Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 469 (26.7.1935)
- Date
- 1935-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer SO g V. b. b. Die Gedenkfeier der Wiener Judenschaft für Bundeskanzler Dr. Dollfuß Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 499 I Wien, M. Juli 1939 I Redaktion und Administration. Wien, i., Marc-Aurel-StraBo o. Tel.: U 22-3-91 .ledaktloneschluB Montag und Mittwoch vorm. I (2S> Tamus S69S) | 8» Jahrgang Die braune Gefahr einem Walmsiuiißakt der Zitternden, die eich Eine Aktion der amerikanischen Zionisten New York, 24. Juli. (Z. T. A.) Bevor die Konferenz der Vertreter amerikanisch - jüdischer Organisationen im Pennsylvania-IIotel spontan zusammengetreten war, hielt das Administrative Komitee der Zionistischen Organisation Amerikas eine .Sondersitzung ab und faßte .eine Entschließung, in der der tiefen Sorge über das fernere Schicksal der deutschen Juden angesichts des Überhandnehinens der antijüdisclien Hetze und Verfolgung und des Vordringens des Streicher-Geistes in Deutschland Ausdruck gegeben wurde. * Auch die Katholiken für Boykott New York, 24. Juli. (Z. T. A.) Der Verband katholischer Kriegsveteranen nahm auf seiner Tagung eine Resolution an, Jn der die amerikanischen Sportverbände aufgefordert werden, ihre bereits gegebene Zusage zur Teilnahme an der Berliner Olympiade 1936 unter Hinweis auf die erneute Verfolgung der Katholiken und Juden in Deutschland z u r ii c k z u z i e h e n. Neue Städte in Palästina: Petach Tikwah und Talpioth Jerusalem, 22. Juli. (Z. T. A.) io die JTA erfährt, hat die von der P;.l;i:'tinaregierun,g zum Studium der Frage, oli Petach Tikwah zum Range einer Stadt erhoben werden soll, geschallene Kommission beschlossen, der Regierung vorzuöehlagen, die größte jüdische Siedlung in Palästina, die Petach Tikwah heute ist, zur Stadtgemeinde zu erheben. Im Jerusalemer Stadtrat kam ein Vorschlag der Regierung zur Sprache, die Vorstadt. von Jerusalem, Talpioth, entsprechend dem Wunsche der Einwohner, aus der Jorusalemer StadtvorwaIfcung auszngliedern und zu einer eigenen Stadtgemeinde zu machen. Es wurde beschlossen, eine Kommission zur Festsetzung der Grenzen zwischen Jerusalem und Talpioth zu bilden. Erhöhte Beihilfen für jüdische Eitirichtungen Jerusalem, 22. Juli. (Z. T. A.) Wie die JTA erfährt, sieht der Budgetoiitwurf der Palästinaregierung für das Jahr 1935/86 eine Erhöhung gewisser Posten für jüdische Einrichtungen vor. Für das jüdische Schuhveson sind 36.000 Pfund gegenüber 28.000 Pfund im Vorjahr angesetzt, was eine 15%.ige Erhöhung bedeutet. Für das Gesundheitswesen sind 4500 Pfund (gegen 4250 Pfund im Vorjahr), für die Hebräische Universität 350 Pfund (gegen 200 Pfund im letzten Budgetjahr) angesetzt. r Sonderfahrt der „IRUT” nach Polen-Czernowitz am Sonntag, 28. Juli, I0is Ostbhf; ferner am 4., 11. und I8. August. Rückfahrten am 4. August, 1. und I5. September. Sofort-Anmeldungen». Platzbelegung: Reisebüro niruft“, Wir: l Karlsplatz Nr. I Kärntnerstraße 63. Telephon U 44-5-79. Das ungeheure Aufsehen, das die Exzesse auf dem Kurfürsten dämm in der ganzen zivilisierten Welt erregt haben, ist den Berliner Systemherren unangenehm. Es hat für sie selbst nichts zu bedeuten, daß es drei Abende lang wie in einer von Landsknechten eroberten Stadt zugegangen ist. Aber das Ausland ist aufmerksam geworden und bringt diese Vorfälle mit allen anderen Sensationen in Verbindung, an denen Deutschland seit dem Tage, da Hindenburg und Papen die Macht an Hitler auslieferteu, so reich ist, und die sich in den letzten Tagen in Überfülle ergeben. Das System, das so stolz behauptete, das gesamte Volk hinter sich zu wissen, ist unsicher geworden. Verhaftungen von katholischen Geistlichen, Auflösung von Bünden und Rechtsverbäiiden, Preissteigerungen bei den Lebensmitteln und Gegenständen des täglichen Bedarfes, Niederschlagung von Streike, Ankündigung von Steuererhöhungen und Brotkarten — das ist so der tägliche Inhalt der Zeitungen. Die Opposition wächst mit unheimlicher Schnelligkeit an, und das System lebt eigentlich nur mehr davon, daß sich noch kein Mittelpunktherd für das Gewitter gebildet hat. Ob er sich überhaupt bilden kann, ist noch sehr die Frage. Das versklavte deutsche Volk ist sehr müde geworden. Es zittert vor irgend Mut einreden und durch Goebbels allen Spott über die „Wühlmäuse“ ausgießen lassen. Es hat den Anschein, als ob sie die Bevölkerung provozieren wollen, um mit ihren bewährten Mitteln einen Aufstandsversuch niederzuschlagen und dann für einige Zeit wieder fortwursteln zu können. Jedenfalls wird etwas vorbereitet, und da empfinden es die braunen Welterlöser peinlich, daß ihnen das Ausland in die Fenster sieht und daß sich in Berlin auswärtige Korrespondenten befinden, die kühl und kritisch die Dinge beobachten und sich nicht davon abbringen lassen, das, was sie sehen und fühlen, nach außen zu melden. Man will sie einschüchtern und unter Druck stellen, und deshalb ist im Anschluß an die Berichterstattung über den Kurfürstendamm ein förmlicher Sturm der Geheimen Staatspolizei und des Goebbels-Ministeriums gegen die Auslandkorrespondenten organisiert worden. Die Betrachtungen über die „J o u rn a i 11 e“ des Auslandes — die Bezeichnung stammt von dem ehemaligen Juden Karl Kraus — sind alle einheitlich gehalten und verraten so das Diktat. So schreibt zum Beispiel das „12-Uhr-Blatt“: „Die Korrespondenten dev Auslandjournalc haben die Unverfrorenheit, Lügenmeldungen ihren Blättern zu telegraphiereu und damit das deutsche Gastrecht auf das gröblichste zu mißbrauchen.“ Das Blatt spricht danu von einer Ansammlung von V o 1 k sgenossen am Kurfürstendamm und erklärt als „wahren Sachverhalt“, daß „bei einer Auseinandersetzung mit jüdischen Besuchern eines jüdischen Cafes eine (eine einzige!) Fensterscheibe in Trümmer ging“. Die Greuelhetzer irren, wird schließlich gesagt, wenn sic glauben, daß sie das Regime in Deutschland durch diese neue Lügenkampagne mürbe machen könnten. Der ,.V ö 1 k i s o h e B e o b a c h t e r“ hebt die Entschlossenheit hervor, unbeirrbar an den großen Au f gäbe n festzuhalteu. Eine solche Entschlossenheit bedeute jedoch keineswegs, daß Deutschland gewillt wäre, alle Provokationen gewisser Kreise des Auslandes, die ein Interesse daran haben, eine wirkliche Beruhigung zu hintertreiben, ohne Widerspruch hinzunehmen. Dabei übersieht Goebbels, daß die Ausdehnung und der Verlauf der Exzesse von den amtlichen Stellen doch anders dargestellt worden ist und daß sogar von den „dunklen Elementen“ die Rede war, so daß sich die ..Lügenkampagne“ auf sehr offiziöse- und offizielle Gewährsmänner berufen kann. Der Feldzug gegen die Juden wird fortgesetzt, und da sind die ausländischen Journalisten unbequeme Zeugen. Sie sollen zum Schweigen gebracht werden und damit auch das Judentum still bleibt, sind so ziemlich alle jüdischen Blätter eingestellt worden. Unter ihnen a u e h d i e „J ii d i s c li e Riindscha u“, das vornehme zionistische Organ, das gerade in der letzten Ausgabe, die das Verbot hervorgerufen haben soll, über die Vorgänge nicht ein einziges Wort enthalten hat. Was das Hitler-System gegen die Juden plant, ist die Abwürgung1 im großen. Die Idee des Generalpogroms ist einstweilen zurückgestellt, und Streicher hat darauf verzichten müssen, schon jetzt Polizeipräsident von Berlin zu werden. H e 11 d o r f trifft schließlich auch etwas, und er kündigt die Einstellung des jüdischen Zuzugs nach Berlin an; die aus den Ländern fliehenden jüdischen Familien sollen an Ort und Stelle gemartert werden. In Berlin werden schlagartige Überfälle vorbereitet, für die sich der Polizeigeneral D a 1 u ege die Nächte reserviert hat. In einer Pressebesprechung hat dieser Herr den Anteil der Juden an der Kriminalität in Deutschland als das Motiv des „Abwehrkampfes“ behandelt. Danach wären die Juden stark am Raus c h g i f th a n d e I und am Gewerbe des K a ss e n e i n b r n c li s beteiligt. Daluege erzählte: „Im Jahre 1930 waren in 210 inländischen Rauschgiftfällen 42 Juden verwickelt, also 24 Prozent, im Jahre 1934 waren es nur mehr 17 Prozent und im Jahre 1935 11 Prozent. Wenn mau den jüdischen Anteil an der deutschen Gosamtbevölkerung mit 0’76 Prozent diesen Zahlen gegenüberstellt, so sind die Schädigungen der deutschen Volksgesundlieit durch den Juden in dieser Beziehung ungeheuer. Ähnlich verhält es sieh mit den in Rausehgiftfällen verwickelten Arzte n. Im Jahre 1931 waren hieran jüdische Ärzte mit 16 Prozent beteiligt., im Jahre 1934 mit 21 Prozent, und im Jahre 1935 bisher mit 29 Prozent. Mißt man diese fahlen an dem Anteil, den die Juden an der deutschen Ge. samtbevölkenmg haben, so sieht man, wie berechtigt der deutsche Standpunkt in der Juden frage ist und daß es sich hier letzten kn des um eine Frage der Selbstverteidigung handelt.“ Demarche Englands und Amerikas? New York, 24. Juli. (Z. T. A.) Am Dienstag, den 23. Juli, abends, versammelten sich im Pennsylvania-Hotel zu New York etwa 2000 Repräsentanten der jüdischen Organisation Amerikas, um über die wiederum akut gewordene Gefahr für die Existenz der deutschen Juden und über Mittel zu deren Abwehr zu beraten. Die Konferenz war eine spontane und nahm einen außerordentlich eindrucksvollen Verlauf. Die Konferenz beschloß, eine Abordnung, bestehend aus prominenten Führern des amerikanischen Judentums der verscliiedenen Richtungen, an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Franklin R o o s e v e 11, zu entsenden und ihn zu bitten, seine Stimme zugunsten der verfolgten Juden in Deutschland zu erheben, damit dem grausamen Wüten der Judenfeinde Einhalt geboten werde. Die Konferenz beschloß ferner: Erstens, den Kongreß der Vereinigten Staaten zu ersuchen, der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland gegenüber zum Ausdruck zu bringen, daß die Amerikaner die erneute Verfolgung der Juden in Deutschland verurteilen; zweitens, die amerikanische Regierung zu bitten, Schritte hei der deutschen Regierung zu unternehmen, um diese zu veranlassen, die Juden in die ihnen geraubten Rechte wieder einzusetzen; drittens, die Regierung der Vereinigten Staaten zu bitten, Handelsverträge mit Deutschland solange nicht ahz uschließen, als die Entrechtung und die Verfolgung der Juden andauert; viertes, den Völkerbund zu ersuchen, bei fortdauernder antijüdischer Verfolgung und Entrechtung in Deutschland Sanktionen, auch wirtschaftlicher Natur, gegen D e u t s c h 1 a n d in die Wege zu leiten; fünftens, die amerikanischen Sportverbände und die zur Teilnahme an der Olympiade 1936 in Berlin auserwählten amerikanischen Sportler aufzufordern, ihre bereits zu gesagte Teilnahme an der Olympiade zurück z u z i e h e n; sechstens, die amerikanische Judenheit und das amerikanische Volk aufzufordern, den Boykott deutscher Waren und Dienste zu steigern. Zweiunddreißig Senatoren des Amerikanischen Kongresses, unter ihnen der in der amerikanischen Außenpolitik maßgebende Senator B o r a h, sandten der Konferenz Begrüßungsbotschaften, in denen sie die Unterstützung der Forderungen der Konferenz zusagten.