Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 466 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer S08 V. b. 1». JÜDISCHE ZEITUNG MYRNA LOY G€H€i(DNiäC VON STAfflBUL OPERN kino VOTIVPARK Kino Nr. 466 | Wien, 16. Juli 1935 Redaktion und Administration. Wien, i* Mere-Aurel“8triBe a. Tal.: U 22-3-91 .ledaktionsschluB Montag und wlttereeh «arm. (15. Tamus 5695) 8. Jahrgang Per Tod der Kanxlersgattin MmBHHHmmmMmaMimHHHBMmmmi Die Gattin des österreichischen Bundeskanzlers, Frau Henna Schuschnigg, ist am Samstag das Opfer eines Autounglücks geworden. Die junge blühende Frau wurde getötet, während ihr Gatte und ihr Sohn mit dem Leben davongekommen sind. Das jähe Unglück hat bei allen Menschen tiefste Bestürzung hervorgerufen. Frau Schuschnigg Ist eine edle Frau gewesen, die in ihrer Güte und Liebenswürdigkeit keine Unterschiede gekannt hat. Sie hat geholfen, wo sie es konnte; selbstlos und hilfsbereit hat sie ihren natürlichen Beruf erfüllt, Not zu lindern und T-änen zu trocknen. In tiefer Ergriffenheit trauert die gesamte Bevölkerung um diese Wohltäterin und wendet ihr Mitgefühl dem Kanzler zu, der durch einen blinden, sinnlosen Zufall die Gattin verloren hat. Das Volk hat es dankbar aufgehommen, daß der Bundeskanzler die körperlichen Folgen des Unfalls gut überstanden hat, und weiß, daß er in der Arbeit für den Staat den besten Trost In seinem Unglück findet. Mit allen anderen drückt ihm die jüdische Bevölkerung ihre 'Anteilnahme und ihr Mitgefühl aus. Sie weiß sein Leid zu ermessen und hofft auf die lindernde Wirkung der Zeit. * Das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien hat in einem Kondolenztelegramm an den Bundeskanzler das innigste Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Ebenso haben sämtliche jüdischen Gemeinden des Bundesstaates Beileidstelegramme abgesendet. Der Zionistische Landesverband in Österreich hat dem Bundeskanzler telegraphisch kondoliert. Großer Sieg des Weltverbandes der Allg. Zionisten in Ostgalizien ‘ (Telephonibericht unseres Warschauer Korrespondenten) Warschau, 15. Juli 1935. Bei den gestern in .Ostgalizien durefage- Jührten Wahlen zum XIX. Kongreß errang der Weltverband der Allgemeinen Zionisten einen sehr großen Erfolg. Es erhielten in Lemberg: Der Mann von der Teufelsinsel Sechs Millionen Pfund Ein nahmeüberschuß der Paiä stinaverwaltung Jerusalem, 12. Juli. (2. T. A.) Die Berechnungen, wonach der Einnahme Überschuß der Palästinaverwaltung bis Ende März 1935 5,250.000 Pfund betragen würde, haben sich als überholt erwiesen Infolge der anhaltenden günstigen Wirtschaflskonjunktur sind die Einnahmen der Palästinarogierung fortlaufend gestiegen Nach den neuesten Feststellungen beträgt der Verwaltungsüberschuß mehr als 6 Millionen Pfund. Der Geldumlauf in Palästina Nach offiziellen Mitteilungen hat der Geldumlauf in Palästina Ende Juni 1935 die Summe von 5,541.228 Pfund erreicht. Ende März betrug der Geldumlauf 5,326.228 Pfund. Haifa nimmt eine Antelhe von einer halben Million Pfund auf Die Stadtverwaltung von Hai f a steht in Unterhandlungen mit einem Finauzkonsortium wegen einer Anleihe von einer halben Million Pfund, die zum Ausbau und zur Modernisierung der Stadt verwendet werden soll. Auskünfte Uber Reisen nach - ■■■ _ ■ kpfalastina Hjjfek * orteilt Dr. S. Toc:k<* *r, welcher seine Bürortiumlichkeiten nach IX., Liechtensteinstraße 2, Tal. A 14-504, verlegt hat v4ly & Alfred Dreyfus zur Zeit des Prozesses Unter den Personen, die am 5. Jänner 1895 die entsetzliche Zeremonie der Degradierung des Hauptmanns Alfred Dreyfus mitansahen, befand sich der Wiener Journalist Theodor II e r z 1. Und in dem Toben der Menge, die vor dejn Gittertor der Militärschule in rasendem Geschrei „An die Laterne mit dem jüdischen. Spion!“ verlangte, reifte in Herzl der Gedanke zu seinem „Judenstaat“. * 76 Jahre alt ist Alfred Dreyfus am Freitag in Paris gestorben. Die Pariser Blätter schreiben, es sei weiteu Kreisen ganz unbekannt gewesen, daß er überhaupt, noch am Leben war. In vornehmer Zurückhaltung hat dieser Mann seine letzten Jahre verbracht und in nichts hatte er merken lassen, daß er durch mehr als zehn Jahre ungewollt den Mittelpunkt des Falles bilden mußte, der als „die A f f ä r e“ in die Geschichte eingegangen ist. Der Fall Dreyfus ist der erste sorgsam vorbereitete, planmäßig durchgeführte Angriff einer organisierten Macht auf das Juden t u m gewesen. Er vereinigt alles in sich, aus dem das ewige Schicksal des Judentums gewoben werden soll: Verleumdung, Entehrung, Bagno. Dieser erste Angriff ist mißlungen, der Märtyrer von der Teufelsinsol mußte Recht und Rang wieder zurückerhalten und das ist nur der Mühe einiger Personen zu danken, die das französische Volk zu seiner Ehre zurückführten, die der Fülle einer entfesselten Technik standhielten. Sie haben es erreicht, daß die Ration die „v o 1 l.zogene Tatsache“ des Urteils und der Einkerkerung verwarf, hud. daß schließlich nach zehn Jahren, eines leidenschaftlichen und dramatisch bewegten Kampfes die volle Rehabilitierung des jüdischen Offiziers erzwungen werden konnte. : Aber nicht auf Frankreich beschränkte sich das Für und Wider um Dreyfus. Es griff über die Grenze hinaus. Die Presse aller Länder und aller Sprachen widerhallte von dem Lärm, überall stritt niari über den Jüdischen Verräter“ und das jüdische Volk auf der ganzen Welt litt mit dem kleinen Hauptmann. In der Anklage gegen ihn, die schon im ersten Anfang mit seiner jüdischen Abkunft 'begründet wurde, hörte es die Anklage gegen sich selbst. Die weitausgespbnnene Intrige, in der sieb Militaristen, Chauvinisten, Klerikale vereinigten, um die verhaßte „Juden-Republik“ zu stürzen, richtete sich von Dreyfus ausgehend gegen das Judentum. Der ewige Haß, die ewige Verdammung... Wer kann ihr entgegentreten? Einer war da unter den Zuschauern, der in sich die Antwort auf die Frage fand. An .dem, Schicksal des Mühlhausener Juden entzündete sich Herzls Feuergeist. In der Stunde, ita/der Feldwebel Bauxin in einem Karree von 4000 Sqldaten dem Hauptmann Dreyfus die Epauletten herunterriß, ihm den Degen zerbrochen vor die Füße warf, entstand der Zionismus...' Die Affäre begann überfallsartig. Sie setzte nach dem Rezept aller Sensationsromane ein und lief nach diesen Vorschriften ab. / Im Papierkorb des deutschen Militärattaches Schwartzkoppen wollte irgend jemand —- dessen ^Namen man bis beute nicht kennt — einen Zettel gefunden haben, auf dem Reservatbefehle des französischen Genera,istabes und Notizen über ein neues Geschützmodell verzeichnet waren. Die Geheimpolizei, der der Zettel übergeben wurde, witterte eine Falle. Die Sache war zu sohön, es stand zu viel auf dem Zettel. Aber noch während der ersten Untersuchung, die noch keine Person als verdächtig ins Auge fassen konnte, erschien in dem antisemitisch - katholisch - chauvinistischen Organ Drumtnohds, der „L i b r e Parole“ (die sich später auch um die „Geheimnisse der Weisen von Zion“ bemüht hat), ein Artikel eines anonymen Verfassers, der d e n jüdischen Hauptmann im Geqe- „Weltverband der Allgemeinen Zionisten“ .... 4670 Stimmen „Arbeitendes Palästina“ . . 3000 „Weltvereinigung“ .... 1450 „Misrachi“ ...... 1190 „Judenstaatspartei“ . . . 877 3 3 Die Beteiligung war eine außergewöhnlich große. Auch die Agitation wurde überaus stürmisch betrieben. In Tarnopol und Snyatin und in einer Reihe anderer kleiner Städte wurden die Wahllokale gestürmt, wobei die Wahlen unterbrochen werden mußten. Wohl liegen aus den ostgalizischen Provinzstädten noch keine Ziffern vor, dürften sich aber ähnlich« wie die in Lemberg erreichten bewegen. In Kongreßpolen sind insgesamt 200.000 Scheckei verkauft worden. Die Wahlen finden hier am 28. Juli statt. Dr. Alfred Friedmann. r a 1 s t a b Alfred Dreyfus als deu Schuldigen bezeichnetc. Der Kriegsminister Mercier ließ noch am selben Tage durch den Obersten H e n r i, den Leiter der Gegenspiönage, den Hauptmann Dreyfus verhaften. Oberst Henri produzierte nun außer dem Briefbogen, dem so berüchtigt gewordenen Dossier, einen zerknüllten Zettel, der ebenfalls in dem Papierkorb gelegen sein sollte, der die Worte enthielt: „Cette Canaille D.“, und das war der erste Schuldbeweis gegen Dreyfus. Und mm rollte „die Affäre“ ab, in einem Orkan durcheinanderwirbelnder Skandale, immer neuer Enthüllungen, in einem wirren Durcheinander von Offizieren, Kokotten, Politikern, Spionen, Finanzagenten, in einem betäubenden Hexentanz, in dessen Zentrum der jüdische Offizier stand, mutig und uneingeschüchtert. Er hat sich keine Sekunde gebeugt. Nach der Verhaftung reicht ihm Oberst Paty einen Revolver. Dreyfus wirft ihn zornig zurück. Am 22. Dezember 1894 verurteilt ihn der Militärgerichtshof zu Degradier u n g und lebenslänglicher Deportation nach der Teufelsinsel. Am 5. Jänner 1895 wird Dreyfus degradiert, am 18. Jänner im Hafen von Ue de Re eingeschifft. Am 13. April ist er auf der Tcufelsinsel. F ii n f Jahre lebte er dort, als Sträfling unter Mördern, Apachen und Zuhältern. Er hat diese Zeit in dem Buche „Cinq an6es de ma vie“ geschildert. . * Aber inzwischen hat in Frankreich ein neuer Kampf begonnen. Dreyfus Gattin und sein Bruder M a t h i e u haben, unterstützt von dem Senatspräsidenten Sehe u r e r- K e s t n e r, neue Recherchen angestellt, die sie dem Generalstabsmajor P i c q u a r t vorlegen. Dieser, der das erste Verhör mit Dreyfus vorgenommen hatte, forscht weiter und stellt fest, daß das Dossier von einem ungarischen Abenteurer, einem Ma'or Eßzterhazy, goschrieben worden ißt, der es dem Attache Schwartzkoppen geliefert, hat. Er ist auch der Vertrauensiinmn des Obersten Henri, mit dem er durch d:'- geheimnisvolle „Dame in Schwarz- .er-