Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 464 (9.7.1935)
- Date
- 1935-07-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. JÜDISCHE ZEITUNG Das Wahlergebnis Bia zur Stunde liegt da« offizielle Ergebnis der am Donnerstag, den 4. Juli, durchgeführten Wahlen zum Kongreß nicht vor. Das bisherige Stimmenverhältniß lautet: Weltverband der Allgem. Zionisten 4.169 Juden S taatepartei ...... 2.557 Arbeitende« Palästina ..... 3.031 Radikale ......... 1.164 Miisrachi.. 878 Klub Adolf Staud ..... . 338 12.137 Das Wahlergebnis dürfte lauten: Weltverband der Allgemeinen Zionisten.3 Mandate Judenstaatspartei .2.557 Arbeitendes Palästina ... 2 Mandate Radikale mit den Stimmen des Adolf-Staud-Klubs und den Reststimmen des Arbeitenden Palästinas ...... 1 Mandat MLsrachi , . » ■ ■ « . 0 Mandate Nr* 464 | Wien, 9* Juli 1935 rtadaktion und Administration. ffisn. «arc-Aural-StraBs j Toi.: U?2-3-9t .ledaktionsschluS Montao und »ittwoeh vorm | (8 Tamus 5695) [ 8. Jahrgang An die Allgemeinen Zionisten Österreichs! Die Liste des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten hat am 4. Juli einen großen Sieg errungen, den wir der Treue unserer Anhängerschaft und der selbstlosen Mitarbeit der Bezirkssektionen, Ortsgruppen, der WIZO um* unserer braven Jugend verdanken. Der Zionistische Landesverband für Österreich dankt hiemit den Wählern für das unseren Kandidaten entgegengebrachte Vertrauen und unseren freiwilligen Helfern in der zentralen Agitationsleitung und in den einzelnen Wahlorten und -bezirken sowie der Beamtenschaft für ihre unermüdliche Arbeit. Allgemeine Zionisten! Der Wahlausgang war eine neue Mahnung für uns, unsere Organisation weiter auszubauen und noch fester zu verankern Als größte zionistische Organisation Österreichs haben wir die Pflicht, die beste zionistische Arbeit in Österreich zu leisten. Der Herbstbeginn muß für uns der Beginn verstärkter .Arbeit sein. Getragen vom Ideal des Allgemeinen Zionismus, wollen wir alle unsere Kräfte in den Dienst der zionistischen Idee stellen. Allgemeine Zionisten! Schließt die Reihen enger! Organisiert euch bei uns! Kämpft mit uns für den integralen Zionismus und die jüdische Zukunft! Wien, am 5. Juli 1935. Zionistischer Landesverband für Österreich. Dr. Berger m. p. Sabine Passing m. p. Dr. Grünbaum m. p. Besserung im Befinden Ober• rabbiners Kooks Jerustlem, o. Juli. (2. T. A.) Wie aus Jerusalem telegraphiert wird, Ist im Befinden von Oberrabbiner Kook eine Besserung eingetreten. Die über die Erkrankung von Rabbi Kook unter der Juden,heit Palästina« herrschende Besorgnis ist durch Ausgabe eines Bulletins, das eine leichte Besserung verzeichnet, etwas gemildert worden. Die Juden im künftigen Sejm Wie die Jüdische Telegraphenagentur von gut unterrichteter Seite erfährt, sind maßgebende Kreise bereit, den Juden Polens sechs Vertreter im künftigen Sejm einzuräumen. Und zwar sollen auf die Zionisten drei, a.uf die Aguda zwei Mandate entfallen; ein Mandat soll ein Vertreter jüdischer Wirtschaftskreise erhalten. Es wird jedoch zur Bedingung gemacht, daß die Juden Polens eine einheitliche Wahlliste aufstellen und ein gemeinsames Wahlkomitee schaffen. Über die Vertretung der Juden im neuen Senat wird die Version verbreitet, daß zwischen dem Drittel der Senatoren, die von der Regierung nominiert werden, sich zwei Juden befinden sollen. Es werden hierbei die Namen von Oberrabbiner Prof. Schorr und des gewesenen Senator« Bankier Raphael Szereszewski genannt. Die große Krise Europas Konnte sich jemals das Dritte Reich eine bessere Förderung seiner dunklen Absichten ■ wünschen als diese heutige chaotische Verwirrung, die England angerichtet hat? Die Einheit der Westmächte, die allein den Vormaißch der nationalsozialistischen Offensive hemmen kann, ist heute nur mehr ein Lied von gestern. Pariß und Rom stehen in bitterster Opposition gegen England; der Völkerbund ist aufs äußerste gefährdet; das englische Kabinett ändert seine Haltung innerhalb weniger Stunden und muß fortwährend Erklärungen gegen das allgemeine Mißtrauen abgeben. Die letzte Meldung aus Paris besagt: Die englische Regierung hat durch ihren Botschafter mitteilen lassen, sie werde über den Luftpakt nicht direkt mit Deutschland verhandeln, , Frankreich sei daher in der Lage, seine Zustimmung zu einem solchen Pakt solange zurüekzuhalten, bis es sich von Englands völliger Loyalität überzeugt habe. Es ist etwavöllig Neues, daß das große mächtige England, das einmal für den Schutz der kleinen Völker das Schwert gezogen hat, sich gegen den Vorwurf der Illoyalität wehren muß. Aber die Haltung, die England schon seit zwei Jahren zu dem neuen Kurs Deutschlands zeigt, hat das Vertrauen schwer erschüttert England hat jeden ernsten Schritt gegen Deutschland verhindert und es hat in dem: abes.sinischen Konflikt, iri dem die deu t- Bche Intrige offen lag, mit seiner ganzen Autorität däs Terrain der Unparteilichkeit verlassen. Englauä. wirft die Weizmann über das jüdische Palästina Tn Manchester fand anläßlich' der Einleitung einer Sammlung für den König- Georg-V. - Jubiläums wald in Palästina unter Vorsitz des Lord Mayor Alderman Samuel W o o 1 am eine Feier statt, bei der Dr. Chaim Weizmann eine Ansprache hielt. Er führte ans: Während der Regierung König Georgs wurde die Balfour-Deklaration zur Gründung des Jüdischen Nationalheims verkündet und Eiigland übernahm das Mandat. Unsere Hoffnung ist, daß während seiner Regierung dieses Werk in Palästina vollendet wird. Das Land ist klein und nicht reich an natürlichen Hilfsquellen, aber es absorbiert jetzt etwa 50.000 Einwanderer jährlich, in ihrer überwiegenden Mehrheit Juden. { Es ist kein Grund, warum die Arbeit nicht in den kommenden Jahren fortgeführt werden sollte. Immer gab es zwei Einwanderertypen: solche, die allen Neukommenden den Weg versperrten, und solche, die anderen den Weg bereiteten. Wir hatten das Glück, in den ersten Jahren unserer Arbeit in Palästina den zweiten Typ zur Verfügung zu haben. Darum ist die Einwanderung stetig fortgeschritten, darum erhöhte sich die Zahl der Möglichkeiten mit der Zahl der Ankommenden. Natürlich gibt es eine Grenze der besonderen Elastizität Palästinas, aber sie ist noch lange nicht erreicht. In den 15 Jahren seit Errichtung einer ordnungsmäßigen Verwaltung hat sich ein zivilisiertes Land mit allen Annehmlichkeiten der Zivilisation entwickelt. Palästina ist jetzt ein Land, das strotzt von Leben und Energie, mit einer modernen Landwirtschaft, einer entwickelten Industrie, einem blühenden geistigen und kulturellen Leben — ein Land, das heute auf eigenen Füßen steht und i n nicht langer Zeit seinen Platz im Rate der Völker wird einnehmen können. In den letzten zweieinhalb Jahren hatte Palästina unter anderen Einwanderern etwa 27.000 Juden aus Deutschland auf genommen. Hier hatten wir es mit einer großen Katastrophe zu tun, die sogar in den Annalen der an Katastrophen so reichen jüdischen Geschichte unübertroffen ist. Wir hatten die Aufgabe, sehr schnell, unter anderen Menschen, eine neue Klasse zu absorbieren, unter der viele waren, die weder geistig noch materiell für das besondere Leben vorbereitet waren, das einen Einwanderer in einem Lande wie Palästina erwartet. Wir haben sie absorbiert, und man kann schon jetzt sagen, daß etwa 75 Prozent dieser Neueinwanderer im Lande bleiben und der Gemeinschaft werden eingefügt w e r d en. Die übrigen 25 Prozent hätten vielleicht nie kommen sollen. Sie sind nicht geeignet. Aber diese Zahl ist im Verhältnis zu Kolonisationsproblemen in anderen Ländern nicht bemerkenswert. Zweifache Arbeit ist in Palästina zu leisten: Rückkauf und Bergung. Sinnlos ist es, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, daß bei dieser rapiden Einwanderung Palästina seine Gefahren und seine Probleme hat. Aber uns bleibt keine Wahl. Wir müssen darauf sehen, daß diese aus ihren normalen Lebensverhältnissen herausgeworfenen Menschen absorbiert werden, damit sie nicht umkommen. Wir können nicht an den Toren Palästinas stehen und sagen: „Du darfst herein“ und: „Du darfst nicht herein“. Wir müssen die Tore jedem Juden offen halten, derheroin will, ob er nun als Zionist kommt oder als Einwanderer; wir hoffen und vertrauen, daß der von uns aufgebauten Gemeinde genug moralische Kraft innewohnt, um selbst jene sich einzugliedern, die nicht von imserm hohen Ideal beseelt gekommen sind. Frage des Völkerbundes auf und hat damit fast schon die Katastrophe für diese internationale Stätte der Diskussion heraufbeschworen. Es hatte sich den Deutschen darum gehandelt, Italiens Aufmerksamkeit von Mitteleuropa abzulenken und dem Duce, der aus Gründen des italienischen Lebensinteresses die U nabhängigkeit Österreichs mit allen Mitteln schützt, Schwierigkeiten in Afrika zu schaffen, die Italien» militärische und finanzielle Kräfte im vollsten Umfang in Anspruch nehmen Diese Absicht der Hitler-Diplomatie wurde in Italien bemerkt, und die Consulta suchte in Paris und London Unterstützung. In diese Verhandlungen stürzte plötzlich das deutsch-englische Flottenabkommen; die Erregung der französischen Öffentlichkeit zwang die Regierung zu entschiedenen Verwahrungen, und es tauchte sofort der Verdacht geheimer Abmachungen zwischen London und Berlin auf. England mußte Kommentare abgeben und den Minister Eden nach Frankreich und Italien' schicken. Seine Mission war ein Fehlschlagy und auch die Versuche, Frankreich auf die englische Seite zu bringen, scheiterten. Nun findet England, daß der Völkerbund angerufen werden muß, was an sieh richtig ist. Aber die französische und italienische Presse hat sofort die Zweideutigkeit dieses ganzen Spieles vor die Öffentlichkeit, gezerrt. Weshalb wurde der Völkerbund nicht gegen Japan in Bewegung gesetzt? Weshalb hat England nicht den Völkerbund gegen das Gemetzel im Gran Chaco mobilisiert? Und da kam mit einemmal zutage, daß schon vor zehn Jahren ein geheimes italienisch-englisches Abessinien-Abkommen abgeschlossen worden ist, das jetzt von England schnöde zurückgestellt wurde. Es ergab sich also, daß die Völkerbundidee von England nur soweit beachtet wird, als dies im englischen Interesse liegt und daß ansonsten jeder, auch England, mit dem Völkerbund umspringt, wie er nur will. Als Deutschland den vom Völkerbund garantierten Frieden gebrochen hat, war England die erste Macht, die sich vor der vollzogenen Tatsache verbeugte. Als Österreich gegen die deutschen Brutalitäten und den Bestand der Legion einen Schritt beim Völkerbund ankündigte, winkte England rasch ab. England hat verhindert, daß der Völkerbund Mittel für die Flüchtlinge aus Deutschland zur Verfügung stellte, England hat ein Einschreiten des Völkerbundes in der Saar nicht zugelassen und auf englisches Betreiben ist die Völkerbundverhandlung über die Danziger Beschwerden auf die lange Bank geschoben worden. In dieses Kapitel England und Völkerbund gehört auch die Art der Ausübung des P a 1 ä s t i n a M a n d a t e s. Der Auftrag an England, um den ßich ja seiner Zeit England selbst beworben hat, ging dahin, alles Notwendige für die Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte zu unternehmen. Für niemanden, der geradlinig denkt, konnte ein Zweifel an dem