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Die Stimme · 1935-04-12 · Heft 442 (12.4.1935) · page 1

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 442 (12.4.1935)
Date
1935-04-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. b. b. PreU Meter Nummer SO g Freitag-Ausgabe Sh\>V* n.\": Nf» 442 | JÜDISCHE ZEITUNG Wien, 1 z. April 1935 Redaktion und Admimatration: Wien, u, Mare-Aurtl-SlraBe 6. Tel.: U 22-3-91. .ledaktionaachluB Montag und Mittwoch vorm. I DER WEfl HACH EREZ ISRAEL führt über die PALÄSTINA-EILLINIE des LLOYD TRIESTINO T RIE S T—J AFFA—HAIFA nur S 250*- in der ausgezeichneten Touristenklasse in zwei- oder vierbettigen Außenkabinen mit reichlicher und schmadhafter Verpflegung (vier Mahlzeiten täglich) Die großen Schiffe .OALILEA', .GERUSALEMME1, .PALESTINA' Ü'e 12.500 Tonnen Deplacement) Verkehren sechsmal monatlich nach Palästina, außerdem dichter Verkehr via Ägypten und via Athen- Istanbul. Gelegenheit zu herrlichen Rundfahrten im Mittelmeer Für Reisegesellschaften Sonderpreise Lloyd Triestino, Wien, I., Kärntnerring 6. Tel. U 47-5-60 (9. Nissan 5695) | 8. Jahrgang Der Papst gegen die Ritualmordlüge Rom, 10. April. Vergangenen Freitag empfing der Papst den bekannten jüdisch-englischen Historiker Dr. Cecil R o t h in Privataudienz. Dr. Roth überreichte dem Papst ein Exemplar seines Buches: „Die Ritualmordläge und die Jude n.“ Das Buch enthält den vollständigen Text des Berichtes, den seinerzeit Kardinal Ga n g a n e 11 i, der spätere Papst Clemens XIV., über päpstlichen Auftrag verfaßt hatte, wobei er den strikten Nachweis geführt hatte, daß die Ritualmordbeschuldigung gegen die Juden eine böswillige Verleumdung Ist. Der Papst nahm das ihm von Dr. Roth übergebene Buch entgegen und versicherte, daß er ebenso wie seine Vorgänger ppftan die Ritualmordlüge auftreten werde und den Juden seinen Schutz angedeihen lassen wone. Am Schlüsse der Audienz entließ der Papst Dr. Roth, mit seinem Segen. Allwöchentliche Fahrten nach DalScfin*1 m't ^en Luxu^schiffen der italienischen Linien, billigste Preise. Günstige Arrangements. Auskunft und Anmeldungen: Reisebüro Central, Direktor Otto Herman, Wien, I., Stubenring 2, Tel. R 27-2-22, gegenüber dem Kriegsministerium Sally Epstein ermordet ’ Die Justizpressestelle Berlin teilt unter dem 10. April mit: „Heute früh sind im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee Sally Epstein und Hans Ziegler h i n g e r i c ht e t worden, die vom Schwurgericht in Berlin als Mittäter bei der Ermordung des SA-Sturmfilhrers Horst Wessel zum Tode verurteilt worden sind. Da sich das Verbrechen einwandfrei als ein aus politischem Haß verübter, sorgfältig vorbereiteter und durchgeführter planmäßiger Mord darstellt, hat der Reichskanzler von seinem Begnadigungsrechte keinen Gebrauch gemacht.“ Das SchiOksal Epsteins, der von Beruf Maler gewesen ist, ist besonders tragisch. Seime Beziehungen zium Wessel- Mord gingen nur so weit, daß er, als Wessels Hauswirtin in ein benachbartes Wirtshaus ging, um sich Hilfe gegen den sie bedrohenden Wessel zu holen, aus reiner Schaulust mitging und vor dem Hause zugleich mit anderen Zuschauern promenierte. Mehr konnte man ihm in dem vor wenigen Monaten stattgefundenen Prozeß auch nicht naohweisen. Der erste Prozeß gegen die Mörder Horst Wessels hat noch unter dem Weimarer Regime stattgefunden. Er wurde als ein Prozeß i n d e r Zuhälter- Sphäre ohne jeden politischen Hintergrund geführt. Zwei Mörder Wessels, die ihrem Opfer gram waren, weiil er ihnen ein Straßenmädchen abspenstig gemacht hatte (Horst Wessels Braut war, wie sie selbst im ersten Prozeß vor den Richtern erklärte, ein Straßenmädchen), wurden damals wegen Totschlages zu mehrjährigem Zuchthaus verurteilt. Als dann Hitler ans Ruder kam und Horst Wessel unter der Einwirkung der Goebbels oben Propaganda ziuim Natdonalhelden emporgehoben wurde, wurden Sally Epstein und noch einige Leute als angebliche Mitschuldige am Wessel-Mord verhaftet und später zum Tode verurteilt. Sally Epstein ist nicht das einzige jüdische Opfer zum Andenken an Horst Wessel, der bekanntlich das Marsohlied „W enn’s Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's noch mal so gut“ verfaßt hat. Im ersten Wessel- Prozeß hatte nämlich auch eine jüdische Sozialfürsorgerin, Fräulein J a c o b y, sich als Zeugin ungünstig über die Horst Wessel-Sphäre geäußert. Als die Nationalsozialisten zur Macht kamen, flüdhteteFirüulein Jacoby aus Furcht vor deren Rache zu ihren Eltern nach Breslau. Doch das Schicksal erreichte sie auch dort; sie wurde von Nationalsozialisten auf der Straße überfallen, verschleppt und grausam ermordet. Von Danzig nach Stresa In das {tonische Pulver ist etwas Daniaiger Gold wasser bineinge raten. Die Blubo-Leute halben falsch gerechnet. Berlin hatte alles zur Verfügung gestellt: Geld, Agitatoren, Minis terredner, Wahlkünstler und Separatzüge für 8000 gratis beförderte Aus lande Wähler. Und der Erfolg aller Mühe ist 139.000. : 100.000. Die mystischen Welterlöser haben mit . allen Künsten 30.000 Stimmen an sich gezogen und auf der Gegenseite etwa ebensoviele zur Abstinenz gezwungen. Denn auf dem Lande war die Stimmenabgabe öffentlich, und da zogen es 30.000 Wähler vor, keine nähere Bekanntschaft mit Klopfpeitschen und Gummiknütteln zu machen. Immerhin haben die Rechner in Rosenbergs Berliner Amt enthüllt, daß der Nationalsozialismus heute in Danzig nur mit Gewalt die Mehrheit hält. Das ist eine sehr bedeutsame Lehre. Denn Danzig ist ein wunder Punkt in dem europäischen Nachkrdegssystem. Die Freie Stadt Danzig untersteht dem Völkerbund und es wäre wohl sehr bald zu dem offenen Konflikt gekommen, den Berlin inbrünstig wünschte, falls die Gleichschaltung im vollen Ausmaß gelungen wäre. Gegenstand dieses Konfliktfalles wären die Juden gewesen, was die erstaunlichen Enthüllungen des abgesetzten und geflüchteten Senatspräsidenten Raaischning erweisen. Am Tage vor der Wahl hat er sämtlichen Zeitungen Danzdgs einen offenen Brief gesendet, in dem er sich gegen die Vorwürfe des Gauleiters Förster und gegen Anschuldigungen Streichers verteidigt, er habe Danzig an die Juden verraten. Er beteuert, er habe lediglich den Vertrag mit dem Völkerbund eingehalten, der eine Diskriminierung aus Gründen der Rasse und Sprache nicht gestattet, und er habe auf Antrag des Polizeipräsidenten einige Hetznummern des „Stürmer“ beschlagnahmt, die sogar diesem Beamten bedenklich erschienen. Rausehning hat sich an den Vertrag gehalten und mußte deshalb fallen. Er ist nach Polen geflüchtet. Hoffentlich wird ihn die polnische Regierung vor der Ferne schützen können. Hunderttausend Wähler haben in Danzig durch ihr Votum ausgedrückt, daß sie nicht an Deutschland angesohlossen zu werden wünschen. Diese in Ziffern sich ausdrückende Kundgebung ist einer der wichtigsten politischen Akte der Zeit. Er erfolgt in dem Augenblick, da die Führer der großen europäischen Nationen in der heftigsten Bewegung sind, um ihre Völker vor der vom Dritten Reich her drohenden Kriegsgefahr zu retten. Sie haben sich darin überboten, den Friedensschwüreu, die ihnen aus Berlin zu jeder beliebigen Stunde geliefert wurden, zu trauen* und eie sind, jetzt, nachdem Hitler in siebenstündiger Rede die beiden englischen Minister in 'Grund und Boden gedonnert hatte, erschrocken. Es hätte dieser akustischen Nervenprobe nicht bedurft,. da ja wenige Tage vorher die Proklamierung der allgemeinen Wehrpflicht erfolgt war, der vorläufige Sohlußpunkt einer Reihe von Tatsachen, die der Erringung der sogenannten Gleichberechtigung via facti galten und die sich nur dank der Passivität der Völkerbundstaaten so weit entwickeln konnte. Deutschland hat aber neben dieser Prozedur auch eine umfassende Weltagitation eingeleitet, die in den Kolonialgebieten Frankreichs und Englands zum Aufstand schürt und in Abessinien das Kriegsfeuer unterhält. Das schafft wieder große Gefahrenherde und es ist nicht ver wunderlich, daß die Mächte den Eindruck einer ratlosen, schwankenden Gesellschaft machen, in der nur Mussolini Festigkeit zeigt. Der Ausfall der Wahlen in Danzig bringt aber in diese Verwirrung ein neues Moment. Die Gloriole der Unbesiegbarkeit ist weg, das Prinzip der Totalität an einem wichtigen Punkt erledigt. Das ist eine reale Tatsache, die auch in Stresa wirken muß. Noch mehr aber drückt der Abschiedsbrief Rauschnings auf die Lage des Dritten Reiches und ihn ergänzt Ludenidorffs Geburtstagsrede, in der er sich als Antichrist erklärt. Das hat den Deutschen gerade noch gefehlt, daß sie während der Beratungen und Verhandlungen die Person in den Vordergrund schieben, der kein Franzoise die Hölle von Verdun, die Verwüstung der Kathedrale von Reims, die Verwüstungen in der Siegfried- und Hindenburg-Linie, die Deportierung der belgischen Frauen und Kinder vergessen kann. Und für die katholische Kirche ist Ludendorffs Einführung ein neuer Faustschlag. In Danzig hat der Abstieg begonnen; man findet in Stresa eine neue Situation vor. An unsere Leser! Wegen der jüdischen und christlichen Feiertage wird die „Stimme“ am Freitag, den 12. d., am Mittwoch, den 17. d., und am Freitag, den 26. d., erscheinen. Die Ausgabe vom 16. d. wird demnach um einen Tag verlegt, die Ausgabe vom 23. d. muß entfallen. VII., KAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSERSTRASSE~g Kastem hält die Herzl-Rede in Wien Der Vortrag Kasteins „Der Geist der jüdischen Wirklichkeit“ ist ausverkauft und tausende Personen konnten keine Karten erhalten. Dieser noch nie dagewesene Erfolg, den die Vorträge Kasteins in Wien erzielen, hat das Zionistische Landeskomitee veranlaßt, Herrn Dr. Kastein zu bitten, seine Abreise nach Palästina zu verschieben und noch einen Vortrag in Wien zu halten. Herr Dr. Kastein hat in liebenswürdiger Weise zugesagt. Dieser allerletzte Vortrag wird im Rahmen der vom Zionistischen Landesverband anläßlich der 75. Wiederkehr des Geburtstages Theodor Herzls veranstalteten Feier im Großen Musikvereinssaal am 2. Mai 1935 stattfinden. Der Kartenverkauf beginnt am 15. April. Zu diesem Vortrag liegen bereits Hunderte von Anmeldungen auf Karten vor. Französische Regierung gegen »Umsturzpropaganda* Paris, 8. April. (2. T. A.) Das Innenministerium hat eine Verordnung gegen „u m s t ii r z 1 e r i s c h e Propaganda“ erlassen, die in erster Reihe dazu bestimmt ist, eine Wiederholung der jüngsten Ausschreitungen in Französisch- Nordafrika, die zum Teil antisemitischen Charakter trugen, zu verhindern. Für derartige Propaganda ist in der Verordnung Gefängnis von zwei Jahren, verbunden mit schweren Geldstrafen, vorgesehen; ist der Schuldige Stuatsangestellter, so wird er mit vierjährigem Gefängnis und fünf- bis zehnjähriger Ämterunfähigkeit bestraft. ACHTUNG HAUSBESITZER! Eure HSuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite kulantest nur durch das behördlich konzessioniert« Realitäten. Hwi»o>eken- und Verwaltungsbiiro R. TAUBMANN Tel. A 48-9-22 Sensal Wien, II., Nordpolstraße 2/3 s oezialverkelir nach Palästina <HltertraiH,'crfel Uftvan», UbprrHI ngen Urmarn, Rink & Co. Wien I, Kurrentg. 12 Tel. U 22254

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