Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 473 (9.8.1935)
- Date
- 1935-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054228--5226-3060938- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis Mieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG ARABELLA, HARRY BAUR, P. RlCHARD- WILLM ,n rfttoUauec Hackte Der grandiose Film von GRANOWSKY Französische Fassung mit deutschen Titeln: Gartenbau-Kino« I. Kärntner-Kino, I. Deutsche Fassung: Busch-Kino« II. Haydn-Kino« VI. Kolosseum-Kino« IX. ^^Monopol: Paul Frelwlrtb Nr. 473 I Wien, 9* August 1935 I Redaktion und Administration; Wien, Maro-Aurel-StrsBa ö. Tel.: U 22-8-91. .ledaktlonssehluB Montag und Mittwoch vorm. I (10. Aw $695) | 8. Jahrgang Der neunte Aw i Juden In Deutschland - Freiwild Das „Neue Wiener Tagblatt“ meldet aus Berlin, 7. August: Der nationalsozialistische Rechtsanwalt und SS.-Mann Dr. Zarnack gibt heute in dem amtlichen Organ der Obersten SS.-Führting, dem „Schwarzen Korps“, unter der Überschrift „Wann darf ich jemand festnehnien?“ Anweisungen, die — wenn sie befolgt werden — zu einer Art Selbstjustiz bei der Verfolgung der „nichtarischen“ Bevölkerung führen können. Dr, Zarnack erklärt in seiner Anleitung zur „vorläufigenFestnahme“: Voraussetzung sei in jedem Fall das Vorliegen einer strafbaren Handlung. Ob diese Handlung ein Verbrechen, ein Vergehen oder auch nur eine Übertretung darstellt, sei gleichgültig. „Ein Jude, der sich mit einer deutschen Frau in der Öffentlichkeit sehen läßt, ein Jude, der in einem öffentlichen Tanzlokal anmaßende Gliederverrenkungen vornimmt, ein Jude, der sich in deutschen Bädern lärmend und auffällig benimmt, erregt öffentliches Ärgernis und gefährdet dadurch den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung. Seine Bestrafung erfolgt, falls nicht andere Gesetze verletzt sind, nach § 360, Ziffer 1, des Strafgesetzbuches wegen groben Unfuges. Eine Erklärung, was unter „grobem Unfug“ zu verstehen ist, gibt das Gesetz selbst nicht.“ Der Name tut auch nichts zur Sache, meint Dr. Zarnack. Nach dem „Wiedererwachen der deutschen Volksseele“ sei die Bestrafung auf solche Fälle auszudehnen, in denen die „inneren Gefühle des deutschen Menschen“ gröblich verletzt werden. Dr. Zarnack meint dann: „Jeder Volksgenosse, der einen Juden bei der Begehung einer nach § 360, Ziffer 11, des Strafgesetzbuches strafbaren Handlung auf frischer Tat ertappt oder ihn unmittelbar im Anschluß an die Tat verfolgt, ist berechtigt, ihn festzunehmen und, wenn er sich zur Wehr setzt, Gewalt anzuwenden, unter der Voraussetzung, daß der Betroffene sich nicht genügend ausweisen kann, etwa durch Vorlage amtlicher Ausweise oder wenn trotz Legitimation Fluchtverdacht vorliegt. Fesseln oder Binden ist nur in äußersten Fällen zulässig.“ Nach der Rechtsprechung schließt ein Irrtum über die Befugnis zur Festnahme die Schuld des Fest nehmenden aus. Dieser kann daher wegen Freiheitsberaubung nicht bestraft werden. Widersetzt sich der Betroffene der Festnahme, so handelt e r rechtswidrig. Begeht er bei Widerstandsleistung eine Körperverletzung, so macht er sich strafbar. Auf Notwehr kann sich der Festgenommene nicht berufen, da die vorläufige Festnahme unter den angeführten Voraussetzungen rechtmäßig ist, also kein rechtswidriger, die Notwehr begründender Angriff vorliegt. Zum Schluß erklärt Dr. Zarnack in seiner Instruktion, es sei dringend notwendig, daß Der neunte Aw ist wieder gekommen. Er hat in diesem Jahr eine tausendfache, unheilvolle Bedeutung. Mit diesem Tag der Trauer ist die Erinnerung an schwere Schioksaisschläge verbunden, die im Ablauf der jüdischen Geschichte so häufig sind. Vor zweieinhalb Jahrtausenden stürzte im Feuerbrand der erste Tempel und mit ihm die Freiheit des jüdischen Volkes zusammen; 700 Jahre später stürmten an diesem Tag die römischen Legionen das letzte Bollwerk in Jerusalem; vor achtzehnhundert Jahren fiel Bar Kochba in Betar. Und immer wieder bringt dieser neunte Tag des Aw die Vorstellung von unmeßbarem Unglück, von Mord und Brand, vom Schmerzensweg einer Nation durch die Jahrhunderte, verbindet er in einer blutigen Straße das Einst mit dem Jetzt. Heute, aav diesem neunten Aw, sehen wir auf Deutschland. Dort sammeln sich in den jüdischen Gotteshäusern die Menschen zu einem Gedenken, das für sie einen anderen, leidvolleren Inhalt hat. Sie hören die Klagelieder des Jehuda Halevy ob der zerstörten Heimät, ob der großen Stadt, die so einsam sitzt... und draußen auf den Straßen tobt der wütendste Haß, bereit und gierig, jüdisches Leben zu vernichten. Eine halbe Million Juden ist wie gefesselt einer aufgepeitschten Todfeindschaft überliefert. Mitten in einer Welt, die von Kultur, von Humanität überfließt, die stolz ist auf geistigen und technischen Fortschritt, die hochmütig auf die zurückgebliebenen farbigen Völker herabblickt, mitten in dieser weißen Rasse, starrt eine halbe Million Menschen jüdischer Abkunft dein Schicksal in die Augen, einsam wie „die große Stadt“ in den Kinnoth. Der Blutrausch, der sich der zentralen Nation des Kontinents bemächtigt hat, bannt die wehr- und waffenlose Minderheit der Juden, nimmt ihnen jedes Recht, jede Möglichkeit, das Leben zu fristen, treibt sie vom Dorf zur Stadt, von der Stadt zum Dorf, vergiftet ihnen jede Sekunde dos Tages und scheucht sie des Nachts aus dem Schlafe. Und an diesem neunten Aw sollen neue Erlässe gebraut werden: gelbe Plakate an die Türen der jüdischen Läden, Verhaftung von Juden durch jeden, der sich durch sie irgendwie provoziert fühlt. Die das verüben und noch mehr planen, nenuen sich Volk, Staat, Bewegung, Organisation. Sie haben ein ganzes System körperlicher und seolischer Martern ersonnen, in dom nichts unbedacht bleibt, einen riesigen Apparat aufgebaut, der für jegliche Art von Mißhandlung, Erpressung und Gesteh jeder Volksgeuosse die Voraussetzungen für eine vorläufige Festnahme genau einprägt, damit er keine Gesetzesverletzung begeht, damit er aber walt seine eigene Konstruktion besitzt. Und über allein hält der Staat seine Hand, er befiehlt und vollstreckt. Niemals haben unzivilisierte Kaimibalenstännne ähnliches getan, niemals sind überführte Verbrecher so behandelt worden, wie in Deutschland kleine Judenkinder. In tausenden Jahren kultureller Entwicklung ist niemals eine solche Häufung von. schwersten Torturen gegen eine Minderheit vorgekommen und dies geschieht durch ein Volk, das sich immer als die Spitze der Nationen bezeichnet hat, das für sich den Anspruch auf höchste Wertung erhebt. Es gibt wohl in diesem Volle einzelne, die mit dieser Art der Behandlung von Menschen nicht einverstanden sind; aber diese sind nur eine Minderheit, die vielleicht an Zahl noch geringer ist als die jüdische, im Großen wären alle diese Greuel unmöglich und der Staat könnte sie trotz seiner Macht nicht wagen, wenn nicht die Masse sie billigen würde. Es Es liegt eine Meldung vor, wonach um die Mitte September in Brünn eine Konferenz des Makkabi unter Vorsitz des Lord M e 1c h e 11 über die Beteiligungen der Berliner Olympiade Beschluß fassen wird. Es ist anzimehmen, daß man sich für die Nichtbeteilignng aussprechen wird. Eine andere Entscheidung wäre untragbar. Es ist aber doch zu fragen, weshalb man erst eine Konferenz und einen Beschluß braucht.. Es ist doch selbstverständlich und gilt hoffentlich auch In den Makkabi-Kreisen als selbstverständlich, daß kein jüdischer Sportler von der deutschen Gastfreundschaft Gebrauch macht. Es handelt sich uns nicht darum, daß die deutsche Sportbehörde die schriftliche Verpflichtung Hitlers, die Teilnahme deutscher Juden an der Olympiade zuzulassen, bisher verschwiegen hat und daß schon jetzt durch das Verbot, Juden in Deutschland eine Sportmeisterscliaft zu erteilen, ein Wortbruch begangen worden ist. Sondern es handelt sich um die natürliche Pflicht der Solidarität, um die Pflicht, öffentlich zu bekunden, daß ein Jude mit diesem Deutschland nichts zu tun haben will. Eine solche Erklärung war schon längst erwartet worden, und sie abzugeben, genügt eine einfache telegraphische Verständigung zwischen Makkabi-Leitung und dem Ehrenvorsitzenden. Es ist immerhin möglich, daß daß deutsche auch mit ruhigem Gewissen rücksichtslos eiuschreiten kann, wenn er die Ehre des deutschen Volkes verletzt sieht ist wohl auch so, daß die Masse in ihrer Verzweiflung ob des Betruges, den das System an ihr begangen hat, auf die noch ohnmächtigeren Juden abgelenkt wird, und daß sie sich gerne ablenken läßt. Und dieser brennende Haß ißt nicht auf das Deutsche Reich beßchränkt. Er ist eiu Stück der europäischen Seele und darum ist das Judentum vereinsamt. Es ist, wie in Deutschland überall, daß Bestreben, die Juden zu isolieren, zu demütigen, sie in Annut und Not zu werfen und auf diese Weise seelisch zu versklaven. Diese Stimmung besteht und lebt sich in allen Sprachen aus, sie arbeitet mit einer riesenhaften giftigen Literatur, erdenkt täglich neue Lügen zu den alten. Ein Ozean von Feindschaft breitet sich aus ... Wenn uns etwas in dieser Lage Trost und Hoffnung geben kann, so ist es das neue jüdische Leben in Erez Israel, in dem Lande, von dem aus der neunte Aw keinen schreckensvollen Weg genommen hat Es ist ein Spruch der Väter, daß dieser Unglückstag einmal ein Tag der Freude werden wird. Wir hoffen und sehnen und arbeiten. Komitee über den amerikanischen Umweg auf die jüdische Sportgemeinde eine Einflußnahme versuchen wird. Die jüdische Öffentlichkeit würde es aber unter allen Umständen verdammen, wenn jüdische Sportler in der oder jener Form zum Glanz des deutschen Festes beitragen würden oder wenn ihnen der Sport höher stünde alß ihre jüdische Ehre. Sie dürfen sich schon aus persönlichen Gründen nicht der Gefahr aussetzen, daß sie irgend einem Hakenkreuzler die Hand reichen — abgesehen von den sonstigen Möglichkeiten deutscher Gastfreundschaft. Die amerikanischen Katholiken haben die Beteiligungan der Olympiade einfach abgesagt. Wir hoffen, daß die Brünner Konferenz ohne Diskussion den Beschluß fassen wird, die blau-weiße Fahne reinzuhalten. 140,000 jüdische Sejm-Wähler in Warschau Die Warschauer Stadtverwaltung hat die Wählerlisten für die uächsten Sejm-Wahlen fertiggestellt. Aus ihnen geht hervor, daß in dem die jüdischen Wahlbezirke um-, fassenden zweiten Wahlkreis 141.779 Personen wahlberechtigt sind. Billig Reisen nach Palflstlna Kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen« mündlich und telephonisch; Reisebüro „ln die Welf* IX., Liechtensteinstr. 2, Tel. A14 504 Um die Olympiade Wir stehen treu zu der von Theodor Herzl geschaffenen Zionistischen Weltorganisation Keine Stimme für Jabotinskys Neue Zionistische Organisation!