Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 434 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 20 g V. b. b. Freitag-Ausgabe JÜDISCHE ZEITUNG Die großen, vorzüglichen Salonschiffe Galilea“, „Palestina“ und ..Gerusalemme“ der direkten Eillinie TRIEST - JAFFA des LLOYD TRIESTINO verkehren Jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag / rahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß zirka ö. S 258‘— / Auskünfte: Lloyd Triestino, I., Kärntnerring 6 Nr« 434 | Wien» IS« März 193S | Redaktion und Administration: Wien, i., Maro-Aurol-StraB« 6. Tel.: U 22-3-91. .ledaktioneechluß Montag und Mittwoch vorm. | (10. Adar 11 5695) | 8. Jahrgang Die Verdrängung der jüdischen Ärzte aus den Spitalern und Krankenkassen llilllllilllllllllllllllllllllllllilllilllllllllllllllllllllllllllllllilllll Wie der Wiener „JTA.“-Vertreter meldet, sind am 1. März von der Arbeiter-Krankenversicherungskasse in Wien neuerlich 17 jüdische Ärzte gekündigt worden. Über Intervention der Vereinigung jüdischer Ärzte wurde die Zurücknahme einiger Kündigungen zugesagt. Es schweben aber noch alle gekündigten Ärzte in der Gefahr, ihre Stellungen zu verlieren. Aus Ärztekreisen gehen überdies dem Wiener „JTA.“-Vertreter folgende Mitteilungen zu: „In den Erklärungen, die der Bundeskanzler der „JTA.“ in London gegeben bat, wird die zweifellos antijüdische Ärztepolitik in Österreich so dargestellt, als ob bloß eine Anzahl jüdischer- Ärzte, die während der Herrschaft der sozialdemokratischen Partei im Wiener Rathaus sich dieser angeschlossen und politisch aktiv betätigt haben, von der neuen Rathausverwaltung aus ihren Stellen entlassen worden wären. Tatsächlich jedoch hat nicht die Gemeinde Wien, wo die Sozialdemokraten früher geherrscht hatten, mit der Eliminierung der jüdischen Ärzte begonnen, sondern die in staatlicher Verwaltung stehenden F ondsspitäler und Krankenanstalten. In diesen Institutionen wurden seit April 1933 jüdische Aspiranten nicht mehr zu Sekundarärzten, jüdische Sekundarärzte nicht zu Assistenten ernannt und die ablaufenden Verträge jüdischer Hilfsärzte nicht mehr erneuert. Auf diese Weise ist es dahin gekommen, daß mit dem 30. Juni 1935 der letzte jüdische Sekundararzt das Allgemeine Krankenhaus verläßt und daß schon zwei Mon,ate vorher der letzte jüdische Sekundararzt das sogenannte Wiedner Krankenhaus verlassen haben wird. Jüdische Ärzte müssen ihre Ausbildungspraxis in den staatlichen Spitälern vorzeitig abbrechen, weil ihre Verträge nicht mehr erneuert werden. Jüdische Jungärzte werden nicht einmal als Aspiranten eingetragen, sie dürfen bloß hospitieren, wie Ausländer. Daß diese Ärztepolitik der Krankenanstalten auf keine andere Ursache zurückzuführen ist als auf die antijüdische Einstellung, geht daraus hervor, daß bereite über 40 systemisierte Hilfsärztestellen vorläufig unbesetzt sind, weil sich zu wenige Arier melden, während man die sich anbietenden jüdischen Doktoren zurückweist. In den fast zwei Jahren seit April 1933 sind in den staatlichen Anstalten nur etwa zwei jüdische Ärzte zugelassen worden, wo es eich um ganz besondere Protektionefälle handelte. Daß die neue Verwaltung der Stadt Wien, an deren Spitze ein bekannter katholischer Politiker steht, der aus seiner antijüdischen Einstellung niemals ein Hehl gemacht hat, bald nach der Übernahme der städtischen Agenden eine Massenkündigung jüdischer Ärzte vorgenommen hat, ist bekannt. Auf zahlreiche Beschwerden jüdischer Repräsentanten wurden bis jetzt von den 57 gekündigten Ärzten etwa zehn wiederangestellt. Zahlreiche jüdische Ärzte, die gekündigt wurden, sind ehemalige Frontoffiziere und Inhaber von Kriegsauszeichnungen. Im städtischen Krankenhaus wurden überdies die jüdischen Jungärzte, die dort schon vor dem Februar 1934 tätig waren, nach der Übernahme der Stadtverwaltung durch die neuen Faktoren von der Anwärterliste gestrichen. Es wurde ihnen, ebenso wie ihren Glaubensgenossen in den staatlichen Krankenanstalten, unmöglich gemacht, ihre Ausbildungspraxis fortzusetzen. An dieser prinzipiellen Nichtzulassung jüdischer Hilfsävzte zu den systemisierten Stellen hat sich auch jetzt — trotz zahlreicher Beschwerden von jüdischer Seite —■ nichts geändert. Die antijüdische Ärztepolitik im städtischen Spital findet ihre Fortsetzung in der Nichterneuerung des Vertrages mit dem jüdischen Leiter des Strahleninstitutes. Dieser, ein Fachmann von internationalem Ruf, ehemaliger Frontoffizier mit Kriegsauszeichnungen, wurde seinerzeit eigens aus Paris berufen, um das Radiuminstitut des Lainzer Spitals einzurichten und zu leiten. Auch dem einzigen jüdischen Magister in der städtischen Spitalsverwaltung ist gekündigt worden.“ * Zu diesem Bericht der „JTA.“ wäre zu bemerken, daß .er nach unseren Informationen durchaus auf Richtigkeit 'beruht. Die Eliminierung der jüdischen Ärzte aus den unter staatlicher Verwaltung stehenden Fondsspitälern hat tatsächlich schon lange vor dem Februar ums turz 1934 begonnen und hat mit dem Systemwechsel in, Österreich nichts zu tun. Die jungen jüdischen Ärzte haben in Österreich kaum mehr eine Möglichkeit zur fachlichen Ausbildung, was die Wiener Kulfcusgenternde veranlaßt, bat, in dem Wiener jüdischen Gemeindespdtal einer beschränkten Anzahl junger Ärzte diese, Auebildungsinöglichkeit zu geben. Alle Proteste von jüdischer Seite gegen die&e systematische Verdrängung der Juden aus den öffentlichen Spitälern waren vollständig ergebnislos. Es ist unbestritten, daß es heute fast gar keinen Juden mehr im Staatsdienst gibt, zumal seit Jahreu keine Neuaufnahmen stattgefunden haben. Nichtsdestoweniger sind die Wiener jüdischen Ärzte, diie bisher in den öffentlichen Krankenhäusern bescheidene Stellungen innehatten, den maßgebenden Personen ein Dorn im Auge. Die jüdische Bürgerschaft fragt sich mit großem Befremden, welcher Wert den ständig eich wiederholenden Versicherungen über die Gleichberechtig u n g der jüdischen Bundesbürger und die Achtung ihrer Minderheitsrechte beizumessen ist, wenn ein jüdischer Arzt in einem öffentlichen Spital nicht einmal mehr als Hilfsarzt Unterkommen kann. Nicht um ein Haa,r besser sind die Verhältnisse im J u b i 1 ä u m s s p i t a 1 der Gemeinde Wien (Lainzer Spital), wie in dem Bericht des „JTA“-Vertreters richtig ausgeführt wird. Es wird einmal notwendig sein, die Frage zu prüfen, wieviel Juden es in den städtischen Diensten gibt. Die Gemeinde Wien beschäftigt mehr als 50.000 Beamte, Angestellte und Arbeiter. Entsprechend der Zahl der jüdischen Bevölkerung — ganz zu schweigen von ihrer Steuerleistung — müßten' also etwa 5000 Juden in den städtischen Diensten stehen. Wir verfügen nicht über das notwendige statistische Material, wir wagen aber ruhig’ die Behauptung, daß sich unter d e n 50.000 städtischen Dienstnehmern kaum zwei- bis d r e i h u nd e r t Juden befunden haben. Nichtsdestoweniger ist eine große Zahl jüdischer Angestellter und insbesondere jüdischer Ärzte aus dem Gemeindedieust ent.la.ssen worden. Durch diese Kündigungen ist eine große Anzahl von kleinen Existenzen vernichtet worden. So gab es auf den Schulzahnkliniken unter 60 weiblichen Hilfskräften bloß drei jüdische. Selbst vor diesen drei armen Frauen macht die „Reinigungsarbeit“ des Oberstadtphysikus Dr. Gogenbauer nicht halt. Keine einzige Gehilfin wurde von ihm gekündigt, nur diese drei. Wir hören immer wieder, daß die alten Frontkämpfer in öffentlichen Diensten geschützt werden müssen. B e i den Massenkündigungen der jüdischen Angestellten hat man sich nicht einmal die Mühe genommen, zu untersuchen, ob sie Frontkämpfer waren. London, 12. März. (2. T. A.) Der Berliner Korrespondent der Londoner „Times“ sendet seinem Blatte einen Bericht über die Lage der Juden in Deutschland, der in England sensationell wirkt. Die wirtschaftliche Gleichheit der Juden in Deutschland, stellt der „Times“-Korrespondemt. fest, wird zwar in der Theorie seitens gewisser zentraler Staatsorgane anerkannt, keineswegs aber in der Praxis geübt. In den letzten Wochen sei eine vertrauliche Order der geheimen Staatspolizei in Umlauf gebracht worden, wonach Propaganda für ein Verbleiben der Juden aufs schärfste unterbunden werden sollte. Jüdische Versammlungen, in denen für ein Verbleiben in Deutschland Propaganda gemacht werden sollte, wurden verboten oder nach Eröffnung aufgelöst, wobei sogar eine Reihe Ve r ha f t u n- Das Recht auf jüdische Arbeit in jüdischen Betrieben anerkannt Jerusalem, 13. März. (2. T. A.) Der High Commissioner Sir Arthur Waucope empfing eine von Herrn Ostrowsky geführte Abordnung des Verbandes nationaler jüdischer Landwirte, die ihm die Wünsche und Beschwerden der jüdischen Bauernschaft im Zusammenhang mit den Folgen des Arbeitermangels in Palästina vortrug. Der High Commissioner nahm die Zahl der angeforderten landwirtschaftlichen Arbeiter zur Kenntnis und versprach, er werde einen Teil der Zertifikate aus der nächsten Schedule ausschließlich für landwirtschaftliche Arbeiter bestimmen. Den Grundsatz, daß in jüdischen Unternehmungen jüdische Es scheint, claß die führendem Persönlichkeiten in Österreich üiber die wahren Verhältnisse von den untergeordneten Organen nicht wahrheitsgemäß informiert werden, oder claß ihre Weisungen von Personen durchkreuzt werden, deren Ansichten über bürgerliche Gleichberechtigung sich mehr mit nationalsozialistischen Anschauungen als mit denen der leitenden österreichischen Staatsmänner decken. Sonst könnte man nicht von maßgebenden Regierungsstellen immer wieder die Behauptung hören, daß in Österreich niemand wegen seines Religionsbekenntnisses zurückgesetzt wird. Dieser schleichende Antisemitismus, der immer wieder abgeleugnet' wird, aber trotzdem aus den verschiedensten Verstecken immer wieder hervorbricht, ist nicht weniger gefährlich als eine offen zur Schau getragene und in aller ■ Öffentlichkeit betätigte antisemitische Gesinnung. | g e n vorgenommen wurde. In einer Stadt Siidcleutsohlands wurde eine Versammlung nur deshalb aufgelöst, weil einer der Redner davon sprach, daß doch nicht alle deutschen Juden nach Palästina auswandern können, sondern daß ein Rest in Deutschland werde bleiben müssen. Eine zweite Order der geheimen Staatspolizei zielt darauf hinaus, daß gegen jene Jugend- und andere Organisationen, die von der jüdischen Gemeinschaft die Aufgabe der Führung der Berufs- Umschichtung, der Ausbildung junger Juden zu Landwirten und Handwerkern, übernommen haben, vorgegangen werde. Gemäß diesen neuen Anweisungen der Behörden soll die Vorbereitung geeigneter Emigranten für Palästina nicht gestört, jedoch jede Ausbildung, die dieses Ziel nicht zweifellos klar erkennen läßt, gestört werden. Arbeiter beschäftigt werden sollen, erkannte der High Commissioner als gerecht an. Eine neue Zwei-Millionen-Pfundanleihe der Palästina-Resierung? Jerusalem, 13. März. (2. T. A.) Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, beabsichtigt die Palästina-Regierung eine neue Anleihe von zwei Millionen Pfund aufzunehmen. Die Anleihe soll zum Teil in London, zum Teil in Palästina untergebracht werden. Über die Verwendungsart der geplanten Anleihe sind vorläufig noch keine Informationen zu erlangen. Die Zeichnungsformulare werden in Palästina vorbereitet. ACHTUNG HAUSBESITZER! Eure Häuserverwaltungen, Geldbeschaffungen und Reparaturkredite kulantest nur durch das behördlich konzessionierte Realitäten-, Hypotheken- und Verwaltungsbttro Tel. A <i8-9-22 Sensal l^e T JÄlVP EtN Wien, II., Nordpolstraße 2/3 „Times" über die neue Judenverfolgung in Deutschland Meinl Xaffee /