Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 472 (6.8.1935)
- Date
- 1935-08-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Frei« dieser Nummer 20 g V. %. b. Nr. 472 I msmmmmmm JÜDISCHE ZEITUNG Wien, 6. August 1935 Redaktion und Administration: Wien, i., Marc-Aurel-Strafl* 5. Tal.: U 22-3-91. .ledaktionsschluß Montag und Mittwoch vorm. (7- Aw $695) I 8« Jahrgang Aus Danzig Die Juden im Freistaat Danzig machen in der letzten Zeit ein Martyrium durch; welches dem Martyrium der Juden in Deutschland nur wenig nachsteht. Die Führer der polnischen Judenheit aller Richtungen haben die folgende Depesche an das Völkerbundsekretariat gerichtet: „Das polnische Judentum lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf die letzten brutalen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung im Freistaat Danzig, der unter dem Protektorat des Völkerbundes steht. Neben der neuen Welle der Judenverfolgungen in Deutschland erwecken die G-eschebnisse in Danzig unsere große Sorge. Leben und Gut der Danziger Juden sind in Gefahr. Wir appellieren an die höchste Völkerinstanz um baldigen Schutz der jüdischen Bevölkerung im Freistaat Danzig.“ Die Depesche wurde unterschrieben vom Oberrabbiner Prof. Dr. Moses Schorr, Dr. J. Gottlieb, Abg. W. Wyszlicki, Adv. A. M. Hartglass, Abg. Dr. H. Rosmarin, Red. M. Turkow, Red. S. Wolkowicz und vom Präsidenten der Warschauer Jüdischen Gemeinde E. Mazur. Eine Depesche ähnlichen Inhalts wurde an den Hochkommissar des Völkerbundes für den Freistaat Danzig, Lesster, gesandt. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Danzig hat eine Abordnung, bestehend aus Abg. Wyszlicki, Dr. Gottlieb und Red. Turkow, den polnischen Außenminister besucht. Ferner wurde beschlossen, eine spezielle Delegation zur Erforschung der Lage der jüdischen Bevölkerung im Freistaat Danzig nach Danzig zu entsenden. * Die schweren antisemitischen Ausschreitungen in Danzig, Zoppot und in anderen Orten des Freistaates trugen gleichzeitig den Charakter einer antikatholischen und antipolnischen Aktion. Auf mehreren der berumgetragenen Plakate sah man in häßlich karikierter Darstellung, wie ein katholischer Mönch und ein Jude sich die Hände reichen. Mitglieder des Danziger Senats schritten in dem Demonstrationszug neben SA-Führern aus Königsberg. 50 Lastautos mit Inschriften, wie „Juden sind auch Menschen, Wanzen sind auch Tiere“, „Juden raus!“, „Wenn irgendwo eine Schweinerei — sind 90 % Juden dabei“, „Hängt die jüdischen Devisenschwindler“, „Die Juden sind unser Unglück“, „Cohn, geh in das Gelobte Land, denn dort ist dein Vaterland“ u. dgl. m. brachten die fliegenden SA-Kolonnen von einem Orte des Freistaates in den anderen. Überall wurden Tumulte inszeniert, Juden angerempelt und mißhandelt, und gleich darauf verschwanden die Exzedenten im Lastauto. Das Organ der Danziger Regierung „Vorposten“ veröffentlicht enthusiastische Berichte über den Verlauf der Manifestationen und teilt gleichzeitig den Text der antisemitischen Transparente und Aufrufe mit. Das Ganze wird als ein Verbrüderungsakt der Danziger mit den reichedeutschen Nationalsozialisten zur Vertiefung der Naziweltanschauung dargestellt. Die Danziger jüdische Bevölkerung sieht schw ren Tagen entgegen. sn Die Entscheidung über Krieg und Frieden ist noch immer auf des Messers Schneide. Es ist in Genf nicht gelungen, diie Gefahr zu bannen; die nach unendlichen Mühen ans Licht geförderte Resolution schafft nur einen mageren Zeitgewinn. Am 4. September soll der Völkerbund sich wieder versammeln und den Bericht des Schiedsgerichtes entgegennehmen, das über das Massaker von U a 1 - U a 1 zu befinden hat. Dabei nimmt man an, daß das Schiedsgericht ein Verdikt aussprechen wird. Wenn dies aber nicht der Fall sein sollte, dann würde der Rat das gesamte Gebiet des Konfliktes besprechen. Diese Tagung und diese Debatte soll — so sagt man von englischer -Seite — auch dann stattfinden, wenn Italien nicht teilnehmen sollte. Inzwischen aber bereitet man eine Konferenz zu dritt vor, die hinter verschlossenen Türen eine volle und endgültige Einigung über Abessinien erbringen soll. Wie man hofft und gerne hoffen will, im Sinne des Friedens. Vor allem aber ist dieser Ausweg einer geheimen Beratung von England gewählt worden, das sich, vielleicht zum erstenmal in seiner Geschichte, durch die Gestaltung des Konfliktes direkt betroffen sieht. England ist in eine Isolation hineinmanövriert worden, die alles nur nicht splendid ist. England erntet jetzt die Früchte der Politik, die es seit 1933, seit der Machtergreifung Hitlers betrieben hat. Die offenkundige Unterstützung des deutschen Nationalsozialismus hat zuerst in Paris und dann auch in Rom schwere Bedenken hervorgerufen. Der Abessinien-Konflikt hat seine ernste Form erst in dem Augenblick des deutsch-englischen Flottenabkommens angenommen, das wie eine Bombe gewirkt hat. In Paris und dann auch in Rom fragte man sich, ob nicht auch andere Vereinbarungen hinter dem Rücken der Freunde abgeschlossen worden sein könnten; es sei doch möglich, daß Deutschland den verringerten Stand seiner Flottenrüstungen als Kompensation gegen freie Hand in Mitteleuropa angeboten hätte und daß sich hinter dieser Verständigung eine neue britisch-deutsche Allianz vorbereite. Die Forcierung der afrikanischen Frage durch Italien ist, wie hinlänglich bekannt, von Frankreich gebilligt worden und erst nach dem Besuch des französischen Generalstabschefs Gamelin in Rom schärfer betrieben worden. Rom fühlte sich nicht, sicher. Kann nicht eines Tages mit stillschweigender Zustimmung Englands der Anschluß Österreichs erzwungen werden? Dann stünde die deutsche Macht am Brenner, dann käme eine neue Gefahrenwelle über den Balkan, vielleicht auch ein deutsches Mittelmeerp r o g r a m m. Italien muß vorbereitet sein und zunächst die andere Seite des Mittel meeres gesichert wissen. Aus dieser Er wägung heraus mußte beiden Beratungen in Rom auch die Situation Englands, des un verläßlich gewordenen Dritten im Bunde überprüft werden. Die Notwendigkeit einer 15 Millionen amerikanische Arbeiter aktiv in der Boykottbewegung New York, 4. August. (2. T. A.) Die Antinazi-Boykottbewegung breitet sich in den Vereinigten Staaten immer stärker aus; die fünf Millionen Mitglieder der amerikanischen Arbeiter-Förderation, die mit ihren Familienangehörigen 15 Millionen Konsumenten ausmachen, bilden einen mächtigen Faktor in der Boykottaktion. Gegenwärtig geht die Förderation daran, einen Fonds von 250.000 Dollar zur Stärkung der Boykottaktion zu schaffen. Man hofft, daß der Fonds bald zustande gebracht sein wird. Appell der amerikanischen Rabbiner an Präsident Roose* velt New York, 4. August. (2. T. A.) In der Plenarsitzung des’ Verbandes der Rabbiner der Vereinigten Staaten und Kanadas wurde beschlossen, an den Präsidenten Roosevelt einen Appell um Schutz der verfolgten Juden in Deutschland zu richten. In dem Appell heißt es u. a.: „In diesem Moment der Trauer wenden wir uns an das Oberhaupt unserer Regierung, den Beschützer menschlicher Freiheit und Kultur und Verteidiger der Zivilisation, um Rat und Hilfe.“ Die amerikanischen Katholiken für Boykott der Berliner Olympiade New York, 2. August. Die maßgebende katholische Wochenschrift „Commenweal“ fordert im Leitartikel, daß die Sportverbände in den Vereinigten Staaten sofort die Teilnahme an der Berliner Olympiade 1936 a b s a g e n, weil eine solche Teilnahme bedeuten würde, daß das System der Verfolgung der drei religiösen Gemeinschaften durch den Nationalin Deutschland gutgeheißen Sozialismus wird. yVYVYYVVVVVTVYYYTTVYTYYVVYVYrfTTrrrTYVVYrfYfYfTTrYfYYrrfYTTT^ HEILBAD PIRAWAR T H Älteste« Bad Niederösterreichs, 1 Stunde Autobus von Wien. Trink- und Badekuren (Moor- und Eisenbäder) gegen Rheuma, Gicht und sämtliche Frauenleiden unter ärztlicher Kontrolle. Vollpension schon ab S Anfragen: Kurdärektion Bad Pirawarth, oder Tel. R 37-5-31 hAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA i solchen Untersuchung ergab sich aus der Haltung der englischen Diplomatie, die iii sichtlicher Nervosität sich für Abessinien einsetzte, aus dem Auftauchen deutscher Generalstäbler und deutschen Kriegsmaterials in Addis Abeba und aus der deutlich betonten Sprache der nationalsozialistischen Presse* Paris und Rom wurden in ihrem Mißtrauen bestärkt. Herbert Samuel hatte im Unterhaus auf den historischen Präzedenzfall des Bündnisses mit dem ansonsten unbeliebten Zarismus hirigewiesen. England hat. Hitler nicht nur geduldet, es hat ihn in der Saar- Frage unterstützt, hat sich von der Verteidigung Österreichs femgehalten;' es hat nichts gegen die Rassentheorio unternommen, gegen eine Doktrin, die sich außenpolitisch in der ganzen farbigen Welt mit der Gewalt von Dynamit auswirken muß. England hat als erste Macht den Bruch des Versailler Vertrages als fertige Tatsache anerkannt. England hat die Idee des Völkerbundes zu einem Spott für deutsche Gassenbuben degradieren lassen — und wirft jetzt diese selbe Idee des Völkerbundes auf? Ist England noch so stark, als es sich wähnt? Die Frage wurde in Paris und in Rom gestellt. Frankreich deckte sich durch die Vereinbarungen mit Sowjetrußland den Rücken und sandte dann den General Gamelin nach Rom. England ist, wie die schwächliche Resolution des Völkerbundrates erwies, in der Defensive. Just die Punkte, auf denen Eden bestand, sind von Mussolini gestrichen worden. Und welche Gedanken man sich jetzt in London macht, darauf läßt die Berufung des britischen Oberkommissärs in Ägypten Sir Lampoon, des Ober ko mmissärs von Palästina, Sir Wacichope, und des diplomatischen Vertreters im Irak, nach London schließen. Sie sollen an einer militärischen Konferenz teilnehmen, die sieh mit der Vereinheitlichung der britischen Streitkräfte im Nahen Osten unter Lord Allenby beschäftigen wird. Wie ist die Situation im Nahen Osten? Um das Mittelmeer und den Suezkanal dreht sich die Achse des britischen Imperiums, in dessen weltpolitischer Struktur sich seit dem Krieg eine sehr bedeutsame Verlagerung vollzogen hat. Die Hegemonie auf dem Pa* oific hat England an die Vereinigten Staaten und an Japan abtreten müssen. Seither muß es noch ängstlicher als je die Linie Gibraltar—Malta—Aden im Auge halten. Zu ihrem Schutz hat die englische Politik sich dafür eingesetzt, daß der Rif spanisch, Tanger eine internationale Stadt werde, daß Frankreich Tunis, Italien Tripolis besetze; zu diesem Zwecke der Sicherung hält England Ägypten unter Kontrolle hat es Aden und Perim zu gewaltigen Festungen ausgebaut. Der italienisch-französische Gegensatz wurde liebevoll gepflegt. Aber die beiden. Gegner haben sich — dank Hitler und Simon — gefunden. Frankreicht hat dien Italienern die Insel Dridderrah gegenüber von Aden geschenkt und Italien schafft sich dort am Ausgang des Suez-Kanals eine Unterseebootbasis. Hoch oben in Syrien sitzt Frankreich. Ist der Seeweg nach Indien noch sicher? Ist England noch so stark,