Ausgaben dieser Position auf RM. 206.780 gestiegen. Außerordentlich bemerkenswert ißt das sprunghafte Anwachsen der Ausgaben für soziale Fürsorge. Im Jahre 1933 betrugen eie RM. 38.575, im Voranßchlag für 1934 ist schon hierfür die Summe von RM. 92.182 verzeichnet, während im Voranschlag für 1935/36 der siebenfache Betrag, nämlich RM. 296.162, angefordert wird. „PENSION LANDAU" orth. “MT 3 BalatonszAszö Erzsdbet - Park (Amerika, Kanada Villen). In der nächsten Nähe vom Plattensee bei der Station. Sehr schöne Zimmer mit Blick auf den See. Eigener Park. Erstklassige Küche, exakte Bedienung. Vor- und Nachsaison 5 Pengö. Hauptsaison von 6 Pengö aufwärts. Straßenverkauf jüdischer Zeitungen verboten Berlin, 7. August. (2. T. A.) Soeben wurde eine Verordnung erlassen, wonach die in Deutschland erscheinenden jüdischen Zeitungen in den Zeitungskiosken und au den Straßen-Zeitungsständen nicht verkauft werden dürfen. Die Zeitungen werden also nur im Abonnement zu haben sein. Der Bezug und der Verkauf aller im Ausland erscheinenden jüdischen Zeitungen sind verboten. (Mit ein Grund für diese Maßnahme dürfte es sein, daß auch Nichtjuden in dem gleichgeschalteten Deutschland in großer Zahl gerne nach einer jüdischen Zeitung zu greifen pflegen.) Leute, die an erschwertem Stuhlgang leiden und dabei von Hämorrhoidalknoten, Mastdarmschleimhauterkrankungen, Fissuren, Fisteln gequält werden, nehmen zur Darmreinigung früh und abends je etwa ein viertel Glas natürliches „Franz-Josef “-Bitterwasser. Das ist das Land der Väter... Auf jahrtausendealtem Boden wachsen neue Menschen heran, durch die Tore des verheerten Landes strömen ihm immer wieder neue Kräfte zu — ein gewaltiges Geschehen vollzieht sich dort unten im Nahen Osten, dem Schauplatz so vieler weltbewegender Ereignisse, die das Menschengeschlecht entscheidend beeinflußten. Und wieder tritt das Land in die Gesohiohte ein,. diesmal als der Zufluchtsort eines Volkes, das in Palästina das Land seiner Väter sieht. B. Agadati zeigt in seinem Filmepos „Das ist das Land“, das demnächst im Heimat-Kino in Ur- und Alleinaufführung ersoheint, Wachstum und Aufstieg dieser einst brachliegenden Land, striohe, die zuerst duroh Herzl, dann später durch die historische Balfour-Deklaration zu neuem Leben erweckt wurden. 117 135 1290 1806 1492 1555 1571 1579 1630 1670 1684 1914 1929 Kein organisierter Zionist darf sich an der Wahl zur Neuen Zionistischen Organisation beteiligen. Zuwiderhandelnde werden aus der Zionistischen Weltorganisation ausgeschlossen