Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 433 (12.3.1935)
- Date
- 1935-03-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis «tteser Nummer 20 g v. b. b. Dienstag-Ausgabe JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 433 j Wien, 12. März 1935 I Redaktion und Administration: Wien, in Mirc-Aurel-StrsBs 6. Tel.: U 22-3-91. .TedaktionssehluB Montag und Mittwoch vorm. Oie großen, vorzüglichen Salonschiffe „Galllea“, „Palcntlnn“ und „(jeraasleinme11 der direkten Eillinie ÜÜI mp::' iür * »1 Üls iliSi TRIEST - JAFFA des LLOYD TRIESTINO verkehren Jeden Mittwoch und Jeden zweiten Freitag / Fahrpreis n> der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß zirka 6. S 268'— / Auskünfte: Lloyd Trtestino, I., Kärntnerring 6. (7. Adar 11 5*95) | 8. Jahrgang Ignoranz und Geheimbündelet 1150 Vorschuß-Zertifikate für 1935 Jerusalem, 10. März. (2. T. A.) Die Regierung hat der Jewish Agency 1000 Zertifikate als Vorschuß auf die kommende Schedule und weitere 150 aus den von der Regierung hei Ausgabe der laufenden Schedule zu ihrer Disposition zurückbehaltenen Zertifikaten übergeben. Mit diesen 150 Zertifikaten wurde die laufende Schedule von 7500 auf 7650 erhöht. Ein jüdischer Vizebürgermeister in Haifa Jerusalem, 10. März. (2. T. A.) Zum Vizebüiigermeaster von Haifa wurde 'der jüdische Stadtverordnete S c h a b a-!ta i L e v i ernannt. IJifewYersey bestraft nationalsozialistische Propaganda New York, 7. März. (2. T. A.) Der Staat New Jersey bat ein Gesetz angenommen, wonach antisemitische Nazi- Propaganda bis zu drei Jahren Gefängnis oder 5000 Dollar Geldstrafe, eventuell auch beides, geahndet werden kann. Danziger Senat erkennt Beschwerde der jüdischen Gemeinde an Danzig, 7. März. (2. T. A.) Wie das „Danziger Gemeindeblatt“ mitteilt, hat der Senat der Stadt Danzig auf eine Beschwerde des Vorstandes der Synagogengemeinde in Danzig wegen der Boykottaufforderung gegenüber Jüdischen Geschäften der Gemeinde eine Antwort erteilt, in der die der Beschwerde zugrunde liegenden Tatsachen zugegeben werden und Abhilfe versprochen wird. Der Senat drückt sein Bedauern über diese Vorfälle aus. Inzwischen hat sich der Gemeindevorstand erneut genötigt gesehen, beim Senat Beschwerde über die Verteilung von gedruckten Boykottaufforderungen in Danziger Schulen und über Boykottaufreizungen durch einen Beamten innerhalb seiner Diensttätigkeit zu erheben. * Der Terror in Danzig vor dem Völkerbundsrat Genf, 8. März. (2. T A.) Wie die „JTA“ erfährt, erhielt der Generalsekretär des Völkerbundes dieser Tage einen längeren Bericht des Völkerbundkommissars der Freistadt Danzig, Herrn Lester, über die politische Lage und den zunehmenden nationalsozialistischen Terror im Gebiete der Freistadt. Dieser Bericht, dessen Inhalt geheimgebalten wird, wurde vom Generalsekretär den Mitgliedern des iVölkerbundrates zur Kenntnis gebracht. Seine offizielle Veröffentlichung wird wahrscheinlich nicht vor der Maitagung des Völkerbuadtite« ettolgen, Die „Wiener Neuesten Nachrichten“ sind sicherlich auf dem Gebiet der Geheimbünde und der Tarnungen Sachverständige. Die nationalsozialistische Tätigkeit vollzieht sich in Österreich im Geheimen und die „Wiener Neuesten Nachrichten“ sind darüber sehr genau unterrichtet. Aber sie suchen die Geheimbünde bei den Juden, wo sie nicht vorhanden sind, und beschäftigen sich mit dem „Unabhängigen Orden Bnai B'rith“, den sie — in Verbindung mit der Freimaurerei — als . einen rein jüdischen geheimen Weltbund bezeichnen. Das ist er nicht und seine Ziele, sein Tun liegen vor jedermann offen da, wenngleich, worüber sich die „Wiener Neuesten“ ärgern, arische Freimaurer keinen Zutritt haben. Der Orden trifft eine strenge Auslese unter denen, die ihm beitreten wollen; er verlangt Unbescholtenheit, eine gewisse soziale Stellung und Verständnis für jüdische,, Fragen. Seine innere Organisation, die Formen seiner Zusammenkünfte sind autonomstes Recht des Verbandes und gehen keinem Außenstehenden etwas an. Das ist auch in arischen Vereinigungen nicht anders. Daß die Verbände des einen Landes mit denen anderer Länder in Verbindung stehen, ist gleichfalls nichts Geheimes und es ist auch nichts Auffallendes, daß irgend ein Verband als Vorort fungiert. Das ist. auch so wie bei der deutschen Sängerschaft, bei der deutschen Turnerschaft, beim Deutschen Alpenverein usw. Natürlich besteht keine Verbindung zur Freimauerei, und es ist aufgelegter Unsinn, wenn die „Wiener Neuesten Nachrichten“ aus dem Handbuch der Judenfrage aibsohreiben, daß die „Weltzentrale des Ordens B. B. mit der New Yorker „Alliance Israelitique Universelle“ zusammenarbeitet, die vom jüdischen Hochgradfreimaurer des 33. Grades, dem französischen Minister Isaac Cremieux zu Ende des Vorigen Jahrhunderts gegründet wurde. Das ist arische Ignoranz. Die Alliance heißt nicht Israelitique, sondern Israelite; sie ist nicht in New York, sondern in Paris; ihr Gründer war nicht Isijac, sondern Albert Cremieux, und sie ist ein rein kultureller und philantropischer Verein. Ob Cremieux Freimaurer war, ist uns unbekannt, aber damit wäre nichts gesagt. Freimaurer waren Friedrich der Große, General Blücher, Kaiser Friedrich III., die deutschen Politiker Stein, Hardenberg, Fichte usw. Freimaurer ist Dr. Schacht, der Wirtschaftsdiktator Deutschlands, Mozart, Goethe, Lessing waren Freimaurer. Keinesfalls besteht bei uns Juden ein freimauerischer Einfluß in irgend einer Angelegenheit. Ira übrigen diene auch den „Wiener Neuesten Nachrichten“ zur Ergänzung ihrer Recherchen, daß der Orden Bnai B’rith auch in Deutschland von heute unangefochten in Tätigkeit ist. Die Alliance israelite ißt die im Hakenkreuz-Schrifttum aller Sprachen am meisten genannte jüdische Vereinigung. Sie kommt teils unter ihrem richtigen oder entstellten Namen, teils als „New-Yorker Kabal“ vor. Sie wurde im 19. Jahrhundert von Albert Cremieu:: infolge der Vorfälle in Damaskus gebildet, wo die Ritualmordlüge zu argen ^Exzeasen der mohammedamschen Polizeibehörden und des Pöbelß geführt hatte. Erst das energische Einschreiten Moses Montefiores und des österreichischen Konsuls erzwang ein geordnetes Rechts verfahren, daß fast sofort die völlige Schuldlosigkeit der verhafteten und gefolterten jüdischen Beschuldigten ergab. Die Alliance sollte nach dem Willen ihrer Gründer insbesondere das Judentum des Orients unter ihren Schutz nehmen, aber auch ihre geistige Fortbildung besorgen. Die Alliance wurde aber mit der Zeit eine vornehmlich französische Institution und es ißt bekannt, daß um das Jahr 1910 ein heftiger Kampf zwischen den deutschen Mitgliedern, der sogenannten Konferemzgemeinschaft und dem französischen Stamm verein ausbrach; die deutschen Vertreter schieden dann aus der Alliance aus. Seither hat diese Vereinigung sich nur mehr auf Gründung von Schulen in Nordafrika und phiiiantropiscihe Akte für arme Studenten und Waisenkinder beschränkt. Ein deutscher Beobachter müßte, wenn er die Entstebungsursachen bedenkt, sofort an den Alldeutschen Verband denken, der freilich ein eminent politisches Werkzeug des deutschen Imperialismus war und alle Ausländsdeutschen na-tdonalpolitisch zu erfassen suchte. Aber was bei den Deutschen Selbstverständlichkeit bedeutet, wird zum Gegenstand lügnerischer Denunziation, wenn es eich um Juden handelt. Der neudeutsohe Chauvinismus, der mit seinen Geheimverbänden in Österreich, in der Tschechoslowakei, in Rumänien, in Jugoslawien, im Elsaß und in Belgien arbeitet und eotgar ein Syßtem des Tamens ausgeklügelt hat, Das Exekutivkomitee des jüdischen Weltkongresses ersucht uns um Aufnahme der folgenden Antwort an die Gegner: Das Exekutivkomitee sieht sich gegenüber der Polemik gegen den Weltkongreß seitens verschiedener anti-nationaljüdischer Gruppen, besonders in Amerika, veranlaßt, mit aller Entschiedenheit die Insinuationen zurückzuweisen, als ob die Teilnahme am Jüdischen Weltkongreß auch nur im leisesten Widerspruch sitehen könnte zu den selbstverständlichen Pflichten der Juden als Bürger ihrer Länder. Unter böswilliger Mißdeutung und Verdrehung von Erklärungen auf den Genfer Weltkonferenzen wurde, besonders in Amerika, versucht, den Eindruck zu erwecken, als ob der Jüdische Weltkongreß eine Instanz schaffen soll, die irgendwie Einfluß nehmen würde auf die gesetzlichen Pflichteu der Juden gegenüber den Regierungen ihrer Länder. Insbesondere wird die Erklärung von Dr. G o 1 d m a n n auf der ersten Genfer Weltkohferenz bezüglich der „Souveränität“ des Weltkongresses in der absurdesten Weise als die Inanspruchnahme staatlicher Funktionen für den Weltkongreß mißdeutet, während diese Erklärung nichts anderes besagen wollte, als schreit über jüdische Geheimverbände! Haltet den Dieb! Es ist bewußte Vergiftung und sie übt ihre Wirkungen. Dies ist darum möglich, weil die breiten Massen ein sehr starkes Interesse für alles haben, was ihnen als geheim vorgeführt wird, und weil die VölkeT vom Judentum so gut wie gar nichts wissen. Wenn es sich um Azteken oder Patagonier handelt, so werden ganze Expeditionen ausgeschickt und zur Beurteilung ihrer Berichte setzt sich ein riesiger kritischer Apparat in Bewegung. Aber üiber das jüdische Volk, das seit langen Jahrhunderten hier lebt und in jedem Sinn in Europa bodenständig' ist, wird der haarsträubendste Unsinn geglaubt und verbreitet. Jedies Zitat aus der Bibel, die doch in Millionen Exemplaren verbreitet ist, aus dem Talmud, der in guten, sogar von „Ariern“ vorgenommerien Übersetzungen in jeder größeren Bibliothek eingesehen werden kann, — ist gefälscht, verzerrt, verlogen. Es haben große deutsche Gelehrte wie Noeldeke, Strack unter anderem* sich bemüht, im Interesse der Wahrheit zu wirken, aber sie dringen nicht durch und das -letzte Wort behält so ein Streicher, nach dem jeder Jude nichts tut als arische Mädchen zu . vergewaltigen. Er folgt da den Spüren Hitlers, der in „Mein Kampf“ alle Juden der: Rassenschändung anklagt und natürlich die berüchtigten „Protokolle“ als wahr .annimmt mit der Begründung, „weil sie von den Juden als falsch erklärt werden“. Wie schreien doch diese Leute, wenn von dem Potsdamer Kronrat, von den abgehackten Händen der Kinder in Belgien die. Rede ist! Wieviel Eide hat doch die nationalsozialistische Partei gegen die Boxheimer Dokumente geschworen, die nur ein schwacher Abklatsch dessen sind, was in Deutschland tatsächlich verbrochen wurde! daß der Weltkongreß sich das Programm seiner Arbeiten selbst bestimmen werde, gegenüber Forderungen nach einer sofortigen genauen Festlegung seiner Aufgaben, Mit diesen böswilligen Argumenten eines mißverstandenen Patriotismus hat man sei« nerzeit den Zionismus diffamiert und will man jetzt den Versuch des Zusammenschlusses der Juden der Welt zur elementaren Verteidigung ihrer Rechte diffamieren. Demgegenüber erklärt das Exekutivkomitee — und die Zustimmungserkläruiagien zum Gedanken des Jüdischen Weltkongresses durch führende nichtjüdische Staatsmänner (Barthou, Börenger, Godart, Beue§, Madariaga, Politis usw.) bestätigen es immer wieder —, daß der organisatorische Zusammenschluß der Juden der Welt und die Schaffung von Instanzen, die im Namen des Judentums den Kampf für seine elementaren Rechte als Bürger und als Volk führen sollen, nicht Im mindesten Widerspruch stehen und stehen können zu den selbstverständlichen Gefühlen und Pflichten der Juden als loyale Bürger ihrer Länder. Es bedeutet einen Rückfall in die schlimmste assimilatorische; Ideologie Der Weltkongreß