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Die Stimme · 1935-07-22 · Heft 468 (22.7.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 468 (22.7.1935)
Date
1935-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Prell dieser Nummer 10 g V e bi t? jüdische Zeitung Nr. 4AS | Wien. ai. Juli 19» | Hsdaktion und Administration; Wien, i„ Maro-Aurel-8traße 6. Tel.: U 22-3-91 .ledaktionssehluB Montag und Mittwoch vorm. I (at. Tamus 5695) | 8. Jahrgang Der tote Kanzler Staat und Bevölkerung werden den 25. Juli feierlichst begehen, den ersten Jahrestag des nationalsozialistischen Aufstandes, den ersten Jahrestag der Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß. Was an diesem 25. Juli sich zugetragen hat, ist bereits Geschichte geworden, steht aber dennoch frisch in der Erinnerung. Das Ende sollte das Werk krönen. Nach der monatelangen Vorbereitung mit Ammonitbomben, Böllern, Zeitungen und Flugzetteln glaubte das Dritte Reich, die Organisation sei schon weit genug gediehen, die Bevölkerung und die Exekutive seien mürbe genug gemacht, um den letzten Streich aussichtsreich zu gestalten. Es kam der Überfall auf das Rundfunkhaus, die falsche Nachricht vom Rücktritt der Regierung Dollfuß und der Neubildung durch Rintelen — und dann die Besetzung des Bundeskanzleramtes. In einem dunkeln Zimmer wurde Dollfuß abgeschlachtet .., . Die Vorgeschichte dieses Putsches und der Ablauf sind in den vielen Verhandlungen der Gerichte fast vollständig aufgeklärt worden. Es war ein sorgsam ausgearbeiteter Plan durchgeführt worden. Daß er mißlungen ist, daran trägt Berlin wahrlich keine Schuld. Dort war alles vorbedacht worden und im Vertrauen auf die Wahrheit der Berichte über die großartige nationalsozialistische Organisation in Österreich und ihre weitreichenden Beziehungen zu den regierenden Kreisen war der Befehl zum Losschlagen erteilt worden. Aber die Festigkeit des Bundespräsidenten, die Treue der Exekutive bewährten sich. Und ihnen kam das Ausland zu Hilfe. Zwei italienische Divisionen standen am Abend marschbereit im Raum von Bozen. Die österreichische Legion wurde rasch zurückgezogen... In Österreich wurde eine neue Regierung gebildet, Schuschnigg übernahm das Erbe Dollfuß. Der Anschlag dos Dritten Reiches .war abgowehrt. Von dem 30. Juni, an dem in Deutschland die persönlichen Geguer des Reichsführers, die Leute, die von früher her zu viel wußten und andere, denen man nicht ganz traute, hingerichtet worden waren, führt eine geradlinige Verbindung zu dem 25. Juli, an dem Dr. Dollfuß sterben mußte. Er ist gefallen, weil er im Wogo stand und nicht weichen wollto. Dioser mutige Mann hat, wie man heute erkennt, Europa vor einer unübersehbaren Katastropho gerottet. Er hat Österreich nou geschaffen, hat es als politische und kulturelle Individualität neu erstehen lassen und die abendländische Gosittung gegen die braune Barbarei verteidigt. Er ist sehr lange allein gestanden und die Mächte haben ihn mit alleiniger Ausnahme Italions nicht nur nicht unterstützt, sie sind ihm sogar, als er mit seinen Boschwerden vor den Völkerbund gehen wollte, in den Arm gefallen. Sio hatten sicherlich keine Sympathien für das Dritte Reich und seine Methoden, aber sio taten so, als würden sie die Friedensbeteuerungen Hitlers ernst nehmen. Das ist in Berlin als die Schwäche Europas ausgelegt worden. Dort fühlte man sich sicher und setzte die llnterhöhlung und Unterwühlung Österreichs fort, das man als willenlose Provinz behandeln wollte, während man selbst die Gleichberechtigung forderte und sogar von Recht und Ethos philosophierte. Alle Notrufe Österreichs stießen in London auf lächelnde Reserve. Und am 25. Juli lag Dollfuß tot, verblutet auf einer Ottomane. Seine Mörder standen rauchend und plaudernd um ihn herum, verweigerten dem Sterbenden ärztliche Hilfe und die Tröstungen seines Glaubens. Und am Abend fand man im Hofe seine Brieftasche ... Was wäre wohl geschehen, wenn Mussolini nicht so rasch mobil gemacht hätte! Der Einmarsch der SA. und der Legion nach Österreich war schon beschlossene Sache. Als Kompensation war in Budapest das Burgeuland, in Belgrad das Klagenfurter Becken angeboten worden. Wie Lange hätte Österreich aus seiner Kraft Widerstand leisten können? Aber es traten mehrere Momente zutage, die das Berliner Konzept zerstörten. Die vielgerühmte nationalsozialistische geheime Armee war nicht vorhanden; die Führer rissen nach Deutschland aus; Österreichs Heer, Gendarmerie und Wache erwiesen sich bis auf geringe Aufnahmen als eid- und pflichttreu. Hätte sich der Putsch durchgesetzt, so wäre der Mord hier eingezogen, wäre Österreich binnen weniger Stunden ein einziges blutiges Konzentrationslager geworden. Und die SA. wären an den Grenzen der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, Ungarns, Italiens erschienen, als Vorboten der pangermanißohen Expansion, der braunen Steppenmoral. Und was den Juden Österreichs gedroht hätte, muß nicht noch erörtert werden. Dollfuß war kein Judenfreund. Er ist aus der christlich&ozialen Partei gekommen, die programmatisch antijtidisch eingestellt war. Trotzdem hat er als Kanzler sich bemüht, das europäische Niveau zu halten« Es ist vieles vorgefallen, was sich als Zurück« drängung des Judentums, insbesondere in den freien Berufen, erkennen läßt. Der Kanzler Dollfuß hat diese Dinge abgestellt, so oft er angerufen wurde. Unbeschadet dessen aber gedenkt das ganze jüdische Volk mit Dank seiner Arbeit, die Österreich gerettet hat, seines unverdrossenen Kampfes für die Zivi« lisation, seines unbeugsamen Ausharrens auf dem gefährdetsten Posten und seines furchtbaren Todes, der der Tod des Soldaten auf dem Feld der Ehre gewesen ist. Die ganze Kulturwelt verbeugt sich an diesem Jahrestag vor seinem Grab und mit ihr das älteste Kulturvolk, das jüdische Volk. Wo wurden die Haupttreffer E der Klassenlotterie gewonnen? Bei der am 18. d. stattgefundenen Ziehung der III. Klasse der österreichischen Klassenlotterie, entfielen die drei ersten Haupttreffer im Betrage von S 50.000, S 20.000 und S 10.000 auf die vom Bank- und Wechselhaus Schelhammor & Schattera, Wien, I., Stephansplatz 11, | in vier Viertel- und 16 Achtel-Anteilen verkauften Lose Nr. 56.261, 41.073 und 49.542« I Ein besonderes Spiel des Zufalles ist es, daß bei der laufenden Lotterie die größten Haupttreffer der ersten, zweiten und dritten Klasse mit Schelhammer-Losen gewonnen wurden. Die Mission des Grafen Helldorf Der Berliner Polizeipräsident Lowetzow hat bei den Exzessen auf dem Kurfürstendamm nicht die genügende Energie gegen die Juden gezeigt. Er ist deshalb auf Befehl Hitlers von seinem Posten entfernt worden. Die Stelle ist provisorisch mit dem Grafen Helldorf besetzt worden, einem Mann, der sich zu dem System Streicher be kennt. Helldorf hat im Herbst 1931 den Sturm auf die Synagoge am Kurfürstendamm organisiert. Vor Gericht hat er jede Schuld abgeleugnet und erhielt eine milde Freiheitsstrafe. Später wurde er gelegentlich der Ermordung dos Telepathen Hanussen-Steinschneider viel genannt und verschwand für einige Zeit nach Potsdam, wo er Polizeipräsident wurde. Jetzt kehrt er als Triumphator nach Berlin zurück. Die Mission, die seiner harrt, ist in einer Konferenz festgelegt worden, über die sogar ein offizieller Bericht vorliegt. Den Vorsitz führte Goebbels; anwesend war der Staatskommissär Lippert, der vor einigen Monaten einer amerikanischen Delegation erklärt hatte, daß sich die Juden in Deutschland frei bewegen dürfen; weiters waren der General der Landespolizei D a 1 ü g o, Graf Helldorf und der Berliner SA.-Führer U h 1 a n d, der Nachfolger des ermordeten Ernst, anwesend. In dieser Zusammenk~uft „wurden die Richtlinien festgelegt, nach denen in Zukunft in planvoller Zusammenarbeit zwischen der politischen Gauleitung, Ferienfahrt der „Czernowitzer Allgemeinen Zeitung“ mit Suinraelpaß nach Polen und Cernauti utn 4. August. Rtiokfahi ton: 1. und 15. September Jochnische Durchführung, Anmeldungen uu I Auskünfte: sterr. Vorkohrsbureau, Wien, I., Friodrlchstr. 7, Tel. B 27-500 und Graben 20, Tel. U 20-0-05, Polnisohos Reisebüro „0rbi3“. Mion, I., Kt ntnarstr. 41, Tel. R 26 1-43, und Reisebüro „Marion briloko“, Wien, I,, Rotenturmstr. 26, Tel. R 21-2-86 u. R 24-2-&J SA-Führung, Polizei und Stadtverwaltung der Kampf mn die Säuberung der Hauptstadt von kommunistischen Zersetzungsversuclien, reaktionären Treibereien und bolschewistisch-jüdischen A n maß ungen weitergeführt werden soll. Die Besprechung ergab eine vollkommene Übereinstimmung, die die Gewähr bieten wird, daß auch in Zukunft der Charakter der Reichshauptstadt als einer durch die NSDAP eroberten deutsehen und natio nalsozialistischen Stadt, die des Reiches und Volkes würdig ist, in vollem Umfange erhalten bleibe. Polizei und Ver walt’ung werden es als ihre Ehren Pflicht ansehen, in einträchtigem Zu sammenwirken diesem großen Ziel zu dienen.“ Diese amtliche Mitteilung, die zwischen den Zeilen die Gründe für die Absetzung Lewet.zows darlegt, erhebt die Pogrome zu einer Ehrenpflicht für Polizei und Verwaltung, die Berlin als eine eroberte Stadt zu behandeln haben, also beiläufig so wie die belgischen Stä-dte. Demgemäß setzten auch sofort, noch am selben Tage, die Exzesse am Kurfürstendamm wieder ein, deren Einzelheiten noch nicht voll bekannt sind. Man weiß nur aus Pariser und Londoner Meldungen, daß Juden und jüdisch aussehende Passanten mißhandelt worden sind. Das ist die Einleitung für einen neuen Abschnitt in der großen Tragödie der deutschen Juden und vielleicht wird Helldorf schon in kurzer Frist dem Julius Streicher Platz machen, dem blutigen Judenschlächter, hinter dem in vollem Umfang die Autorität Hitlers stellt. Von der Verantwortlichkeit des Systems für die vergangenen und kommenden Dinge soll lieber nicht gesprochen werden. Die Leute, die Deutschland beherrsch n uni als Repräsentanten des Reiches anerkannt sind, haben kein Empfinden für Verantwortlich"* keit. Was sie Politik und Staat&führung nennen, ist das Abreagieren triebhafter Instinkte und ihre Totalität, die jetzt sich auch mit voller Wucht gegen Katholiken und Protestanten, als gegen das Christentum, wendet, ist nichts als uneingeschränkte Herrschaft über den materiellen und geisti* gen Besitz des deutschen Volkes. Von irgend einem sittlichen Gefühl sind sie frei und was sie gegen die Juden getan haben und jetzt planen, entspricht ihrer Wesensart. Dazu gehört auch, daß sie ihre Taten als Verteidigung ausgeben, natürlich dein Ausland gegenüber. Nach innen sind sie ungenierter und lassen auf keinem Gebiet dem jüdischen Bürger die Möglichkeit der Existenz. „Die deutsche Volkswirtschaft“ sagt deutlich heraus, es sei klar und leicht vor-; auszuschen, daß der Judo als Exponent des kapitalistischen System unter den neuen Verhältnissen nicht blühen und gedeihen könnte, aber er lebe weiter, es müsse darauf geachtet werden, daß er nicht neue; Wurzeln schlage und infolge der nationalsozialistischen Harmlosigkeit neuen Boden gewinne. Es sei deshalb nichts anderes als eine klare Scheidung zu fordern, wie sie sich auf anderen Gebieten bewährt habe. Klaro Scheidung — das heißt, die Juden dürfen nicht leben. Und da sie nicht freiwillig sterben wollen, so werden di* Nordischen aufgeboten, ein wenig naohzuh. 'feu. Dazu ist Helldorf berufeu worden. Eine Für unsere Leser pur.: (Neudegger Fahrschulen Wien, VIII., Neudegg«rg. 18 Tel’ B 46-5-72 :;;k ■ - dbd lnx«r*dorl (Nieder-ÖstOrreich) «laufend« Auto im Lehrtäal H

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